Putztausend!

Mit der Hamas reden? Aber ja doch, dachte sich, nicht zum ersten Mal übrigens, die Ulrike Putz. Und zog – ausgerüstet mit Notizblock, Fotoapparat und Kopftuch – los, um für Spiegel Online nach geeigneten Gesprächspartnern zu suchen, die der Judenmörderbande angehören. Die fanden sich rasch und gaben der deutschen Journalistin gegenüber nachgerade Erschütterndes zu Protokoll: „Dissidenten“ würden bedroht und um die Ecke gebracht; anschließend werde alles „vertuscht“. Überhaupt geht es der Gotteskriegerpartei gar nicht gut: „Drei Jahre nach der Machtübernahme der Radikalislamisten im Gazastreifen wenden sich ihre Anhänger in Scharen ab“, resümiert Putz; enttäuscht seien „sowohl die moderaten als auch die extremen Mitglieder der Organisation, am rechten wie am linken Rand macht sich Unmut breit“. Dabei könnte alles so schön sein, würde nur auf den Rat der Alten und Weisen gehört:

„Die Partei ist in Falken und Tauben gespalten“, sagt Sajed Abu Musameh, einer der sieben Gründer der Hamas und moderater Kritiker der eigenen Bewegung. Viele Männer seiner Generation seien mit Juden aufgewachsen, sagt der 63-Jährige, der nach wie vor Mitglied der Parteiführung ist. Viele dieser Älteren glaubten an ein friedliches Zusammenleben, nicht an die Macht von Raketen und Selbstmordanschlägen. „Doch die Partei wird heute von den jungen Radikalen beeinflusst, sie stellen die Mehrheit der Mitglieder, ihnen reden unsere Führer nach dem Mund.“ Ginge es nach Abu Musameh, würde die Hamas versuchen, ihre Ziele ausschließlich politisch zu erreichen. „Ich bin gegen Gewalt“, sagt er in seinem von Granatapfel- und Pfirsichbäumen verschatteten Garten. Sich von der von ihm gegründeten Organisation lossagen will der Lehrer jedoch nicht. „Ich will die Bewegung von innen ändern. Wir können den Extremisten nicht das Feld überlassen.“ Ein paar seiner Gesinnungsgenossen jedoch wollten austreten oder seien bereits in die innere Emigration gegangen.

Es ist förmlich zu spüren, wie die Augen der 1973 Geborenen unter den Schatten spendenden Granatapfel- und Pfirsichbäumen leuchteten. Denn so manche Parallele zu historischen Ereignissen in Putzens Herkunftsland drängte sich ja geradezu auf: Wollten die älteren Nazis damals nicht recht eigentlich auch das Gute? Sind sie nicht auch mit Juden aufgewachsen? Glaubten sie als Tauben nicht auch an ein friedliches Zusammenleben? Waren sie als moderate Kritiker ihrer eigenen Bewegung nicht auch gegen Gewalt? Wollten sie ihre Ziele nicht auch ausschließlich politisch erreichen? Wurde die NSDAP nicht auch von den jungen Radikalen a.k.a. Falken beeinflusst, die die Mehrheit der Mitglieder stellten und denen die Führer nach dem Mund redeten? Und sind nicht ungezählte Deutsche damals in die Partei eingetreten, um sie von innen zu ändern – weil sie den Extremisten nicht das Feld überlassen wollten –, dann aber wieder ausgetreten oder in die innere Emigration gegangen?

Einen Unterschied zu damals gibt es zum Glück: Heute haben die Juden einen Staat samt schlagkräftiger Armee, um sich gegen ihre vernichtungswütigen Feinde zur Wehr zu setzen. Da fällt eine postnazistische deutsche Korrespondentin, die an einen Antisemitismus mit menschlichem Antlitz glaubt wie ein vierjähriges Kind an den Weihnachtsmann, nicht weiter ins Gewicht. Nicht einmal dann, wenn sie die israelische Spezialeinheit, die dem Treiben der „Free Gaza“-Flotte ein Ende bereitete, instinktsicher als „Einsatzkommando“ bezeichnet, Benjamin Netanyahu dadurch zu einem israelischen Heinrich Himmler macht und also zeigt, wer für sie die neuen Nazis sind.

Zum Foto: Antisemitismus mit menschlichem Antlitz – Hamas-Mitglieder winken freundlich ins Publikum. Gaza, Oktober 2006. (Anmerkung: Ursprünglich war dieser Beitrag mit einem Foto bebildert worden, das nicht, wie irrtümlich angenommen, Hamas-, sondern Hizbollah-Mitglieder beim Entbieten des so genannten Hitlergrußes zeigt. Lizas Welt bittet diesen Fehler zu entschuldigen.)

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