Germany reloaded

„Eine Nation muss sich Ereignisse schaffen, in denen sie sich selber bejubeln kann. Und nun haben wir, die wir ja eher an triste und trübe Gedenktage und Jubiläen gewöhnt waren, diese WM zum Anlass genommen, sozusagen das Positive zu feiern.“ Matthias Matussek – Kulturchef des Spiegel und einer von denen, die das Hohelied der Nation vor allem während der vergangenen vier Wochen gar nicht laut genug singen konnten – deutet die Motivation für das, was zwischen dem 9. Juni und dem 9. Juli im postnazistischen Deutschland los war, durchaus zutreffend: Es ging mitnichten bloß darum, die vergleichsweise erfolgreichen und phasenweise ansehnlichen Darbietungen einer prinzipiell eher limitierten Fußballmannschaft zu würdigen, und auch die allfällige Ansicht, die WM sei vor allem eine Riesenparty um ihrer selbst willen gewesen, gehört ins Reich der Fabel. Der hysterische Taumel in schwarz, rot und gold – der „größte Aufmarsch deutscher Fahnen und Symbole seit den Parteitagen in Nürnberg“ (Rainer Trampert in der Jungle World) – war vielmehr ein demonstrativer Akt, der volksgemeinschaftliche Züge trug. Nicht ohne Grund liefen die deutschen Nationalspieler und ihr Trainerstab am Finaltag in ihrer Hochburg, der Berliner Fanmeile, wie Models über den Steg und trugen dabei T-Shirts, auf deren Vorderseite „Danke Deutschland“ stand und deren Rückseite die Aufschrift „Teamgeist 82 Millionen“ trug. Denn es gab keine Parteien mehr und keine Interessenkonflikte – es gab nur noch Deutsche.

Selbst (kaum existente und zudem völlig marginalisierte) Kritiker, die auch nur zaghaft zu fragen wagten, ob denn so viel Einigkeit tatsächlich umstandslos und uneingeschränkt zu begrüßen sei, wurden barsch zurückgewiesen. Das bekannteste Beispiel dafür dürfte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sein, die nach Beginn der WM eine Neuauflage ihrer Broschüre „Argumente gegen das Deutschlandlied – Geschichte und Gegenwart eines furchtbaren Lobliedes auf die deutsche Nation“ herausgegeben hatte. Benjamin Ortmeyer, der Autor dieser Publikation, erhielt daraufhin antisemitische Drohbriefe; Politiker aller Parteien waren hellauf empört ob dieser vermeintlichen Vaterlandslosigkeit. Und die Bildungsgewerkschaft knickte sofort ein: „Wenn heute junge Fußballfans die Nationalhymne singen, tun sie das aus Lebensfreude und zur Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft“, tat der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne eilends kund. Man wolle den Fans selbstverständlich nicht die WM verleiden oder gar das Deutschlandlied verbieten. Natürlich nicht. Schließlich hatte die BILD-Zeitung – und nicht nur sie – das ganze Land zu einer „No-Go-Area“ erklärt – für „Miesmacher“, das heißt für alles Undeutsche.

