Goodbye to a Magpie

Seine Profikarriere endete, wie sie achtzehn Jahre und drei Tage zuvor begonnen hatte: mit einem Tor. Als Siebzehnjähriger hatte Alan Shearer seinerzeit bei seinem Debüt für Southampton sogar gleich drei Treffer gegen Arsenal markiert; nun beschloss er seine großartige Laufbahn vor wenigen Tagen durch ein Goal beim 4:1 seines Klubs Newcastle United im Lokalderby gegen Sunderland AFC (Foto). Eigentlich hätte erst am Saisonende Schluss sein sollen – nach dem letzten Ligaspiel gegen Chelsea und dem Abschieds-Testimonial am 11. Mai gegen Celtic nämlich –, doch Sunderlands Julio Arca machte Shearer mit einem Foul einen Strich durch die Rechnung: Ein Bänderriss sorgte dafür, dass der Torjäger bereits jetzt in den Ruhestand treten muss. „Das war’s, es ist vorbei. Es ist enttäuschend, aber ich beschwere mich nicht – ich hatte eine große Karriere. Tief drinnen wusste ich, als ich aus dem Stadion humpelte, dass das wahrscheinlich das Ende war, und ich glaube, die Fans wussten das auch. Sie wissen, dass ich nicht liegen bleibe, wenn ich nicht wirklich schwer verletzt bin“, sagte Shearer dem Newcastle-Fanzine True Faith. „Hoffentlich kann ich den Anstoß beim Testimonial noch ausführen – aber es gibt viele Menschen, die weit schlechter dran sind als ich.“

Einer jedoch wird möglicherweise tief durchatmen, dass Alan Shearer nun die Fußballschuhe im Schrank verstaut: Sir Alex Ferguson, ewiger Trainer des Ligakonkurrenten Manchester United. Jahrelang hatte er seinen Spielern vor Begegnungen seines Klubs gegen Newcastle drei Ratschläge mit auf den Weg gegeben:

„1. Lass Shearer niemals das Tor sehen. 95 Prozent seiner Schüsse von außerhalb des Sechzehners gehen auf den Kasten. 2. Lass Shearer am langen Pfosten niemals aus den Augen. Er wird über dich steigen und dich lächerlich machen. 3. Lass Shearer niemals vor dir an den Ball. Dann kannst du die Kugel kurz darauf aus dem Netz holen.“

Vor zehn Jahren wollte Ferguson Shearer deshalb zu ManU lotsen – doch der entschied sich für einen Wechsel von seinem damaligen Verein Blackburn Rovers – die er 1995 mit sensationellen 34 Toren zu deren erster Meisterschaft und auch seinem einzigen Titel geschossen hatte – zu seinem absoluten Lieblingsklub, den Magpies. „Mein Traum als Kind war es, für Newcastle zu spielen und Tore im St. James’ Park zu schießen. Es macht nichts, dass ich dort nie einen Pokal gewonnen habe, denn ich bin meinen Weg gegangen und habe den Traum gelebt. Für diesen Klub zu spielen, bedeutete mir alles“ ,fasste Shearer nach seinem definitiv letzten Match noch einmal die Gründe zusammen, 1996 auf viel Geld verzichtet und stattdessen einem Herzenswunsch gefolgt zu sein. Newcastle ließ sich den Transfer damals 15 Millionen Pfund kosten – das war zu jener Zeit die höchste Summe, die je für einen Wechsel gezahlt wurde.

Mit 206 Toren in 404 Partien ist der 35-jährige Rekordtorschütze des Vereins; insgesamt brachte er es in seiner Karriere als Fußballprofi sogar auf 409 Einschüsse in Ligaspielen und auf 30 Treffer in 63 Länderspielen für England – darunter das Siegtor beim 1:0 gegen Deutschland (Foto) während der Europameisterschaft 2000 (das die Three Lions zwar leider nicht vor dem Ausscheiden bewahrte, den Deutschen immerhin jedoch ebenfalls das vorzeitige Aus bescherte). Dabei waren die Voraussetzungen für Alan Shearer gar nicht mal so berauschend, als er mit 15 Jahren in der Jugend des FC Southampton begann, wie der kicker zu berichten weiß:

„‚Wir machen deinen rechten Fuß zur Waffe’, versprach ihm Jugendcoach Dave Merrington. ‚Bald wird dein rechter wie der linke von Puskas sein.’ – ‚Wer ist denn Puskas?’ – ‚Er war ein großer ungarischer Stürmer mit dem besten linken Fuß der Welt.’ – ‚Aha.’ Extraschicht um Extraschicht verfolgte Shearer dieser komische Puskas. Und der ungarische Geist machte ihn zum besten englischen Stürmer seiner Generation.“

Die großen Trophäen blieben dem Topscorer zwar versagt, aber bereut hat er es trotzdem nie, nicht zu einem ganz großen Verein gegangen zu sein. Und die Fans dankten es ihm – nicht zuletzt mit einem legendären T-Shirt, das die Aufschrift trug: „Jesus rettet. Und Shearer trifft im Nachschuss.“ Außerdem sind die Perspektiven für den so treffsicheren Stürmer durchaus annehmbar:

„Endlich habe er vor einem Spiel mal Pommes und Burger essen dürfen. Bald wird der beliebteste Sohn Newcastles dann wohl auf deren Trainerbank sitzen. Und weiter diese verdammte Trophäe jagen. Ohne die rechte Puskas-Klebe.“

Ein Großer geht. Einer, den man vermissen wird.

Übersetzung: Liza; Hattip: Tobias Kaufmann

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