Eine deutsche Leidensgeschichte

Was für eine Aufregung im selbst ernannten Land der Dichter und Denker: Ihr letzter Träger des Nobelpreises für Literatur – ein Mitglied der Waffen-SS! Reichlich 61 Jahre nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus hatte Günter Grass sein Coming Out: „Es musste raus“, begründete er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung* seinen autobiografischen Sommerschlussverkauf, der in Kürze im Dutzend billiger über die Ladentische gehen und sich „Beim Häuten der Zwiebel“ nennen wird. Aber warum erst jetzt?, fragt man sich nun allenthalben. Und: Was haben wir davon zu halten?

Drei Antworten auf die erstgenannte Frage liegen dabei recht nahe. Erstens: Die Geschichte ist skandalumwittert und verspricht daher einen maximalen Verkaufserfolg – wer würde nicht gerne wissen, warum ein als kritischer Intellektueller und moralische Instanz geltender Schriftsteller erst jetzt damit herausrückt, nicht oder nicht bloß ein Flakhelfer gewesen zu sein, wie bisher von ihm behauptet? Zweitens: Der von Grass so lange herbeigesehnte Nobelpreis wäre ihm ziemlich sicher nicht verliehen worden, hätte er seine Vergangenheit in einer Elitekampftruppe der Nazis schon früher offenbart. Drittens: Grass ist fast achtzig Jahre alt und hat deshalb nicht mehr ewig Zeit, um selbst etwas zu lancieren, was sonst andere irgendwann möglicherweise zum Thema gemacht hätten. Keiner dieser Gründe wird von dem Romancier angeführt, wiewohl sie schlechterdings nicht von der Hand zu weisen sind. Stattdessen spricht Grass lieber von der „gewissen Überwindung“, die es ihn gekostet habe, seine Erinnerungen aufzuschreiben, und von einem „Makel“, der ihn „bedrückt hat und über den ich nicht sprechen konnte“.

Nun redet er und schildert, wie er das „Antibürgerliche“ des Nationalsozialismus als reizvolle Rebellion gegen sein Elternhaus begriffen habe; dass die Waffen-SS für ihn „zuerst einmal nichts Abschreckendes, sondern eine Eliteeinheit [war], die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war, und die, wie sich herumsprach, auch die meisten Verluste hatte“; dass er gleichwohl versucht habe, sich um die „Hundsschleiferei“ bei seiner „Einheit“ zu drücken und doch bis zu den Nürnberger Prozessen davon überzeugt gewesen sei, dass die Shoa eine Erfindung der Alliierten gewesen sein musste. Hernach brach ein „Schuldgefühl als Schande“ über ihn herein und hieß ihn jahrzehntelang schweigen – bis jetzt. Doch seine heutige Erinnerung weist ausgerechnet dort Lücken auf, wo sie besonders interessant wäre: „An der Stelle wird’s undeutlich, weil ich nicht sicher bin, wie es war: War es schon am Einberufungsbefehl zu erkennen, am Briefkopf, am Dienstgrad des Unterzeichners? Oder habe ich das erst gemerkt, als ich in Dresden ankam? Das weiß ich nicht mehr“, entgegnet Grass auf die Frage der FAZ, wann er denn erkannt habe, bei welcher Truppe er auf seine freiwillige Meldung hin gelandet sei.

Das konformistische Aufbegehren gegen seine „opportunistischen“ Erziehungsberechtigten und die „Enge der Familie“ war also durchaus eine bewusste Entscheidung, als sich der junge Günter mit fünfzehn der Hitlerjugend anschloss und zwei Jahre später zu höheren Aufgaben berufen fühlte, aber das Danach fiel einer seltsamen Amnesie anheim: „Ich habe mich gemeldet […] und danach den Vorgang als Tatsache vergessen. So ging es vielen meines Jahrgangs: Wir waren im Arbeitsdienst, und auf einmal, ein Jahr später, lag der Einberufungsbefehl auf dem Tisch. Und dann stellte ich vielleicht erst in Dresden fest, es ist die Waffen-SS.“ Dafür erinnert er sich umso genauer daran, wie es nach dem Krieg war – 1990 etwa, als Grass in seinem Essay „Schreiben nach Auschwitz“ wusste:

„Als ich siebzehn Jahre zählte und mit hunderttausend anderen in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager unter freiem Himmel in einem Erdloch hauste, war ich, weil ausgehungert, mit gieriger Schläue einzig aufs Überleben bedacht, doch sonst ohne Begriff. Mit Glaubenssätzen dumm gehalten und entsprechend auf idealistische Zielsetzungen getrimmt, so hatte das Dritte Reich mich und viele meiner Generation aus seinen Treuegelöbnissen entlassen.“

Der Publizist Leo Ginster kommentierte diese Einlassungen bereits vor mehr als zwei Jahren treffend: „Das Bild des Soldaten im Erdloch, unter freiem Himmel, ausgehungert und im Leben bedroht, lange und aus guten Gründen mit in deutscher Kriegsgefangenschaft darbenden Sowjetsoldaten assoziiert, verkehrt Grass, von empirischer Relevanz nicht zu beirren, zur deutschen Leidensgeschichte. Die behaupteten Gräuel wurden ihm von Amerikanern angetan; er wird sie ihnen nicht verzeihen.“ Der Dichter sieht sich also als Opfer der Verhältnisse, der Rahmenbedingungen; seine Begeisterung für den Nationalsozialismus gerinnt zur lässlichen Sünde eines unreifen Adoleszenten. Die Lehre daraus lautet: Nie wieder Krieg! Und so kann der vom Nazi zum Pazi Geläuterte heute in der FAZ verkünden:

„Wenn ich im Stillen dachte, jetzt ist das alles so lange her, hat uns unsere Vergangenheit doch immer wieder eingeholt. Wir haben gelernt, damit zu leben und uns dem zu stellen. Das sehe ich als eine Leistung an, auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Schauen wir nur nach England oder Frankreich, von Holland und Belgien gar nicht zu reden: Die Zeit der Kolonialherrschaft und die damit verbundenen Verbrechen sind dort wie ausgespart. Wahrscheinlich ist – auch das wieder eine Ironie der Geschichte – so etwas wie eine totale Niederlage Voraussetzung für eine solche Leistung. Ich habe das einmal an anderer Stelle gesagt: Siegen macht dumm. Die Sieger denken, sie müssten sich nicht um die Sünden der Vergangenheit kümmern, aber auch die Sieger werden davon eingeholt.“

Noch einmal zum Mitschreiben: Die „totale Niederlage“ ist eine „Voraussetzung“ für eine „Leistung“, die darin besteht, mit „unserer Vergangenheit“, die „uns doch immer wieder einholt“, „zu leben und uns dem zu stellen“. Verlieren macht nämlich wahnsinnig klug, während die, die für diese „Niederlage“ gesorgt, das heißt die Menschheit von der Barbarei des Nationalsozialismus befreit haben, daran blöd wurden – weshalb sie von den schlau gewordenen Deutschen desto mehr auf ihre „Sünden der Vergangenheit“ hingewiesen werden müssen, als kleines Dankeschön gewissermaßen. Fürwahr eine Gehirnakrobatik, die jedoch weniger einer „Ironie der Geschichte“ folgt, wie Grass meint, sondern weitaus eher dem Versuch geschuldet ist, selbst aus einer Zugehörigkeit zu einem Verbecherkollektiv noch politisches Kapital schlagen zu können. Neu sind des Dichters Gedanken jedoch nicht, wie auch Gregor Dotzauer im Tagesspiegel befindet:

„Hat Grass seine jetzigen Enthüllungen womöglich schon 2002 mit dem Roman ‚Im Krebsgang’, einer reich orchestrierten Übung in Sachen Erinnerung vorbereitet? Zusammen mit Jörg Friedrichs historischem Buch ‚Der Brand’ verschob der Roman die Selbstwahrnehmung der Deutschen als reines Tätervolk im Zweiten Weltkrieg zu einem Volk, das auch gelitten hat. Der Anfang vom Abschied von der Schuld: Das macht Grass sein Eingeständnis womöglich leichter.“

