Zu Gast bei Freunden Israels

Wenn man schon mal eine Weltmeisterschaft sozusagen vor der Haustür und darüber hinaus die Möglichkeit hat, an Tickets für ein Spiel zu kommen, überlegt man als fußballinteressierter Mensch eigentlich nicht lange, sondern ergreift die Gelegenheit, wenn sie gerade günstig ist. Und das war sie just gestern, als sich die Teams aus Tschechien und Ghana in Köln gegenüber standen: 35 Euro pro Karte für einen Platz im Yellow Sector, direkt neben dem Hauptblock der ghanaischen Fans, inmitten einer kleinen Gruppe von Anhängern der tschechischen Mannschaft (die meisten Supporter der osteuropäischen Elf saßen vis-à-vis).

Im Grunde genommen war die Konstellation dieser Partie auch unter politischen Aspekten günstig: Hier die Auswahl eines Landes, in dem am 27. Mai 1942 Reinhard Heydrich – SS-Obergruppenführer und General der Polizei, Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) und Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren – bei einem Attentat im von den Nazis besetzten Prag schwer verletzt worden war und eine Woche später sein erbärmliches Leben aushauchte; das mit den Benes-Dekreten die Henleindeutschen heim ins Reich schickte; das unter Tomas Masaryk und Edvard Benes die zionistische Bewegung in den 1920er Jahren unterstützte und das Israel als eines der wenigen Länder schon 1948 mit Waffen belieferte. Dort das Team des einzigen WM-Teilnehmers, der bei israelischen Vereinen unter Vertrag stehende Spieler im Aufgebot hat: Sammy Adjej (SC Ashdod), John Paintsil (Hapoel Tel Aviv) und Emmanuel Pappoe (Hapoel Kfar Saba). Zum Einsatz kam jedoch nur Paintsil.

Fußball spielen können beide Mannschaften ziemlich gut, auch wenn das bei den Tschechen im ersten Gruppenspiel (3:0 gegen die USA) eher zu sehen war als bei den Ghanaern (0:2 gegen Italien). Gestern war es jedoch genau umgekehrt: Ghana zelebrierte ein fantastisches Kombinationsspiel, mit dem das tschechische Team überhaupt nicht zurecht kam. Bereits nach knapp zwei Minuten traf der überragende Asamoah Gyan zum 1:0, und die Bemühungen der Tschechen, den Ausgleich zu erzielen, wirkten ziemlich uninspiriert, zumal ihr einziger Angreifer Vratislav Lokvenc gegen die starke ghanaische Verteidigung kein Land sah und auch sonst glänzende Spieler wie Tomas Rosicky und Pavel Nedved (Foto, rechts) immer wieder ihre Meister fanden.

Die Westafrikaner hätten für ihren Traumfußball ein halbes Dutzend Tore verdient gehabt, doch sie vergaben selbst beste Chancen in Serie: Mehrfach stand ihnen der tschechische Torwart Petr Cech mit Glanzparaden im Weg, dann wieder rauschte der Ball knapp am Tor vorbei, und sogar ein Elfmeter in der 65. Minute blieb ungenutzt: Gyan drosch das Spielgerät an den Pfosten. Schließlich traf Sulley Ali Muntari in der 82. Minute nach einer perfekten Kombination doch noch zum 2:0, und damit war Tschechien gut bedient.

Nach dem Schlusspfiff zollten auch die Anhänger der unterlegenen Mannschaft den Spielern des Siegerteams Beifall, während John Paintsil den Erfolg mit einer israelischen Fahne feierte (Foto oben), die er offenbar in einem seiner Strümpfe verstaut hatte. Vermutlich keine explizit politische Geste, sondern in erster Linie eine, mit der er die Mitspieler seines israelischen Vereins Hapoel Tel Aviv grüßen wollte* – aber das spielt auch keine große Rolle, denn die Selbstverständlichkeit, mit der der ghanaische Spieler Flagge zeigte, bleibt ein erfreulicher und schöner Aspekt dieser Partie, die ein Genuss für Ästheten war und von einem bestens aufgelegten Publikum ohne Unterbrechung gefeiert wurde.

* Zu Channel 10 sagte Paintsil: „Ich tat es für alle im Volk, das mich liebt und gut zu mir war.“ Besten Dank an Samuel Laster für den Hinweis.

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