Fehlschüsse & Volltreffer

Kurz vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft legt man sich hierzulande noch mal richtig für Volk & Vaterland ins Zeug. Autofahrer befestigen schwarz-rot-goldene Lappen an ihrem Lieblingsspielzeug; allenthalben wird mit heiligem Ernst die W-Frage diskutiert; auf dem FIFA-Fan-Fest in Berlin grölen besonders euphorisierte Zeitgenossen Lieder mit einfallsreichen Zeilen wie „Worauf sind wir alle heiß? / Aufs Finale! / Wo siegt das Team in Schwarz und Weiß? / Im Finale! Was wird in der Hauptstadt sein? / Das Finale! / Wofür macht sich Frau Merkel fein? Fürs Finale!“, während arglose Zuschauer gerichtsnotorisch desto eher ihre Hosen herunterlassen müssen, je unauffälliger sie aussehen. Günther Beckstein will im Gegenzug „dafür sorgen“, dass Mahmud Ahmadinedjad „kein Haar gekrümmt wird“, weshalb dieser unter Polizeischutz zu stellen sei, während der bayerische Innenminister gegen dessen Aufenthalt demonstrieren will.

Wieder andere stehen dem ganzen WM-Hype gezwungenermaßen eher skeptisch gegenüber: Zwei Organisationen, die der Spiegel grobschlächtig als „Ausländervereine“ qualifiziert, verteilen schriftliche Warnungen in fünf verschiedenen Sprachen, insbesondere an nach Deutschland kommende oder hier lebende Afrikaner, und raten darin „zu besonderer Vorsicht beim Aufenthalt in Ostdeutschland und Teilen Ostberlins“. Was den potenziell Betroffenen die Angelegenheit dabei erschwert, ist dies: „Rassistische Übergriffe werden nicht nur von sichtlich erkennbaren Rechtsextremisten, Skinheads oder Nazis verübt, sondern auch von Leuten, die allein von ihrem äußeren Erscheinungsbild nicht diesen Gruppen zuzuordnen sind.“ An Haltestellen und nachts sei daher besondere Aufmerksamkeit geboten. Und falls es doch zu einer Attacke komme, rate man zu folgendem Verhalten:

„Rechnen Sie mit folgendem Effekt: Je mehr Menschen an einem Tatort versammelt sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass niemand helfend eingreift. Das klingt nur auf den ersten Blick unlogisch, aber die Wahrscheinlichkeit, dass jeder vom anderen glaubt, dass dieser schon etwas unternehmen werde, ist sehr groß. Bereiten Sie sich darauf vor, selber die Initiative zu ergreifen. Handeln Sie dabei sofort. Je länger Sie und andere zögern, desto schwieriger wird es, einzugreifen.“

Nein, das ist keine Panikmache, auch wenn mancher, der sich im Zuge des Fußballturniers äußern zu müssen glaubt, es für eine solche hält, weil er – as always – den kollateralen Imageschaden für die postnazistische Gesellschaft und ihre Staat gewordene Repräsentanz fürchtet. Der Leitfaden ist vielmehr eine traurige Notwendigkeit für Menschen, die nicht so aussehen, als ob sie ohne weitere Prüfung einen NPD-Parteiausweis bekommen würden, im Unterschied etwa zu dem Nachwuchsnazi auf dem oberen Foto. Die Bork in der Fernsehserie Star Trek hätten ihre helle Freude an den deutschen Zuständen: Der so sehnsüchtig beschworene Gewinn des Titels assimiliert so gut wie alle, zu 80 Millionen Hooligans nämlich. Rette sich, wer kann.