Diese „Selbstwahrnehmung der Deutschen“ als „Volk, das auch gelitten hat“, existiert jedoch nicht erst seit vier Jahren, sondern schon weitaus länger, und Günter Grass bietet dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Bereits in amerikanischer Kriegsgefangenschaft lernte er, dass seine Landsleute zwar, sagen wir, eine Menge Dreck am Stecken hatten, aber er sah „gleichzeitig, wie in den amerikanischen Kasernen die Weißen die in getrennten Baracken untergebrachten Schwarzen als ‚Nigger’ beschimpften. […] Ich will nicht sagen, dass das ein Schock war, aber auf einmal war ich mit direktem Rassismus konfrontiert“. Ganz im Gegensatz zu seiner Zeit bei der Waffen-SS, für die es so etwas bekanntlich nicht gab. Also wurde Grass dank der US-Army zum überzeugten Antirassisten – wie man überhaupt feststellen darf, dass Auschwitz dem Schriftsteller nicht deshalb unfasslich ist, weil der massenhafte Wahn des Antisemitismus und die Vernichtung um ihrer selbst willen nicht zu rationalisieren sind, sondern weil Grass sich weigert, die deutsche Tat wenigstens fragmentarisch zu reflektieren, resümierte auch Leo Ginster:

„Es ist eine erfolgreiche und folgenreiche Operation in moralischer Absicht, Auschwitz dem Kulturerbe der Menschheit zu überantworten; das ‚Unbegreifliche’, was doch als deutsche Tat bestimmbar ist, zum Problem der westlichen Zivilisation im Allgemeinen zu stilisieren. Das Tor, Auschwitz überall zu entdecken, ist geöffnet; Grass nutzt dies lebenslänglich. Diese Entlastungsstrategie funktioniert. Die Frage nach dem ‚Warum’ braucht, da sie laut Grass nicht beantwortet werden kann, auch nicht gestellt zu werden. Auschwitz wird (aus-)schließlich zu einer Frage universaler Moral verdichtet.“

Eine universale Moral, die Grass schon in jungen Jahren gegen Theodor W. Adorno und dessen Erkenntnis aufbrachte, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben: „Geradezu widernatürlich kam mir Adornos Gebot als Verbot vor; als hätte sich jemand gottväterlich angemaßt, den Vögeln das Singen zu verbieten“, schrieb er Anfang der 1950er Jahre gegen einen jüdischen Intellektuellen an, der ein Schweigen erbat, wo Grass’ Generation, von keinerlei Zweifeln an der Menschheit gepeinigt, weiter ihre Lieder zwitschern wollte. Der Nobelpreisträger fand in der Gruppe 47 ein Podium, einem Zusammenschluss linker deutscher Dichter mithin, dessen Wirken von Kriegserinnerungen geprägt war – den eigenen, versteht sich, nicht von jenen überlebender jüdischer Literaten, denen die Gruppe mit „aggressiv belehrender Rechthaberei in jüdischen Angelegenheiten“ und einem „‚intellektuell’ verbrämten neudeutschen Barbarentum“ begegnete, wie es Klaus Briegleb formulierte. Als beispielsweise Paul Celan (Foto) in dem Zirkel seine Todesfuge vortrug, wurde ihm beschieden, er rede „wie Goebbels“ und trage „mit einem Singsang vor wie in einer Synagoge“. Noch im aktuellen FAZ-Interview erhebt sich Grass über ihn, als er auf Celans Hilfe beim Verfassen der Blechtrommel angesprochen wird:

„Ich habe ihm vorgelesen, und er fand das toll. Ein bisschen spielte wohl auch Eifersucht hinein, die hat er durchaus zugegeben, denn er hätte gerne selbst Prosa geschrieben. […] Aber meistens war er ganz in die eigene Arbeit vertieft und im übrigen von seinen realen und auch übersteigerten Ängsten gefangen.“

Ängste, die das ehemalige Mitglied der Waffen-SS nie nachvollziehen konnte; die es vielmehr für „übersteigert“ hielt und immer noch hält, zumal Auschwitz längst ganz woanders drohte: In der DDR etwa (so Grass 1961), in Vietnam durch die USA (1968), in Biafra und dem Südsudan (ebenfalls 1968) oder durch eine „atomare, stündlich mögliche Selbstvernichtung“, die „die Endlösung auf globales Maß“ erweitere (1990). Noch zu Zeiten der Studentenbewegung beklagte Grass die „moralische Defensive“ des „zerrissenen Deutschlands“, das doch nur „den ehrlichen Willen zu einer geläuterten nationalen Existenz hat“. Durch diese Läuterung, die sich der Denker längst selbst (an-) gedichtet hatte, fühlte er sich berufen, deutliche Worte zu sprechen, wo andere ihm viel zu defensiv agierten: 1967 etwa empörte er sich in Tel Aviv darüber, dass der „Antisemitismus der Eltern den Kindern zum gegenstandslosen Philosemitismus“ gerate, und Kritik an Deutschland blockte er ab, indem er erneut Auschwitz in einem Universalismus der Schuld aufgehen ließ:

