No risk, no fun

Es gab schon mal langweiligere Ferien vom Fußball als dieses Jahr. Zumindest ist die pflichtspielfreie Zeit bisher recht unterhaltsam. Der chronische Peter Neururer beispielsweise scheint dermaßen darüber verzweifelt, bei keinem Bundesligaklub ein Plätzchen als Trainer zu finden, dass er in seiner Not schon präkambrische Dopinggeschichten auftischt und sich dafür sogar vom ansonsten eher bedächtigen kicker verhöhnen lassen muss: „Mit Neururers ‚Enthüllungen’ von anno dazumal wird nur ein ‚Fußball-Sommerloch’ gefüllt.“ Auch nicht übel: Lothar Matthäus’ Rausschmiss bei Red Bull Salzburg, und das kurz nach der Meisterschaft. An mangelndem Selbstbewusstsein litt der deutsche Rekordnationalspieler noch nie („Ein Lothar Matthäus lässt sich nicht von seinem Körper besiegen, ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über sein Schicksal“), und so versuchte er’s mal gegen seinen Chef, der ihn früher trainiert hatte. Aber Giovanni Trapattoni verwies ihn recht deutlich auf die Plätze; Matthäus musste gehen. Was die Verantwortlichen für die tschechische Eliteauswahl jetzt reitet, den Frankenbomber auf den Zettel zu schreiben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Und schließlich wird vermeldet, Werder Bremen sei der beliebteste Verein der Bundesliga. „Hochgerechnet auf die Gesambevölkerung Deutschlands mögen 27,51 Millionen die Bremer“, berichtet die Welt. Da werden die Sozis aber blass: Die SPD mochten bei der letzten Bundestagswahl, ebenfalls hochgerechnet, nämlich nur 20,84 Millionen. Aber es kommt noch besser: „Außerdem ist Werder in Berlin sogar“ – wieso „sogar“? – „sympathischer als die heimische Hertha und hat die Zahl seiner bundesweiten Anhänger in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht.“ Das hat nicht mal Dieter Bohlen geschafft.

Bliebe das Dauerthema, die Bayern. Die sind in der Beliebtheitsumfrage auf Platz drei gelandet, hinter Schalke. Aber dafür zum besten und bekanntesten Klub gewählt worden. Und darauf kommt es ja an, denn als Meister der Herzen geht man nicht mal in einen Briefkopf ein. Um die Ehrfurcht trotz einer desaströsen Saison noch ein bisschen nachhaltiger werden zu lassen, haben die Münchner nun respektabel eingekauft, sich alleine schon durch die Präsentation der teuren Neuen wieder in die Medien katapultiert und für reichlich internationalen Vorabglanz in der bescheidenen Hütte gesorgt: Luca Toni, Weltmeister! Franck Ribéry, Vizeweltmeister! Und dann noch vielseitige und -versprechende Kräfte wie Jansen, Sosa oder Schlaudraff. Nicht zu vergessen Zé Roberto, dessen Wiederverpflichtung der späten Einsicht folgte, ihn vor einem Jahr ohne Not ziehen lassen zu haben. Ob Miroslav Klose tatsächlich jetzt schon die Bremer verlässt, weil er dort im Moment der Unbeliebteste unter den ganzen Beliebten ist, weiß man hingegen nicht. Um Roy Makaay wäre es jedenfalls in jeder Hinsicht jammerschade, und eigentlich ist es auch nicht recht einzusehen, weshalb ein eingespielter und jahrelang ausgesprochen zuverlässiger Torjäger wie er nun dem kriselnden Klose weichen sollte.

Wie auch immer: „Risiko total!“, schlagzeilte der kicker. „Ottmar Hitzfeld und der Trainerstab haben da eine komplexe und komplizierte Aufgabe zu schultern. Denn das Gerangel um die elf Positionen, um die sich jeweils mindestens zwei Bewerber mühen, wird heftig. Allerdings weiß Hitzfeld mit Stars umzugehen.“ In der FAZ hingegen hegte Christian Eichler Zweifel: „Wäre der FC Bayern ein Formel-1-Auto, er bekäme nun einen neuen Motor; aber auch Getriebe, Heckflügel und Bremsen müssten mal nachgesehen werden. Und der Fahrer? Ottmar Hitzfeld, der Rückkehrer aus dem Ruhestand, muss beweisen, dass von ihm noch Begeisterungsfähigkeit ausgeht.“ Und das Weblog Volk ohne Raumdeckung meinte gar: So wird das nüscht. So viele Tore können Ribéry, Toni und meinetwegen auch Klose und der Große Zé vorne gar nicht schießen und vorbereiten wie Van Buyten, Lucio und Kahn hinten kassieren. Trotz zweier ‚Weltstars’ sind die Schlüsselpositionen – Tor, Innenverteidiger, der Sechser – beim Rekordeinkaufsmeister nach wie vor unzureichend besetzt.“ Ganz vorne wiederum sei die personifizierte Harmlosigkeit namens Santa Cruz aus unerfindlichen Gründen immer noch nicht aus dem Rennen: „Irgend jemand muss [Bayern-Manager] Hoeneß mal reinen Wein einschenken: Es gibt keine Stürmer in Paraguay. Noch nie hat es welche gegeben. Dieses Land ist das Waldhof Mannheim des Weltfußballs und bekannt für seine 10-Vorstopper-Taktik. Auch Valdez und ‚der Roque’ sind zweitklassige Vorstopper, die deshalb Stürmer spielen müssen.“

Möglicherweise kommt aber auch alles ganz anders und ein Minderjähriger groß raus, Toni Kroos (17) nämlich. „Auf der Suche nach einem Spielmacher sollte sich der FC Bayern vielleicht mal im eigenen Fußball-Internat umsehen“, urteilte jedenfalls Markus Lotter in der Welt. Und der hat als ehemaliger Bundesligaprofi des FC St. Pauli einen doch sehr geschulten Blick auf die Dinge. Also befand er: „Vielleicht ist Kroos, nein, hoffentlich ist Kroos der Grund für Bayern Münchens schwindendes Interesse an der Verpflichtung eines externen Spielmachers. Kroos hat alles: die Technik, die Übersicht, den klaren Kopf. Er ist halt noch ein bisschen jung – aber das waren Manchester Uniteds Wayne Rooney und Barcelonas Lionel Messi auch, als sie im Seniorenbereich debütierten.“ Bereits am Sonntag will Kroos den FC Bayern übrigens in Leverkusen zur Meisterschaft schießen – genauer gesagt dessen ältestes Juniorenteam, die U19. Und wenn er in der kommenden Spielzeit bei den Profis tatsächlich groß rauskommen sollte, hätte vor allem die Boulevardpresse eine sich geradezu aufdrängende Schlagzeile: „Toni & Toni“. Wenn das mal nichts ist.

Hattip: Laughing Ball

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