Freunde des Grünhelms

Seit an dem angeblichen „Massaker von Kana“ begründete Zweifel geäußert wurden und der Nachrichtenagentur Reuters zudem nachgewiesen werden konnte, dass einer ihrer Fotografen mit manipulierten Bildern versucht hatte, die vermeintlich besonders grausame und rücksichtslose Art der israelischen Militäreinsätze zu dokumentieren, wird die Kritik an der Berichterstattung eines Großteils der etablierten Medien über den Krieg im Nahen Osten vernehmlicher, und es mehren sich die Stimmen, die Zeitungen und Fernsehsendern vorwerfen, an einer Hizbollywood-Inszenierung mitzuwirken. Es sind dabei vor allem Internet-Blogger, die allerlei Widersprüche, Ungereimtheiten und sogar Fälschungen ans Tageslicht bringen – und dadurch zunehmend zu einer Konkurrenz für die konventionelle veröffentlichte Meinung werden. Die geht damit unterschiedlich um: Einige nehmen die Recherchen auf und verfolgen sie weiter; nicht wenige jedoch reagieren wie ein angeschlagener Boxer und blasen zu einer recht unkontrollierten Gegenattacke.

Angesichts der offenkundig nachbearbeiteten Aufnahmen des Fotografen Adnan Hajj blieb der Agentur Reuters dabei gar keine andere Wahl, als die Flucht nach vorne anzutreten, ihren Mitarbeiter zu entlassen und seine Bilder aus den Datenbanken zu löschen. Das schmerzte auch die Printmedien und Internetportale, die etwa die Fotos vom scheinbar lichterloh brennenden Beirut oder dem angeblichen Raketenabwurf eines israelischen F-16-Kampfjets verbreitet und als Beweise für die zuvor schon behauptete unbarmherzige und ziellose Bombardierung der libanesischen Zivilbevölkerung herangezogen hatten. Dementsprechend müde gerieten hernach die Rechtfertigungen: Man könne nun mal nicht jedes Foto auf seine Authentizität hin untersuchen; die Arbeitsbedingungen der Journalisten seien hart und schlecht bezahlt; die Wirklichkeit – und das heißt in diesem Zusammenhang das vorgeblich unverhältnismäßige Agieren Israels – sei trotz der unechten Bilder nicht in Frage zu stellen. Doch es blieb ja noch die Geschichte von der auffällig fleißigen Rettungskraft mit dem grünen Helm in Kana, die anklagend die Leichen libanesischer Kinder in die Kameras streckte. Vor allem der britische Weblog EU-Referendum hatte akribisch recherchiert und war zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich bei „Green Helmet“ – wie auch bei einem kaum seltener zu sehenden Zivilisten, der „White Tee-Shirt“ getauft wurde – nicht um einen selbstlosen Helfer handelte, sondern um ein Hizbollah-Mitglied.

Das brachte Daniel Bax in der taz so richtig auf die Palme: „Ist der Hizbollah alles zuzutrauen? Im Internet jedenfalls blühen die Verschwörungstheorien zum Libanonkrieg. Bestätigt wurde bislang zwar noch keine – doch das kümmert die Blogger wenig“, leitete er seinen Beitrag mit der boulevardverdächtigen Überschrift „Die große Verschwörung“ ein, um dann gleich in die Vollen zu gehen: „Die israelische Armee behauptet, die Hizbollah würde ihre Raketen in Wohnhäusern und zivilen Gebäuden lagern. Mit diesem Argument versucht sie, die vielen zivilen Todesopfer zu rechtfertigen, die der Krieg im Libanon bislang gekostet hat.“ Das klingt nicht nur wie aus Flugblättern antiimperialistischer Terroristenfreunde abgeschrieben, das ist auch exakt so gemeint: „Selbst wenn der Hizbollah solche Kriegsverbrechen zuzutrauen sind: Bewiesen sind sie nicht.“ Vielmehr „kursierten in der vergangenen Woche allerhand Verschwörungstheorien um das Massaker von Kana, das die Weltöffentlichkeit schockiert hatte“. Verbreitet worden seien sie von „proisraelischen Bloggern rund um den Globus“ – „zionistische Agenten“ zu schreiben, hatte ihm wahrscheinlich die Redaktion verboten –, die „dahinter eine große Hizbollah-Verschwörung“ vermutet hätten, „um die Weltöffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen“.

