Empathie? Mit uns nie!

„Nichts wird mehr sein wie zuvor“, lautete einer der am häufigsten gehörten Sätze nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Doch das stimmt nicht. Die Reaktionen und Entwicklungen im Gefolge von Nine-Eleven haben vielmehr überdeutlich gezeigt, dass es Dinge gibt, die konstant sind und unabänderlich scheinen – insbesondere der Unwille und die Unfähigkeit zur Empathie für die Opfer des Antiamerikanismus und des Antisemitismus. Ein kleiner Streifzug durch die deutsche Presselandschaft, fünf Jahre später.

Es gibt Menschen, die oft und gerne von sich behaupten, es schon immer gewusst zu haben. Ein Teil davon arbeitet bei der Tageszeitung junge Welt, die wohl am treffendsten als national-sozialistisch zu qualifizieren ist und dabei mit jedem Tag den Bindestrich überflüssiger macht. Ihr Chefredakteur hört auf den Namen Arnold Schölzel, und was ein echter Stahlhelmkommunist ist, den erschreckt so leicht nichts. Also hieb er schon in die Tasten, als andere sich erst noch von der Mischung aus Faszination und Schrecken erholen mussten, die sich beim Anblick der beiden in die WTC-Türme rasenden Passagierflugzeuge einstellte. Am Abend des 11. September 2001 erschien auf der Website seines Blattes sein tags darauf auch in der Printausgabe zu lesender Leitkommentar* unter der Überschrift „Nord-Süd-Krieg: Terroranschläge auf US-Institutionen“. Und der kam zu dem Ergebnis:

„So sehen Vorboten nationaler, diesmal NATO-weiter Hysterie aus. Zu erwarten sind militärische Vernichtungsaktionen gegen mutmaßliche Urheber plus unbeteiligte Zivilisten. Sie folgen dem Terror, den man in diesem Fall weniger denn je ‚individuell’ nennen kann, mit jener Konsequenz, mit der die Nazis den Reichstagsbrand nutzten. […] Ereignisse wie die vom Dienstag beweisen allein die Existenz eines Krieges, den die kapitalistischen Industrieländer mit Ausplünderung, mit ‚humanitären’ Interventionen und Interventionsarmeen führen. Sie haben sich bisher gegen seine Konsequenzen mit festungsartigen Grenzen und einer rosaroten Soap-Opera-Weltsicht abgeschottet. Das wird sich nun zunächst ändern: Was die italienische Polizei in Genua an Globalisierungsgegnern brutal exerzierte, dürfte ein harmloses Vorspiel zu dem gewesen sein, was an Repression und Lynchneigung in petto ist. Kriegsverursacher benötigen Sündenböcke.“

Nur unwesentlich später traf man diese Fantasmagorien auf den zahllosen Antikriegsdemonstrationen wieder, gegossen in Parolen und drapiert auf Transparente: Bush ist Hitler, und so was kommt von so was. Die junge Welt exerziert diese Linie seit ihrer Spaltung 1997 konsequent; es ist daher der Verschwörungstheoretiker Gerhard Wisnewski, der den fälligen Rückblick heute mit zwei Beiträgen bestreiten darf, die – wie gehabt und wie gewohnt – in Abrede stellen, dass es sich bei 9/11 um einen islamistischen Massenmord gehandelt hat, und dafür den amerikanischen Präsidenten der Konspiration verdächtigen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Mann meint das wirklich so.

