Tag der deutschen Heimat

„Thema auf grausame Weise verfehlt“, „darf nicht passieren“, „Schande“, „mangelnde Sensibilität“, „hat dem Ansehen Deutschlands geschadet“die (abgebrochene) Rede des stellvertretenden Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Hermann Schäfer, zur Eröffnung des Kunstfestes in Weimar am vergangenen Freitag hat empörte Reaktionen im deutschen Politikbetrieb hervorgerufen. Monika Griefahn, sozialdemokratische Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, forderte Schäfer gar zum Rücktritt und zur Rückgabe seines Professorentitels auf. Der hatte nicht über das Konzentrationslager Buchenwald gesprochen, sondern vor allem über die Vertreibung der Deutschen. Ein Skandal? Sicher. Doch aufgeregt haben sich größtenteils diejenigen, die besser geschwiegen hätten. Denn der Ministerialdirektor tat nur das, was von ihm verlangt worden war, und sagte dabei nichts, was hierzulande nicht ohnehin längst Konsens ist. Genau darin liegt das eigentliche Problem – das jedoch niemand hatte.

Am 8. März dieses Jahres hatte sich die Intendantin des jährlichen Weimarer Festivals, Nike Wagner – eine Urenkelin von Richard Wagner –, mit der Bitte an Schäfer gewandt, das „rituell (!) wiederkehrende Gedenk-Konzert“ im August „rhetorisch einzuleiten“. Für diese Aufgabe qualifiziere ihn, so Wagner, „vor allem“ die von ihm verantwortete Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ im Bonner Haus der Geschichte. Wörtlich heißt es in der Einladung: „Es wäre dem Kunstfest Weimar eine große Ehre, wenn Sie, verehrter Herr Prof. Schäfer, im Jahr 2006 diese Funktion übernehmen würden. Flucht und Vertreibung – Vertreibung und Vernichtung – markieren auch heute noch die Schicksale von Millionen Menschen. Wir müssen uns weiterhin diesem Thema stellen. Geschichte durchdringt die Gegenwart.“ Aus diesen Zeilen ist nicht herauszulesen, dass Schäfer speziell Bezug auf den Nationalsozialismus nehmen sollte; ganz im Gegenteil verliert sich die Themenstellung im diffusen Gegenwartsbezug eines „auch heute noch“ und „Geschichte durchdringt die Gegenwart“. Woran dachte Nike Wagner also? An Jugoslawien? An Ruanda? An die Palästinenser?

Volkhard Knigge, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, war im Vorjahr die Aufgabe zugekommen, das Kunstfest „rhetorisch einzuleiten“; eine „fabelhafte Rede“ habe er gehalten, befand die Geschäftsführerin der Festspiele, Franziska Gräfin zu Castell-Castell. Knigge hatte sich seinerzeit nicht lange mit der Vorrede aufgehalten: „Ich will hier und heute nicht über Gräuel und Leid sprechen. Die von Deutschen zu verantwortenden Gräuel und das von Deutschen verursachte Leid sind ausführlich beschrieben worden. Gräuel und Leid setze ich deshalb als bekannt voraus“, hatte er sich konkretere Ausführungen gespart, sodann darauf verwiesen, dass die deutsche Geschichte nicht nur Schattenseiten gehabt habe – „Zum Äußersten gehört, dass Weimar und Buchenwald keine Gegensätze sind, sondern einander ergänzende ‚Kultureinrichtungen’“ –, und schließlich von der „entfesselten Weltmarktlogik“ schwadroniert, die „die Lebenslage von immer mehr Menschen“ heute fast so „prekär“ mache wie einst im Lager. Niemand nahm Anstoß an diesen NS-Verharmlosungen – im Gegenteil.