Dass man auch andernorts nicht mehr alle Latten am Zaun hat, demonstrierte der Kommandeur der Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden, Sakaria Subeidi: „Wir werden uns bemühen, Ruhe walten zu lassen, so dass unsere Nachbarn, die Israelis, entspannt und in Frieden die WM verfolgen können. Wir sind eine Nation, die den Sport fördert und wie andere Nationen die WM in Frieden und Sicherheit anschauen will.“ Das wäre ja in der Tat mal was Neues und Begrüßenswertes, aber man ahnt schon, dass da noch eine, sagen wir, Gegenleistung eingefordert wird: Subeidi hofft, „dass die Israelis während dieser Zeit ihre Patrouillen in den Städten des besetzten Westjordanlandes aussetzen“. Honi soit qui mal y pense.

Die USA haben unterdessen schon vor Beginn der Weltmeisterschaft einen endspielverdächtigen Volltreffer gelandet und einem nicht ganz unbedeutenden Massenmörder (Fotos links) frühzeitig das Paradies und die 72 Jungfrauen beschert.

Die Hymne zu dieser geschlossenen Mannschaftsleistung kommt von einem gewissen Sasha, der zwar nicht besonders gut singen kann, aber offensichtlich seherische Qualitäten hat:

So we say good bye, bye bye, bye bye
And we put our hands up in the sky
And we wave our handkerchief you gotta leave
So we say good bye, bye bye, bye bye

You know you can’t always walk along
The sunny side of the street, there is mis’ry
Around us from time to time
And so you never know the way it goes
Tomorrow we might be losers but this time
We wanted all and got it all
So after all the fuss and fight on our way
There’s only one thing left to say

And we say good bye, bye bye, bye bye
And we put our hands up in the sky
And we wave our handkerchief you gotta leave
So we say good bye, bye bye, bye bye

In all dem Trubel beruhigen sich die Nerven wieder ein bisschen, wenn man zur Abwechslung mal jemanden sprechen hört, der als (inzwischen Ex-) Fußballer durchaus Aufschlussreiches zu sagen hat und nicht so stumpf auf Fragen antwortet wie das Gros seiner Kollegen. Bixente Lizarazu alias Liza (Foto) hat der französischen Zeitung Le Monde vor drei Tagen ein Interview gegeben, in dem er über die WM spricht, aber auch Erhellendes zum deutschen Fußball zu sagen hat und darüber hinaus erläutert, warum der FC Bayern München in gewisser Weise undeutsch ist, wie ihn der Verein angesichts der Erpressung durch die ETA unterstützt hat und warum er auch Rückendeckung bekam, als er den deutschen Rekordnationalspieler Lothar Matthäus ohrfeigte. Franklin D. Rosenfeld war so freundlich, das Gespräch vom Französischen ins Deutsche zu übersetzen; hier folgt ein längerer Auszug daraus.

„Bayern München hat mich gegen die ETA unterstützt“

Le Monde: Was erwarten Sie als ehemaliger Spieler des FC Bayern München von der Weltmeisterschaft in Deutschland?

Bixente Lizarazu: Ich erwarte das zu sehen, was ich acht Jahre lang dort gesehen habe, also eine Atmosphäre, wie es sie sonst nur in englischen Fußball- oder in französischen Rugbystadien gibt. In Deutschland kann man wirklich als Familie zum Spiel gehen, ohne das geringste Risiko. Man ist dort weit weg von der Atmosphäre, die bei einem PSG-OM-Spiel* herrscht. Nach den Spielen trinken die Fans beider Teams ein Bier und tauschen Trikots aus, was belegt, dass es möglich ist, seine Mannschaft zu unterstützen, ohne sich deshalb an die Gurgel zu gehen. Ich habe während meines Aufenthaltes bei den Bayern nie irgendeine Aggressivität verspürt. Bayern ist sicherlich die beliebteste Mannschaft des Landes, aber auch die am meisten beneidete. […]

Welche Art Fußball mögen die Deutschen?

