Romigs Furor

Am vergangenen Mittwoch warnte die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) vor einer „widerlichen bräunlichen EU-Internationale“ und machte mit einer Presseaussendung aufmerksam auf den „Zusammenschluss extrem rechter EU-Abgeordneter zu einer eigenen Parlamentsfraktion, unter Teilnahme der FPÖ“ (Freiheitliche Partei Österreichs), der ein Nachdenken darüber erfordere, „ob sich eine österreichische Partei, die sich mit Herrn LePen, Frau Mussolini und osteuropäischen deklarierten Antisemiten verbindet, noch innerhalb des ‚Verfassungsbogens’ bewegt.“ Wie berechtigt das Anliegen der IKG ist, zeigte unlängst einmal mehr ein antisemitischer Beitrag in der Wiener Wochenzeitung Zur Zeit, die von einem EU-Abgeordneten der FPÖ herausgegeben wird. Karl Pfeifer hat ihn analysiert und erläutert zudem, warum Theodor Mommsens Diktum über den Antisemitismus immer noch aktuell ist.

Karl Pfeifer

Antisemitisches Elaborat in der Zur Zeit-Weihnachtsausgabe

Oft genug hören wir von rechten Politikern, in Österreich sei alles paletti, wo doch der Antisemitismus durch Gesetz verboten sei. Leichtgläubige lassen sich vielleicht manchmal von solch substanzlosem Geschwätz beeindrucken. Der EU-Abgeordnete der FPÖ Andreas Mölzer (Foto oben) ist Herausgeber und Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Zur Zeit, in der antisemitische Texte von deklarierten und nicht deklarierten Antisemiten gelegentlich zu finden sind. Antisemitismus wird – schon weil es anscheinend zum österreichischen Konsensus gehört – in der Regel nicht bestraft und im Fall der Wiener Wochenzeitung Zur Zeit sogar mit beträchtlichen Subventionen des „ersten Opfers des Nationalsozialismus“ belohnt. Kürzlich hat Friedrich Romig, vielleicht der radikalste Rechtsextremist unter den Katholiken und der katholischste unter den Rechtsextremisten, wieder einmal einen explizit antisemitischen Artikel in diesem Blatt publiziert. Das Pamphlet nennt sich „Der wahre Sinn der Geschichte“ und ist am 22. Dezember 2006 erschienen.

Romigs Behauptung „Zumindest seit zweitausend Jahren bestimmt die Judenfrage den Verlauf der Geschichte“ wird jeder seriöse Historiker als ein manisch-wahnwitziges Hirngespinst qualifizieren. Jüdinnen und Juden waren bis zur Emanzipation nach der Französischen Revolution – leidende – Objekte der Geschichte. Dennoch zitiert Friedrich Romig Weihbischof Andreas Laun, nach dem „christlicher Antijudaismus und rassistischer Antisemitismus […] von der Idee her durch nichts miteinander verbunden“ seien. Wenn er das so gesagt hat, dann hat er wenig Ahnung von der Geschichte. Raul Hilberg hat in seinem Buch Die Vernichtung der europäischen Juden eine zweiseitige Gegenüberstellung der kanonischen und nazistischen antijüdischen Maßnahmen veröffentlicht; hier lediglich drei Beispiele:

Damit soll kein Gleichheitszeichen zwischen Nationalsozialismus und katholischer Kirche gesetzt werden. Nur wird die Behauptung, der christliche Antisemitismus habe keine rassistische Komponente gehabt, von Hilberg und anderen Wissenschaftlern ad absurdum geführt.

„Judaisierung oder Zionisierung haben die ganze Welt ergriffen“

Romig sieht die Geschichte als Ergebnis des biblischen Sündenfalls, „als Kampf […] zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis“. Die Juden repräsentieren für ihn natürlich die Finsternis. Sein Antisemitismus steht voll in der Tradition des politischen Katholizismus der Ersten Republik. Das vom Romig aufgebaute „Modell“ eines historisch konstanten Konfliktes zwischen „Christentum“ und „Judentum“ gibt sich mit dem Gebrauch von Fußnoten den Anschein, etwas mit Wissenschaft zu tun zu haben. Doch seine „dualistische“ Grundstruktur hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Gerade in der „Einfachheit“ dieses Modells liegt sein unwissenschaftlicher Charakter, da es die Komplexität historischer gesellschaftlicher Konflikte nicht abzubilden imstande ist und Romig notgedrungen mit verschwommenen Begriffen arbeiten muss, um die differenzierte historische Realität in die beiden „Schubladen“ pressen zu können.