Ob Schäfer Knigges Ansprache kannte, ist nicht überliefert; er beteuerte hernach jedoch, ihm sei versichert worden, dass es bei der Veranstaltung „Gedenken Buchenwald“ ganz „allgemein um Erinnerungskultur“ gehe. „Bei dem Rahmenprogramm zur Eröffnung der Weimarer Festspiele habe ich mich mit meiner Rede thematisch genau an die Vorgaben der Leiterin der Festspiele, Nike Wagner, gehalten“, sagte er – und hatte damit Recht. Dennoch entschuldige er sich; es liege ihm fern, Opfer des Nationalsozialismus zu relativieren: „Ich hätte sie stärker in die Rede einbinden können, und ich hätte es wahrscheinlich auch tun müssen.“ Er habe nicht gewusst, dass in den ersten Reihen der Veranstaltung „auch KZ-Opfer sitzen“. Um nicht missverstanden zu werden: Das letztgenannte Argument ist selbstverständlich keines; auch wenn kein einziger Überlebender des nationalsozialistischen Terrors der Rede beigewohnt hätte, wäre sie nicht besser gewesen. Aber darum geht es letztlich gar nicht; vielmehr fällt der Skandal auf die Verantwortlichen des Kunstfestes selbst – zuvörderst Nike Wagner – zurück, die Schäfers Einladung zu verantworten hatten und die gewusst haben müssen, wen sie da als Redner einladen: Der Historiker Hermann Schäfer ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen des Bundes der Vertriebenen (BdV); er war Präsident der Bonner Stiftung Haus der Geschichte und zuständig für die Gestaltung der dortigen Ausstellung Flucht, Vertreibung, Integration. Seit Februar dieses Jahres leitet er die Abteilung Kultur und Medien bei Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU).

Ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin einzurichten, ist seit einigen Jahren das Projekt des BdV; Schäfer (Foto) befürwortet dieses Ansinnen und ist sozusagen das Bindeglied zwischen der Vertriebenenvereinigung und der Bundesregierung. Zu der von ihm verantworteten Ausstellung heißt es auf der Internetseite des Deutschen Historischen Museums in Berlin einleitend: „Durch den vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg erreichen Flucht und Vertreibung eine neue, erschreckende Dimension. Die Deutschen sind mit bis zu 14 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen am stärksten betroffen. Ihre Eingliederung stellt Nachkriegsdeutschland vor eine große Herausforderung, ihr Schicksal ist Thema bis in die Gegenwart.“ Und die Stiftung selbst beschreibt ihren Zweck wie folgt: „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, in Berlin eine Dokumentationsstätte zu schaffen, die im geschichtlichen Kontext das Schicksal der deutschen Vertriebenen und die Veränderungen Deutschlands durch ihre Integration sowie Vertreibungen und Genozid an anderen europäischen Völkern im 20. Jahrhundert in einem Gesamtüberblick erfahrbar macht.“ Darüber hinaus wolle man „mithelfen, eine europäische Erfahrung zu formulieren [und] in konstruktivem Dialog mit den Nachbarvölkern die gemeinsame Vergangenheit aufarbeiten, um daraus Friedenspotenzial für die Zukunft zu schaffen. Über Trennendes hinaus soll das Verbindende herausgearbeitet werden.“

Es ist also mitnichten der klassische Geschichtsrevisionismus, der sich hier Bahn bricht; auch Schäfer bediente ihn nicht, wie noch zu zeigen sein wird. So gut wie niemand versäumt heute den Hinweis darauf, dass es die Nazis waren, die den Krieg angezettelt und in dessen Gefolge die Vertreibungen ausgelöst haben. Bei diesen Selbstdarstellungen handelt es sich vielmehr um Plädoyers für eine Art Europäisierung des Vertreibungsleids und vor allem für eine Universalisierung der Shoa, die Sören Pünjer bereits vor drei Jahren in der Zeitschrift Bahamas auf die Formel brachte: „Am deutschen Wesen nach Auschwitz soll die Welt genesen.“ Es ist dies der von Pünjer so bezeichnete „Ausdruck einer internalisierten, wahnhaften moralischen Überlegenheit“, die „nicht mehr die Last der Geschichte zum Ausdruck bringt, sondern eine neue Lust auf Geschichte, die sich zum Missionarseifer auswächst, der Welt den deutschen Weg zu einer von instrumenteller Vernunft entkoppelten, scheinbar interesselosen Moral aufzuzeigen“. Man tut als Deutscher die Dinge also immer noch und immer wieder ausschließlich um ihrer selbst willen:

