Wahrheit ohne Mühe

Im Grunde genommen haben die Deutschen nur deshalb Juden umgebracht, weil sie als Kinder drei Mal hochgeworfen und nur zwei Mal wieder aufgefangen wurden, lautet Dani Levys wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler. Damit sind sie also Opfer einer verfehlten Pädagogik und darin den Juden gleich. Da ist es nur konsequent, wenn der Regisseur seinem jüdischen Protagonisten gleich denselben Vornamen verpasst wie dem Führer und ihm dazu einen jüdischen Familiennamen gibt, um mit diesem Schenkelklopfer das Publikum zum Toben zu bringen.

„Adolf Grünbaum“ – was für ein Kalauer, was für eine Witzfigur. Aber das ist nicht alles: „Niemand fragte bisher, ob ‚Adolf Grünbaum’ wirklich nur ein erfundener Name ist“, stellt Clemens Heni in einem weiteren Gastbeitrag für Lizas Welt fest – und präsentiert das bemerkenswerte Ergebnis seiner Recherche.

Clemens Heni

Adolf Grünbaum, oder: Wie der neue Hitler-Film das Leben eines Juden, der als Soldat gegen Nazi-Deutschland kämpfte, derealisiert

In dem Film Der große Diktator aus dem Jahr 1940 versuchte Charlie Chaplin, die Nazis mit den Mitteln der Satire zu bekämpfen. Goebbels beispielsweise hieß „Garbitsch“, in Anlehnung an das englische garbage, also Müll, Abschaum. Im neuesten deutschen Hitler-Film Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler von Dani Levy jedoch behalten alle Nazi-Größen ihre echten Namen: Goebbels, Himmler, Eva Braun und natürlich Adolf Hitler selbst. Nur der zweite Protagonist und dessen Frau bekommen – scheinbar – fiktive Namen: „Adolf Grünbaum“ und „Elsa Grünbaum“. Die absurden antipädagogischen Implikationen dieses Films wurden bereits einer Kritik unterzogen. Doch niemand fragte bisher, ob „Adolf Grünbaum“ wirklich nur ein erfundener Name ist. In Levys Film verschont dieser von Ulrich Mühe gespielte „Grünbaum“ Hitler, ja, er hat Mitleid mit dem armen deutschen Badewannenplanscher, dem es als Kind so dreckig gegangen sei. „Grünbaum“ hingegen wird erschossen. Vor diesem Hintergrund ist eine E-Mail sehr aufschlussreich, die mich gestern erreichte:*

I wish I could find out from the producer why he chose my particular name for the pedagogue, but I assume that I would not receive an answer from him if I wrote him. […] Let me mention that I was born in Koeln/Rhein in 1923 and lived there until my family and I emigrated to the USA in February 1938. I studied philosophy, physics (Master of Science degree, Yale University, 1948, and Ph. D. in Philosophy, also at Yale, 1950/1951, with a doctoral dissertation in the Philosophy of Science). During World War II, I served in US Army Military Intelligence and went into Berlin with the advance party of the US Army, being stationed there in the Wannseehaus, where the then suburban Gestapo Headquarters was the site, as you probably know, of the 1942 planning session of the ‚Final Solution’.

Since 1960, I have held a Chair as Professor of the Philosophy of Science at the University of Pittsburgh. I have written books in the philosophy of space-time, and two books very critical of Freudian psychoanalysis (Reclam published a German translation of one of them: Die Grundlagen der Psychoanalyse: Eine philosophische Kritik, about 1988). At present (2006/2007), I am the President of the International Union of History and Philosophy of Science. Perhaps I should mention that my website is http://www.pitt.edu/~grunbaum/

Warm best wishes and many thanks,
Adolf Grünbaum

In Wirklichkeit ist Adolf Grünbaum (Foto) also ein 1923 geborener Jude aus Köln, der 1938 gerade noch mit seiner Familie in die USA emigrieren konnte, mit der US-Army im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte, im Wannseehaus in Berlin Station machen musste, Physik und Philosophie studierte und heute einer der weltweit bekanntesten Philosophen des Logischen Empirismus, des ehemaligen Wiener Kreises, ist. Absurder, deutscher und grotesker als Dani Levys Mein Führer könnte ein Film also kaum konzipiert sein. Eine halbe Sekunde dauert es, um mit Google festzustellen, dass es einen Menschen namens Adolf Grünbaum tatsächlich gibt. Man kann wohl davon ausgehen, dass Levy das gar nicht erst versucht hat. Und wenn doch, umso schlimmer: Denn dann hätte er sich mit voller Absicht über das Leben eines realen Juden hinweggesetzt, ihn lächerlich gemacht und am Ende ermorden lassen. Martin Walser und sein Tod eines Kritikers lassen grüßen.