Er behauptet: „Im 20. Jahrhundert verbindet sich der Judaismus mit dem Zionismus“. Dies stützt er auf Theodor Herzls Judenstaat. Dass der Zionismus bis zum Holocaust unter den Jüdinnen und Juden lediglich eine Minderheit erreicht hatte, stört ihn nicht. „Nach der Niederlage Deutschlands kam es zur Gründung des Staates Israel und zur engen Verbindung von Israel und den USA.“ Ein kühner Kurzschluss, der vergessen macht, dass diese enge Verbindung erst nach 1967 entstand. Aber es kommt noch toller: Die USA seien zum „Zentrum des Zionismus“ geworden; dabei stützt sich Romig auf das vom linken Wiener Promedia Verlag herausgegebene Machwerk Blumen aus Galiläa des schwedisch-russischen christlichen Antisemiten und Rechtsextremisten Adam Ermash, früher Jöran Jermas, der seine Produkte unter dem Namen Israel Shamir vertreibt. Romig zitiert zustimmend Shamir: „Das Judentum hat das Gehirn Amerikas übernommen“ und „Die USA ist Schwesternstaat Israels geworden.“ Laut der paranoiden Vorstellung Romigs „hat der Prozess der Judaisierung oder Zionisierung die ganze Welt ergriffen“.

Dann folgt ein Rundumschlag gegen die Aufklärung, den Liberalismus, die Demokratie und anschließend die Behauptung: „Die Aufklärung ist die Philosophie des Antichrist. Insofern die Aufklärung antichristlich ist, macht sie mit dem zionistischen Judaismus gemeinsame Sache.“ Papst Benedikt XVI. ist da anderer Meinung; er sagte in seiner Ansprache an die Mitglieder der römischen Kurie am 22. Dezember 2006: „Die muslimische Welt befindet sich heute mit großer Dringlichkeit vor einer ähnlichen Aufgabe, wie sie sich den Christen in der Zeit der Aufklärung (im 18. Jahrhundert) stellte und auf die das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) als Frucht einer langen, mühsamen Suche konkrete Lösungen für die katholische Kirche gefunden hat.“ (FAZ vom 3. Januar 2007, Seite 8)

Vielen Juden bestätigt Romig „vielfach überlegene Intelligenz“ und „Zusammenhalt“, um sich dann auf Werner Sombart, einen zum Nationalsozialismus bekehrten deutschen Wissenschaftler, zu berufen: „Soweit Juden an Umstürzen, Revolutionen, Bürgerkriegen, Subversionen, Schaffung von Instabilität, ‚creative destruction’ etc. beteiligt waren und noch sind, erfüllen sie ihre Sendung als das von Jahwe ‚auserwählte Volk’.“

„Judaisierung auch unter den Taufschein-Christen“

Romig greift sodann auch diesen Gott an, denn er „ist kein dreifaltiger Gott“ und wird mitverantwortlich gemacht für alle Missstände der Welt: „Globalisierung, europäische ‚Unionisierung’, Natoisierung, Schaffung ‚gemeinsamer Märkte’ sind alles Teile des Prozesses der ‚Judaisierung’, ‚Zionisierung’ oder ‚Israelisierung’ der Welt“. Wir dachten, dass Jean Monet und Konrad Adenauer gläubige Katholiken waren, und jetzt erfahren wir von Romig implizit, dass diese nur an der „Judaisierung“ und „Zionisierung“ interessiert waren. Es ist Wahnsinn, aber mit Methode. Dabei beruft er sich auf den 1925 getätigten Spruch eines Papstes und auf den Liebling aller „Antizionisten“, Noam Chomsky. Im Gegensatz dazu werden von Romig der „jüdische Antichrist Daniel Goldhagen“ und seine Forderung, alle antisemitischen Stellen aus der Liturgie zu entfernen, angeprangert. „Die weitgehende Akzeptanz dieser Forderungen im Umkreis der ‚politisch Korrekten’ lässt erkennen, wie weit der geistige Prozess der Judaisierung auch unter den Taufschein-Christen bereits fortgeschritten ist.“

Es kommen aber noch mehr Überraschungen: „Vom Prozess der Judaisierung war und ist das deutsche Volk, einst Träger des Heiligen Reiches, besonders betroffen.“ Dann schiebt Romig noch „Luthers Protestantismus“ den Jüdinnen und Juden in die Schuhe. Doch es kommt noch schräger: „In der und im Gefolge der Französischen Revolution siegt der bürgerlich-demokratische Antichrist und bringt jene Terrorregime hervor, die das 20. Jahrhundert zum ‚Jewish Century’ gemacht haben: Kommunismus, Nationalsozialismus, zionistischer Amerikanismus.“ Sogar am Nationalsozialismus sollen die Jüdinnen und Juden schuld sein. Romig schreckt auch nicht davor zurück, Versatzstücke der (neo)nationalsozialistischen Propaganda zu benützen: „Nach dem 2. Weltkrieg wurde den Deutschen im Wege der Umerziehung ‚eine neue Seele eingeimpft’“ und diese vollgestopft mit den „‚Ausgeburten der jüdischen Ideologie’.“ Wenn der Nationalsozialismus wirklich eine jüdische Ideologie gewesen wäre, wie das Romig ein paar Sätze zuvor unterstellte, dann hätte es doch für „die Juden“ wenig Sinn gehabt, bei der Umerziehung mitzumachen. Logisches Denken darf man von Romig jedoch kaum erwarten. In Wirklichkeit wirft er ja den Alliierten vor, Deutschland und Österreich von der nationalsozialistischen Herrschaft befreit zu haben.

