Elementare Bigotterie

Und täglich grüßt das Murmeltier: Seit am vergangenen Mittwoch in Beit Hanun, einer Stadt im Norden des Gazastreifens, etwa zwanzig Menschen bei einem Beschuss durch israelische Artillerie starben, überschlagen sich Medien und Politik einmal mehr bei der Verurteilung des jüdischen Staates, kündigen Hamas und Fatah weitere Anschläge und Attentate an, fordern Palästinenser und arabische Staaten wegen des „Massakers“ eine UN-Resolution und rufen so genannte Menschenrechtsorganisationen nach einer „unabhängigen Untersuchung“. Allenthalben herrschen wie stets Entsetzen und traute Einigkeit, und nicht wenigen wird der palästinensische Regierungssprecher Ghazi Hamad deshalb aus der Seele gesprochen haben, als er fand, Israel müsse „vom Angesicht der Erde getilgt“ werden, denn: „Dies ist kein Staat von Menschen. Es sind Tiere und eine Gruppe von Banden. Doch erneut werden Ursache und Wirkung verdreht und grundlegende Wahrheiten schlicht ignoriert.

„Es war ein technischer Fehler, und wir drücken erneut unser tiefstes Bedauern über die Toten, über diese Tragödie aus“, sagte der israelische Premierminister Ehud Olmert nach den Geschehnissen in Beit Hanun und betonte gleichzeitig, man ziele im Gegensatz zu den Palästinensern nie vorsätzlich auf Unschuldige. Einer seiner Sprecher wies darüber hinaus darauf hin, dass die Verantwortlichkeit für die Vorfälle letztlich bei der Hamas liege: „Es könnte so einfach sein: Sie sollten aufhören, Kassam-Raketen und Grad-Raketen auf Sderot und Ashkelon abzufeuern, und dann herrscht Ruhe in der Region.“ Doch diese simple Einsicht will außerhalb Israels und der USA wie gehabt kaum jemand nachvollziehen. „Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung, aber nicht um den Preis des Lebens Unschuldiger“, tönte etwa die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner, und aus dem Vatikan verlautbarte es gar, der jüdische Staat verfolge überhaupt keine Verteidigungsabsichten: „Familien beweinen ihre Opfer, die um des Tötens willen umgebracht wurden. […] Israel möchte durch einen Kraftakt die Palästinenser zwingen aufzugeben.“ Der Spiegel glaubte gar, die Nazis wiederzuerkennen: „Israel löscht Großfamilie aus“. Im österreichischen Kurier befand man: „Israelische Luftwaffe außer Kontrolle“ und schrieb von einem „unmotivierten Granat-Angriff auf Zivilisten“. Das sah die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch genauso: „Ein militärischer Angriff ohne genaues militärisches Ziel zum Zeitpunkt des Angriffs, gezielt auf oder nahe ziviler Wohngebiete, verletzt internationales Recht.“ Daher müsse es eine „unabhängige Untersuchung“ geben; die „interne Analyse der israelischen Armee unter dem Vorsitz eines Generals“ sei nicht ausreichend.

Dass es in Beit Hanun Tote und Verletzte gegeben hat, ist fraglos tragisch. Doch der Vorwurf, der Artilleriebeschuss habe keinem bestimmbaren militärischen Ziel gedient, ist ebenso falsch wie die Unterstellung, Israel handle aus Prinzip unkontrolliert oder gar mit bösartigem Vorsatz. Vielmehr steht die Armee im Gazastreifen vor einem ähnlichen Dilemma wie bei dem Versuch, die Hizbollah im Libanon unschädlich zu machen: Sowohl die palästinensischen Organisationen – wie die Hamas, die Al-Aksa-Brigaden und mindestens in Teilen auch die Fatah – als auch Nasrallahs Terrortruppen benutzen die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde und starten ihre Angriffe gegen Israel bevorzugt von Wohngebieten aus. Es ist dies das Vorgehen von Islamisten, denen menschliches Leben nichts gilt und die die Unterscheidung von Kombattanten und Zivilisten deshalb immer und überall für verzichtbar, ja sogar für eine Schwäche halten. Dabei wissen sie nur zu genau, dass diese Sichtweise in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung kaum je auf Kritik stößt, während die Empörung jedes Mal groß ist, wenn Israel zu Abwehrmaßnahmen greift. Das machen sich die islamistischen Gruppierungen zunutze – es ist ihre conditio sine qua non. Über den Beschuss Israels durch Raketen und die verheerenden Folgen sprechen und schreiben nur wenige; sobald jedoch die Antwort erfolgt und dabei Menschen umkommen, ist das Geschrei groß.