„Kaum eine europäische Nation hat es gegeben, die sich nicht zeitweilig das Verbrechen zum politischen Verbündeten gewählt hatte. Die Jugend in meinem Land ist aufgeschlossen, höflich, beflissen, hilfsbereit, diskussionsfreudig; und wenn man sie nicht zwingt, stellvertretend für ein Deutschland zu sprechen, das sie nicht erlebt hat, sogar unverkrampft.“

Welch’ Weitsicht: Dreißig Jahre später übernahm diese Jugend sogar die Regierungsverantwortung, entdeckte im Kosovo Konzentrationslager und also ein „zweites Auschwitz“, baute das größte Mahnmal der Welt, auf dem sozusagen die heutige Jugend unverkrampft herumspringt, und bekämpfte mit Friedensaufmärschen diejenigen, die einfach nicht mit antisemitischen Diktatoren verhandeln wollen.

Grass folgte immer schon dem Bedürfnis, Juden im Allgemeinen und Israel im Besonderen seine weisen Ratschläge zu erteilen, und was er zu sagen hatte, besaß zeitlosen Wert: „Das Fehlverhalten beider Seiten erlaubt keine eindeutige Parteinahme. Nicht nur die arabische Seite, auch der Staat Israel (Regierung und Opposition) hat sich aus Sicherheitsbedürfnis fehl verhalten. Israel hat durch die schleichende Annexion der besetzten Gebiete den arabischen Staaten einen Vorwand für deren Angriff geliefert. Deshalb muss ein von der UNO und des Westeuropäern militärisch garantierter Frieden zwischen den Arabern und den Israelis implementiert werden“, unter Einbezug Deutschlands, das sich an seiner „Verantwortung“ nicht mehr „vorbeischwindeln“ könne. So sprach er 1971, doch diese Sätze könnten auch 1991 gefallen sein – oder kurz nach dem 11. September 2001, wie sich zeigen sollte: „Israel muss nicht nur die besetzten Gebiete räumen. Auch die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedelung ist eine kriminelle Handlung. Das muss nicht nur aufhören, sondern rückgängig gemacht werden.“ Dabei war es für Grass seit jeher selbstverfreilich nur „ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, dass ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren – weil ich ihm helfen will“. Bei solchen Freunden braucht es wahrlich keine Feinde mehr.

Fast schon unnötig zu erwähnen, dass sich zu derlei antizionistischer Rhetorik stets ein entsprechend aggressiver Antiamerikanismus gesellte: „Unsere amerikanischen Verbündeten setzen in Vietnam Kriegsverbrechen fort, die als deutsche Kriegsverbrechen vom Nürnberger Tribunal, also auch von amerikanischen Richtern, zu Recht verurteilt worden sind“, wusste der ehemalige Waffen-SSer 1968 die neuen Nazis zu benennen. Und als die USA nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon mit Militäroperationen gegen die Taliban begannen, kannte Grass den eigentlichen „Schurkenstaat“ und dessen „terroristische Vereinigung“ namens CIA. Logisch also, dass der deutsche Antifaschist auch im so genannten Karikaturenstreit Anfang dieses Jahres Position bezog und die Cartoons als „bewusste und geplante Provokation“ bezeichnete, die „rechtsradikal und fremdenfeindlich“ seien: „Ich empfehle wirklich allen, sich die Karikaturen einmal näher anzuschauen: Sie erinnern einen an die berühmte Zeitung der Nazi-Zeit, den ‚Stürmer’. Dort wurden antisemitische Karikaturen desselben Stils veröffentlicht.“ Die Muslime also als die Juden von heute, die eine „fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Aktion des Westens“ gegeben hätten: „Die islamische Welt hat den Prozess der Aufklärung nicht durchgemacht, sie befindet sich auf einer anderen Entwicklungsstufe. Und das muss man respektieren.“ Kulturrelativismus als praktizierter Antirassismus also.

