Das Antlitz des Hugo C.

Am vergangenen Montag hätte Alexander Dubcek, wäre er noch am Leben, seinen 85. Geburtstag gefeiert. Mit seinem Namen verbindet man gewöhnlich neben dem Prager Frühling vor allem das Ziel eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Man kann wohl ausschließen, dass der venezolanische Staatspräsident Hugo Chávez sich je in irgendeiner Form auf den tschechoslowakischen Politiker bezogen hat, auch wenn er vermutlich ebenfalls den Lenz in sein Land einziehen sieht und seinen Antikapitalismus für human hält. Bolivarianische Revolution nennt er das in Anlehnung an sein großes Vorbild Simón Bolívar; Sozialismus mit antisemitischem Antlitz wäre allerdings wohl eine weitaus treffendere Bezeichnung für sein Treiben, das am kommenden Sonntag zur Wiederwahl steht. Mit der Hamas etwa versteht Chávez sich glänzend, und auch Mahmud Ahmadinedjad ist ihm ein guter Freund: „Israel verübt an den Libanesen dieselben Handlungen, wie sie Hitler an den Juden verübt hat – die Ermordung von Kindern und Hunderten unschuldigen Zivilisten“, betonte er Ende Juli seine Gemeinsamkeiten mit dem Oberhaupt der Islamischen Republik Iran. Und auch am Heiligen Abend des letzten Jahres hatte Chávez besinnliche Worte zu verkünden: „Die Welt gehört jedem einzelnen, aber es scheint so, als ob Minderheiten – die Nachkommen derer, die Christus ans Kreuz geschlagen haben – sich den ganzen Wohlstand der Welt genommen haben.“ Damit waren, versteht sich, nicht die Römer oder ihre italienischen Nachfahren gemeint, sondern die Juden, „die die Welt kontrollieren“.

Hugo Rafael Chávez Frías hat es rasch zur Ikone der Linken weltweit gebracht, zum Rächer der Enterbten, Geknechteten und Beleidigten, und das nicht trotz, sondern gerade wegen seiner größenwahnsinnigen, antiimperialistischen Weltsicht, die diesen Planeten sauber in gut und böse trennt und letzteres – wie könnte es anders sein? – namentlich in den USA und Israel verortet. Dies linkspopulistisch zu nennen, wie viele Medien es hierzulande gerne tun, ist eine gefährliche Verharmlosung dieses Che Guevara für ganz Arme; Chávez’ vollmundiges Wirtschaftsprogramm funktioniert hinten und vorne nicht – etabliert dafür jedoch ein repressives Wohlfahrtsprogramm, das sich die Hilfe für Bedürftige durch Wohlverhalten entgelten lässt –, und je offensichtlicher das wird, desto forscher und lauter werden die antisemitischen Töne. Irgendwer muss schließlich schuld daran sein, wenn der Laden nicht so läuft wie angekündigt.

Karl Pfeifer schildert im folgenden Gastbeitrag für Lizas Welt weitere Hintergründe, konstatiert eine deutliche Zunahme antisemitischer Propaganda in Venezuela seit Chávez’ Wahl 1998 und kommt zu dem Schluss, dass sich die in dem lateinamerikanischen Land lebenden Juden zunehmend in Gefahr befinden.

Karl Pfeifer

Offizieller Antisemitismus in Venezuela

Am kommenden Sonntag wird in Venezuela der Staatspräsident gewählt. Wahrscheinlich wird Hugo Chávez diese Wahl gewinnen. Bevor er 1998 Präsident wurde, hatte der frühere Oberstleutnant bereits zwei Mal versucht, durch einen Putsch an die Macht zu gelangen. Als es am 11. April 2002 nach Massenprotesten der Opposition schien, als trete Chávez zurück, fiel dem damaligen Chef des Unternehmerverbandes, Pedro Carmona, nichts Besseres ein, als das Parlament aufzulösen. Daraufhin holten die Offiziere Chávez flugs aus dem Militärgewahrsam zurück in das Präsidentenpalais. Ein Jahr später trat die Opposition gar nicht erst an. Im Parlament sitzen heute darum nur Anhänger des Präsidenten. Gewinnt Chávez, so könnte das für lange Zeit die letzte Wahl gewesen sein, fürchten Beobachter.