Die Vorfälle in Beit Hanun bieten dafür ein weiteres sehr anschauliches Beispiel. Am Freitag vergangener Woche ging die israelische Armee mit Panzern gegen eine Moschee vor, in der sich rund 60 palästinensische Militante verschanzt hatten. Das Gebäude wurde dabei von etwa 50 verschleierten Frauen abgeschirmt, die einem Aufruf der Hamas im Radio gefolgt waren. Geplant war unter anderem, die Terroristen in Frauenkleidern unerkannt aus der Moschee zu schmuggeln. Die israelische Armee eröffnete das Feuer – und in der Folge entstanden die dramatischen Bilder, die schließlich um die Welt gingen: Zwei Frauen starben, Dutzende wurden verletzt. Armeesprecher begründeten den Beschuss damit, in der Menschenmenge hätten sich acht bewaffnete Männer aufgehalten. Eine IDF-Sprecherin sagte zudem, die Militanten hätten „schamlos menschliche Schutzschilde benutzt“, in dem Wissen, „dass wir nicht auf Frauen und Kinder schießen“. Als sich die israelische Armee schließlich wieder aus dem Gazastreifen zurückzog, feuerten Palästinenser zum wiederholten Male Raketen auf Ashkelon und Sderot sowie weitere israelische Orte. Als Reaktion darauf erhielten israelische Artillerieeinheiten die Anweisung, die Raketenabschussrampen zu zerstören. Dabei kam es zu der erwähnten Tötung von etwa zwanzig Menschen, weil die Granaten ihre Ziele verfehlten.

Es gibt „einen entscheidenden Unterschied zwischen den Kämpfern der Hamas und der Hizbollah einerseits und denen Israels andererseits“, schrieb Steve Linde, der selbst 15 Jahre lang den IDF diente, in der Jerusalem Post: „Sie schießen vorsätzlich Raketen auf zivile Ziele und hoffen dabei auf maximale Verluste und Schäden. Das tun wir nicht. Die Artillerieeinheiten, die Granaten auf Beit Hanun abfeuerten, hofften nicht darauf, Zivilisten zu treffen. Sie zielten auf Terroristen, die Raketen abschießen.“ Der „tragische Fehler“, sie nicht getroffen zu haben, sei bedauerlich, führte Linde weiter aus, doch man müsse auch fragen: „Was erwartet die internationale Gemeinschaft von Israel, wenn es täglich von selbst gebauten, ungenauen Raketen getroffen wird? Sie zu ignorieren? Selbst welche zu basteln? Unsere Artilleriegeschosse exakter abzuschießen?“ Die Antwort darauf wäre wohl: sich passiv zu verhalten, zu ertragen, was da kommt, und alles weitere den Vereinten Nationen zu überlassen, deren Truppen im Libanon nur darauf warten, endlich mal ein israelisches Flugzeug abschießen zu dürfen, und die in Bezug auf die Palästinenser noch nie mehr unternommen haben, als nachsichtig und vor allem völlig folgenlos den Zeigefinger zu heben, während Israel permanent Gegenstand scharfer Resolutionen ist.

