Lifestyle-Antisemitismus

Im Grunde ist Frankfurt – am Main, nicht an der Oder – eine angenehme Stadt: durchaus urban – obwohl dort nur knapp 660.000 Menschen wohnen –, mit einer beeindruckenden Skyline, der größten Buchmesse der Welt und einem riesigen Flughafen. Man ist glatt geneigt, ihr internationales Flair bescheinigen zu sollen, auch wenn autochthone Bocken- und Bornheimer gerne mit lokalem Schnickschnack aufwarten – aber das ist ja kaum irgendwo wirklich anders. Kurz: Man kann’s aushalten in der Mainmetropole. Und wen es abends gelüstet, auf die Piste zu gehen, der hat ein veritables Angebot an kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten. Da allzeit die Übersicht zu behalten, ist gar nicht so leicht. Doch dafür gibt es ja FRIZZ – Das Magazin, eine monatlich erscheinende kostenlose Hochglanzzeitschrift, die in einer Auflage von immerhin 50.000 Exemplaren produziert und im Großraum Frankfurt bevorzugt in so genannten Szene-Cafés und -Kneipen, Kinos, Boutiquen, Restaurants und Kaufhäusern verteilt wird. Es handelt sich um den für solche Postillen typischen Vierfarb-Anzeigenfriedhof, der gelegentlich unterbrochen wird von trendigen Musiktipps, Lifestyle-Langeweile à la „Fitness-Studio-Check“, Hinweisen auf angesagte Lokale und Gewinnspielen, bei denen man im Erfolgsfall „WM-Unterwäsche“ geschenkt bekommt:

„Mädels, gebt’s auf! Momentan sehen die meisten Männer nur Bälle. Sie verbringen eure kostbare Zeit am Fußball-Stammtisch mit hitzigen Diskussionen, kreischen vorm Fernseher rum und dribbeln durchs Wohnzimmer. Meistens fallen sie nach einem langen Fußball-Tag wortlos ins Bett – kurz gesagt: nix als tote Hose. Falls ihr auch über ein Exemplar verfügt, das nur noch rund sieht, gibt’s hier die optimale Lösung. So könnt ihr eure eigenen Rundungen geschickt mit denen des Fußballs verbinden und punkten. Der Liebste wird sicher wieder Blicke für euch übrig haben, und kann zwei Leidenschaften miteinander kombinieren. Vielleicht seht ihr ja auch selbst gerne Bälle und betrachtet euch dann umso lieber im Spiegel. So oder so, es lohnt sich in jedem Fall! Der Dessous-Hingucker des Jahres!“

Ein richtiger – Verzeihung – Schenkelklopfer, den vermutlich ein spätpubertärer Redaktionspraktikant da mit seiner Vorliebe für den gepflegten Herrenwitz gebracht hat, was? Aber eine andere Alternative zum Fußballglotzen und Vögeln wäre ja auch der Gang ins gute alte Kino, und selbstverständlich steht FRIZZ nicht nach, mit kurzen und knackigen Besprechungen – die die Länge einer SMS besser nicht überschreiten, sonst liest sie nämlich kaum noch jemand – der hippsten Streifen aufzuwarten oder auch mal mit markigen Worten vom Betrachten eines Films abzuraten, wenn der den zu erwartenden Geschmack der FRIZZ-Zielgruppe eher nicht trifft. So wie United 93, der seit kurzem als Flug 93 in deutscher Fassung gezeigt wird und der den Versuch unternimmt, 9/11 filmisch zu verarbeiten. Der Rezensent mit dem schönen deutschen Namen Uwe Bettenbühl jedenfalls war alles andere als begeistert:*

„33 Passagiere, 4 Terroristen. Eine Maschine der United Airlines, Flugnummer 93, ist auf dem Weg von New York nach San Francisco. Es ist der 11. September 2001, und wir alle wissen, was an diesem Tag geschah. Oder glauben es zumindest. Denn es mehren sich die Beweise dafür, dass die Terror-Attacken auf Amerika gar keine waren – sondern inszeniert wurden vom amerikanischen und vom israelischen Geheimdienst. Aus welchem Grund? Die Sicherung geographisch und ökonomisch wichtiger Standorte wie Afghanistan und Irak sowie die Rechtfertigung dafür, die angeblich dem Terrorismus dienenden Länder militärisch anzugreifen. Nahezu sicher ist: Das World Trade Center wurde von militärischen Flugzeugen getroffen und zur Vernichtung der Beweise kontrolliert gesprengt. Warum fand man im Pentagon ebenso wie in Shanksville, Pennsylvania, keine Flugzeugwracks? Und was, wenn die eigentlichen Passagiere mit jenen der drei anderen Maschinen doch, wie vermutet, über dem Atlantik ‚entsorgt’ wurden? Darüber schweigt sich Paul Greengrass’ Film ‚Flug 93’ völlig aus. In Echtzeit will der Streifen die ‚offiziellen’ Geschehnisse an Bord der UA93, vom Boarden bis zum Hijacking und dem angeblichen Absturz, rekapitulieren. Vergleiche mit Riefenstahl’scher Propaganda tun sich auf. Wagemutig prahlen die Macher damit, die ersten zu sein, mit einem Kinofilm zum 11. September Stellung zu nehmen. Nur: Warum tun sie es dann nicht?“