Größere Presseerzeugnisse gehen zumeist nicht ganz so weit, aber es gibt ja auch andere Mittel und Wege, um Klartext zu sprechen. Dietmar Ostermann zum Beispiel findet in der Frankfurter Rundschau die seinigen, wenn er in seinem Beitrag bereits mit der Headline in die Vollen geht: „Washingtons 9/11-Legende platzt“. Wie die beiden Wolkenkratzer. „Um kaum ein Ereignis ranken sich so viele Verschwörungstheorien wie um den 11. September 2001“, hebt der Korrespondent der Zeitung für sozialdemokratischen Protestantismus an und setzt dann sofort Prioritäten: „Manche werden von der US-Regierung gefördert, andere bekämpft.“ Die Wahnvorstellungen, nach denen etwa die CIA oder der Mossad hinter Nine-Eleven stecken, werden dabei kurz gestreift und verworfen; weitaus wichtiger ist es Ostermann jedoch, diesen Irrationalismen die von der amerikanischen Regierung geäußerte Vermutung einer Verflechtung des Irak unter Saddam Hussein mit der Mörderbande Al-Qaida nicht nur zur Seite zu stellen, sondern sie als die deutlich gefährlichere Komplottthese zu entlarven. Die – zwar offenbar falsche, aber gewiss nicht a priori völlig abwegige – Annahme, das ba’thistische Terrorregime in Bagdad könnte Verbindungen zu einem antisemitischen und antiamerikanischen Vernichtungsnetzwerk haben, landet also unversehens noch vor den gängigen – und wie stets eben antisemitischen und antiamerikanischen – Theorien von der zionistischen Weltverschwörung: eine gehirnakrobatische Meisterleistung, die sich hinter der eines Wisnewski, eines Bröckers oder eines Mahler von der Substanz her nicht zu verstecken braucht.

Ausgesprochen populär ist in der Bilanz des 11. September und seinen Folgen auch die – mal subtile, mal offensive – Verdrehung von Tätern und Opfern. In der Süddeutschen Zeitung beispielsweise macht sich Rudolph Chimelli Sorgen um den Umgang mit dem Islam: „Der Westen verliert in der islamischen Welt zunehmend an Ansehen: Wer konsequent das Gespräch verweigert, begibt sich in die Gefahr, dass man ihm andere Absichten als den Frieden unterstellt.“ Denn wer nicht hören will, muss bekanntlich fühlen – ist das nicht auch so eine Lehre aus dem 11. September 2001? War der nicht quasi so etwas wie ein stummer Schrei nach Liebe? Ist nicht das an deutschen Neonazis bereits so überaus erfolgreich praktizierte Konzept der akzeptierenden Sozialarbeit – auf Englisch: Appeasement – gefragt? Offenbar schon, folgt man Chimelli: „Wer Konflikte regeln will, muss mit der anderen Seite reden, nicht nur mit Gleichgesinnten: in Palästina mit der Hamas, über den Libanon mit der Hisbollah, über Iran mit Iran.“ Und vielleicht auch, nun ja, mit Al-Qaida über Juden und Kreuzfahrer? Oder – falls das doch zu weit gehen sollte – wenigstens über den Patriot Act, Guantanamo oder Abu Ghraib, die „strangulierte Freiheit“ also, wie Chimellis Kollege Reymer Klüver sich festzustellen beeilt?

„Was hilft gegen den Terror?“, möchte auch Die Zeit gerne wissen, „wie wir unsere Freiheit verteidigen sollen“, und Michael Thumann beantwortet seine bloß rhetorische Frage „Indem man Islamisten unterschiedslos verfolgt oder mit ihnen redet?“ ebenfalls mit einem Gesprächsangebot. Den Begriff Islamofaschismus lehnt er nämlich als „Begriffswurst“ ab, die „alle Islamisten gleichermaßen kriminalisieren [soll], sie soll Leute, die für den Umgang mit Islamisten andere Mittel als Streubomben empfehlen, des Appeasements bezichtigen, und sie soll mobilisieren – für den Weltkrieg gegen den politischen Islam“. Solche Sätze stehen in einem bildungsbürgerlichen Wochenblatt fünf Jahre nach den Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon; sie erscheinen nach Madrid und London, nach der atomaren Vernichtungsdrohung des Iran gegenüber Israel, nach zahllosen suicide attacks, nach dem Wahlsieg der Hamas und nach dem Krieg der Hizbollah. Nach einem Weltenbrand jedoch sehnen sich nicht die Gotteskrieger, sondern ihre entschiedensten Gegner, folgt man der Zeit. Und weil das immer noch nicht reicht, legt Jedediah Purdy nach: „Amerikas Außenpolitik kennt nur noch den Anti-Terror-Krieg. Das macht blind.“ Ergo: Wer sehen kann, spricht mit seinen Feinden. Dass die genau das als untrügliches Zeichen für Verweichlichung und Dekadenz betrachten und sich dadurch erst recht gestärkt fühlen – who cares?

