Echte Kerle

Im Grunde genommen war das Finale der Fußball-WM in Deutschland keines, das für sich die Berechtigung beanspruchen könnte, als sportliches Highlight in die Annalen einzugehen. Denn die Darbietungen der französischen und italienischen Spieler waren eher etwas für Rasenschachversteher, und das Elfmeterschießen vermochte das Ganze nur insoweit zu retten, als es – naturgemäß – endlich für Spannung sorgte. Dass dieses Endspiel dennoch das Zeug zur Legende hatte, war ein Verdienst des französischen Kapitäns Zinedine Zidane, der nach einhundertzehn gespielten Minuten demonstrierte, dass er es nicht nur im Umgang mit dem Ball zur technischen Perfektion gebracht hat, sondern auch einen Gegenspieler formvollendet zur Strecke bringen kann, wenn es aus seiner Sicht Not tut. Weil sich die unmittelbar Beteiligten lediglich in Andeutungen verloren, gab es bisher bloß Mutmaßungen über die Hintergründe des spektakulären Kopfstoßes.

Nun jedoch hat Marco Materazzi, dessen Brustbein so unsanft traktiert wurde, mit knapp zweimonatiger Verspätung kund getan, was „Zizou“ so in Rage brachte. „Ich habe an seinem Trikot gezogen. Da hat er gesagt: Wenn ich sein Trikot unbedingt haben wolle, könne ich es ja nach dem Abpfiff haben. Ich habe geantwortet, dass mir seine Schwester lieber wäre“, schilderte Materazzi gestern den – angeblichen – Ablauf seines Dialogs mit dem Spielmacher der Franzosen. Letzterer hatte auf den Textiltest des Italieners zweifellos den intelligenteren Kommentar parat; durch Materazzis Reaktion fühlte sich Zidane in punkto Schlagfertigkeit gleichwohl ganz offensichtlich final herausgefordert. Eine Auseinandersetzung unter echten Kerlen eben, die unbedingt die Frage „Mann oder Memme?“ klären wollten, nicht mehr und nicht weniger. Womöglich wäre der Ablauf bei einer umgekehrten Rollenverteilung ganz ähnlich gewesen. Mehr Niveau als auf einer gewöhnlichen Dorfkirmes darf man beim Fußball einfach nicht erwarten – weder auf dem Feld noch auf den Tribünen, wo Sprechchöre und Gesänge an der Tagesordnung sind, mit denen Fans und gegnerische Spieler wahlweise der falschen sexuellen Neigung geziehen, als Zöglinge von Prostituierten verhöhnt oder zu inzestuösen Kreaturen herabgewürdigt werden („Eure Eltern sind Geschwister“).

Bei all der Aufregung über das alteuropäische Privatduell auf dem Rasen und seinen Anlass entging fast allen Medien, dass Zidane eigentlich gar nicht hätte vom Platz gestellt werden dürfen. Nur das Fachmagazin kicker bemerkte, dass Schiedsrichter Horacio Elizondo aus Argentinien ein wenig die Regeln gebeugt hatte. Denn geschehen war dies: Unmittelbar nach dem Kopfstoß – den weder der Referee noch seine Assistenten bemerkt hatten – beging der Italiener del Piero ein Handspiel, das einen Freistoß zur Folge hatte, den die Franzosen sofort ausführten. Nach einer solchen Spielfortsetzung ist es laut Fußballregeln aber nicht mehr möglich, noch eine Karte zu zeigen. Anders gesagt: Der Schiedsrichter hätte den Platzverweis nur vor der Ausführung des Freistoßes infolge des Handspiels von del Piero verhängen dürfen; er bekam das Signal seines Assistenten – dem wiederum der so genannte Vierte Offizielle am Spielfeldrand mitgeteilt hatte, was geschehen war – jedoch mit Verspätung und unterbrach die Partie daher auch erst einige Zeit nach Zidanes Attacke. Die Spielregeln sehen es in solchen Fällen vor – so kurios das auch ist –, dass der betreffende Spieler trotz seiner Tätlichkeit weiterhin mitspielen darf und nur noch in dem Spielbericht vermerkt werden kann, den der Referee nach jedem Match anzufertigen hat. Gesperrt wird der Delinquent anschließend trotzdem.

Doch das Endspiel einer Fußball-WM zu wiederholen, wäre zweifellos arg unverhältnismäßig gewesen, und ein Interesse daran hatten weder die unterlegenen Franzosen – die die Einspruchsfrist wohl genau deshalb auch verstreichen ließen – noch die sonst für unangenehme Überraschungen jedweder Art berüchtigten Bürokraten der FIFA. Gelegenheit zur Revanche besteht für Frankreich dennoch: In einem Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2008 trifft die Equipe Tricolore am heutigen Mittwochabend in Paris erneut auf den Weltmeister. Zidane ist nicht dabei; er hat seine Karriere bekanntlich inzwischen beendet, wäre wegen seiner roten Karte im WM-Finale jedoch ohnehin nicht spielberechtigt gewesen. Und auch Materazzi wird fehlen: Er wurde wegen seiner Provokation im Endspiel nachträglich für zwei Länderspiele gesperrt. Einer wird darüber vermutlich nicht unglücklich sein: der Schiedsrichter. Der heißt Herbert Fandel, kommt aus Deutschland – und wird sich gewiss noch einmal durchgelesen haben, bis wann er im Fall der Fälle eine Karte zücken darf.

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