„Die daraus abgeleitete moralische Verantwortung für die Welt gründet auf der Anmaßung des Status des Moralapostels unter den Staaten, der einen berechtige, sich seinem Schicksal nach Auschwitz hinzugeben, einem Schicksal, dem man nicht entfliehen könne. Dieses Schicksal ist zugleich der Auftrag, aus dem internationalen Copyright auf systematische Vernichtung moralischen Profit zu schlagen, sich selbst die Lizenz auf globale Gerechtigkeit auszustellen und mit den Lehren aus Auschwitz als geschützte Markenprodukte ‚Made in Germany’ weltweit hausieren zu gehen. Genau dahin führen notwendig alle Versuche, das Gedenken an die Shoah zu universalisieren. […] Im Gegensatz zu den USA, in denen das Gedenken an den Holocaust schon seit Jahren das nationale Geschichtsverständnis entscheidend mitprägt, und selbstredend Israel wird weltweit eine federführend von Deutschland ausgehende Entnationalisierung der Lehren aus Auschwitz begrüßt. Es ist alles andere als zufällig, dass die Fürsprecher dieser Universalisierung von Auschwitz von Walser über Finkelstein zu all den islamischen Revisionisten und Holocaustleugnern den Vorwurf erheben, die Shoa werde instrumentalisiert und einerseits von Israel ‚vereinnahmt’, anderseits von den USA ‚amerikanisiert’, was einem Affront gegen das ‚eigentliche’ Gedenken gleich komme.“

Um dieses „eigentliche Gedenken“ muss es Nike Wagner zu tun gewesen sein, als sie Hermann Schäfer als Redner einlud: Es ging ihr gerade nicht um die spezifisch deutsche Tat, die auch in Buchenwald eine Filiale hatte, sondern eben ganz verallgemeinernd um „Flucht und Vertreibung – Vertreibung und Vernichtung“, die „auch heute noch die Schicksale von Millionen Menschen“ markierten. Wer wüsste das besser als die Deutschen, die „mehr als alle anderen ihre Geschichte aufgearbeitet“ hätten, wie Schäfer in seiner Rede Wagners Auftrag völlig richtig verstand? „Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft für ein Volk“, zitierte er zu Beginn ohne mit der Wimper zu zucken den Shoa-Überlebenden Elie Wiesel (Foto); „wir“ seien daher „den Opfern verpflichtet“ – gerade „als Deutsche“. So sprach der stellvertretende Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, geißelte das „brüchige Fundament“ der Wehrmachtsausstellung und rühmte im Gegenzug die französische Debatte über das „Schwarzbuch des Kommunismus“ beiläufig, aber vermutlich nicht zufällig in der Nähe eines ehemaligen Konzentrationslagers, dessen Häftlinge zu einem nicht geringen Teil Kommunisten waren.

Und so ging es weiter und weiter: Ob Empathie mit „Millionen Menschen“ möglich sei, fragte Schäfer – und nannte nicht die ermordeten Juden, sondern die „zwölf bis vierzehn Millionen Deutschen“, die „Vertriebenen“, die „Opfer waren, das können wir heute ohne Scheu sagen“. Auf die der Nationalsozialismus „mit brutaler Konsequenz“ zurückgeschlagen habe. Sören Pünjer hielt bereits 2003 die Motivation solcher Ideologeme fest: „Es geht nicht darum, den Verlauf der Geschichte in Frage zu stellen, und auch nicht darum, zu leugnen, wer angefangen hat und wer nicht. Diskreditiert wird vielmehr das Interesse an dergleichen Unterscheidungen als ein ewiggestriger Anachronismus in einer vom deutschen Versöhnungsgedanken erfüllten Welt. In der soll es nämlich keine ‚einfache’ Unterscheidung von Opfer und Täter mehr geben, weil alle Opfer und Täter zugleich seien.“ Und weil das so ist, brachte Schäfer auch die „Flucht und Vertreibung in Jugoslawien“ zur Sprache, die „viele Deutsche an ihre Geschichte erinnert“ hätten. Denn worum ging es 1999 noch gleich? Richtig: um die Verhinderung von „Konzentrationslagern“ (Rudolf Scharping) und eines „zweiten Auschwitz“ (Joseph Fischer). Um die Universalisierung der Shoa also, auch wenn Schäfer das nicht explizit sagt.