Doch gehen wir davon aus, dass dieser Regisseur Google nicht zu Rate gezogen, sondern den Namen einfach erfunden hat. Dann bleibt ihm nun eigentlich nur eine Möglichkeit: Er muss seinen Film Mein Führer zurückziehen und sich für die infame Derealisierung der Geschichte des realen Prof. Dr. Adolf Grünbaum bei diesem entschuldigen. Grünbaum hat während des Nationalsozialismus – exakt zu der Zeit, in der der Film spielt, Ende 1944 nämlich – in der US-Army als jüdischer Soldat und Verhörer gekämpft. Dani Levy jedoch, der bestenfalls ignorant zu nennende Regisseur eines dem absurden Theater ganz neue Dimensionen verleihenden Films, lässt einen Juden sterben, der in Wirklichkeit lebendig ist.

Levy und seine Crew – namentlich Ulrich Mühe (Foto), der DDR-Schauspieler – benutzen also, wissend oder nicht, den Namen eines zudem sehr bekannten Professors für Philosophie, um ihre absurde antipädagogische Theorie zu verbreiten. „Adolf Grünbaum“ muss dafür herhalten, das deutsche Bedürfnis einer Exkulpation Hitlers zu befriedigen. So, wie die Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 daran arbeitet, die realen Verbrechen im NS-Staat zu bagatellisieren, zu beschweigen oder durch Vergleiche zu historisieren, so schafft es dieser Film, den Reflex eines sekundären Antisemitismus infolge der Erinnerungsabwehr zu bedienen. Und mehr noch: Er beansprucht den Namen eines in Zeiten schier unbegrenzter Recherchemöglichkeiten rasch im Internet aufzufindenden Mannes nicht etwa, um die wahre Geschichte eines 1923 in Köln geboren Juden zu erzählen, der „sein Land“ 1945 von sich selbst befreien musste; nein: Diese Geschichte wird einfach weggewischt, als ob Adolf Grünbaum in Wahrheit gar nicht lebte als der, der er ist.

Wie muss es auf Adolf Grünbaum in Pittsburgh wirken, wenn selbst in der New York Times ein Beitrag zu diesem neuesten Hitler-Film veröffentlicht wird und er seinen Namen dort gleich mehrfach lesen muss? Was sagt wohl die Universität Konstanz, die Adolf Grünbaum vor wenigen Jahren die Ehrendoktorwürde verliehen hat, wenn sie sieht, wie dieser große Name durch eine deutsche „Komödie“ in den Schmutz gezogen wird? Wieso ist den Feuilletonisten und Kommentatoren nicht aufgefallen, dass Levy im Gegensatz zu Chaplin – der zudem, wie man weiß, seinen Großen Diktator nach Auschwitz nicht mehr so gedreht hätte – die Namen der Hauptfiguren gerade nicht verfremdet, sondern sie vielmehr beibehält, bis auf diesen abstrusen „Adolf Grünbaum“ eben? Ohne die Assoziationsbrillanz der Publizistin Gudrun Eussner wäre ich nicht auf Adolf Grünbaum gestoßen. Nun aber ist sein Name klar und deutlich dechiffriert.

Es ist jetzt an Dani Levy, seinen Film Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler abzusetzen, sich zu entschuldigen und sich bei kommenden Filmen – man möge uns jedoch vor solchen bewahren – zumindest Google zu bemühen, bevor er eine wahre Geschichte wie diese, die eines Kölner Juden bei der US-Army, ein weiteres Mal derealisiert.