Unterdessen ist die Hamas in ihrem Element, und das im Wortsinne. Denn ihr Wesen und ihre Bestimmung ist der eliminatorische Antisemitismus, ist die Vernichtung des jüdischen Staates in einem Krieg; darauf ist ihr gesamtes Wirken ausgerichtet, das sich in ihren an das NS-Winterhilfswerk und den Führer-Eintopf erinnernden Suppenküchen und in ihrem repressiven Wohlfahrtsprogramm genauso ausdrückt wie in der Propaganda und dem Judenmord durch Selbstmordattentate und den Beschuss mit Raketen. Auch die Kämpfe der Hamas mit der Fatah sind unter diesem Aspekt zu sehen: Nachdem durch den Rückzug Israels aus dem Gazastreifen zunächst kein äußerer Feind mehr im gewohnten Maße für Not und Elend verantwortlich gemacht werden konnte, weil die Palästinenser nun auf sich selbst zurückgeworfen waren, mussten Abbas und seine Partei mehr als zuvor schon der Kollaboration mit dem Judenstaat geziehen werden, auch wenn es sich bei diesen in erster Linie bloß um Rivalen und nicht um Gegner der Hamas handelt: Was die Zielsetzung betrifft, Israel zum Verschwinden zu bringen, war und ist man sich einig; strittig ist vor allem der Weg dorthin.

Die Toten von Beit Hanun wussten daher sowohl die Hamas wie auch andere Organisationen und Vertreter der Palästinenser weidlich für ihre Zwecke in Anspruch zu nehmen. Riad Mansur beispielsweise, palästinensischer UN-Beobachter, sprach von einem „Massaker“ und einem „Kriegsverbrechen, für das die Urheber zur Verantwortung gezogen werden müssen“. Zudem verlangte er eine von den Vereinten Nationen überwachte Feuerpause sowie eine gegen Israel gerichtete UN-Resolution. Chaled Meshal, Generalsekretär der Hamas, sagte, der „bewaffnete Kampf“ könne nun wieder aufgenommen werden, und Nisar Rajan, ein weiterer Hamas-Vertreter, wollte das „schreckliche Massaker“ gerächt sehen: „Wir fordern unsere Mudjaheddin auf, die Bombenanschläge in Jaffa, in Haifa, in Ashdod wieder aufzunehmen, an jedem Ort in unserer Heimat.“ Neuerliche suicide attacks hielt auch Jamal Obeid, ein Fatah-Sprecher, für eine gute Idee. Ganz im Duktus der Nationalsozialisten wiederum fand der palästinensische Regierungssprecher Ghazi Hamad, Israel müsse „vom Angesicht der Erde getilgt“ werden, denn dieses Land sei „kein Staat von Menschen“, sondern „Tiere und eine Gruppe von Banden.“* Seine Partei gab darüber hinaus die Direktive an alle Muslime der Welt aus, auch amerikanische Ziele anzugreifen. Denn die USA leisteten politische und finanzielle Unterstützung für „die Verbrechen der zionistischen Besatzungsmacht und sind verantwortlich für das Massaker von Beit Hanun“, weshalb „dem amerikanischen Feind harte Lektionen“ erteilt werden müssten, hieß es in einer Erklärung.

Doch all dies war weder für die Politik noch für die Medien in Europa Anlass zu Protesten, Erklärungen oder gar Maßnahmen; es dominierte wie immer die scharfe Verurteilung Israels. Beiträge wie etwa die bereits erwähnte Stellungnahme von Steve Linde sucht man vergeblich. Nicht zuletzt deshalb sei sein Text hier in deutscher Übersetzung dokumentiert.

Steve Linde

Der Albtraum eines Schützen

Jerusalem Post,
8. November 2006

Können Sie sich vorstellen, wie schlecht sich die Artillerieeinheiten, die die Granaten auf Beit Hanun abgefeuert haben, jetzt fühlen? Nachdem ich bei der Artillerie der IDF gedient habe, kann ich nur sagen, dass das der Albtraum eines jeden Schützen ist: unschuldige Männer, Frauen und Kinder zu töten. Als Antwort auf den Angriff mit Kassam-Raketen auf den Süden Israels, der dem Rückzug der IDF aus Beit Hanun im Norden des Gazastreifens am Montag folgte, wurden die Schützen angewiesen, „auf die Quelle zu schießen“ – die Stützpunkte also, von denen aus die Raketen abgefeuert wurden. Und das taten sie: Sie schossen etwa ein Dutzend Granaten ab. Das jedoch ist ein Rezept für ein Desaster, solange bewaffnete Palästinenser selbst gebastelte Raketen aus Wohngebieten abfeuern, ohne wirklich zu wissen, wo sie landen und welche Verluste und Schäden sie verursachen werden. Es ist, als ob man Russisches Roulette miteinander spielt. Die palästinensischen Terroristen, die auf zivile Ziele in Ashkelon, Sderot und anderen Gemeinden im westlichen Negev schießen, müssen wissen, dass die IDF Vergeltung üben können und werden, dass sie schnell und hart antworten.

