Wahnsinnspresse

Als Martin Hohmann in einer Rede zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2003 rhetorisch fragte, ob es „auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte“ gebe, anschließend mit Henry Ford laut darüber nachdachte, ob der „Weltbolschewismus“ ohne Juden überhaupt hätte existieren können, und forderte, die (lächerlich geringen) Zahlungen an die überlebenden Zwangsarbeiter des NS-Regimes und an die jüdischen Opfer der Shoa „der gesunkenen Leistungsfähigkeit des deutschen Staates anzupassen“ – also am liebsten ganz einzustellen –, geriet das mit einiger Verzögerung noch zum Skandal. Zum Ende des soeben verflossenen Jahres hat nun Der Spiegel mit der Titelstory „Gott kam aus Ägypten“ seinen Lesern ein „antisemitisches Weihnachtsgeschenk“ beschert, wie Hannes Stein treffend bemerkte, und den „offenen, verleumderischen Antisemitismus“ ins Blatt gehoben, wie Welt-Kommentator Alan Posener prägnant konstatierte, der nicht zuletzt in Erinnerung an die Hohmann-Affäre zudem schrieb: „Hätte ein CDU-Abgeordneter eine vergleichbare Rede gehalten, die halbe Republik, allen voran die linksliberale Presse, hätte seinen Kopf gefordert. Wohlan, Freunde. Oder habt Ihr Angst? Oder findet ihr das am Ende nicht so schlimm?“ Nun, zumindest hält sich der Protest gegen die antijüdischen Fantastereien des Wochenmagazins bislang in engen Grenzen – und da wird man schon fragen dürfen, ob das verbreitete Schweigen ein beredtes ist, das wie so oft allgemeine Zustimmung anzeigt.

Falls ja, wartet schon der nächste Auftrag für eifrige Redakteure, die Geschichte der Menschheit einer gründlichen Revision zu unterziehen: Hitler sei in Wahrheit ein selbsthassender Jude gewesen, der sich mit der Sowjetunion und Großbritannien verschworen habe, um einen jüdischen Staat zu gründen, sagte nämlich Mohammad-Ali Ramin, ein hochrangiger Berater des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedjad, in einem Interview mit MEMRI. Das ist absurd? Natürlich ist es das. Aber ist etwa die Ansicht diskutabler, die rachsüchtigen Juden hätten den Monotheismus in die Welt gesetzt und damit die Massaker an Ungläubigen erfunden, wie der Spiegel meint?

Und damit nicht genug des medialen Wahnsinns, denn einen echten Knaller hatte kurz vor Silvester auch die Zeitung für Deutschland zu bieten, als sie eine Erfolgsmeldung aus dem Land der Mullahs druckte. „Keine Risse mehr in Teherans Straßen“, freute sich ihr Korrespondent Rainer Hermann gemeinsam mit denjenigen Iranern, die von der Tatkraft ihres Präsidenten – der zu seiner Zeit als Bürgermeister bereits „die offenen Abwasserkanäle schloss“ – ähnlich angetan sind wie er selbst. „An Ahmadinedjad ist doch nicht alles schlecht“, bringt Gregor Hecker die Logik dieses FAZ-Artikels in einem Gastbeitrag für Lizas Welt auf den Punkt, denn „immerhin hat er ja die Autobahn gebaut“. Und alles Weitere kann man dann doch ganz pragmatisch angehen, zumal dann, wenn’s zusätzlich der deutschen Exportwirtschaft dient. Denn Kraftfahrzeuge fahren schließlich auch in einer World without Zionism. Wo doch deren Straßen nun keine Risse mehr haben. Wer will da schon über die Vernichtungsdrohungen gegen Israel reden?