[…] Was das Spiel angeht, würde ich sagen, dass dem deutschen Fußball eine gewisse taktische Reife fehlt. Die Systeme sind weniger ausgefeilt als in Italien, in Spanien oder sogar in Frankreich. Es ist ein Spiel, das sehr stark an der Offensive ausgerichtet ist, was erklärt, warum es viele Tore gibt. Auf der Defensivseite ist die Kultur des „einer gegen einen“ noch sehr verbreitet. Ein Spiel – das sind sehr oft elf Zweikämpfe. Daher auch die Bedeutung der physischen und mentalen Stärke im deutschen Fußball. Das Problem ist, dass es inzwischen überall in Europa deutliche Tendenzen in Richtung körperlicher und physischer Stärke gibt. […]

Wie erklären Sie sich, dass Sie in Deutschland erfolgreich waren? Nichts hat sie dazu prädestiniert…

Wenn man meine Ursprünge, meine Persönlichkeit oder auch meine Vorliebe für ein Leben ohne Einschränkungen betrachtet, sagt man sich in der Tat, dass das gar nichts werden konnte. Aber es ist etwas Magisches passiert. Es ist so, dass ich es schätze, mit Menschen einer gewissen Qualität zusammenzuarbeiten. Ich habe bei den Bayern eine außerordentliche Führungsriege vorgefunden: Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge oder auch Trainer Ottmar Hitzfeld. Mit solchen Leuten kann man durchs Fegefeuer gehen. Ich war bereit, mir für Hitzfeld ein Bein auszureißen, wie übrigens für Aime Jacquet, der der andere Trainer ist, der mich sehr geprägt hat.

Die Bayern waren, so scheint es, mehr als nur ein Arbeitgeber für Sie….

Als ich Probleme mit der ETA hatte**, war es ganz Bayern München, das mich unterstützt hat. Genauso war es, als ich [Lothar] Matthäus geohrfeigt habe – man hat mir zu verstehen gegeben, dass ich damit nicht im Unrecht war.

Man redet oft von der „Liebe zum Trikot“ im Fußball. Das bedeutet nichts. Was zählt, ist das gegenseitige Vertrauen, das Menschen aufbringen. Zufällig sind diese Menschen Deutsche, na und? Ich werde niemals die Hommage vergessen, die mir bei meinem letzten Spiel mit den Bayern bereitet wurde… Kein Vergleich zu der Art, wie meine Zeit in der französischen Nationalmannschaft zu Ende gegangen ist. Man sieht den Unterschied zwischen Menschen, die Klasse haben, und solchen, die keine haben.

Was die französische Nationalmannschaft betrifft, wie sehen Sie ihre Weltmeisterschaft?

Ich habe viele Freunde bei den „Bleus“. Ich möchte, dass deren WM schön für sie wird. Aber die französische Mannschaft muss akzeptieren, dass sie keinen Favoritenstatus innehat. Niemand sieht sie als Sieger. Brasilien ist oberhalb aller anderen, und Mannschaften wie Argentinien, Italien oder England scheinen ebenfalls sehr stark zu sein.

Das Minimum für die „Bleus“ wäre es, das Viertelfinale zu erreichen. Das wird ohne Zweifel am schwierigsten. Aber ab da können sie Schönes vollbringen. Was die Einzelspieler angeht, haben wir immerhin ein ungeheures „Material“.

Das Problem ist, dass diese Mannschaft noch nicht richtig Fuß gefasst hat. Die Qualifikation war sehr schwerfällig. Das ist eine einfache Feststellung. Im Jahr 2002 hatten wir auch sehr ordentliches „Material“, und das hat nicht gereicht. Denn wenn eine Mannschaft nicht zusammenspielt…

Das Interview führte Frederic Potet.

* Paris St. Germain gegen Olympique Marseille
** Anmerkung der Le Monde-Redaktion: Im Jahr 2000 verlangte die baskische Gruppe von ihm die Zahlung der „Revolutionssteuer“

Hattips: Doro, Mona Rieboldt, Sebastian, Germanophobia & Spirit of Entebbe

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