Wenn Iren irren

Dass Wissenschaftler prinzipiell ein paar Gehirnwindungen mehr aufzuweisen haben sollen als Menschen, die nie eine Hochschule von innen gesehen haben, ist ein Gerücht, das sich hartnäckig hält und in unregelmäßigen Abständen seine – meist ungewollte – Widerlegung erfährt. Erst Ende Mai beispielsweise hatte die britische National Association of Teachers in Further and Higher Education (Natfhe) auf ihrem Jahreskongress in Blackpool einen Boykott israelischer Hochschulen beschlossen. Nun veröffentlichten 61 irische Geistesgrößen in der Irish Times einen an die Europäische Union gerichteten Offenen Brief, mit dem sie ebenfalls zu einer Ächtung von akademischen Einrichtungen Israels aufriefen:

„Es gibt eine umfassende internationale Verurteilung der Politik, mit der Israel die Palästinenser in den besetzten Gebieten gewalttätig unterdrückt, und der israelischen Aggression gegen das libanesische Volk. Die israelische Regierung scheint sich um moralische Appelle führender Persönlichkeiten der Welt und um fortgesetzte Resolutionen der Vereinten Nationen nicht zu scheren. Wir meinen, dass es Zeit ist, dem palästinensischen Ruf zu folgen und Druck auf Israel auszuüben, damit es sich an internationales Recht hält und grundlegende Menschenrechte gewährt. Viele nationale und europäische Kultur- und Forschungseinrichtungen, darunter die von der EU finanzierten, betrachten Israel als einen europäischen Staat bei der Vergabe von Zuwendungen und Verträgen. Wir fordern einen Stopp jeder weiteren Unterstützung von israelischen akademischen Institutionen, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. Wir drängen unsere akademischen Mitstreiter, dieses Moratorium zu unterstützen, indem sie von einer weiteren Zusammenarbeit mit israelischen akademischen Einrichtungen Abstand nehmen, wo es möglich ist. Ein solches Moratorium sollte so lange dauern, bis Israel sich an UN-Resolutionen hält und die Besetzung der palästinensischen Gebiete beendet.“

Einer der Unterzeichner, James Bowen – Professor im Department of Computer Science an der National University of Ireland in Cork und nebenberuflich Vorsitzender der Ireland-Palestine Solidarity Campaign (IPSC) –, verteidigte in der israelischen Tageszeitung Ha’aretz die Petition und legte sogar noch eine Schippe drauf: „Israel benutzt den Antisemitismus, um die Vertreibung der Palästinenser 1948, die Diskriminierung der Palästinenser, die diesseits der Grünen Linie bleiben wollten, und die territoriale Expansion nach 1967 zu entschuldigen.“ Bowen bestritt vehement, dass Sinn Féin – eine entgegen ihrem offiziellen republikanischen Anspruch reichlich völkelnde Partei, die als parlamentarischer Arm der militanten IRA gilt und danach trachtet, die nordirischen Grafschaften zu einem Teil Irlands zu machen – etwas mit Antisemitismus zu tun hat; auch seine eigene Organisation IPSC sei selbstverständlich nicht judenfeindlich, sondern bloß den Palästinensern freundschaftlich verbunden, weil man als Iren die Erfahrungen des „Siedlerkolonialismus“ mit ihnen teile. Außerdem gewinne die antiisraelische Boykottkampagne an Legitimation und Fahrt, berichtete der kämpferische Hochschullehrer stolz: „Kürzlich lehnten mehrere irische Kulturevents ein Sponsoring durch die israelische Botschaft ab, und irische Gewerkschafter verhinderten, dass die Dubliner Straßenbahnen zu Übungszwecken für das geplante Bahnsystem zwischen den Siedlungen der West Bank eingesetzt werden. Aber das ist nur der Anfang. Diese Kampagne – Teil der weltweiten Bemühungen, den Israelis dabei zu helfen, ihre dysfunktionale Ablehnung der Verantwortung zu überwinden – wird erst aufhören, wenn Israel sich an internationales Recht hält.“

In Israel stieß der neuerliche Boykottaufruf auf heftige Kritik. Alexander Yakobson, Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität von Jerusalem, sagte der Jerusalem Post: „Die Aufrufer verlangen keinen Boykott akademischer Institutionen anderer Länder, mit deren Politik sie nicht übereinstimmen. Sie verlangen keinen Boykott des Sudan oder Chinas, das enorme akademische Verbindungen zu Europa hat. Es gibt keine universale Norm; sie sind nur antiisraelisch. Und sie verlangen von keinem einzigen palästinensischen Akademiker, sich vom Terror zu distanzieren. Selbst als Europa Sanktionen gegen die Hamas-Regierung verhängte, war ihnen das keine Verpflichtung gegenüber palästinensischen Universitäten. Niemand hat das auch nur vorgeschlagen.“ Und in einem Brief an die Mitglieder und Büros der EU-Kommission wandten sich Yosef Yeshurun, Vorsitzender des an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan ansässigen International Advisory Board for Academic Freedom (IAB), und Edward Beck, Präsident der Scholars for Peace in the Middle East, ebenfalls gegen den Boykottaufruf der Iren, den sie als „dem universalen Prinzip der akademischen Freiheit zuwiderlaufend“ bezeichneten: „Der Ruf nach einem EU-weiten Boykott israelischer Akademien ist ein Verrat akademischer Werte. Das akademische Leben hat mit dem Bauen von Brücken zu tun, nicht mit deren Zerstörung.“ Der Offene Brief sei darüber hinaus „völlig kontraproduktiv für das Fördern des Friedens und des Verständnisses im Nahen Osten“.