Gregor Hecker

An Ahmadinedjad ist doch nicht alles schlecht…

… immerhin hat er ja die Autobahn gebaut, wie die FAZ in ihrer Ausgabe vom 30. Dezember letzten Jahres die aus Deutschland nach Iran zurückgekehrte 22-jährige Studentin Hoda Nadschafi vermelden lässt. „Oh, ich liebe Teheran, und ich liebe Iran.“ Europa hält sie zwar für „weit entwickelt“, aber „eben nur materiell“. Im Gegensatz zum Iran. Hier herrscht die „Einheit von Materie und Mystik“. Gleichheit zwischen den Menschen ist hier längst verwirklicht, wie der FAZ-Korrespondent Rainer Hermann „aus Iran“ vermeldet: „Die Menschen seien hier anders, niemand werde ausgegrenzt, beispielsweise an der Schule. […] Hier in ihrer Heimat, da fühle sie sich frei.“ Da stört auch die dunkle Maghnae nicht, der „Überwurf, der nur das Gesicht freilässt“. Denn ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein, das Ahmadinedjad den Iranern zurückgegeben habe, ist Hoda nach Iran aus Deutschland zurückgekehrt und hat ihren Mustafa geheiratet. Beide sind große Fans von Ahmadi. Holocaustleugnung und Israelhass interessieren sie dabei so wenig wie die Folter von Dissidenten. Denn sie bewundern den Stadtplaner, den Ordnungshüter, eben der, der die Autobahnen baut: „In Teheran zu leben heißt, einen Teil des Tages auf der Straße und im Stau zu verbringen. Teheraner messen daher ihre Bürgermeister auch daran, wie sie das schachbrettartige Netz von Stadtautobahnen in den Richtungen Nord-Süd und Ost-West erweitern.“ Aber Ahmadinedjad sei Dank „fließt der Verkehr“.

Dass die beiden Jungvermählten nun wegen hoher Mieten nicht mehr in Ahmadis Musterstadtteil wohnen dürfen – er wird wohl auch seinen Speer zur Seite gehabt haben –, stört sie nur peripher, solange der Präsident seine Versprechen in Sachen Autobahnen hält: „Stellen sie sich vor“, meint Mustafa voller Bewunderung, „Ahmadinedjad hatte im Wahlkampf doch versprochen, die Risse und Brüche in den abgefahrenen Straßen Teherans in nur 40 Tagen auszubessern – und natürlich hat er es geschafft“. In nur 40 Tagen! Und in drei Amtsjahren 400 Kilometer Straßen, sagt Hoda. Da würde Hitler neidisch erröten, dass er da so einen fleißigen Nacheiferer in Teheran sitzen hat. Nun fällt aber der schwärmerischen Hoda der Rainer Hermann ins Wort und bremst ihren Überschwang. Immerhin sieht Mustafa dies alles nicht so verklärt, so der FAZ-Korrespondent. Mustafa hat nämlich auch Kritik. Die Stadt ist zu groß, und es leben zu viele Menschen hier. Wahrhaftig beinahe ein Oppositioneller. Darum lässt ihn Herr Hermann auch ausgiebig zu Wort kommen: „1988, zum Ende des Krieges mit dem Irak, hatte sie erst 5 Millionen Einwohner, zehn Jahre später waren es 12 Millionen, heute sollen es 15 Millionen sein. Alle Kriege hätten neue Flüchtlinge in die Stadt gebracht, zuletzt die in Afghanistan und im Irak.“

Da spricht der Lokalsoziologe, und der deutsche Journalist hört aufmerksam zu. Auch dann noch, wenn sich Mustafa in seinem stadtplanerischen Größenwahn in rassistische Tiraden hineinsteigert: „Auf mehrere Millionen schätzt er allein die illegalen Migranten aus Afghanistan, die sich als Tagelöhner verdingen, die die Löhne drücken, dafür aber schlechte Arbeit leisten. Viele von ihnen lebten immer noch wie in den Dörfern und schmissen den Abfall einfach auf die Straße.“ Das kennt man auch aus dem materiellen Europa, wo die Materie und die Mystik nicht vereint sind, dass da die Ausländer in die Vorgärten scheißen, dabei auch noch Arbeitsplätze wegnehmen und überhaupt: die gute deutsche Wertarbeit… Aber dafür hat man ja den grünen Punkt und einen Führer. Ahmadi sei Dank werden nicht nur Autobahnen gebaut, sondern es wird auch Ordnung geschaffen: „Ahmadinedjad [ist] alle diese Probleme Teherans pragmatisch angegangen“, erklären die beiden Fans dem FAZ-Korrespondenten mit zuckendem Arm: „Nicht Ideologie nehmen sie an ihm wahr, sondern die Konzentration auf die Lösung konkreter Probleme. Das gefällt ihnen.“ Und nicht nur ihnen. Denn Rainer Hermanns Artikel ist nun vorbei. Wen interessiert die große Politik? Doch nicht die Männer aus dem Volk, die anpacken und aufbauen. Schließlich kennt das auch der deutsche Journalist von Autobahnbau, Zwangsarbeit und Wirtschaftswunder. Und schließlich muss man ja auch mal etwas Bewunderung darüber aussprechen, dass die Islamisten, obwohl sie keine guten Christenmenschen sind, trotzdem Ordnung schaffen, denn das können sie. Und jetzt sogar noch Autobahnen bauen. Da kann man doch von der „großen Politik“ (sprich: der Vernichtungsdrohung gegen Israel) auch mal „ganz pragmatisch“ absehen.

Hattip: barbarashm

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