Denn hier herrscht fröhlicher Patriotismus, und zwar zack, zack! Das musste auch ein Berliner Busfahrer erkennen, der krankenhausreif geschlagen wurde, bloß weil er nach der Niederlage der Klinsmanndeutschen gegen Italien angemerkt hatte: „Dann waren unsere wohl schlechter.“ Oder der ehemalige Nationalspieler Steffen Freund, der als Experte des Fernsehsenders Phoenix gefragt wurde, wer der Gegner der Deutschen im Finale sein werde, und einwenden wollte, seiner Ansicht nach komme Italien ins Endspiel – er wurde unterbrochen und ausgeblendet. So etwas wolle in Deutschland keiner hören, sagte der Moderator. Hören und sehen wollten die euphorisierten Deutschen lieber Ergüsse der Marke Waldis WM-Club (ARD) oder Nachgetreten (ZDF) – zwei Sendungen, die jeweils abends im Anschluss an die Übertragung der Spiele des Tages ausgestrahlt wurden. Vor allem die Show des Zweiten Deutschen Fernsehens hatte es dabei in sich; ein solch grobschlächtiges Comedy-Format ist normalerweise nur bei den Privaten zu sehen. Dass es nun Aufnahme ins Programm einer öffentlich-rechtlichen Anstalt fand, entsprach jedoch der vollkommen boulevardisierten und jeder journalistischen Distanz entkleideten Form der Berichterstattung und Nachbereitung im Zuge des nationalen Auftrags namens Weltmeisterschaft. Um den notorischen Ingolf Lück versammelten sich diverse Protagonisten des deutschen Humors wie Mike Krüger, Guido Cantz oder Janine Kunze, und sie kannten kein Halten mehr. Man solle den schwarzen Spieler Gerald Asamoah „in Hoyerswerda aussetzen, damit er mal schneller laufen lernt, hieß es einmal in Anspielung auf die pogromartigen rassistischen Gewaltexzesse dort im Jahre 1991. Weitere Beispiele lassen sich auf der Internetseite des ZDF finden; der Schriftsteller Klaus Theweleit nennt ebenfalls einige Highlights aus Nachgetreten:

„In den Nachrichten wurde vom starken Pollenflug berichtet. In der Comedy wird daraus: Nach den Polen kommen die Pollen, die Ost-Bakterien, die Untermensch-Insekten, alles ist untergebracht. Zu Ronaldos Kopfballtor gegen Japan hieß es: Wer Kopfballtore gegen die Japaner schießt, der schubst auch kleine Kinder. Riese Ronaldo als Pädophilist. Dann geht es um die Gesundheit der Italiener, und es heißt, am besten helfe man ‚dem Italiener’ mit einer Finanzspritze. Und am Schluss singt die ganze Runde zur Melodie von ‚Yellow Submarine’: ‚Dreht den Schweden die Schrauben aus dem Schrank.’ Wenn die Comedy loslegt, kommt reiner Rassismus raus: Die Ikea-Deppen, die Miniatur-Menschen aus Japan, Kinderschänder-Latinos, die Ost-Bazillen, korrupte Italos. Toller Humor.“

Doch auch in den Stadien ging es längst nicht so heiter und fröhlich zu, wie durchweg behauptet wurde, am allerwenigsten bei den Spielen der deutschen Mannschaft. „Tatsache ist, dass es wenig Spaß macht, zurzeit Fußball in Deutschland zu spielen, jedenfalls, wenn man gegen die deutsche Elf antreten muss“, konstatierte die Süddeutsche Zeitung das Viertelfinal-Match gegen Argentinien in einem ihrer seltenen kritischen Beiträge. Von der ersten Minute an wurden die Spieler der Albiceleste in Berlin mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert bedacht; die Atmosphäre geriet nach dem Führungstreffer der Südamerikaner kurz nach der Halbzeit sogar noch giftiger, übrigens auch beim so genannten Public Viewing. Als der argentinische Torwart nach einer Attacke des deutschen „Sturmführers“ (kicker) Miroslav Klose verletzt am Boden liegen blieb und schließlich ausgewechselt werden musste, pfiffen die deutschen Zuschauer gellend. „Die ungeheure Stimmung in Berlin just in den kritischen sportlichen Momenten auf dem Rasen ließ nicht auf freundlichen Applaus für die Gäste hoffen für den Fall, dass sie als Sieger vom Feld gegangen wären“, mutmaßte die Süddeutsche und hatte damit zweifellos Recht. Argentinien verlor schließlich zuerst das Elfmeterschießen und dann die Nerven; zwei ihrer Spieler wurden nachträglich wegen Tätlichkeiten gesperrt. Dass auch die Klinsmann-Kicker keine Lämmer sind, ging allerdings fast völlig unter. „Man hat gesehen, dass die Argentinier kein Benehmen haben und schlechte Verlierer sind“, exponierte sich ausgerechnet Torsten Frings, der kurz darauf selbst für das Halbfinale aus dem Verkehr gezogen wurde. Vor allem Tim Borowski hatte die Gästespieler zuvor mit provokativen Gesten aufgebracht. Manager Oliver Bierhoff behauptete gleichwohl: „Das ganze Spiel war schon gespickt von Provokationen“ – der Argentinier, versteht sich. Er selbst habe auf dem Feld nur schlichten wollen und resümierte schließlich zufrieden: „Die Welt hat wieder Angst vor uns“, den Deutschen.