Die hochentwickelte und computergestützte Artillerie der IDF kann Ziele in Hunderten von Kilometern genau erfassen. Aber wenn unsere Schützen auf den Herkunftsort der Kassam-Raketenwerfer zielen sollen, wissen sie, dass die Ergebnisse desaströs sein können. Palästinensische Zeugen sagten, die IDF-Granaten hätten mindestens sieben Häuser in Beit Hanun getroffen und 19 Palästinenser getroffen, darunter 13 Angehörige einer Familie, als diese schlief. Und Dutzende weitere seien verletzt worden. Verteidigungsminister Amir Peretz befahl die sofortige Einstellung des Beschusses von Gaza. Eine ähnliche Anordnung erließ er im Juli nach dem Schlag der IAF auf Kana im Libanon, durch den 28 Libanesen getötet wurden, obwohl es ursprünglich hieß, es habe mehr als doppelt so viele Verluste gegeben. Sowohl die Hamas als auch – im Falle des Libanon – die Hizbollah bezeichneten die Angriffe rasch als „Massaker“, und ein Sprecher der Hamas forderte wiederholt, Israel müsse aufhören zu existieren.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den Kämpfern der Hamas und der Hizbollah einerseits und denen Israels andererseits: Sie schießen vorsätzlich Raketen auf zivile Ziele und hoffen dabei auf maximale Verluste und Schäden. Das tun wir nicht. Die Artillerieeinheiten, die Granaten auf Beit Hanun abfeuerten, hofften nicht darauf, Zivilisten zu treffen. Sie zielten auf Terroristen, die Raketen abschießen. Ein CNN-Reporter bat die Sprecherin des Premierministers, Miri Eisin, um eine Antwort auf die Behauptung, Israel benutze „einen Vorschlaghammer, um eine Nuss zu knacken“. Eisin bedauerte den „tragischen Fehler“ sehr, wie andere israelische Sprecher auch. Und das zu Recht. Aber was erwartet die internationale Gemeinschaft von Israel, wenn es täglich von selbst gebauten, ungenauen Raketen getroffen wird? Sie zu ignorieren? Selbst welche zu basteln? Unsere Artilleriegeschosse exakter abzuschießen?

Stoppt die Kassams, und wir stoppen die Artillerie, sagen die IDF. Natürlich wird die Armee nun eine gründliche Untersuchung des tragischen Vorfalls in die Wege leiten, und die notwendigen Lektionen werden künftigen Generationen von Artilleristen gelehrt werden. Aber die grundlegende Lektion ist diese: Krieg ist ein gefährliches Spiel, und wenn man einmal begonnen hat, mit Raketen oder Gewehren zu schießen, werden Menschen verletzt, und nicht immer die Menschen, die man zu verletzen beabsichtigte. Das ist die traurige Tatsache in aller Kürze, und niemand fühlt sich damit gut.

* Nebenbei bemerkt: Hamad ist derjenige, den die Linkspartei am vergangenen Wochenende gerne auf ihrer Nahostkonferenz begrüßt hätte, was nur deshalb nicht zustande kam, weil der Judenhasser kein Visum erhielt.

Zu den Fotos (von oben nach unten): 1) Vermummte Terroristen der Hamas erklären am 3. November der Presse, wie sie unbehelligt aus der Moschee in Beit Hanun entkommen konnten. 2) Palästinensische Frauen, die diese Moschee als menschliche Schutzschilde umstellen, erwarten siegesgewiss einen israelischen Panzer. 3) Eine dieser Frauen wird von einem Schuss getroffen und liegt am Boden (linker Bildrand), andere suchen Deckung oder haben es noch nicht eilig. 4) Das Zeremoniell beim Begräbnis toter Kinder in Beit Hanun gerät wie zumeist zu einer politischen Demonstration.

Übersetzungen: Lizas Welt – Hattip: barbarashm

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