Durch die Umerziehung, so Romig, der damit schamlos in die unterste Schublade der Neonazipropaganda greift, „wurde das Kriegsziel erreicht: ‚Germany must perish’ (N. Kaufmann), die Deutschen verloren weitestgehend ihre Identität.“ In der Fußnote dazu bemerkt er: „Th. N. Kaufmann [sic!]: Germany Must Perish, Newark 1941. Kaufmann empfiehlt die Sterilisation aller Deutschen um zu verhindern, dass sie weiter ‚kriegslustige’ [sic!] (‚warlust’) Nachkommen zeugen können. […] Sein Wunsch scheint jetzt auch ohne Sterilisation erfüllt zu werden.“ Theodor N. Kaufman hat tatsächlich ein solches Büchlein selbst verlegt und vertrieben. Der nationalsozialistischen Propaganda – als deren frömmelnder Nachbeter sich Romig erweist – war die Geschichte hochwillkommen; sie wurde im Völkischen Beobachter vom 24. Juli 1941 in großer Aufmachung zu einem „ungeheuerlichen jüdischen Vernichtungsprogramm“ stilisiert. (Eine ausführliche Auseinandersetzung damit findet sich in Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte, herausgegeben von Wolfgang Benz, dtv.)

„Heute beherrschen die Juden die Welt“

Weiterhin zitiert Romig zustimmend die Rede des damaligen malaysischen Ministerpräsidenten Mahatir aus dem Jahre 2003 – „Die Europäer haben sechs von zwölf Millionen Juden ermordet, doch heute beherrschen die Juden die Welt durch ihre Stellvertreter“ –, um dann zu behaupten: „Der Holocaust wurde zur neuen Weltreligion“. Romigs Artikel „Der Holocaust: Die neue Weltreligion“, der ursprünglich ebenfalls in Zur Zeit erschienen war, wurde auch vom Holocaustleugner und Neonazi Ernst Zündel auf seine Homepage gesetzt.

Wer Romigs Artikel liest, wird verstehen, wie aktuell Theodor Mommsen immer noch ist, der vor langer Zeit sagte: „Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, dass man da mit Vernunft überhaupt etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Aber es nützt nichts. Es ist alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Hass und den eigenen Neid, auf die schädlichen Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub.“ Hartgesottene Antisemiten kann man tatsächlich nicht mit vernünftigen, logischen und sittlichen Argumente erreichen. Es gibt jedoch viele, bei denen der Antisemitismus nicht so tief verwurzelt ist, und deswegen darf man nicht den Versuch aufgeben, diese über den Antisemitismus aufzuklären.

Friedrich Romig erhielt für seine Habilitationsschrift den Kardinal-Innitzer-Preis. Während der EU-Beirittskampagne 1992-1994 war er Europabeauftragter der Diözese St. Pölten und Mitglied der Europakommission der Österreichischen Bischofskonferenz; seit 1975 ist er Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich. Romig wirft seiner Kirche vor, den alten ausgelatschten Pfad des christlichen Antisemitismus verlassen zu haben. Es ist nicht meine Sache, den Streit zwischen ihm und seiner Kirche zu kommentieren. Deswegen gehe ich auf die vielen theologischen Spitzfindigkeiten und auf die (aus dem Kontext gerissenen?) Zitate hoher kirchlicher Würdenträger gar nicht ein.

Es sollte eigentlich Sache der Würdenträger der katholischen Kirche sein, auf die Angriffe des ehemaligen Mitglieds der Europakommission der Österreichischen Bischofskonferenz zu antworten: wenn sie es ernst meinen – was zu hoffen ist – mit den Erklärungen gegen Antisemitismus. Andernfalls könnte ja die Kirche beschuldigt werden, sich wie eine rechte politische Partei zu verhalten, die nichts unternimmt gegen ihren antisemitischen Rand, um ja keine Wähler – in diesem Fall Kirchenbeitragszahler – zu verlieren.

Zum unteren Bild: Christlicher Antijudaismus, hier: der „jüdische Wucherer“. Ein Bauer bittet einen jüdischen Geldverleiher, der am Rechenbrett sitzt, um einen Kredit gegen Pfand oder Bürgschaft (Holzschnitt, 1531)

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