Bliebe noch, die Frage nach dem Zeitpunkt von Grass’ Outing erneut aufzugreifen, zumal es verschiedene Kommentatoren bedauern, dass das Bekenntnis nicht schon früher erfolgte: „Was wäre gewesen, wenn Franz Schönhubers Waffen-SS-Traktat ‚Ich war dabei’ auf seine Gegenstimme gestoßen wäre, unter der Überschrift ‚Ich auch’? Wie wäre die Bitburg-Debatte verlaufen, wenn er sich damals erklärt hätte?“, fragte beispielsweise Frank Schirrmacher in der FAZ. „Wäre die Debatte nicht wahrhaftiger gewesen, wenn man gewusst hätte, dass aus einem verblendeten Mitglied der Waffen-SS (so stellt Grass selber sich dar), einem der Jugendlichen, die da lagen, einer wie er hätte werden können – nicht nur ein Verteidiger, ein Protagonist von Freiheit und Demokratie?“ Und auch Grass’ Biograf Michael Jürgs schüttelte den Kopf: „Man stelle sich nur vor: Eine Antwort von Günter Grass auf das unsägliche Bekenntnisbuch des Republikaner-Chefs Franz Schönhuber ‚Ich war dabei’ – womit er die SS meinte, begeistert begrüßt von den ewig Gestrigen – hätte gelautet: ich auch. Um dann zu begründen, warum das erst recht eine Verpflichtung für ihn sei, wo auch immer seine Stimme zu erheben und das Lied der Demokratie zu singen.“

Doch wer so spricht oder schreibt, trauert letztlich vor allem darum, für die Läuterung, die sich die Deutschen inzwischen selbstzufrieden bescheinigen, nicht schon einige Jahrzehnte früher Flankenschutz von einem bekommen zu haben, der es schließlich wissen muss. Denn in dieser Logik sind vormals bekennende Nazis die ultimativen Advokaten eines aufgeklärten Deutschlands, das seine Vergangenheitsbewältigung zum Standortvorteil macht und sie als unausweichliche Verpflichtung begreift, selbst daran zu gehen, überall dort die Einhaltung der Menschenrechte einzuklagen, wo sie angeblich verletzt werden. Und das geschieht nicht zufällig in erster Linie da, wo man die größten Hindernisse auf dem Weg zu einer Normalisierung – das heißt einer Historisierung und dadurch Banalisierung von Auschwitz – vermutet: in Israel und in den USA. Es ist also die Trauer darum, von einem Intellektuellen wie Grass nicht schon früher Sätze gehört zu haben wie jene bereits zitierten im FAZ-Interview: „Siegen macht dumm. Die Sieger denken, sie müssten sich nicht um die Sünden der Vergangenheit kümmern, aber auch die Sieger werden davon eingeholt.“

Grass hat mit seiner Beichte gewartet, bis die Zeit dafür reif war, die „Sieger“ offensiv auf ihre „Sünden der Vergangenheit“ hinweisen zu dürfen. Und die Chancen stiegen, als mit Rot-Grün 1998 eine politische Kraft zu Regierungsverantwortung kam, deren Personal geschichtsrevisionistischer Tendenzen unverdächtig schien, weil es doch zuvor stets die „Bewältigung“ eingeklagt hatte, deren Fehlen auch Grass immerzu monierte. Dreißig Jahre nach 1968 trat damit der schon seinerzeit vom Schriftsteller beschworene „ehrliche Wille zu einer geläuterten nationalen Existenz“ endgültig aus seiner „moralischen Defensive“ heraus und war nicht mehr nur das Charakteristikum einer sich kritisch-oppositionell dünkenden Intelligenzija, die es als ihre vornehmste Aufgabe begriff, Antiimperialismus, Antizionismus und Antiamerikanismus als die eigentlichen Konsequenzen aus der deutschen Tat Auschwitz zu präsentieren. Mittlerweile ist dieser Paradigmenwechsel vollzogen und scheint unumkehrbar. Grass muss deshalb nicht ernsthaft befürchten, mit seinem Bekenntnis, einer Einheit der Waffen-SS gedient zu haben, allzu viel Kredit zu verspielen, auch wenn ihn einige der Heuchelei zeihen. In der Retrospektive wird er als einer erscheinen, der nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Mitgliedschaft in einer nationalsozialistischen Mördertruppe zur moralischen Instanz geworden ist. Aus einem Malus ist 61 Jahre nach Auschwitz ein Bonus geworden, der das Lebenswerk eines antibürgerlichen, also konformistischen Rebellen erst richtig abrundet.

* Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche. Interview mit Günter Grass, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. August 2006 (Printausgabe; die Online-Version enthält nur Auszüge des Gesprächs)

Hattip: Gesine

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