Just good friends

Wächst jetzt zusammen, was zusammengehört? Gar bei der Fußball-Weltmeisterschaft? Nein, nicht Ost und West, das hatten wir schon 1990 – da machte man sich hüben wie drüben nächtens zur Jagd nach allem auf, was nicht arisch genug aussah, nachdem man erst die Mauer und dann auch noch die besten Mannschaften des Globus zur Strecke gebracht hatte. Vielmehr geht es um diese Liaison:

„Nach Erkenntnissen von Verfassungsschützern planen NPD und Neonazis mehrere Demonstrationen, um sich mit dem judenfeindlichen Staatspräsidenten Irans, Mahmud Ahmadinedschad, zu solidarisieren.“

Eigentlich hat man in diesen Kreisen ja was gegen Kanaken, aber wenn die wiederum was gegen Juden haben, sind sie eigentlich ganz okay. Und rassekundlich lässt sich das bestimmt auch irgendwie verkaufen.* Nur die Medien können’s kaum glauben und vermuten hinter dieser Packelei bloß ein etwas übersteigertes Geltungsbedürfnis:

„Die rechtsextreme Szene will während der Fußball-Weltmeisterschaft mit gezielten Provokationen Aufmerksamkeit erregen.“

Das scheint ein Wert an sich zu sein. Aber die wollen eigentlich nur spielen. Doch das zumindest organisiert: Provoziert wird nämlich gezielt – als ob das sonst nur en passant und absichtslos geschähe. Ergo lautet die Botschaft: Nicht reizen lassen; die hören auch wieder damit auf, wenn man sie nicht beachtet. Je nach Opportunität lässt man so einen Aufmarsch aber auch mal zu und knüppelt ihn entweder vor laufender Kamera werbewirksam zusammen oder bittet – wie am 8. Mai 2005 – die besseren Deutschen, sich dem Treiben in den Weg zu stellen, damit hinterher rührende Bilder um die Welt gehen können, wie sauber das postnazistische Land doch seine Geschichte verarbeitet hat. Außerdem ist ja Die Welt zu Gast bei Freunden, und da stören solche Manifestationen im Land des Aufstands der Anständigen etwas mehr als sonst.

Differenzen zwischen den Faschos und ihrem neuen Lieblingsbartträger dürften übrigens in Bezug auf die Frage bestehen, wie man die Juden am besten los wird. Der Vorschlag Ahmadinedjads, sie aus Israel zu vertreiben und dafür in Europa anzusiedeln, wird bei den Neonazis nämlich eher keine Sympathie finden. Aber da ist ja noch das Atomprogramm, das schon schlagkräftigere Argumente zu bieten hat. Wie auch immer: Erst mal getrennt marschieren, dann vereint schlagen. Und das gleich mehrmals:

„Fünf Aufmärsche hätten NPD und Neonazis bereits angemeldet, sagten Verfassungsschützer dem Tagesspiegel. Am 10. Juni, dem ersten Tag nach Beginn der WM, wollten die Rechtsextremisten in Gelsenkirchen demonstrieren. Vier weitere Märsche seien zwischen dem 3. Juni und dem 25. Juni in Thüringen angemeldet. Wahrscheinlich werde die Szene eine ganze Serie von Demonstrationen während der WM inszenieren.“

Und dann diejenigen dagegen mobilisieren, die kein Problem damit haben, dass der Iran bei der Weltmeisterschaft mitspielt, sondern die nur dann aufhorchen, wenn Rechtsradikale sich – aus wenig überraschenden Gründen – mit den Mullahs gemein machen wollen. Ohne den braunen Haufen à la NPD, DVU und Kameradschaften vernachlässigen oder verharmlosen zu wollen, sei doch darauf hingewiesen, dass der Iran derzeit eine erheblich größere Bedrohung für Juden im Allgemeinen und für Israel im Besonderen darstellt als deutsche Neonazis. Wer aber nur den Finger hebt, wenn letztere sich in Bewegung setzen, macht seine Gegenkundgebung letztlich zu einer mullahfreundlichen Angelegenheit.