Noch unappetitlicher verhielt sich das Publikum in Dortmund gegenüber dem Team aus Italien, das bereits beim Abspielen der Hymne ausgepfiffen wurde und danach bei jedem Ballkontakt. Die Zuschauer hatten Frings’ Sperre – die von der FIFA verhängt worden war, nachdem eine italienische Tageszeitung aufgedeckt hatte, dass der Deutsche einem Argentinier ins Gesicht geschlagen hatte; eine solche Recherche würden die fairen Sportskameraden etwa von der BILD im umgekehrten Fall selbstverständlich niemals öffentlich machen – zum Vorwand genommen, das zuvor so demonstrativ inszenierte Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ endgültig fahren zu lassen. Dass die italienische Mannschaft ihren Halbfinal-Erfolg relativ unbeeinträchtigt auf dem Feld feiern konnte, dürfte zuvörderst auf den Schock zurückzuführen sein, den die beiden späten Tore bei den Gaga-Deutschen ausgelöst hatten. „Der auf Sieg programmierte Wahn erlaubte nach der Niederlage nur die Heldenverehrung, die Dolchstoßlegende um Frings’ Sperre oder psychotische Zusammenbrüche“, resümierte Rainer Trampert die anschließenden Optionen der Bewältigung des schmerzvollen Ausscheidens. Stefan Raab zog in WM-Total zunächst die letztgenannte – „Tja, welche Sendung erwarten Sie jetzt von mir? Traurig, eine der bittersten Sendungen. So eine Scheiße. Ich weiß jetzt nicht, wie ich Sie aufmuntern soll!“ –, bevor er zu Möglichkeit zwei überging: „Uns kotzt Italien an! Uns kotzt Italien an! Alle mitmachen! Uns kotzt Italien an!“ Überflüssig zu erwähnen, dass die Meute in den Chor einstimmte. Ganz anders der Schriftsteller Wiglaf Droste, der das 2:0 der Italiener in vollen Zügen genoss und ein Ende der nationalen Erektionen in Deutschland prophezeite:

„So angenehm leise wie am späten Abend des 4. Juli 2006 war es in Deutschland seit Wochen nicht gewesen. Kein hupiger Autokorso nervte, kein Geschrei, und die erigierten Schwarzrotgoldfahnen, peinlicher Potenzersatz für schlappe deutsche Männer, hingen wieder wie die Penisse ihrer Herren. Das Klinsmann-Viagra, eine Mischung aus altem deutschen Größenwahn und New-Age-Neo-Esoterik, die ‚positives Denken’ genannt wird, weil sie mit Denken aber auch nicht das Geringste zu tun hat, funktionierte nicht mehr. Das Matussek’sche, simulationspatriotische Fußballdeutschland bekam seine Grenzen gezeigt. Das war überfällig, richtig und gut. Mein Dank geht an Alessandro Del Piero, einen italienischen Fußballspieler, den ich seit langem verehre und bewundere.“

Beim Spiel gegen Portugal um den dritten Platz fuhren die Deutschen dann zwar noch einmal alles auf und taten so, als sei eigentlich nichts passiert – wovon sowohl die trotzig-infantilen „Stuttgart ist viel schöner als Berlin!“-Gesänge kündeten, die das nunmehr obsolete „Wir fahren nach Berlin!“ ablösten, als auch selbst vergebene Unsinnstitel à la „gefühlter Weltmeister“ oder „Weltmeister der Herzen“ –, aber letztlich gilt, was Droste nach dem Italien-Spiel geschrieben hatte:

