Das Leben des Brian II

Bisweilen lässt sich das Weltgeschehen nur mit einer gehörigen Portion Galgenhumor ertragen – sofern die Realität überhaupt noch von einer allenfalls mittelprächtigen Satire zu unterscheiden ist. Denn wenn sich etwa Hizbollah-Führer Hassan Nasrallah als Friedensfürst geriert, die UN-Truppen im Libanon Blinde Kuh spielen oder der Iran beteuert, seine Nuklearpläne dienten ausschließlich „friedlichen Zwecken“, bleibt einem das Lachen schon mal im Halse stecken. Dennoch gelingt es manchen, selbst in nicht besonders komischen Zeiten Glanzlichter zu setzen – wie etwa den Cartoonisten Chris Britt und Bob Englehart* oder dem Weblog ScrappleFace**:

„Nur Stunden nachdem der Iran ein neues Kraftwerk eröffnet hat, in dem Plutonium ‚für friedliche Zwecke’ erzeugt werden kann, versicherte US-Präsident George W. Bush seinem iranischen Pendant, dass jeder B-2-Bomber, der in naher Zukunft über Teheran erscheint, ebenso friedlichen Zwecken diene. Präsident Mahmud Ahmadinedjad zerschnitt am Samstag das Band für einen neuen Schwerwasserreaktor als Zeichen einer seit Monaten währenden Anerkennung der Wirksamkeit der Vereinten Nationen. Bush begrüßte die ‚transparente Diplomatie’ des Iran und sagte: ‚Ich habe Präsident Ahmadinedjad heute angerufen, um ihm zu gratulieren, und ich habe ihm mitgeteilt, dass er, wenn er zufällig einen dieser Tarnkappenbomber mit etwa 600 Meilen pro Stunde seine Stadt überfliegen sehe, davon ausgehen könne, dass der Pilot nur die besten Absichten für den Weltfrieden in seinem Herzen trägt.’ ‚Es gibt nichts Besseres als einen B-2, wenn es darum geht, dem Frieden eine Chance zu geben’, fügte Bush hinzu.“

Bei den Mullahs wird man darüber die Mundwinkel wohl kaum verziehen; eher schon dürfte sich dort ein breites und zufriedenes Grinsen einstellen, sollte irgendjemand die jüngsten Ergüsse des taz-Korrespondenten bei der UNO in Genf, Andreas Zumach, übersetzt haben. Denn dem scheint es in der gemächlichen Schweiz langweilig zu werden; ein Job in Ahmadinedjads Propagandaabteilung verspricht da allemal mehr Action, weshalb er schon mal sein Bewerbungsschreiben aufgesetzt hat:

„Irans Ablehnung der UNO-Resolution muss nicht zu Sanktionen führen. Denn: Diese Ablehnung kommt den Forderungen nach Kontrolle des Atomprogramms weit entgegen. […] Tatsächlich bietet das umfangreiche Verhandlungsangebot, in das die iranische Führung ihr Nein verpackt hat, eine große Chance. Ja vielleicht ist es sogar die letzte Chance, endlich aus der unheilvollen Logik der Konflikteskalation auszubrechen. […] Zudem wiederholt die iranische Regierung in dem Verhandlungsangebot bereits früher erhobene, völlig legitime Forderungen, etwa nach militärischen Nichtangriffsgarantien der USA. Zugleich macht Teheran eine Reihe von Kooperationsangeboten, die über die Beilegung des Streits um das iranische Atomprogramm hinaus zur Entschärfung und Lösung der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten beitragen könnten.“

Appeasement? Ach wo! Bloß der konstruktive Vorschlag eines Bescheidwissers, der nur zu gerne endlich ganz offen vom kleinen und großen Satan schreiben würde und dabei selbstredend nicht an die Hizbollah und den Iran denkt, sondern an die, sagen wir, üblichen Verdächtigen. Eine gewisse Faktenresistenz scheint in jedem Fall die Lohntüte nicht leerer zu machen, sondern im Gegenteil geradezu Bedingung zu sein, wenn es in Deutschland und Europa ums eigene Fortkommen geht. Denn die Welt darf sich nicht ändern, und wenn sie in Scherben fällt. Daher wird man nicht nur in der Berliner Kochstraße nun auch mit einer Institution hart ins Gericht gehen müssen, die man aus dem Irak-Krieg eigentlich lieb gewonnen hatte: der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nämlich. Schließlich zeigt El-Baradeis Verein erste Anzeichen politischer Unzuverlässigkeit:

„‚Die Iraner haben die Forderung des UN-Sicherheitsrates nach einem Stopp der Anreicherung bislang glatt ignoriert’, sagte ein IAEA-Diplomat in Wien dem ‚Handelsblatt’. IAEA-Generaldirektor Mohammed El-Baradei muss am 31. August dem UN-Sicherheitsrat Meldung erstatten. ‚Darin wird er wohl die starre Haltung der Iraner beschreiben’, sagte der Diplomat, der nicht genannt werden will. In seiner Resolution von Ende Juli hatte der UN-Sicherheitsrat von Teheran verlangt, alle Aktivitäten zur Anreicherung von Uran bis zum 31. August einzustellen. Zudem fordert das oberste UNO-Gremium von Teheran, mit den IAEA-Inspektoren im Iran voll zu kooperieren. Genau dies verweigert die Regierung in Teheran. Gestern betonte Staatspräsident Mahmud Ahmadinedjad erneut, für sein Land kämen ‚keine Kapitulation und keine Kompromisse’ gegenüber der UNO in Frage.“

„Was tun?“, sprach Zeus, kippte seiner Ehefrau und Schwester Hera noch ein Glas Rotwein ein und ließ seinen Sohn Hephaistos einen Plan schmieden, der ökonomische Sanktionen vorsieht, um die Kapitulation zu verzögern. Es ist nicht überliefert, ob Mahmud Ahmadinedjad sich in der griechischen Mythologie auskennt, aber falls doch, könnte er Zeus’ Vater Kronos zum Vorbild erkoren haben, mit dem Unterschied allerdings, dass er seinen Appetit nicht mit einem in eine Windel gewickelten Stein zu zügeln gewillt ist. Denn ihm geht es um mehr: um alles, wie nicht zuletzt der „Holocust“-Wettbewerb (nein, kein Tippfehler) zeigt – und das Begleitprogramm dazu in Form einer internationalen Konferenz, die gewiss nicht zufällig unmittelbar nach dem Tag der Menschenrechte beginnen soll. Auch das ist kein schlechter Scherz, sondern heiliger Ernst. Aber das begreift man im Cockpit einer B-2 wohl eher als bei Annans zu Hause, in den Amtssitzen Old Europes oder in den Redaktionsstuben deutscher Alternativblätter.

* Von Chris Britt stammt der erste Cartoon in diesem Beitrag; er wurde im State Journal Register veröffentlicht. „Mit Photoshop verändertes Bild eines Hizbollah-Kämpfers“ steht im oberen Teil des Bildes, „unverändertes Bild“ im unteren. Aus der Feder von Bob Englehart floss die zweite Zeichnung, die in The Hartford Courant abgedruckt wurde. Die Bildunterzeile lautet: „Ich weiß nicht, wo die herkommen. Israel existiert nicht!“ Zur Vergrößerung der Cartoons aufs jeweilige Bild klicken.
** Übersetzung: Liza

Hattips: Club Iranisch-Europäischer Filmemacher (CIEF), Mona Rieboldt, Spirit of Entebbe

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