Ohnehin trifft man auf den rituellen Antifa-Kundgebungen gerne auch die sympathischen Zeitgenossen, die sozusagen den Iran vor seinen angeblich bloß falschen Freunden in Schutz nehmen wollen. Gut möglich daher, dass irgendwo Oskar Lafontaine auftaucht, für das Recht des Iran auf Atomenergie streitet und das damit begründet, dass Israel das schließlich auch in Anspruch nehme und es außerdem Gemeinsamkeiten der Linken mit dem Islam gebe. Worin in solchen Fällen ernsthafte Differenzen zu den Demonstranten auf der anderen Seite bestehen sollen, ist eine Frage, vor deren Beantwortung immer alle weglaufen, die man darauf anspricht. Die besseren Argumente kommen da eindeutig von den wenigen, die sich von vornherein für einen Ausschluss des Iran von der WM ausgesprochen haben, auch während der Spiele ihr Missfallen kund tun wollen und darüber hinaus ganz sicher keine Neigung haben, Naziaufmärsche einfach geschehen zu lassen.

Aber vielleicht erhalten sie ja doch noch unerwarteten Zulauf. Gute Gelegenheiten dazu gäbe es schon vor der Weltmeisterschaft, etwa am kommenden Samstag im westfälischen Hamm. Dort spricht Michel Friedman auf Einladung der Otmar-Alt-Stiftung zum Thema „Freiheit ist mehr als ein Wort“. Weil man aber nichts Schönes haben kann, macht sich ein Kameradschaftliches Bündnis Hamm dicke und trommelt unter der Parole „Gegen Drogen und Zwangsprostitution! Friedman keine Plattform bieten!“ gegen den Vortrag.** Neben allerlei anderen Ungeheuerlichkeiten findet sich im Aufruf der ordentlichen Deutschen auch dieser Satz:

„Zusätzlich ist Friedman Stellvertreter eines Volkes, welches es mit der Freiheit der Palästinenser auch nicht so genau nimmt.“

Das ist die conditio sine qua non für jeglichen Protest: Partei zu ergreifen nicht nur gegen eine Versammlung von rechten Kotzbrocken, sondern gleichzeitig für Friedman und für Israel. Wer meint, an dieser Stelle über „Drogen“ und „Zwangsprostitution“ debattieren zu sollen, oder wem das Objekt des Angriffs egal oder sogar zuwider ist, möge daheim bleiben oder sich fragen, was er eigentlich substanziell gegen die rechte Prozession hat. Immerhin scheint es ein paar Aufrechte zu geben, die erkannt haben, dass man hier nicht mit den obligatorischen Langweilerparolen auf Faschofang gehen darf, sondern dass es schon ein bisschen mehr sein muss als „Nazis raus!“. Ihr Aufruf wird übrigens im linken Spucknapf Indymedia in gewohnter Qualität kommentiert. Beispielhaft sei nur der Anfang der Ergüsse des Lesers „Ehrlich“ zitiert: „Ich kann die ganze Aufregung um Herrn Friedmann gar nicht verstehen, letztendlich hat er doch selber für den Wirbel gesorgt. Es heisst ja auch nicht aus Spass, wer im Glashaus sitzt …“ (Orthografie im Original)

Bei solchen Linken braucht es keine Rechten mehr.

* Die altiranische Form der Länderbezeichnung Iran bedeutet übersetzt „Land der Arier“. Danke an Aram Ockert für den Hinweis.
** Das Ganze ist unter http://www.demo-hamm.tk und http://www.kb-hamm.tk nachzulesen. Von Lizas Welt führen keine Links auf Internetseiten von Nazi-Gruppierungen, daher muss, wer starke Nerven hat und sich dem Ekel stellen will, die Adressen schon selbst eingeben.

Die Fotos zeigen eine Neonazi-Kundgebung „Gegen israelische und US-amerikanische Kriege“ vom 15. Januar 2005 in Nürnberg.

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