Und die „Weltöffentlichkeit“ auf der Seite des jüdischen Staates – das darf auf gar keinen Fall sein, zumindest nicht für einen wie den Bax, der knapp drei Wochen zuvor bereits in einem Kommentar ein „Ungleichgewicht des Schreckens zwischen der Militärmacht einer hochgerüsteten High-Tech-Armee, die dabei ist, ein ganzes Land zusammenzubomben, und einer Guerilla-Armee, die mit ihrem Raketen eher ziellos in der Gegend umherzuschießen scheint“, beklagt und so die Hizbollah zu einer Truppe harmloser Freizeitschützen verniedlicht hatte, die sich demnach mit marodem Kriegsspielzeug gegen einen veritablen Vernichtungsfeldzug wehrt. David gegen Goliath also – und daher fand Bax die Enthüllungen der Blogger auch „makaber und geschmacklos“. Glauben hätte man ihnen ohnehin nur in Israel, den USA und den Redaktionsstuben der BILD-Zeitung geschenkt, bei den üblichen Verdächtigen also. Und was den Fotografen Hajj betrifft: Der wurde „nur entlassen, weil er Fotos nachträglich am Computer bearbeitet haben soll, was den Reuters-Richtlinien widerspricht“. Wäre er doch nur zur taz gekommen – da sieht man das alles nicht so eng und beschäftigt mit Mathias Bröckers seit einiger Zeit sogar einen Online-Projektleiter, für den die CIA und der Mossad hinter den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stecken. Verschwörungstheorien bedient so einer natürlich nicht; der stellt bloß Fragen, die anderen nicht einmal einfallen würden.

Doch nicht nur die Alternativpresse in der Berliner Kochstraße hat ein Problem mit allzu kritischen Bloggern, sondern auch die Zeit. Als „Medienrebellen“ wurden sie in dem bildungsbürgerlichen Wochenblatt geschmäht, die doch tatsächlich den Versuch gewagt hätten, den „‚kommerziellen Medien’ anti-israelische oder gar antisemitische Berichterstattung nachzuweisen“ – ein Vorwurf, den man selbstverständlich scharf zurückwies und zu diesem Behufe einfach umdrehte: Richard North, der Blogger von EU-Referendum, sei ein „stramm konservativer britischer Exsoldat“ – offenbar bereits ein Synonym für „unseriös“ –, den ansonsten zwar kaum jemand interessiere, der nun aber sozusagen über Nacht unfassbar mächtig geworden sein muss und „mit ein paar Einträgen eine weltweite Welle von Verschwörungstheorien“ ausgelöst habe – die zwar gar nicht existieren, wie noch zu zeigen sein wird, von denen sich die Zeit gleichwohl jedoch bedroht zu fühlen scheint. Dennoch ruderte sie gleich anschließend zurück und sprach eine Wahrheit aus, die ihr eigenes Urteil vollständig konterkarierte – doch wer weiß in diesen Zeiten schon noch, wo hinten und vorne ist? Also hieß es in Bezug auf die angeblichen globalen Konspirationsthesen: „Sie haben einen wahren Kern: Journalisten können im Südlibanon oft nur unter der strengen Aufsicht von Hizbollah arbeiten. Wie Fotografen berichten, wird mit Prügel bedroht, wer Fotos von Katjuscha-Raketen oder Hizbollah-Kämpfern macht. Nur das von Israel angerichtete Leid, nicht der Hizbollah-Terror soll sichtbar sein.“ Erstaunlich – zuvor hatte der Zeit-Beitrag noch kund getan, die in Kana recherchierenden Reporter hätten „vehement bestritten“, einer bühnenreifen Inszenierung von „Green Helmet“ aufgesessen zu seien, trotz der, nun ja, „strengen Aufsicht von Hizbollah“.

