Schlimmer als die Buren?

Erinnert sich noch jemand an die „Antirassismus-Konferenz“ der UNO im südafrikanischen Durban vor etwas mehr als fünf Jahren? Dort sollte Israel, so wollten es jedenfalls die beteiligten islamischen Staaten, als „rassistischer Apartheidstaat“ verurteilt werden, bevor die Versammlung diesem Ansinnen schließlich doch nicht stattgab; skandalös genug war die Tagung gleichwohl trotzdem. Das parallel tagende NGO-Forum wiederum verabschiedete eine Deklaration, in der Israel des „Völkermords an den Palästinensern“ beschuldigt und Sanktionen „gegen den israelischen Apartheidstaat“ gefordert wurden. Der Vergleich respektive die Gleichsetzung des jüdischen mit dem bis Anfang der neunziger Jahre rassistischen südafrikanischen Staat gehört seit geraumer Zeit zum Repertoire aller möglichen Organisationen und Personen, die an Israel, um es vorsichtig zu formulieren, kein gutes Haar lassen, und er erfreut sich bis heute großer Popularität. Bereits vor viereinhalb Jahren äußerte sich beispielsweise der südafrikanische Bischof Desmond Tutu in dieser Richtung; er klagte zudem über die „mächtige jüdische Lobby“ in den USA und behauptete, jede Kritik an Israel werde „immer gleich als antisemitisch“ bezeichnet. Und erst kürzlich brachte der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter ein Buch heraus, in dem er Israel allen Ernstes vorwirft, „ein Apartheidsystem in der Westbank und in Gaza errichten zu wollen“. Mittlerweile gibt es sogar Stimmen wie die des Sonderberichterstatters für Palästina beim UN-Menschenrechtsrat, die über die besagte Gleichsetzung hinausgehen und Israel bezichtigen, es noch schlimmer zu treiben als damals die Buren. Dass derlei Ansichten auch in österreichischen Medien kolportiert werden, warum sie absurd sind und wozu sie dienen, weiß Karl Pfeifer.

Karl Pfeifer

Getto und Apartheid?

Livia Klingl malt in der österreichischen Tageszeitung Kurier* wieder einmal ein düsteres Bild des Heiligen Landes. Vor Weihnachten – das ja auch an die Grausamkeit von Herodes, König der Juden von Roms Gnaden, erinnert – wird den Lesern suggeriert, die bösen Israelis hielten die fast vollkommen unschuldigen Palästinenser in einem „Getto“. Der Begriff Getto bezeichnet zunächst einen vom 13. bis zum 18. Jahrhundert streng abgeschlossenen Stadtteil für jüdische Einwohner. Wenn der Begriff in einer solch historischen Entfernung liegt, dann mag sein Gebrauch für das Westjordanland vielleicht gerechtfertigt sein. Doch den Juden – und das sollte auch eine Nahostexpertin wissen – war es im Getto zu keiner Zeit gestattet, Waffen zu tragen. Aber das ist nicht alles; es gibt noch ein weiteres Problem: Die deutsch-österreichische Volksgemeinschaft hat die Juden dort, wo sie ihrer habhaft werden konnte, in Gettos gezwungen. Dort wurden sie dem Hunger und den Krankheiten überlassen, um schließlich in die Vernichtungslager deportiert zu werden. Und wenn Klingl den Terminus „Getto“ benutzt, dann kommt doch der Verdacht auf, damit solle suggeriert werden, was schon am Stammtisch zu hören ist: dass nämlich „die Juden“ heute den Palästinensern das antun, was halt die lieben Vorfahren seinerzeit den Juden angetan haben.

In ihren kurzen Beitrag packt Klingl nahezu alle palästinensischen Klagen und Vorwürfe gegen Israel – seien sie nun berechtigt oder nicht –, etwa: „Vom vorhandenen Wasser dürfen sie nur 17 Prozent nützen.“ In der gleichen Ausgabe des Kurier lesen wir ein paar Seiten weiter eine zweiseitige Reportage über „Dubai – Wunderland im Wüstensand“. Dort entstehen Hotels, Marinas und Golfplätze, und man kann „in der größten Ski-Halle der Welt ein paar Schwünge ziehen“. Klingl beklagt, „mehr als 60 Prozent“ der Palästinenser lebten „unter der Armutsgrenze. […] Die Arbeitslosigkeit liegt – Frauen eingerechnet – bei 70 Prozent“, und auf der gleichen Seite der Zeitung werden Österreicher aufgerufen, palästinensischen Bauern zu helfen. Das ist mir ein Rätsel, berufen sich doch Araber so gerne auf die Umma, auf die Einheit aller Araber also. Sicher könnten diejenigen, die Ski-Hallen und Marinas in der Wüste bauen, viele Probleme der Palästinenser lösen, wenn sie nur wollten. Doch weder die Palästinenser noch ihre Brüder bemühten sich je um konstruktive Lösungen; der Hass gegen Israel (und die Juden) ist ein wunderbares Mittel, um von den eigenen Fehlern abzulenken.