Der Kölner Stadt-Anzeiger jedenfalls nicht. Denn der amüsiert sich lieber über den amerikanischen Präsidenten und seine Bemühungen, das Gedenken an die Terroranschläge in Worte zu kleiden: „Jedes Mal, wenn George W. Bush in diesen Tagen das berüchtigte Datum ausspricht, macht er vorab eine Kunstpause. Das mag auch daran liegen, dass der Präsident bisweilen Mühe mit den drei verschiedenen s-Lauten hat, die in der Langversion leicht zum Zungenbrecher werden können: ‚September the Eleventh, 2001’.“ Da wird der seine Muttersprache bekanntlich perfekt beherrschende Jeck ganz närrisch, auch wenn gerade mal nicht Eleven-Eleven ist: „Auf europäische Zuhörer wirkt das leicht lächerlich.“ Auf amerikanische weit weniger, denn dort „bringt man damit leicht jene Saite zum Schwingen, die seit dem Tag der Anschläge nie wieder ganz zur Ruhe gekommen ist“. Sie sind halt ein bisschen nah am Wasser gebaut, die Amis, obwohl dazu eigentlich gar kein Anlass besteht, denn „das unmittelbare Gefühl, angegriffen worden zu sein, gab es nur in den USA selbst“. Echte rheinische Frohnaturen – und nicht nur sie – sehen das doch erheblich gelassener: Et hätt noch immer joot jejange. Darum Bützchen hier und Bützchen da, Kamelle und den Elferrat nach Washington: „Längst haben sich die Ära Bush und der 11. September, der Schrecken der Anschläge und die Turbulenzen einer radikalen Politik, auf verhängnisvolle Weise vermischt. Mit Bush bleiben die Amerikaner in der Erinnerung des Schreckens gefangen.“ Alaaf!

Den lautesten Tusch – um im Bild zu bleiben – bekommt jedoch die Wochenzeitung Freitag, namentlich ihr Mitarbeiter Thomas Rotschild für seinen vollkommen ernst gemeinten Beitrag „Fünf lange Jahre mit 9/11“: „Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, der 11. September 2001 hätte der US-Politik zumindest in seiner Auswirkung genau ins Konzept gepasst“, wird hier gleich zu Beginn eine klare Sprache gesprochen. „Es bedarf keiner Verschwörungstheorien“ – um Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen; es bedarf nur einer jahrelangen Kaderschulung, um auf die Idee zu kommen, der Islamismus sei bloß ein willkommenes „Feindbild“ und „in Wahrheit“ Ausdruck eines „ökonomischen Konflikts“, eines „Krieges der Reichen gegen die Armen“, denn: „Dass ‚der Islam’ der hochgerüsteten westlichen Welt aus religiösen Gründen den ‚Heiligen Krieg’ angesagt habe, kann doch niemand ernstlich glauben.“ Natürlich nicht. „Und es ist schon einigermaßen erstaunlich, wenn auch Juden in die antiislamische Propaganda einstimmen. Wie kurz ist ihr Gedächtnis? Haben sie schon vergessen, dass es keine Muslime waren, die sechs Millionen Juden ermordet haben?“ Und die daran selbstredend nie auch nur denken würden – mögen die Mullahs, die Hamas, die Hizbollah und der islamische Djihad ihnen auch noch so oft Tod und Vernichtung ankündigen?

Aber im Ernst: War anderes zu erwarten? Hierzulande schreit man „Kindermörder Israel!“, wenn die Hizbollah Minderjährige als menschliche Schutzschilde missbraucht. Und wenn 3.051 Kinder bei einem Angriff vernichtungswütiger Terroristen ihre Eltern verlieren, bucht man sie eiskalt auf das Konto der politischen Führung eines kaum weniger verhassten Landes. Die Angriffe der Islamisten erfahren oft genug eine Bewunderung, die gar nicht so klammheimlich ist – sie wird nur hinter scheinbar plausiblen Argumenten versteckt, die umso vehementer propagiert werden, je offensichtlicher es ist, dass sie unhaltbar sind.

* Der Beitrag ist auf der Homepage der jungen Welt nur gebührenpflichtig abrufbar; eine Spiegelung des Textes findet sich jedoch auf dem Newsserver uhudla.at.

Hattip: barbarashm

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