Bei so viel Verwirrung ist es gut, dass es noch Kollegen gibt, die nicht Kosten noch Mühen scheuen und den gefährlichen Weg gehen, sich trotz strenger Aufsicht und Drohungen mit körperlicher Züchtigung direkt mit dem der Lüge Bezichtigten ins Benehmen zu setzen. Das erleichterte denn auch die Zeit: „Erst der ‚stern’ brachte diese Woche den Gegencheck und enthüllt, dass ‚Green Helmet’ kein Hizbollah-Agent sei, sondern seit zehn Jahren beim Katastrophenschutz arbeite. Salam Daher, so sein Name, habe ein totes Kind für die Fotografen hochgehalten, um ‚endlich in Ruhe nach Überlebenden suchen zu können’.“ Der stern also – just jenes Magazin, das noch in der Vorwoche Julius Streicher wieder auferstehen lassen und auf seinem Titelblatt geschlagzeilt hatte: „Israel – Was das Land so aggressiv macht. Die Geschichte des Judenstaates.“ Da durfte man fürwahr gespannt sein, wie der vorgebliche „Gegencheck“ und die „Enthüllung“ ausfallen würden. Und das Klatschblatt enttäuschte seine Leser nicht*: „Propaganda-Opfer“, brüllte die Überschrift auf Seite 70 in großen Lettern, und dann darunter: „Wie ein Rettungshelfer aus dem libanesischen Kana als HISBOLLAH-AGENT verleumdet wurde. Die Spur führt nach England.“ Jeder Tritt ein Brit. Man kennt das.

Wie schon für taz und Zeit, war auch für den stern die Behauptung eines Hizbollywoods eine „bizarre Verschwörungstheorie“. Zum Beweis zitierte die Zeitschrift einen Journalisten, der über die – vermeintlichen oder tatsächlichen – Rettungskräfte sagte: „Wenn sie einmal ein Kind in eine Kamera hielten, dann nicht als Pose, sondern schlicht aus Ärger und Verzweifelung: Seht, was mit unseren Kindern geschehen ist!“ So auch „Green Helmet“, der sich als Salam Daher vorstellte und dem sein Vorname, glaubt man dem deutschen Magazin, Programm zu sein scheint: „Er ist kein Mitglied der Hizbollah. Normalerweise hilft er bei Waldbränden, Verkehrsunfällen oder Naturkatastrophen.“ Ein guter und rühriger Mensch also, und daher bestritt er auch entrüstet alle Anwürfe: „Es ist lächerlich. Ich habe mehr als zehn Kinder aus den Trümmern gezogen, bin am Ende ja fast selbst zusammengebrochen. Überall waren Fotografen, man konnte kaum richtig arbeiten. Einmal habe ich ein Kind hochgehalten, damit alle ein Bild machen konnten – aber doch nur, damit ich danach Ruhe hatte, um weiter nach Überlebenden zu suchen!“ Das glaubten die deutschen Reporter nur zu gerne, beendeten ihre Spurensuche und rechneten bei dieser Gelegenheit auch gleich mit Richard North von EU-Referendum ab: „Er leugnet nicht seine Sympathie für die israelische Seite. Schon als junger Mann habe er mehrere Monate in einem Kibbuz gelebt.“ Wie gründlich man dort versaut wird, muss das Hamburger Blatt nicht schreiben; seine Leser verstehen es auch so.