Hugo Chávez, der häufig Reisen durch die ganze Welt unternimmt, ist permanent in den Nachrichten präsent, denn er bietet nicht wenigen Machthabern seine finanzielle Unterstützung an. Sein Ziel ist es, die Hegemonie der USA zu brechen und einen Kreuzzug gegen den Imperialismus zu führen. Chávez möchte den Eindruck erwecken, er könne, wenn er nur wolle, eigenhändig die USA besiegen und den Kapitalismus eliminieren – was bekanntlich nicht einmal Lenin und Stalin fertig brachten. Gleichzeitig lässt er sich als Messias feiern, der der ganzen Welt Wohlstand, Glück und den Sozialismus des 21. Jahrhunderts bringen werde. Doch seine Administration hat nie einen detaillierten Plan veröffentlicht, wie denn dieser Sozialismus aussehen soll.

Chávez appelliert mit seinen Reden an die Gefühle, insbesondere wenn er an mythische historische Begebenheiten erinnert. Seine Reaktionen sind nicht vorhersagbar, und sehr häufig handelt er nicht eben pragmatisch. Aus der Erfahrung wissen wir, dass es ein sehr gefährlicher Weg sein kann, sich von Überzeugungen oder Dogmen führen zu lassen. Der „reale Sozialismus“, wie er im vorigen Jahrhundert in der Sowjetunion, anderen osteuropäischen Ländern und China praktiziert wurde, ist gescheitert. Dennoch erklärt die venezolanische Regierung ihre Entschlossenheit, ein nur undeutlich beschriebenes sozialistisches System einzuführen, und ignoriert dabei die Tatsache, dass schon ähnliche Pläne, die sich zum Ziel gesetzt haben, eine bessere Zukunft und das Ende der Ausbeutung zu erreichen, nicht zum Erfolg führten.

Schon seit Jahrzehnten herrscht in Venezuela die Vorstellung, das Land sei reich, und jeder könne gut leben, wenn bloß die Öleinnahmen gerecht verteilt würden. Doch die bolivarianische Republik ist trotz ihres Ölreichtums das Land, das in den letzten 25 Jahren das geringste Wirtschaftswachstum in Lateinamerika zu verzeichnen hat. Trotz der hohen Ölpreise scheint sich die soziale Lage kaum verbessert zu haben. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es in jedem Armenviertel einen kubanischen Arzt gibt, denn zugleich verfällt die Infrastruktur der öffentlicher Krankenhäuser. Zudem grassiert die Kriminalität, und Venezuelas Mordrate gehört zu den höchsten der Welt.

Den Glauben, man könne allein mit Geldverteilung und einem ideologisierten Erziehungssystem die Armut abschaffen und eine stabile Wirtschaft aufbauen, haben die Bevölkerungen anderer Staaten bereits teuer bezahlen müssen. Denn die Nachahmung eines gescheiterten Systems kann auch kein Land, das über Öl verfügt, vor dem weiteren Abstieg retten. Venezuela hat zwar die Formen der demokratischen Legalität bewahrt, doch in Wirklichkeit herrscht im Land das Militär, das versucht, mit einer sich verschlimmernden Zentralisierung und Regierungsinterventionen in die Produktion das Privateigentum zu ersetzen. Gemäß der antiimperialistischen Ideologie müssen die existierenden Institutionen zerschlagen, ein auf dieser Ideologie aufbauendes Erziehungssystem installiert sowie Gesetze erlassen werden, die abweichende Ansichten bestrafen. Es geht um die Schaffung einer Gesellschaft von Kriechern, in der jede Meinungsfreiheit abgeschafft ist. Das kubanische System konnte sich Jahrzehnte lang nur wegen der vielfachen Unterstützung der Sowjetunion halten und ist jetzt von der venezolanischen Wohltätigkeit abhängig.

Manche wirtschaftlichen Maßnahmen sind darüber hinaus geradezu bizarr. Hugo Chávez erklärte beispielsweise, senkrechte Hühnerställe und „oligopolische Gärten“ errichten zu wollen – eine beeindruckende Wortwendung angesichts der Tatsache, dass es sich schlicht um kleine Gemüsegärten handelt. Nach dem Misserfolg mit dem Erwerb chinesischer Traktoren entschied sich Chávez zudem für das Zusammenbauen von teuren und veralteten iranischen Fahrzeugen. Dies und der Kauf veralteter kubanischer Zuckermühlen samt ihrer Installation in Venezuela sind weitere Zeichen unbesonnener Verschwendung.

