Almosenromantizismus

So viel Sarkasmus sei erlaubt: Eigentlich müsste sie ja längst da sein, die Hungerkatastrophe in den palästinensischen Gebieten, vor der nahezu täglich gewarnt wird. Schon am 20. März dieses Jahres nämlich hieß es im Handelsblatt: „Innerhalb von Tagen könnte den 1,3 Millionen Bewohnern des Gaza-Streifens eine Hungersnot drohen.“ Zwei Wochen später ließ sie immer noch auf sich warten: „Palästinensern droht Hungersnot. Uno warnt vor humanitärer Katastrophe als Folge der Isolationspolitik.“ Doch sie kam und kam nicht, weshalb die Hamas der Europäischen Union Ende April ankündigte, sie notfalls gezielt herbeizuführen. Aber immer noch weit und breit: nichts. Nur die Ruhe vor dem Sturm? Anfang Mai fürchteten die Staatsführungen Ägyptens, Saudi-Arabiens, Jordaniens und Pakistans jedenfalls, das geballte Unheil leerer Mägen könnte sie qua „Flächenbrand“ aus ihren Ämtern fegen. Da sitzen sie aber immer noch.

Der Gau braucht also noch eine Weile. Offenbar weiß niemand so genau, wann er eintritt, aber dass er kommt, scheint so sicher wie das Allahu akbar! in der Moschee und die Antwort auf die Frage, wer im Fall der Fälle schuld ist: Israel zuvörderst, die USA natürlich, die EU und die übrigen Finanziers, die die Dreistigkeit besitzen, die eliminatorischen Antisemiten der Hamas zu boykottieren, obwohl die doch den demokratisch legitimierten Volkswillen repräsentieren. Kaum jemand hingegen stellt Nachforschungen an, wo genau eigentlich das ganze Geld geblieben ist, das bereits zu Arafats Zeiten an die Palästinensische Autonomiebehörde geflossen ist. Dabei lohnt sich das – denn die Ergebnisse zeigen recht eindeutig, dass das Elend der Bevölkerung hausgemacht ist:

„Wer blindlings den Behauptungen glaubt, dass die Palästinenserbehörde bankrott sei, verfügt über ein kurzes Gedächtnis und hat die Vorgänge vergessen, als Yassir Arafat in Paris auf dem Sterbebett lang. Damals wurde die extravagante Kaufsucht von Suha Arafat und eine angebliche monatliche Apanage in zweistelliger Millionenhöhe breitgetreten. Es wurde auch über Arafats 3 Milliarden Dollar Privatvermögen geredet, das den Palästinenserpräsidenten mit Fidel Castro, der britischen Königin und Saddam Hussein in der Zeitschrift Forbes zu einem der reichsten Herrscher der Welt machte. Niemand redet mehr über diese Gelder. Die PLO, deren Vorsitzender heute Mahmud Abbas ist, investierte in der algerischen Telekommunikationsgesellschaft und in Holdinggesellschaften in Südamerika.“

Und die Ausgaben dürften sich in überschaubaren Grenzen gehalten haben, denn das meiste wurde, sagen wir, Gewinn bringend angelegt:

„Da die Autonomiebehörde dank der Spenden der Geberländer ihre Rücklagen nicht anrühren musste, dürften diese Gelder noch vorhanden sein. Etwa zehn Milliarden Dollar flossen seit 1993 vor allem aus der EU in die Palästinensergebiete. ‚Etwa 5 Milliarden Dollar verschwanden in den Gullis, und wir wissen nicht, wohin’, gestand Muhammad Dahlan im August 2004 im ‚Guardian’. Arlene Kushner vom ‚Zentrum für Nahost Politik’ berichtet zudem von dem ‚Palestinian Investment Fund’ (PIF), 2002 von Finanzminister Salam Fayad eingerichtet, mit einem Teil des Vermögens von Yassir Arafat. Mustafa Muhammad, Chef des Fonds, in dem noch eine Milliarde Dollar liegen müssten, habe 300 Millionen Dollar an die Autonomiebehörde ausgezahlt. Angeblich hat Mahmud Abbas die Kontrolle über PIF.“

Es dürfte also trotz aufwändiger Aufrüstung noch ein bisschen was da sein, das den Hunger zu lindern verstehen könnte. Doch zur Ideologie der Hamas gehört neben dem Judenmord auch die repressive Wohlfahrt – ein Almosenromantizismus, der Enthaltsamkeit und Demut als Gegenleistung für einen Teller Suppe einfordert und zum politischen Programm erhebt. Die Versorgung der Bevölkerung ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Steuerungsinstrument bei der nationalen Formierung; sie wird genau so weit sicher gestellt, dass die Abhängigkeit von den vermeintlichen Wohltaten der Terrorvereinigung jederzeit gewahrt bleibt und das Klagelied, ein noch besseres Leben werde durch Israel und die USA – und nicht etwa durch die Hamas selbst – verhindert, die Nationalhymne bleibt. Vor diesem Hintergrund hat das palästinensische Regime ein großes Interesse daran, die eigenen Reichtümer zu beschweigen, dafür den kleinen und den großen Satan der Erpressung zu zeihen und bei den arabischen Brüdern und Schwestern medienwirksam um eine milde Gabe zu bitten.

Dessen ungeachtet gibt Israel neun Millionen Euro frei, die in Form von Arzneimitteln an Krankenhäuser weitergeleitet werden, also nicht an die Hamas gehen sollen. Und auch von anderer Seite kommt unverhoffte Unterstützung, wenn auch bis jetzt noch Kleinvieh Mist macht:

„Eine Gruppe iranischer Studenten hat am Sonntag bei einer Veranstaltung Geld gesammelt, das zur Zerstörung Israels beitragen soll. Mit der Aktion wollen sie zudem die palästinensische Regierung unterstützen, die sich derzeit in einer finanziellen Krise befindet. Wie die Tageszeitung ‚Ha’aretz’ berichtet, nahmen etwa 300 Studenten an einer Veranstaltung teil, die von der ‚Bewegung der nach Gerechtigkeit suchenden Studenten’ an der Universität von Teheran initiiert wurde.“

Und da ließ die geistige Elite eine Spendenbüchse kreisen, auf der „Der Studentenfond für die Zerstörung Israels“ geschrieben stand. Monty Python hätte es nicht besser inszenieren können; derzeit macht die Realität fast jede Satire, fast jedes Kabarett unmöglich, weil sie kaum noch scharfsinnig zu pointieren ist. Dazu passt, dass der Sprecher dieser Vereinigung, Javad Miri, in seinem Versuch, sich staatsmännisch-diplomatisch zu geben, die Ziele mit umso größerem Freimut ausspricht:

„Dies ist ein symbolischer Schritt, um die öffentliche Aufmerksamkeit für die palästinensische Sache zu erreichen, in einer Zeit, in der die westlichen Länder die finanzielle Unterstützung für die Hamas-geführte Regierung zurückhalten. Wenn eine gewählte Regierung in Palästina an der Macht ist und Israel Druck auf sie ausübt, sollte jeder den Palästinensern helfen.“

Die Gleichung ist schnell errechnet; die „palästinensische Sache“ ist diesen iranischen Studenten das, wofür sie Geld gesammelt haben: die Zerstörung Israels. Das Ganze mutet nicht nur bizarr an; das ist es auch – wobei der Schluss der Geschichte die Sache erst richtig rund macht:

„Zehn Studenten gaben Geld in eine Box. […] Einige warfen auch Steine hinein. Mit dieser Geste spielten sie auf die erste palästinensische Intifada von 1987 an.“

Na gut, aller Anfang ist schwer. Aber das dämpft den Optimismus kaum, und so fällt das Fazit auch aus wie bei einem Fußballtrainer, der bei seinem Einstand eine zweistellige Klatsche kriegt und doch unbeirrbar an seinen Trainingsmethoden festhält:

„‚Ich hoffe, es ist der Start einer populären finanziellen Unterstützung für die Hamas-Regierung“, so der 21-jährige Philosophie-Student Einollah Zarrinjoo.“

Offenbar fand aber nicht das gesamte Auditorium die Idee eines Vernichtungsfonds so gut wie dieses akademische Nachwuchstalent; möglicherweise wollten viele sich ihre Zustimmung aber einfach auch nichts kosten lassen. Trotz der Hungersnot, die bekanntlich täglich über die von Israel Geknechteten hereinbrechen kann.

Hattip: Doro, Fotos (aus Ramallah): Julia

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