* Übersetzung: „Ich wünschte, ich könnte vom Produzenten erfahren, warum er ausgerechnet meinen Namen für den Pädagogen verwendet hat, aber ich nehme an, ich würde keine Antwort von ihm bekommen, wenn ich ihm schreiben würde. […] Lassen Sie mich erwähnen, dass ich 1923 in Köln/Rhein geboren wurde und dort lebte, bis meine Familie und ich im Februar 1938 in die USA emigrierten. Ich studierte Philosophie, Physik (mit dem Abschluss des Master of Science an der Yale University, 1948, und dem Doktortitel in Philosophie, ebenfalls in Yale, 1950/1951, mit einer Dissertation in Wissenschaftstheorie). Während des Zweiten Weltkriegs diente ich beim Nachrichtendienst der US-Army und kam mit der Vorhut der US-Army nach Berlin, wo ich im Wannseehaus stationiert war, dem damaligen vorörtlichen Hauptquartier der Gestapo, das 1942 Schauplatz der Planung der ‚Endlösung’ war, wie Sie wahrscheinlich wissen. Seit 1960 habe ich einen Lehrstuhl als Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Pittsburgh. Ich habe Bücher über die Philosophie der Raum-Zeit-Lehre und zwei sehr kritische Bücher zur Freudschen Psychoanalyse geschrieben (Reclam veröffentlichte von einem eine deutsche Übersetzung: Die Grundlagen der Psychoanalyse: Eine philosophische Kritik, ungefähr 1988). Zurzeit (2006/2007) bin ich der Präsident der Internationalen Vereinigung für Geschichte und Wissenschaftstheorie. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass meine Website diese ist: http://www.pitt.edu/~grunbaum/ Herzliche und beste Wünsche und vielen Dank, Adolf Grünbaum“

Eine englischsprachige Version dieses Beitrags und weitere Anmerkungen finden sich auf dem Weblog Roncesvalles.

Update 18. Januar 2007

X-Filme-Produzent Stefan Arndt konnte, vom Kölner Stadt-Anzeiger auf den in Pittsburgh lebenden 83-jährigen Philosophie-Professor Adolf Grünbaum angesprochen, partout nicht verstehen, warum dieser ein Problem damit hat, dass sein Name in Dani Levys miserablem Film lächerlich gemacht und seine Geschichte entwirklicht wird: „Da müssten wir uns ja bei allen Lieschen Müllers entschuldigen, die in Filmen vorkommen.“ Sprach’s, will dem alten Mann generös eine Kopie des Films schicken und es dabei bewenden lassen. So einfach ist das im wiedergutgemachten, postnazistischen Deutschland: Die Namen der Ermordeten und Überlebenden der Shoa sind Schall und Rauch, beliebig, austauschbar; sie sind vergessen. Ziffern sind und haben Juden hierzulande nicht mehr, aber das heißt noch lange nicht, dass man ihre Namen nicht ungefragt für Führer-Filme verwenden und ihre Träger nicht verhöhnen darf. Und wie Clemens Heni herausfand, ist nicht nur Adolf Grünbaum aus Pittsburgh von Levys grenzenloser Ignoranz betroffen:

„Wenigstens vier Männer mit dem Namen Adolf Grünbaum wurden nach den Akten von Yad Vashem, der Holocaustgedenkstätte in Jerusalem, von den Deutschen im Holocaust ermordet. Deren Namen und Geschichte werden von Dani Levy in diesem absurden Theater – genannt ‚neuer Hitler Film’ – weggewischt, derealisiert. Erinnerung an ihre Namen wird zur Lachnummer. Es ist ein Schlag ins Gesicht der Toten. Weder den lebenden Adolf Grünbaum, den die Filmemacher und Schauspieler locker hätten über Google in Sekundenbruchteilen ausfindig machen können, noch die Website von Yad Vashem haben sie besucht. Sie tun also gerade so, als ob ein Film keinerlei Recherchen nötig habe. Und damit leisten sie der Derealisierung enormen Vorschub.“

Das Weblog Roncesvalles hielt dazu fest: „Die Nazis taten alles, was sie konnten, um die Juden ihrer Identität zu berauben. Sie gaben ihnen Nummern, sie rasierten ihre Köpfe, sie verbrannten sie oder begruben sie in Massengräbern. Doch jede Person hat einen Namen, ein Leben, eine Geschichte und einen Platz in der Welt.“ Und es sind so viele Juden im Holocaust ermordet worden, dass es nahezu unmöglich ist, einen jüdisch klingenden Namen zu finden, der nicht auch von einem Opfer oder Überlebenden getragen wurde. Alleine das hätte den Film unmöglich machen müssen. Doch Dani Levy wollte den Streifen über Hitler um jeden Preis so, wie er ist. Herausgekommen ist, wie die Publizistin Gudrun Eussner konstatierte, ein „Adolf für jeden, vom Gröfaz aus Braunau bis zu den Opfern in Auschwitz“. Und dafür sind Levy seine deutschen Zuschauer zutiefst dankbar, „die ‚Mein Führer, heil, mein Führer!’ rufen dürfen und dafür nicht von der Polizei abgeführt werden, sondern von den anderen Zuschauern ein befreites Lachen ernten, kurz für alle, nur nicht für die Juden“, resümierte Eussner treffend.

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