Battles mit Judenhass

Seitdem Deutschrapper wie etwa Fler, Sido und Bushido auch außerhalb ihrer Fangemeinde zu einiger Prominenz gelangt sind, wird in Politik und Medien verstärkt über die Brutalität und den obsessiven Schwulen- und Frauenhass in Raptexten debattiert sowie die Frage erörtert, ob und wann die verbalen „Battles“ zu handgreiflichen eskalieren. Kaum ein Thema ist hingegen der teilweise offene Antisemitismus mancher Rapmusiker – und das, obwohl er nicht zu übersehen ist und eine immer tragendere Rolle spielt.

Als Mitte Januar in Berlin bislang Unbekannte auf offener Straße vier Kugeln auf die Szenegröße Massiv abfeuerten, von denen eine den rechten Oberarm des Rappers streifte, wich das Entsetzen schnell einem Rätselraten: Handelte es sich tatsächlich um einen Mordversuch, oder hatte der Musiker – was er vehement bestreitet – den Angriff aus Imagegründen selbst inszeniert? Während die Polizei noch mit der Klärung dieser Frage befasst ist, stößt man bei der Suche nach Massivs Kontrahenten nicht zuletzt auf den Stuttgarter Rapper Bözemann, der gerne als bewaffneter albanischer „Freischärler“ auftritt und sich wie Massiv als gläubiger Muslim inszeniert. Bereits im Sommer des vergangenen Jahres hatte er gegen Massiv einen „Diss-Track“ mit dem Titel Die Herausforderung veröffentlicht, der alleine auf YouTube bislang über 340.000 Mal aufgerufen wurde. In dem Song kündigt Bözemann unter anderem an, den Kopf seines Feindes mit einer Axt mehrfach zerteilen zu wollen. Im dazu gehörigen Clip sieht man überdies, wie er Massiv ein Grab schaufelt und ihm ein Holzkreuz bastelt, das nicht nur mit dem Namenszug des Verhassten versehen ist, sondern auch – sozusagen als ultimative Schmach – mit einem Davidstern (Screenshot, obere Hälfte). Diese Botschaft ist eindeutig, und Bözemann machte auf seiner Myspace-Seite auch gar keinen Hehl daraus: „ICH WILL DICH EINFACH NUR WEGBOMBEN ICH SCHEISS AUF DEIN FAME AUF DEIN LABEL AUF DEINE TATTOOS DEINE FETT BERGE DEINE SCHWULEN SONGS DEINE SCHWULE STIMME UND AUF DEIN MOSLEM GETUE WEIL DU BIST GANZ SICHER KEIN MOSLEM DU BIST MIT SICHERHEIT JUDE UND ZIEHST DEN KORAN DURCH DEN DRECK!!!!“

Nach den Schüssen auf Massiv produzierte Spiegel-TV einen Beitrag, der sich auch mit Bözemann (Foto links) und seinen Hasstiraden beschäftigte. Bözemanns Antisemitismus spielte dabei jedoch nicht nur keine Rolle – er wurde schlicht zum Verschwinden gebracht, und zwar im Wortsinn. Denn in den gezeigten Ausschnitten aus dem Video des Rappers ist der Davidstern auf dem Grabkreuz nicht mehr zu sehen; er wurde ohne jede Begründung einfach unkenntlich gemacht (Screenshot, untere Hälfte), so, als ob nicht sein kann, was einfach nicht sein darf. Auch Bözemanns Stolz auf seinen Großvater, der angeblich der 21. Waffen-Gebirgs-Division der SS Skanderbeg angehörte, war für Spiegel-TV kein Thema. Dabei ist Antisemitismus im deutschsprachigen Rap schon lange keine Seltenheit mehr, „seitdem in den letzten Jahren gerade unter Jugendlichen ‚Jude’ wieder zum allgemein gebräuchlichen Schimpfwort avancierte“, wie Robert Peschke in einem Interview mit haGalil bemerkte: „Einige Deutschrapper benutzen ebenfalls sehr häufig den Ausdruck ‚Intifadarap’ für ihre Musik und sehen sich als Teil einer ‚Generation Djihad’. Nach allen Regeln der Kunst stilisieren sie sich in Bild und Ton als Judenhasser. In Fanvideos, die auf Youtube für jedermann zugänglich sind, werden die Aktivisten der Hamas und anderer islamistischer Terrorgruppen bejubelt und die Existenz des Staates Israel grundsätzlich in Frage gestellt. Osama Bin Laden hat in diesen Kreisen Che Guevara als Symbol der Befreiung schon lange abgelöst.“

Zum gleichen Ergebnis kam Jan Buschbom vom Violence Prevention Network in einem Vortrag über antisemitische Tendenzen im Rap: „In einem Milieu, das als Underground Rap firmiert, mit veritablen Stars wie Sido und Bushido längst aber hitpara­dentauglich ist und seit einiger Zeit den deutschsprachigen Hip Hop dominiert, sind antisemitische Äußerungen längst konsensfähig – oder stellen zumindest kein Skandalon dar. Angesichts aggressiver Gewaltfantasien, Frauenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie, wie sie im jüngeren deutschsprachigen Rap gang und gäbe sind, scheint sich kaum einer der jugendlichen Musiker und Fans an antisemitischen und nationalistischen Stellungnahmen zu stören. […] Im deutschsprachigen Hip Hop gerät der islamistische Terrorattentäter längst zur Metapher für Männlichkeit, Härte und Soldatentum. So bezeichnet sich im Titel ‚11. September’ der Berliner Rapper Bushido als ‚Taliban’: ‚Ich bin dieser Terrorist, an den die Jugend glaubt.’ Im Track ‚Soldat’ der Crew ‚Der neue Westen’ findet sich diese Zeile: ‚Ich seh nur Selbstmordattentäter … und denk mir, wo bleiben die Helden dieser Generation?’“