Dumm nur für den stern, das just am vorgestrigen Mittwoch – also einen Tag vor Erscheinen seiner neuen Ausgabe – das NDR-Fernsehmagazin Zapp einen auch im Internet einsehbaren Bericht sendete, der eindrucksvoll zeigt, wie es aussieht, wenn der Grünhelm „kaum richtig arbeiten“ kann und nur deshalb „einmal“ ein Kind hochhält, damit er danach Ruhe hat, „um weiter nach Überlebenden zu suchen“: Leiche in den Wagen, Helm auf, kurze Absprache mit einem vermeintlichen Zivilisten, Anweisung an den Kameramann weiterzudrehen, Regiebesprechung, totes Kind wieder aus dem Wagen holen, ab auf die eine Bahre, umbetten auf eine andere Bahre, aufdecken, Close-Up der Kamera, wieder zudecken. So arbeitet kein fast zusammenbrechender Helfer, der noch nach Überlebenden sucht – so arbeitet ein zynischer Regisseur des Todes. Der Verdacht, bei „Green Helmet“ könnte es sich um einen Hizbollah-Getreuen handeln, wird durch diese Aufnahmen jedenfalls eher erhärtet als widerlegt. Gleiches gilt übrigens für den bereits erwähnten angeblichen Zivilisten namens „White Tee-Shirt“, der einem französischen TV-Sender Zugang zu seiner Privatwohnung gestattete, die neben einem regelrechten Altar mit Bildern des Hizbollah-Führers Hassan Nasrallah noch allerlei weitere Devotionalien der Terrororganisation beherbergte.

Der Vorwurf an die betreffenden Weblogs, eine „weltweite Welle von Verschwörungstheorien“ ausgelöst zu haben, ist aber noch aus anderen Gründen absurd. Zum einen, weil es unabhängig von der Aussagekraft der Fotos ein Faktum ist, dass die Hizbollah Unschuldige als menschliche Schutzschilde missbraucht, und weil es in Bezug auf Kana genügend andere Zweifel an dem angeblichen „israelischen Massaker“ gibt. Zum anderen aber auch, weil ein Studium der Recherchen etwa von EU-Referendum diese Anwürfe schlicht widerlegt: „Hier soll die Rede davon sein, wie die Kombination aus dem Medienmanagement der Hizbollah und dem modernen Fotojournalismus die Aufnahmen eines tragischen Ereignisses in ein Theaterstück verwandelt haben, in der besten Tradition von Michael Moore. Wir haben das Durcheinander von Indizien, das die Produktion der Fotos mit Kultcharakter umgab, die rund um die Welt veröffentlicht wurden, so gut wir können zusammengesetzt und die Bilder ins rechte Licht gerückt“, heißt es im zusammenfassenden Beitrag auf der Website, die sich in kurzer Zeit in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit katapultierte. Konspirationstheoretiker verfolgen wahrlich andere Ziele.

In nicht wenigen deutschen Medien scheint man jedoch davon auszugehen, dass nicht sein kann, was partout nicht sein darf. Und das, obwohl weder die Hizbollah noch die Hamas und auch nicht der Iran oder Syrien jemals einen Hehl daraus gemacht haben, was ihre Ziele sind: Die Vernichtung Israels, die Vernichtung der Juden. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Sie sagen, was sie denken, und sie denken, was sie sagen. Man muss keine Verschwörungstheorien in die Welt setzen, wenn man Verschwörungstheoretiker an ihrem eliminatorischen Tun hindern will. Wer aber lieber wegschaut oder Israel in seinem erneut existenziellen Kampf ums Überleben zum Aggressor stempelt, macht sich mit jenen gemein, die ein vitales Interesse an derlei Unterstützung haben. Und muss dazu noch nicht einmal Rupert Neudeck heißen, um ein Freund des Grünhelms zu sein.

* Printausgabe (nicht online abrufbar)
Fotos: Green Helmet Guy – Hattips: Claudia Dantschke, Niko Klaric, Outcut TV

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