Dann lesen wir bei Livia Klingl die traurige Geschichte des 56-jährigen Abdellatif Mohammed, der 26 Jahre im Ausland habe leben müssen, „weil er keine Genehmigung bekam, nach einem Auslandsaufenthalt in seine Heimat zurückzukehren“. Was der Grund dafür ist, das dürfen die Leser nicht erfahren, wohl aber die Behauptung dieses Herrn, das israelische System sei „schlimmer“ als das Apartheidsystem in Südafrika. Um diese Aussage noch zu bekräftigen, lässt die Verfasserin den Niederländer Gert Soer, EU-Vertragsbediensteter für den Bereich Wassermanagement in Nahost, zu Wort kommen, der seinerseits die Worte Desmond Tutus zitiert, „die Apartheid sei menschlicher gewesen“. Doch was war die Apartheid in Südafrika? Die diskriminierende, rassistische Trennung von Schwarzen und Weißen auf politischer, gesetzlicher und wirtschaftlicher Ebene. Die Beschuldigung, Israel sei ein Apartheidstaat, ist politisch motiviert, verzerrt die geschichtlichen und aktuellen Tatsachen und verharmlost die Verbrechen gegen die Schwarzen in Südafrika.

Die Analogie zwischen der Apartheid und Israel ist absurd. Die Wiedergeburt jüdischer Souveränität im Heiligen Land ist keine Manifestation eines europäischen Kolonialismus. Im Gegensatz zu den weißen Siedlern (Buren, Briten und anderen, die Johannesburg und Pretoria schufen) sind Juden ein nahöstliches Volk mit einer nationalen Sprache: Hebräisch. Israel ist nicht nur eine der am meisten multi-ethnischen Demokratien der Welt, sondern auch ein Land, in dem etwa im Krankenhaus – wie jeder sehen kann, der einmal ein israelisches Hospital besucht hat – im gleichen Zimmer jüdische und arabische Patienten nebeneinander liegen, die von jüdischen und arabischen Ärztinnen und Ärzten behandelt werden. Im Südafrika der Apartheid, laut Bischof Desmond Tutu das so viel „menschlichere“ Land, war das gesetzlich verboten – dort gab es Krankenhäuser, die ausschließlich Weißen vorbehalten waren –, wie auch jeder Geschlechtsverkehr zwischen schwarzen und weißen Bürgern unter schwerer Strafe stand, von einer Heirat gar nicht zu sprechen. In Israel hingegen gibt es viele muslimische Männer, die eine jüdische Ehefrau haben; allerdings verbietet die muslimische Religion einer muslimischen Frau, einen Juden oder Christen zu heiraten. Darüber könnte Frau Klingl (Foto) zur Abwechslung auch einmal berichten.

Mehr noch: Während das südafrikanische Apartheidsystem auf die Verweigerung der Souveränität der schwarzen Bevölkerung gründete, hat Israel von Anbeginn die Zweistaatenlösung einschließlich des Teilungsplans der UNO vom 29. November 1947 akzeptiert. Erinnert werden muss zudem an die Tatsache, dass in Südafrika die schwarzen Arbeiter fast wie Sklaven gehalten und ausgebeutet wurden. Wenn Palästinenser – vor der letzten von ihnen ausgelösten Terrorwelle – in Israel arbeiten mussten, dann geschah dies wegen der Korruption und Unfähigkeit ihrer Elite. Israel profitiert heute nicht mehr von billiger und ungeschulter Arbeitskraft – und bekommt dieses Nichtprofitieren auch noch als Vorwurf zu hören.

Apartheid? Nein. Israel ist die einzige liberale Demokratie im Nahen Osten. Ist sie perfekt? Selbstverständlich nicht. Keine Gesellschaft kann das sein, auch nicht die österreichische, die keine Angst haben muss vor Terroranschlägen, in der Polizisten, die einen Schwarzen krankenhausreif prügeln, mit sechs bis acht Monaten Haft auf Bewährung bestraft werden und nach der Zahlung einer Geldstrafe weiter ihren Dienst versehen dürfen. Doch hier zeigt man mit dem Finger auf Israel, das einzige Land, in dem arabische Bürger frei abstimmen können und im Parlament repräsentiert werden, in dem der Oberste Gerichtshof, an dem es auch einen arabischen Richter gibt, die Gleichheit aller garantiert und in dem Araber – ständig! – die eigene Regierung ohne jede Furcht kritisieren dürfen. Hat Livia Klingl jemals eine Zeile darüber geschrieben, dass in Saudi-Arabien ein Gesetz existiert, das Juden die Einreise verweigert? Und was sagt sie zur Diskriminierung von christlichen Österreichern, die, wenn sie die Heiligtümer ihrer Religion in Israel/Palästina besucht haben, in einige arabische Länder nicht einreisen dürfen, weil ihr Reisepass einen israelischen Einreisestempel enthält?

Was also bezweckt Frau Klingl mit ihrem Apartheid-Vorwurf gegen Israel? Seine Dämonisierung – indem sie den jüdischen Staat als „rassistisch“ etikettiert. Wer das tut, der agiert in Wirklichkeit gegen die Koexistenz und den Frieden. Denn mit Rassisten kann man nicht zusammenleben. Warum tut sie das?

* „Ein Lokalaugenschein“, in: Kurier, vom 17. Dezember 2006, Seite 6

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