Doch James Bowen war nicht zur Einsicht zu bewegen. Die Reaktion Yeshuruns und Becks sei bloß „der typisch israelische Versuch, Kritik zu verhindern“. Angesprochen auf die Charta der Hamas und ihren häufig genug geäußerten Ruf nach der Vernichtung Israels, meinte er: „Die Hamas eines Genozids zu verdächtigen, ist verleumderisch. Die Verantwortung für ein Ende des Konflikts liegt beim Aggressor. Der Aggressor ist Israel“ – das er „langsamer ethnischer Säuberungen“ bezichtigte, denen man mit „Boykotten, Beschlagnahmungen und Sanktionen“ entgegentreten müsse. Derlei Tiraden forderten erneut den Widerspruch Yakobsons heraus. Er sei zwar nicht für einen Boykott palästinensischer Hochschulen, doch seien diese unumgänglich, wenn israelische Akademien derart angegangen würden: „Wenn sie glauben, dass eine Zwei-Staaten-Lösung denkbar ist, dass die Besatzung illegitim ist und dass israelische Hochschuleinrichtungen daher boykottiert werden müssen, müssen sie sich auch für einen Boykott akademischer Institutionen auf palästinensischer Seite einsetzen.“

Solche Appelle verhallen bei den irischen Wissenschaftlern jedoch genauso ungehört wie bei den Initiatoren anderer Ächtungsinitiativen gegen Israel. Denn deren Motivation ist immer die gleiche: Ein modernisierter Antisemitismus in Form einer vorgeblich legitimen „Israel-Kritik“, der es nur darum zu tun sei, den jüdischen Staat freundschaftlich-paternalistisch auf seine Verfehlungen hinzuweisen. Mit einem Verweis auf die double standards ist den Boykotteuren jedoch nicht beizukommen, schon deshalb nicht, weil sie ihn stets mit dem stereotypen Einwand kontern, Israel sei der eigentliche Aggressor und habe daher die Vernichtungsabsichten und -praxen der Hamas oder Hizbollah selbst zu verantworten. Eine klassische Täter-Opfer-Verdrehung mit eindeutigen Absichten, die an Popularität nicht nur nichts eingebüßt hat, sondern stetig zunimmt, nicht nur im universitären Bereich: Im Februar dieses Jahres beispielsweise forderte eine Gruppe britischer Architekten, die Geschäftsbeziehungen mit israelischen Unternehmen abzubrechen, die in den Bau des Sicherheitszauns in der West Bank involviert sind. Im Mai rief die Sektion Ontario der Canadian Union of Public Employees (CUPE) ebenfalls zu einem Boykott Israels auf, auch sie nicht zuletzt „wegen der Apartheidmauer“. Zwei Monate später beschuldigte der südafrikanische Gewerkschaftsverband Cosatu Israel, ein „schlimmerer Apartheidstaat“ zu sein als Südafrika früher: „Palästinenser werden mit schwerer Maschinerie und Panzern angegriffen, die gewöhnlich im Krieg benutzt werden. So etwas hat es niemals in Südafrika gegeben.“ Cosatu und andere südafrikanische Organisationen drängten ihre Regierung zu einem Boykott der diplomatischen Beziehungen mit Israel und forderten Sanktionen, wie es sie einst gegen die Apartheid in Südafrika gegeben hatte. Der Filmemacher Ken Loach wiederum kündigte im August an, nicht an israelischen Filmfestivals teilzunehmen und vom israelischen Staat gesponserte Kultureinrichtungen zu meiden. Und Anfang dieses Monats wollte die in Großbritannien ansässige Gruppe Architects and Planners for Justice in Palestine Israel von einer Architektur-Biennale in Venedig ausschließen.

Vielleicht ist das alles aber auch gar nicht so tragisch. Denn wann hat man je von den Errungenschaften irischer Akademiker gehört? Oder von denen pro-palästinensischer britischer Architekten? Sollten sich südafrikanische Gewerkschafter nicht lieber um die Fußball-WM 2010 kümmern? Und wer freiwillig in Filme von Ken Loach rennt, ist selbst schuld. Dann schon lieber einen Single Malt! Gerne auch einen irischen.

Das obere Foto zeigt einen Blick auf die Universität in Haifa, das untere einen Ausschnitt der Universität in Tel Aviv.

Übersetzungen: Lizas Welt – Hattip: Hardy

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