„Endlich hat es, zumindest bis zur nächsten Gelegenheit, ein Ende mit dem Hochjubeln der landesüblichen Mittelmäßigkeit zur Sensation. […] Das ist nicht viel, mehr Zivilisationsgewinn wäre mir weit lieber, aber manchmal muss man eben mit dem leben, was man bekommt. Die Landsleute sind, wie sie sind. Wenn sie die Klappe etwas weniger aufreißen, sind sie nicht besser. Aber eben doch ein bisschen weniger unangenehm.“

Nein, es war keine harmlose Sommerparty, die die Deutschen in immer größer werdender Zahl vier Wochen lang veranstalteten, kein Karneval und keine sonstige unschädliche Folklore. „Seit wann werden Partys geschmückt wie die Mannschaftsräume einer Kaserne am Nikolaustag?“, fragte der Journalist und Buchautor Rainer Trampert mit Recht, und er ergänzte: „Das Verhalten der Fans ist ein bedeutender Maßstab für die Selbstaufgabe des Menschen. Je wertloser das Individuum sich fühlt, desto mehr sucht es Anlehnung an den Erfolg eines ihm äußeren Objektes: der Firma, des Vereins oder der Nation. Dieser Schritt geht mit der eigenen Objektwerdung einher.“ Mit wachsender Penetranz versäumte es dabei kein Kommentator zu betonen, wie unbefangen und unbeschwert doch die deutschen Menschen feierten und dabei ihre Farben überall präsentierten: am eigenen Körper, am Auto und auf den Balkonen. Krampfhaft unverkrampft kam das alles daher, so, als würden sich die Fahnenträger, Bäckchenbemaler und Trikotbesitzer selbst nicht recht trauen. Die Konsequenz lautet daher:

„Je ‚unbefangener’, desto bedrohlicher wird die Lage für den, der nicht mitspielt. Alle sollen mitmachen, weil die Masse ihre Verblödung ahnt und sich von dem, der nicht mitmacht, beobachtet fühlt. Das löst einen schmerzhaften Reflex aus, der nur ruhig zu stellen ist, wenn der Abweichler mitmacht oder nicht mehr existiert. Abweichung vom Konsens, vom stumpfen, an den Sieg gekoppelten Frohsinn, wird als Sabotage oder Intrige empfunden.“

„Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher!“ oder „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“, hieß das übersetzt in den Stadien – übrigens beileibe nicht nur bei den Spielen der DFB-Elf – und „Auf des Adlers Schwingen werden wir den Sieg erringen!“ etwa auf einem selbstverständlich rekordverdächtig langen Transparent ausgerechnet im Berliner Olympiastadion, einer Arena mithin, die ein geschichtlicher Ort ist wie keine zweite. „Ich glaube, was da wachgerufen wurde an Gefühlen – und auch an Bildern im Übrigen –, hat sich ins kollektive Bewusstsein gesenkt und abgelagert und wird bleiben, wird als abrufbare Erinnerung bleiben“, wagte Matthias Matussek, ganz Vordenker, eine Prognose – natürlich in affirmativer Absicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es waren keine Nazis, die da die Fanmeilen und Public Viewing-Plätze bevölkert und ihre Wimpel überall drapiert haben: „Das Spektakel hatte nichts mit einer rechten Machtergreifung zu tun. Es war nur ein weiterer Schritt in die Richtung des Abgrunds. Die nationale Bindungskraft, nach der Zugehörige nicht ungestraft draußen sein und Nichtzugehörige sich nicht ungestraft einschleichen dürfen, hat zugenommen“, beschrieb Rainer Trampert zusammenfassend die nationale Formierung. Ein guter Deutscher verjagt inzwischen Reichskriegsfahnen schwenkende Glatzen, und zwar in voller Montur (kicker vom 10. Juli 2006). Denn die Faschos stören nur die Unverkrampftheit im Umgang mit dem Deutschtum und sorgen für eine schlechte Auslandspresse. Außerdem werden sie schlicht nicht mehr gebraucht. „Sieg!“ skandieren gute Demokraten auf den Sitzplätzen schließlich nicht weniger laut. Und das ist kein Problem, denn:

„Medienmacher hatten den deutschen Nationalismus über Nacht vom Image der Gartenzwerge und Glatzen gelöst, um ihn als jung, sexy und urban zu präsentieren. Die Anhänger der neuen Nationalbewegung sehen anders aus als der Säufer in der Trainingshose. Sie geben sich eher wie Paris Hilton und Jenny Elvers-Elbertzhagen, die Leni Riefenstahl spielen möchte, oder auch wie Stefan Raab und Oliver Pocher. Ihre Sprache ist blödes Gebrüll, ihr Gelächter schallende Schadenfreude.“

Nun ließe sich einwenden, mit den Ausländern sei doch während des Turniers recht anständig, gelegentlich gar freundschaftlich umgegangen worden; Fan-Feste und verbale Unterstützung auf Deutsch in den Stadien seien schließlich untrügliche Zeichen für gutes Benehmen, gar für Weltoffenheit. Doch das war noch nicht einmal 1936 anders, als das Feiern des schwarzen Sprinters Jesse Owens als Ausweis deutscher Friedfertigkeit zu gelten hatte. Außerdem widersprechen die Verbrüderungen bevorzugt mit Underdogs wie Trinidad & Tobago, Ghana oder Togo gegen die da oben nicht der „aggressiven Gleichschaltung“, die Klaus Theweleit bei den Deutschen festgestellt hat:

„Am Grund der gefeierten Gastfreundschaft liegt die Gewissheit, dass die Latinos, Afrikaner oder Ukrainer ja nach drei bis fünf Wochen wieder weg sind. Das ist der Punkt. Ähnlich wird es in der Schweiz 2008 an der EM sein. Alle Ausländer werden beliebt sein. Als Touristen, die Profit bringen, hat man sie immer gern, im Sommer, im Winter. So vermietet man in Gelsenkirchen, Stuttgart oder Bern doch gern das Gäste- oder Kinderzimmer an eine fremde Familie und beflaggt den Vorgarten mit deren Landesfahne. Und man holt die Kamera, um die Idylle aufzunehmen.“

Es ist sozusagen ein upgedateter Nationalismus, der sich da Bahn gebrochen hat; einer, der nicht mehr gleich mit dem Überfall auf Polen droht, sondern einer, der öffentlich zur Schau gestellte Toleranz walten lässt, genau das für einen Ausweis seiner Weltläufigkeit hält und daher die eingangs zitierten „tristen und trüben Gedenktage und Jubiläen“ hinter sich gelassen hat. Das forsche Wir-sind-endlich-so-wie-alle-anderen-auch verbirgt dennoch nicht die Furcht davor, dass es eine Normalität nach Auschwitz nicht geben kann, zumal die Beharrlichkeit, mit der diese Selbstetikettierung vorgetragen wurde und wird, darauf verweist, dass es Kräfte geben muss, die genau diese Normalisierung bisher ver- oder doch zumindest behindert haben. Wer das sein soll, muss man nicht sagen, denn in Deutschland versteht man das auch so: In erster Linie die Alliierten – vorneweg die USA und Großbritannien – und wie stets die Juden, pardon: Israelis. Zwar ist das alles ein bloßes Hirngespinst, doch es hält – mal implizit, mal ungehemmt explizit – als Begründung dafür her, sich schon lange nichts mehr über den Nationalsozialismus erzählen lassen zu müssen, auf dessen Bewältigung man inzwischen offensiv stolz ist. Steht nicht in Berlin das größte Mahnmal der Welt? Na also. Und daher hält es nicht nur einer wie der Matussek für geboten, seine Regression nicht länger bemänteln zu müssen, sondern sie offen zu preisen:

„Vorher ist mir immer gesagt worden: Ja, das ist Nationalismus, oder das Nationalgefühl ist was Altmodisches, das ist die überwundene Evolutionsstufe und so weiter, in der Welt von morgen gibt es das nicht mehr. Und nun plötzlich sieht man Leute, die genau das gesagt haben, sich um den Hals fallen, wenn Deutschland gewonnen hat, und zu Tode betrübt sein, wenn Deutschland verloren hat. Also es scheint sozusagen auf einer atavistischen tiefen Ebene in jedem von uns das Gefühl der Zugehörigkeit zu den eigenen Leuten zu geben.“

Er sagt „atavistisch“ und demonstriert dabei gleichzeitig, wozu es gut sein kann, wenn man sich sozusagen seiner bislang unterdrückten Triebe hingibt:

„Ich glaube, dass es ein Nationenzusammengehörigkeitsgefühl braucht, um gerade durch schwierige Zeiten zu kommen und zu sagen: Okay, das muss jetzt sein, diesen Einschnitt machen wir. Und da ist Patriotismus natürlich sehr tauglich. Und ich glaube, dass da eine gestiegene Bereitschaft ist. Unser Patriotismus unterscheidet sich ja von dem der anderen Nationen dadurch, dass wir ihn erst mal sehr, sehr kompliziert und fragwürdig empfinden, eigene Widerstände überwinden müssen. Und das ist eigentlich ein ganz guter demokratischer Instinkt, den wir da haben.“

„Wir“ halten Nationalismus, Verzeihung: Patriotismus also „erst mal“ für „sehr, sehr kompliziert und fragwürdig“; das haben „wir“ also „anderen Nationen“, die sich diese Frage gar nicht erst stellen, per „Instinkt“ voraus. „Wir“ sind also quasi Patriotismus-Weltmeister und wenigstens in dieser Disziplin nicht nur Dritter. Das ist doch schon mal was: anderen zu zeigen, wie Vaterlandsliebe heute geht. Ein Wert an sich, wie auch Harald Martenstein im Tagesspiegel betont – in einem Leitkommentar unter der Überschrift „Von Klinsmann lernen“. Was das heißt, braucht man sich nicht lange hinzuzudenken:

„Was ich an den Deutschlandfahnen schön finde, ist die Tatsache, dass es sich dabei nicht um ein Markenzeichen handelt. Ich fände es tausendmal beunruhigender und tatsächlich beschämend, wenn die Leute in den Stadien irgendwann damit anfingen, Nike- oder Adidasfahnen zu schwenken. Deutschland ist nichts, was man kaufen kann. Deutsch zu sein ist nichts, was man sich aus Imagegründen aussucht. Deswegen denke ich, wenn ich die fahnenschwenkenden Leute sehe, dass in ihnen, im besten Fall, ein Funke Idealismus glimmt, so etwas wie Treue, wie Hingabe, so etwas wie Beständigkeit. Dies alles sind Tugenden, mit denen der Kapitalismus nicht viel am Hut hat, die aber zu einem erfreulichen Leben dazugehören. Im Kapitalismus kommt es nur darauf an, zu siegen und stark zu sein, aber die Leute feiern Trinidad und nicht die Ukraine. Sie freuen sich über den deutschen Fußball und nicht über die Deutsche Bank.“

Das ist reinste deutsche Ideologie 2006: Idealismus, Treue, Hingabe, Beständigkeit – Antikapitalismus at its very best und dessen deutsche Variante als Voraussetzung für ein „erfreuliches Leben“ ohne das Finanzkapital, das seit jeher mit Juden assoziiert wird. Nein, Deutsche sind nicht käuflich. Denn deutsch zu sein, heißt schließlich immer noch, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun und nicht für schnöde Interessen. Das ist bei den Amis bekanntlich anders, und daher mutiert der Bush-Besuch dieser Tage zu einer Art Fortsetzung der Weltmeisterschaft. „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“ müsste nicht nur die Friedensbewegung nämlich für eine adäquate Parole halten.

Hattips: Christian Kretschi, World Cup Germany, Franklin D. Rosenfeld, Achim Beinsen, Spirit of Entebbe

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