Dafür betonte er umso stärker die „weißen Traditionslinien der deutschen Geschichte“ – die da in Bezug auf den Ort seiner Rede, Weimar, hießen: Goethe, Schiller und die „erste Demokratie“, allesamt „Sternstunden unserer Geschichte“ – gegenüber den „schwarzen“. Diese „hellen Seiten“ seien unabdingbar für „unsere Identität“, die „wir“ in der Erinnerung finden müssten. Und dies auch und gerade in Zeiten der Offenbarung eines Günter Grass, der sich „als junger Mensch freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hat und in der SS gelandet ist.“ Doch „das sind viele andere auch“, und daher „wundert es mich wenig, dass er ein begeisterter Anhänger des Dritten Reiches war“. Denn – und das hat schließlich schon der Papst unlängst in Auschwitz gesagt – „wie viele andere Jugendliche wurde auch er verführt.“ „Schockierend“ sei daher nicht dieser Umstand, sondern nur der, „dass er sich jahrzehntelang an dieses Detail seiner Geschichte nicht erinnern konnte“. Oder wollte. Aber wer will das schon so genau wissen, wenn es darum geht, „gemeinsam die Kraft [zu] finden, uns unserer historischen Verantwortung zu stellen und die schwarzen und die weißen Traditionslinien unserer Geschichte zu vergegenwärtigen“?

Der viel zu früh verstorbene Publizist Eike Geisel brachte die hinter diesen Sätzen stehende Logik schon zu Beginn der 1990er Jahre auf den Punkt: „Jede Untat hat auch ihre guten Seiten. Der Dieb stiehlt, damit wir das Privateigentum verteidigen, der Mörder mordet, damit wir das Gewaltmonopol des Staates anerkennen. Jedes Laster verweist auf die Tugend: ohne Verbrechen also keine Moral. In den Zustand dieser prästabilisierten Harmonie von Gut und Böse ist mittlerweile auch die jüngere deutsche Geschichte aufgestiegen, nachdem allgemein anerkannt ist, ‚dass Deutschland der Welt viel mehr geschenkt hat, als Auschwitz je kaputt machen könnte’ (Schönhuber).“ Die Deutschen seien also nicht „unheilbar krank“, sondern im Gegenteil „unheilbar gesund“. Da ist es nur konsequent, dass die Bundesregierung vorübergehend anordnete, am „Tag der Heimat“ – der am 2. September einmal mehr vonstatten geht und dem auch der Bundespräsident seine Aufwartung macht – alle Dienstgebäude des Bundes zu beflaggen und darüber hinaus auch die KZ-Gedenkstätten. Seit dem fröhlichen Patriotismus bei der Fußball-Weltmeisterschaft gibt es bekanntlich ohnehin kein Halten mehr, wenn es um Schwarz-Rot-Gold geht. Der Erlass wurde mittlerweile kassiert; beim seinem Verschicken sei ein „technisches Versehen“ passiert, was auch immer das heißen mag.

Dass Hermann Schäfer seine Rede abbrechen musste, weil er von Teilen des Publikums dazu gezwungen wurde, ist gut. Die Empörung und Fassungslosigkeit der Überlebenden, die keine Lust hatten, sich ihre Biografien denen der Täter gleichstellen zu lassen, führte zu diesem Schritt. Die Aufregung der Wagners (Foto), Knigges, Thierses, Rürups und Griefahns hinwiederum ist wohlfeil: Sie alle sind verantwortlich für die Erinnerungskultur, also die „populäre, konsensheischende Forderung, sich auf eine allgemeine Definition für Vertreibungen weltweit zu einigen, deren Stichwortgeber die Deutschen sind und die notwendig in der heutigen Weltkonstellation nur einen Verlierer kennen wird: Israel. Und einen Gewinner: die zu den Sudetendeutschen des Nahen Ostens aufgenordeten Palästinenser“ (Sören Pünjer). Charlotte Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, konstatierte in einem Interview mit dem Spiegel eine „absolute Anti-Stimmung gegen Juden“ in Deutschland. Doch die war in Weimar selbstverständlich nicht der Rede wert – wir sind schließlich alle Opfer.

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