Chávez und seine Regime wollen sich aber nicht mit der Übernahme eines gescheiterten Wirtschaftsmodells begnügen; sie glauben auch, den stalinistischen Antisemitismus abkupfern zu müssen. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg verbreitet eine westliche Regierung offenen Antisemitismus, und das seit Jahren. So führte beispielsweise am 29. November 2004, einem Montag, um 6.30 Uhr morgens die schwer bewaffnete Polizei eine Razzia in der jüdischen Schule in Caracas durch – zu einer Zeit, als gerade die Schulbusse vorfuhren und die Eltern ihre Kinder zum Unterricht brachten. Der richterliche Durchsuchungsbefehl, der schon drei Tage zuvor erlassen worden war, bestimmte, dass das Gebäude nach elektronischer Ausrüstung, Waffen, Sprengstoff und Dokumenten durchsuchen werden soll, die dort versteckt seien. Doch nach einer drei Stunden dauernden Untersuchung – während der nichts davon gefunden wurde – verließ die Polizei das Gebäude wieder. Man nimmt an, dass sie ihre Razzia von Freitag auf Montag verschoben hatte, um sie mit der Ankunft des Präsidenten in Teheran am gleichen Tag zu koordinieren.

Seit der Wahl von Hugo Chávez 1998 erlebt Venezuela eine Zunahme bösartiger antiisraelischer und antizionistischer Propaganda, die häufig mit antijüdischen Ideologemen verflochten ist. In einem Land mit fast 27 Millionen Einwohnern leben heute nur noch ungefähr 25.000 Juden. Warum führen die offiziellen Medien eines Regimes, das sozialistisch zu sein behauptet, einen Angriff gegen diese kleine jüdische Gemeinde? Ein Grund könnte darin liegen, dass Chávez lange Zeit den argentinischen Holocaustleugner Norberto Ceresole, einen Freund von Robert Faurisson und Roger Garaudy, als Berater beschäftigte. Ceresole fand, dass Lateinamerika sich mit den arabischen Nationen verbünden solle, um die USA und die „jüdische Finanzmafia“ zu bekämpfen. Die Tendenz, den Holocaust zu leugnen oder zu relativieren, ist für die engen Beziehung zwischen Venezuela und dem Iran sowie anderen muslimischen Ländern von Vorteil. Sie ist fester Bestandteil der antiimperialistischen Rhetorik der Chávez-Regierung, die Israel eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der US-Politik unterstellt und in ihm einen Feind der „antiimperialistischen Revolution“ sieht.

Nachfolgend einige Beispiele für die ungezügelte antisemitische Hetze in regierungsnahen oder regierungseigenen Medien:

In der Wochenzeitung Los papeles de Mandinga vom 8. August dieses Jahres erklärte Alberto Nolia: „Welcher Art von Mördern gehören diese Nazis, die Israel regieren, an, die einen beabsichtigten Völkermord begehen? Wir können die ‚Asociaciones Israelitas de Venezuela’ (jüdischen Vereinigungen Venezuelas) sehen, wie sie die Massenmörder verteidigen, den Völkermord verteidigen und die Endlösung verteidigen, die Israel an den Arabern begehen will. Sie beschuldigen jedermann des Antisemitismus, der bei diesen Morden nicht applaudiert. Wir sehen jetzt, wie dieser Efraim Lapscher, dieser SS-Obergruppenführer [im Original, K.P.], der Vorsitzende der ‚Confederación de Asociaciones Israelitas’ (Bund der israelitischen Kultusgemeinden) – ich weiß nicht, ob Sie sich an ihn erinnern können, wenn sie das unbewegte und ausdrucklose Gesicht dieses Kriminellen sehen – das schwachsinnige Rezept postuliert, jeden des Antisemitismus zu beschuldigen, der nicht diesem Völkermord, dieser beabsichtigten Vernichtung eines anderen Volkes applaudiert, wenn Israel wie seine Vorgänger, die Nazis in Deutschland, sich um einen Völkermord kümmert.“

