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Mein Freund, der Baum

7. August 2010 von Lizas Welt

Noch eindeutiger hätte die Sachlage gar nicht sein können: Die israelische Armee will im Grenzgebiet zum Libanon sichtbehinderndes Gehölz entfernen, das Terroristen – zuvörderst denen der Hizbollah – im Falle eines Angriffs auf den jüdischen Staat einen gefährlichen Schutz bieten würde. Diese routinemäßigen Rodungsarbeiten werden gegenüber den Vereinten Nationen, genauer gesagt: bei deren im Libanon stationierter Einheit namens Unifil, rechtzeitig angekündigt; die libanesische Armee wird von den Uno-Blauhelmen entsprechend informiert. Das Fällen des störenden Baumes findet, das wird von der Unifil später bestätigt, vollständig auf israelischem Territorium statt. Doch das ficht die libanesische Armee nicht an: Sie eröffnet – wie sie anschließend freimütig zugibt und wie auch die Unifil einräumt, die den libanesischen Soldaten gleichwohl Rückendeckung gibt – unvermittelt das Feuer und erschießt gezielt den 45-jährigen israelischen Oberstleutnant Dov Harari; der 30 Jahre alte Reservist Ezra Lakia wird schwer verletzt. Die israelische Armee verteidigt sich; dabei kommen zwei libanesische Soldaten und ein libanesischer Journalist ums Leben. Der Hizbollah-Führer Hassan Nasrallah und der libanesische Präsident Michel Suleiman ergehen sich in schwülstiger Kriegsrhetorik; Gleiches gilt für den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad.

Wie gesagt: Die Sachlage ist gänzlich unstrittig. Israels Armee hat völlig korrekt und zulässig gehandelt; der Angriff am vergangenen Dienstag ging eindeutig von ihrem libanesischen Widerpart aus, der zudem angekündigt hat, bei nächster Gelegenheit wieder so zu handeln. Einen Tag zuvor hatte die Hamas von ägyptischem Territorium aus Raketen auf den südisraelischen Badeort Eilat abgefeuert. Kurzum: Binnen zwei Tagen gab es kriegerische Aktivitäten gegen Israel aus dem Libanon, aus Syrien und aus dem nach Ägypten verlängerten Gazastreifen. Umso bezeichnender ist es, wie die Reaktion deutscher Medien ausfiel, die mit dem Terminus Desinformation nur unzureichend umschrieben ist; vielmehr handelte es sich einmal mehr um schiere Ideologieproduktion, wofür bereits die dümmliche Überschrift eines Beitrags auf Spiegel Online – „Gefällter Baum provoziert blutiges Feuergefecht“ – einen Beleg liefert. Als ob es sich um eine aus dem Ruder gelaufene nahöstliche Auseinandersetzung zum Thema Waldsterben gehandelt hätte, die – wie könnte es auch anders sein? – von Israel eröffnet wurde! Noch doller trieb es jedoch die Süddeutsche Zeitung, die ihren Korrespondenten Thomas Avenarius einen Kommentar schreiben ließ. Auch der brach die Gründe für den „Streit“ (!) allen Ernstes auf forstspezifische Differenzen herunter und lästerte:

Ein einsamer Baum auf einem schlecht markierten Grenzstreifen löst einen handfesten Krieg aus: Im Bauerntheater ließe sich das Versagen von Politik und der Triumph skrupelloser Kriegstreiberei mit so einer absurden Geschichte bildhaft inszenieren. Im Nahen Osten braucht es für solche, von politischer Dummheit durchsetzten Lehrstücke keine dörfliche Theaterkulisse. Die Akteure tun alles dafür, das Schauspiel im echten Leben wahr werden zu lassen: Vier Tote im Streit um einen Baum im israelisch-libanesischen Grenzgebiet, einen Baum, der der einen Armee die Sicht versperrt und der anderen zur Frage der nationalen Ehre wird. Dazu widersprüchliche Angaben über den Verlauf der Grenze und den Standort des hölzernen Gewächses, Beschuldigungen, Drohreden, Gefuchtel mit geladenen Waffen. Viel fehlt nicht mehr, und die Historiker können einen neuen israelisch-libanesischen Krieg im Geschichtsbuch vermerken.

Arroganz meets Äquidistanz. Und die politische Dummheit, die Avenarius hier anderen zuschreibt, ist sein eigenes Markenzeichen. Im so genannten Nahostkonflikt ist den Feinden Israels jeder noch so kleine Vorwand billig, um die Existenz des jüdischen Staates grundsätzlich in Frage zu stellen und Maßnahmen zu seiner Liquidierung ins Werk zu setzen – gehe es dabei nun um die angebliche Gefährdung der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem durch israelische Bauarbeiten oder eben um einen simplen Baum, der kein Problem darstellte, gäbe es nicht die Hizbollah, der derlei Sichtschutz für ihre Absichten überaus zupass kommt. Doch für „Israelkritiker“ wie Thomas Avenarius ist alles eine Soße: „Widersprüchliche Angaben“, wo längst Klarheit herrscht, „Beschuldigungen“, wo die Schuldfrage beantwortet ist, „Drohreden“, wo nur eine Seite droht, und „Gefuchtel mit geladenen Waffen“, wo unzweifelhaft die eine Seite die andere angegriffen hat. Wieder einmal wird überdeutlich, dass das Einnehmen einer vermeintlich unparteiischen Position in Wahrheit eine faktische Parteinahme für diejenigen ist, die Israel den Garaus machen wollen.

Und dies zumal, wenn man anschließend einen veritablen Kriegstreiber als moralische Instanz aufruft: „Syriens Präsident Bashar al-Assad hat vor einem neuen, einem großen Nahostkrieg gewarnt. Auch wenn der Hizbollah-Freund Assad kein Unbeteiligter ist, sollte man ihm in dieser Frage Gehör schenken.“ Und warum sollte man das? Weil Syrien dem Mann von der Süddeutschen zufolge im angeblichen Schachspiel Nahostkonflikt „als Springer“ fungiert – „beweglich, aber schnell bedroht“. Was diese Beweglichkeit ausmachen soll, führt Avenarius so wenig aus wie die Antwort auf die Frage, worin die Bedrohung eigentlich bestehen soll. Womöglich ist er in seinen Vergleich mit der Königsdisziplin derart verliebt, dass er sich um die Details bloß teilweise schert. Schließlich glaubt er zu wissen, dass „das Konfliktmanagement“ denen überlassen bleibt, „die Interesse an einem neuen Krieg haben: den Militanten der Hizbollah und den Betonköpfen in der israelischen Armee“. Wobei der Terminus „Militante“ – abgesehen davon, dass er eine Verniedlichung des Terrors ist – eine gewisse Aktions- und Bewegungsfähigkeit suggeriert, während der Begriff „Betonköpfe“ für Sturheit und Unbeweglichkeit steht.

So sieht sie aus, die „Israelkritik“. „Jeder Evidenz ins Gesicht zu lügen und aus in Notwehr handelnden Soldaten kaltblütige Mörder zu machen – das ist die Wahrheit der Antisemiten“, stellte die Redaktion der Zeitschrift Bahamas kürzlich treffend fest. Und das gilt für die Teilnehmer der „Free Gaza“-Flotte genauso wie für den Korrespondenten einer überregionalen, so genannten Qualitätszeitung.

Zum Foto: Die Kollaboration der Vereinten Nationen mit den Feinden Israels – ein Unifil-Soldat (mit blauem Barett) fordert die israelische Armee zur Zurückhaltung auf, während ein libanesischer Soldat die Panzerbüchse im Anschlag hat.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog Loor Schrijft: Mijn vriend, de boom.

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Veröffentlicht in Politik | Getaggt mit Antisemitismus, Hizbollah, Israel, Libanon, Süddeutsche Zeitung | Hinterlasse einen Kommentar

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