Auch Massiv, der stets mit Palästinensertuch auftritt und stolz auf seine palästinensische Abkunft verweist, hat diesbezüglich einiges im Repertoire: „Mein Satz ist Sprengstoff, meine Hand am Sprengknopf! / Dropkick auf dein Kopf, dein Blut, kein Stopp! / Ihr macht alle Popshit, die Kugel kommt mit Absicht! / Bleiben wir mal sachlich, Geld her und lach nich‘! / Zu heißes Klima, Herkunft Palästina! / Arbeitslos gemeldet, trotzdem kauf ich mir ein‘ Siebener! / Keine Rotation, als wär’ ich Al-Qaida“, reimt er beispielsweise in Blut gegen Blut. In Opferfest heißt es: „Ich plan’ mit dem Libanesen einen krassen Terrorschlag / komm’ auf euch zu mit ’nem 100-Tage-Bart! / Die Shokker sind gebombt wie das World-Trade-Attentat!“ Und in Heimatland, das er gemeinsam mit Basstard aufnahm, besingt er den Selbstmordbomber, den „Shahid, im Himmel neu geboren“.

Längst hat sich zur extremen Frauenfeindlichkeit und der enthemmten Homophobie prominenter „Aggro-Rapper“ – der Berliner G-Hot (sprich: „Djihad“) beispielsweise ruft in seinem Stück Null Toleranz dazu auf, homosexuellen Männern „den Schwanz abzuschneiden“ – der Antisemitismus gesellt, rangiert „Jude“ als gebräuchliche Beleidigung neben „Fotze“, „Schlampe“ oder „Schwuler“ und stehen islamische Vernichtungs- in einer Reihe mit Vergewaltigungsfantasien. Robert Peschke weist jedoch zu Recht darauf hin, dass dies nicht nur mit dem „Migrationshintergrund“ der Musiker zu erklären ist oder sich in ihm erschöpft: „Ohne die kaufkräftigen weißen Mittelstandskiddies könnte kein einziger Deutschrapper seinen Kühlschrank füllen. Sie sehnen sich nach der Härte des islamophilen Deutschrap und bezahlen dafür mit barer Münze. Antiamerikanismus und Antisemitismus bekommen sie aber auch von den rappenden Weißbroten geboten.“

Von welchen „Weißbroten“, stellte Jan Buschbom in seinem bereits erwähnten Vortrag ausführlich dar. Die Dessauer Rap-Crew Dissau Crime beispielsweise wartet auf ihrer CD mit dem bezeichnenden Titel Zyklon D. Frontalangriff mit Zeilen wie „Jedem das Seine / denk an den Satz / auf dem Weg ins Gas meiner Stadt / Zyklon Dissau“ oder „Ich schieße mit der Flak / auf das ganze Judenpack / zack – zerwichse ich die Drecksgesellschaft“ auf. Und auch die Berliner Combo Zyklon Beatz lässt auf ihrem Album Enzyklonpädie (Bild rechts) „kaum ein antisemitisches Ressentiment aus“, wie Buschbom konstatierte: „Aufgegriffen wird die antisemitische Fabel von der Brunnenver­giftung durch Juden, ebenso die leicht modernisierte, ihrem religiösen Kontext entkleidete Mär vom jüdischen Ritualmord an Kindern. Juden werden entmenschlicht, als Tiere dargestellt und dämonisiert als Teufel in Men­schengestalt, als ‚Satans Krönung’, der alles Böse zugetraut werden muss. Auch die antisemitische Großerzäh­lung von der jüdischen Weltverschwörung taucht unter der Hand wieder auf, nämlich verkleidet als Kritik an den USA und Israel, denen es um die Durchsetzung ihrer ökonomischen Interessen weltweit gehe und die zu diesem Zweck eine ‚Einheitswelt’ und den normierten ‚Standardmenschen’ anstreben würden.“

Das alles sind nicht bloß popkulturelle Mätzchen, nicht bloß harm- und folgenlose „Rap-Battles“, in denen es „nur“ darum geht, Kontrahenten und Konkurrenten verbal so übel wie möglich fertig zu machen, also zu „dissen“, wie es im Szenesprech heißt. Denn vor allem der Antisemitismus „befreit von den Hemmungen und dem schlechten Gewissen, die üblicherweise mit dem Ausführen von Gewalthaltungen verbunden sind“, brachte es Buschbom auf den Punkt. Und „in Szenen, in denen antisemitische Haltungen und Vorurteile nicht auf Widerspruch stoßen und als tolerierbare Meinung innerhalb des ‚normalen’ Meinungsspektrums gelten, wird es immer einen gewissen Prozentsatz an Personen geben, die ihrem Judenhass deutlich, konkret und auch handfest zum Ausdruck bringen.“ Dies nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, sondern es im Gegenteil zu leugnen oder zu verschweigen – wie es beispielsweise Spiegel-TV mit seiner Manipulation des Bözemann-Videos getan hat –, verharmlost den Antisemitismus als zu vernachlässigenswerte Größe, statt ihn als Ideologie mit mindestens potenziell tödlichen Folgen zu begreifen.

Screenshots und grafische Aufbereitung: Lizas Welt – Hattip: Rolf T.

Eine von John Rosenthal übersetzte englische Fassung dieses Beitrags erschien unter dem Titel German Rappers Steeped in Anti-Semitism, Jihad am 1. März 2008 bei Pajamas Media.

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