Basem Tajeldine schrieb am 20. September in der Tageszeitung Diario: „Der Holocaust wurde von den Nazis durchgeführt, um die soziale Basis des Judentums – die mehrheitlich der Unterschicht angehörenden Juden, die Antizionisten –, die an die Assimilation an die Europäer geglaubt hat, zu vernichten. Die ideologische Nähe und die engen Verbindungen der Kollaboration, die zwischen dem deutschen Zionismus und dem Nationalsozialismus existierten, sind unbestreitbar. ‚Zionazis’ ist der passendste Begriff, um die politische Organisation der kapitalistischen jüdischen Elite Israels zu definieren, die für den gegenwärtigen Holocaust des arabischen Volkes verantwortlich ist.“

Am 9. Februar hieß es in einem Beitrag von Tarek Muci Nasir für El Diario de Caracas: „Die jüdische Rasse… Ihre einzige Möglichkeit, vereint zu bleiben, ist, Kriege zu verursachen und ein Selbstgenozid. Lassen Sie uns auf das Benehmen der israelitisch-zionistischen Vereine und Kultusgemeinden achten, die sich in Venezuela verschwören, um unsere Finanzen, Industrien, den Handel, die Bautätigkeit zu erbeuten, ja sogar öffentliche Ämter und Politik zu infiltrieren. Möglicherweise wird es notwendig sein, sie wieder aus dem Land zu treiben, wie das andere Nationen früher taten. Das ist die Ursache, warum die Juden sich ständig in einem staatenlosen Exodus befinden und so im Jahr 1948 in Palästina eingedrungen sind.“

Dieser Antisemitismus ist auch sichtbar in den hier abgebildeten Karikaturen und Dokumenten, die in offiziellen oder regierungsnahen Medien publiziert wurden, sowie in Graffiti an exponierten Stellen (von oben nach unten):

1) Zwei Totenschädel; der linke gehört den USA und sagt: „Während ich den Irak und Afghanistan vernichte…“, worauf der rechte – mit israelischer Flagge – antwortet: „…beschäftige ich mich mit dem Libanon und Palästina.“ Gelächter ist die Reaktion.

2) Hitler: „Wie diese Israelis von mir gelernt haben!“

3) Ehud Olmert hält das Kleinkind Hitler in den Armen; Hitler erklärt: „Ich bin ja verglichen mit Olmert ein Baby“.

4) Aus einer offiziellen Schrift der venezolanischen Regierung vom August dieses Jahres: „Im XX. Jahrhundert war dies das Symbol der Nazis – im XXI. Jahrhundert ist dies das Symbol der Juden“.

5) Ein Flugblatt, auf dem die Rückberufung des Botschafters von Venezuela in Israel u.a. so begründet wird: Stoppt das Massaker um Gottes Willen, um Allahs Willen. Jüdische Mörder! Apokalyptische Bestien“.

6) Diese Parolen – „Juden go home!“ und „Es lebe ein freies Palästina!“ – wurden am helllichten Tag an die Mauer des jüdischen Zentrums in Caracas geschmiert. Unter beiden sieht man Hammer und Sichel. Die Sprühereien wurden von Mitgliedern des Verbandes junger Kommunisten angebracht. Videokameras zeichneten die Täter auf, und es wurde Anzeige bei der Polizei und dem Innenministerium erstattet – jedoch ohne jegliches Resultat.

7) An der gleichen Mauer: „Jüdische Mörder“.

All dies ist ein Zeichen dafür, dass sich die Juden in Venezuela in Gefahr befinden. In der venezolanischen Bevölkerung gab es bis vor ein paar Jahren keine Zeichen des Antisemitismus. Doch eine konstante Hetze könnte diese Haltung ändern. Hugo Chávez wiederholte am 30. August in einer während einer Syrien-Reise gehaltenen Rede seine Angriffe gegen den „Imperialismus und seine Verbündeten“, die „wir überall bekämpfen müssen. Wir müssen mit dem Finger auf den Imperialismus zeigen, mit Vor- und Nachnamen, ohne jegliche Angst, und wir müssen den Völkern der Erde sagen, dass wir in diesem 21. Jahrhundert das Grab des nordamerikanischen Imperialismus bereiten werden“. Nikita Chruschtschow sagte schon im November 1956 im Kreml: „Wir werden euch begraben.“ Chávez glaubt nun das bewerkstelligen zu können, was die Sowjetunion in Jahrzehnten nicht schaffte.

Mehr zum regierungsoffiziellen Antisemitismus hat Karl Pfeifer in englischer Sprache bei Engage veröffentlicht: Official antisemitism erupts in Venezuela

%d Bloggern gefällt das: