Radio gaga

In Deutschland gilt Streit grundsätzlich als etwas Schlechtes. Denn Streit bedeutet eine Störung der Harmonie und eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens. Das Verfolgen eigener Interessen gilt als zutiefst suspekt, weil es Konflikte bedeutet: Egoismus und das Bilden von Lobbys oder pressure groups sind daher verdächtig, wo nicht verpönt. Die „Einigkeit“, die neben dem „Recht“ und der „Freiheit“ in der Nationalhymne als „für das deutsche Vaterland“ erstrebenswert besungen wird, meint nicht nur eine geografisch-ökonomische, sondern auch eine politische, die Antagonismen miteinander zu versöhnen trachtet, Kontroversen als Schwächung begreift und denjenigen, die man im Verdacht hat, sich dem großen Ganzen zu verweigern, mit einiger Unversöhnlichkeit begegnet, wenn sie als nicht integrationsfähig gelten. Nicht zufällig haben sich deshalb die beiden größten deutschen Parteien das Präfix „Volks-“ gegönnt, um zumindest qua Programm gar nicht erst den Eindruck zu erwecken, so etwas wie Klientelpolitik zu betreiben. Wer in Deutschland auf dem Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse besteht, setzt sich unweigerlich dem Verdacht aus, ein Spalter zu sein und die Dinge nicht, wie es sich gehört, um ihrer selbst willen zu tun. Das Gemeinwohl gilt als unverzichtbarer Bestandteil jeder politischen Kraft, die Ernsthaftigkeit beansprucht, und wehe dem, der es wagt, dieses Ideologem ein solches zu nennen und es der Verwandtschaft zur Volksgemeinschaft zu zeihen.

Mit besonderes großem Befremden – um es zurückhaltend zu formulieren – reagiert man hierzulande, wenn sich Menschen in die Haare geraten, die man zwar gewiss nicht zum inner circle zählt, von denen man jedoch immer angenommen hat, dass „sie“ sich Differenzen eigentlich nicht leisten können dürften, dass „sie“ aus Schaden klug geworden sein müssten oder dass „sie“ aus anderen Gründen eine Gesamtheit zu bilden hätten. Stets suggeriert das „sie“ dabei eine Einheit, die es zwar nie gab, die Deutsche jedoch in ihrem, scheint’s, unverbesserlichen und unnachahmlichen Drang, die Menschheit in Kollektive mit weitgehend uniformen und unabänderlichen Eigenschaften zu sortieren, als gleichsam naturgegeben voraussetzen: „die Ausländer“ gehören dazu – die ungeachtet ihrer sozialen, politischen und geografischen Herkunft als homogene Masse erfasst werden –, und natürlich auch „die Juden“, die man bis zur Explizierung des Gegenteils prinzipiell für alles haftbar macht, was man im einzelnen wie im Ganzen an Israel auszusetzen hat und die man jedenfalls als unverbrüchliche Entität wahrnimmt, als die sie seinerzeit durch die Nürnberger Rassegesetze erst definiert wurden.

Ein anschauliches Beispiel dafür bot just gestern eine Sendung des Deutschlandfunks, die sich mit den Geschehnissen während einer Podiumsdiskussion im Rahmen des XIII. Else-Lasker-Schüler-Forums in Zürich Ende Oktober befasste. Zur Erinnerung: Knapp 200 Antizionisten hatten mit einem Aufruf versucht, die Teilnahme des Publizisten Henryk M. Broder an dieser Veranstaltung mit dem Titel „Die ewige Lust an den Tätern“ zu verhindern, und zu diesem Behufe den Organisator Hajo Jahn zusätzlich mit E-Mails und Anrufen unter Druck gesetzt. Da Jahn standhaft blieb und sich gegen derlei Anmaßung verwahrte, blieb Broders Gegnern nichts anderes übrig, als ein paar Delegierte in die Schweiz zu entsenden, um die Debatte nach Kräften zu stören. Auszüge dieser an Peinlichkeit kaum zu überbietenden Performance brachte der Sender in einer hörenswerten Form zunächst recht bald, doch dabei durfte es offenbar nicht bleiben, weshalb sich „Kultur heute“ der Causa annahm: „Streit unter Brüdern“ lautete der Titel des Beitrags eines gewissen Kersten Knipp, und die „Brüder“, das waren für ihn „deutsche Juden“, unter denen sich „ein Zwist entwickelt hat“.

Da staunt der Fachmann, und der Wunde laiert sich: Kann, nein: darf es unter Juden, deutschen zumal, nach Auschwitz tatsächlich Streit geben? Sollte nicht vielmehr gemeinsam „über Erinnerungskultur und Nationalsozialismus diskutiert werden“, also über ein Anliegen, das doch, bitteschön, im eigenen Interesse größtmögliche Einigkeit erfordert? Wie auch immer: „Es kam zum Eklat“, weil „deutsche Juden“ sich stritten. Und da ließ der DLF-Kommentator gerne den O-Ton für sich sprechen:

Evelyn Hecht-Galinski: „Mein Name ist Evelyn Hecht-Galinski, ich bin die Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden Heinz …“
Henryk M. Broder: „Ja, und das ist auch schon alles, was Sie sind: die Tochter!“
Georg Kreisler: „Wer sind denn Sie, Herr Broder? Sie sind auch ein Sohn von irgendjemand!“
Evelyn Hecht-Galinski: „Sie sind ein Immigrant, den hier keiner in Deutschland eigentlich haben wollte.“

Das, was Knipp einleitend als Dokumentation verkaufen wollte, war nichts anderes als purer Voyeurismus: Sind sie nicht peinlich, die „deutschen Juden“? Sich so kleinkariert zu zoffen bei der Diskussion über eine Sache, die ihren Vorfahren Tod und Verderben beschert hat? Doch dann griff er ein, der deutsche Radiomann: „Ein Immigrant, den man hier nicht haben will. Ein harter Ausspruch, formuliert von Evelyn Hecht-Galinski, der Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden“ – die tatsächlich nichts anderes für ihren Auftritt qualifizierte als ihre verwandtschaftlichen Beziehungen, denn weitere biografische Eckpunkte wollte oder konnte sie nicht zu Protokoll geben –, „die sich allerdings auf Broders kurz zuvor gehaltenes Plädoyer für eine Einwanderungspolitik bezog, die solche Immigranten ins Land holt, die dem Bedürfnis der Volkswirtschaft entsprechen“. Das Wörtchen „allerdings“ fungierte hier als Legitimation einer Stellungnahme, die jedem Neonazi zur Ehre gereichen würde: Dass Broder (Foto) seine Vorstellungen von Immigration an Bedingungen knüpfte, die normalerweise auch im Deutschlandfunk als common sense durchgehen, machte ihn zur persona non grata – auch nach Ansicht des Radiosenders. Doch im Grunde genommen sei es um etwas anderes gegangen: „Im Hintergrund der Beleidigungen stand aber der Streit um die Teilnahme der Rechtsanwältin Felicia Langer, die sich in Israel für die Belange der Palästinenser engagiert hatte und die man erst eingeladen, dann wieder ausgeladen hatte. Dagegen und gegen die Teilnahme Henryk M. Broders hatte sich eine Protestaktion gebildet, der sich auch Frau Hecht-Galinski anschloss.“

Dafür, dass Felicia Langer – deren penetranter Antizionismus hier typisch deutsch als „Engagement für die Belange der Palästinenser“ daherkommt – ausgeladen wurde, konnte Broder genauso wenig wie für seine ersatzweise Einladung, doch Evelyn Hecht-Galinski witterte eine Verschwörung: „Frau Langer wurde unter fadenscheinigen, falschen Argumenten ausgeladen und gegen einen bekennenden Islamophoben“ – das ist der schlimmste Vorwurf, den man in Deutschland derzeit erheben kann –, „nämlich Henryk Broder, ausgetauscht.“ Der Deutschlandfunk-Kommentator Kersten Knipp hielt sich gleichwohl genüsslich raus aus der Sache und stellte vordergründig Aussage gegen Aussage – Organisator Jahn widersprach Hecht-Galinski, Broder bezeichnete den Aufruf gegen seine Teilnahme als „psychopathologisches Phänomen“, Hecht-Galinski bezichtigte Broder der „Beleidigungen und persönlichen Diffamierungen“ und unterstellte den Veranstaltern, die „Themen dieser Tagung auf Broder zugeschnitten“ zu haben, Jahn hielt erneut dagegen –, bevor er besorgt anmerkte: „Doch auch das eigentliche Thema, der angemessene Umgang mit der NS-Zeit, sorgte für Streit“ – was bekanntlich nicht sein darf, weshalb sein Resümee lautete: „In Zürich trafen rätselhafte Energien aufeinander und verwandelten eine ernst gemeinte Veranstaltung am Ende zur leidenschaftlich ausgetragenen Posse.“

„Rätselhafte Energien“ sorgten also für eine „leidenschaftlich ausgetragenen Posse“ – man versteht sie nicht recht, diese Juden, die sich noch dann närrisch zanken, wenn es um im Wortsinne todernste Dinge geht, die jedem guten Deutschen die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Dabei müsste es bei jedem von ihnen doch im Grunde genommen so aussehen, wie sich nicht nur der Deutschlandfunk einen „Blick in ein jüdisches Wohnhaus“ vorstellt: friedlich-kitschig, traditionell und irgendwie ein bisschen weltfern. Die Vergangenheitsbewältigung überlässt man deshalb besser den Deutschen. Die streiten wenigstens nicht darüber.

Hattip: barbarashm

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