Da hat einer aber gründlich die Bröckers, Wisnewskis, von Bülows und Mahlers inhaliert, bevor er in die Tasten griff, nicht wahr? Das fand auch das Bündnis gegen Antisemitismus Rhein/Main, das in einem offenen Brief an die FRIZZ-Redaktion* Klartext schrieb:

„Die These vom CIA und Mossad, die Tausende von Menschen und sogar die eigenen Staatsbürger/innen morden, um ihre blutigen Feldzüge im Zeichen des Öls zu legitimieren, ist nicht nur wahnhaft, sie ist vor allem eins: antisemitisch. Bettenbühl imaginiert sich eine zionistisch-amerikanische Verschwörung, die sich tendenziell die ganze Welt mit propagandistischen und/oder militärischen Mitteln unterwirft und sogar über die Macht verfügt, die Wahrheit über ihre eigenen Verbrechen zu unterdrücken.[…] Selbstverständlich darf dabei der Vergleich des kulturindustriellen Produktes mit dem Werk der Hitler-treuen Regisseurin Helene Riefenstahl nicht ausbleiben. Die USA als historische Siegermacht über den Nationalsozialismus rückt somit in die Nähe dieses bisher einzigartigen volksgemeinschaftlichen Vernichtungsprojekts, worin sich ein neudeutscher Geschichtsrevisionismus ausdrückt, der den NS beständig in anderen Nationen verortet, um seine Singularität zu leugnen. Bettenbühl bedient in seiner Rezension alle Kennzeichen moderner Verschwörungstheorien – inhaltlich: konspirativ wirkende Mächte, Öl und Profit als verdeckte Motive, die USA und Israel als heimliche Weltenlenker, die sich totalitärer Methoden bedienen: formal: der Journalist als letzter Aufrechter, der aber leider keine Belege vorzuweisen hat –, wie sie sich im Zeichen eines ansteigenden Antiamerikanismus und Antisemitismus in den letzten Jahren weit verbreitet haben.“

Viel mehr muss man dazu gar nicht sagen, und die Forderungen des Bündnisses nach einem Rausschmiss des Filmkritikers, dem Abdruck einer Gegendarstellung und einer blattinternen Auseinandersetzung mit Inhalt und Wirkmächtigkeit des antisemitischen Ressentiments wären tatsächlich berechtigt, wenn denn ernsthaft die Hoffnung auf Einsicht bei Leuten bestünde, die als Verantwortliche so einen Beitrag durchgehen lassen. Immerhin scheinen sich die Redaktionsfrizzen über das Schreiben der Aktivisten so erschrocken zu haben, dass sie die Besprechung sogleich von ihrer Homepage nahmen und dem Bündnis eine „Stellungnahme wegen der Missverständnisse“ versprachen. Man darf gespannt sein, um was für „Missverständnisse“ es sich angesichts einer an Eindeutigkeit kaum zu übertreffenden antisemitischen Eruption gehandelt haben soll. In der Zwischenzeit wäre – in der Hoffnung, dass man nicht eine Perle vor die nämlichen Säue wirft – die Lektüre des Buches von Tobias Jaecker zu empfehlen, der die „Antisemitischen Verschwörungstheorien nach dem 11. September“ mit Recht als „neue Varianten eines alten Deutungsmusters“ analysiert. Aber vielleicht verlangt man da auch zu viel von journalistischen Talenten, deren Kapazität vermutlich bereits mit Gedanken an die Miederkollektion bei der nächsten Eishockey-Weltmeisterschaft ausgelastet ist.

* Der Text ist nicht online einsehbar, liegt Lizas Welt aber als E-Mail vor.
Hattip: Thomas Schwebel

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