Brechts Erben bei den Mullahs

Das Berliner Ensemble wird ab dem 11. Februar an drei aufeinander folgenden Abenden Bertolt Brechts Stück Mutter Courage und ihre Kinder bei einem Theaterfestival im Iran aufführen. Der Intendant der Hauptstadtbühne, Claus Peymann, will dieses Unternehmen als Zeichen gegen die vermeintlichen Kriegspläne der USA verstanden wissen: „Man sollte Teheran besuchen, bevor es zerbombt ist.“ Etwa 50 Demonstranten protestierten am vergangenen Samstag gegen das anstehende Gastspiel bei den Mullahs: Sie verteilten Flugblätter im Theater am Schiffbauerdamm, der Spielstätte des Ensembles.

Man kann wohl davon ausgehen, dass Peymann (Foto) und seine Truppe nach ihrem Auftritt ein ähnlich zufriedenes Fazit ziehen werden wie die Osnabrücker Symphoniker, die im vergangenen Sommer ebenfalls in der iranischen Kapitale waren: „Ich schaue in die erste Reihe. Dort sitzen die kulturellen Vertreter des Landes. Sie haben ein Lächeln im Gesicht“, schrieb einer ihrer Musiker in seinem „Teheraner Tagebuch“, das seinerzeit täglich in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschien. „Wir spüren, wie sehr Musik in der Lage ist, die Herzen der Menschen zu erreichen. Wir feiern bis drei Uhr früh. Das Osnabrücker Symphonieorchester ist jetzt vielleicht das glücklichste Orchester der Welt.“ Sie strahlten damals mit den Repräsentanten des iranischen Regimes um die Wette, die Kulturschaffenden aus der niedersächsischen Friedensstadt, denen nicht nur kein Sterbenswörtchen der Kritik an den Mullahs über die Lippen kam, sondern die im Gegenteil noch peinlich genau darauf achteten, dass die Kopftücher ihrer Musikerinnen nur ja akkurat sitzen.

Auch Claus Peymann und sein Berliner Ensemble (BE) werden in dem islamischen Land, so viel ist sicher, nichts von sich geben, was die Mächtigen in Teheran auch nur ansatzweise stören könnte. Weder deren Vernichtungspläne gegenüber Israel noch die Hinrichtungen im Land werden ein Thema sein. Ganz im Gegenteil darf das Regime auch das Gastspiel der Berliner Theatraliker als zärtliche Geste der Solidarität begreifen, die den „kulturellen Vertretern des Landes“ ein „Lächeln ins Gesicht“ zaubern soll. Der Publizist Tjark Kunstreich analysierte auf einer Konferenz mit dem Titel „Der Westen und der iranische Krieg gegen Israel“, die das Bündnis gegen Appeasement am vergangenen Wochenende in der Berliner Humboldt-Universität veranstaltete, welches die Beweggründe des Ensembles für seine Reise nach Teheran sind und warum es dort gerade Brechts Mutter Courage gibt. Kunstreich sagte unter anderem:

„Dass Peymann Teheran, das er schon 2002 mit seiner Inszenierung von Shakespeares Richard II. heimsuchte, noch einmal besuchen will, ‚bevor es zerbombt wird’, weist ihn ja schon als Katastrophentouristen vom Schlage der Mutter Courage aus, die der Armee hinterher zieht, um Geschäfte zu machen. Von der Marketenderin unterscheidet sich der Intendant aber dadurch, dass die Geschäfte, die er macht, ideologischer Natur sind; um Geld und Existenz geht es ihm nicht. Der Besuch des Berliner Ensembles im Mullahstaat dementiert die Behauptung Brechts, beim Krieg gehe es nur um Geld – vielmehr lenkt diese Behauptung davon ab, warum unter Umständen ein Krieg unvermeidbar ist, indem sie alle Gründe, die in der Sache selbst liegen, als Vorwände für das Eigentliche, die pekuniären Interessen, vom Tisch wischt. Die iranische Führung droht mit der Vernichtung Israels – den USA geht es nur um den Profit; der Iran bastelt an einer Atombombe – den USA geht es nur um den Profit; islamfaschistische Rackets terrorisieren Frauen – den USA geht es nur um Profit, und so weiter und so weiter und so fort.“

Im Anschluss an die Konferenz zogen rund 50 Teilnehmer zu der Spielstätte des Berliner Ensembles, dem Theater am Schiffbauerdamm, und protestierten dort gegen den anstehenden Auftritt von Peymanns Combo im Iran. Dabei verteilten sie ein Flugblatt an die Theatergäste, das im Folgenden dokumentiert werden soll.

Bündnis gegen Appeasement (Berlin)

Willkommen in Teheran

Am 11. Februar ist es so weit, dann zieht Mutter Courage ihren Karren an drei Abenden über die Bühne der Vahdat-Halle, mit 1.200 Plätzen eine der größten Aufführungshäuser Teherans. Das Berliner Ensemble ist zu Gast beim Fadjr-Theaterfestival, einer jährlichen Veranstaltung mit internationalem Renommee. Bei der Vorstellung der Spielzeit 2007/08 behauptete er [Claus Peymann, der Intendant des Ensembles], er wisse, dass sein Vorhaben von der Bundesregierung nicht gewünscht werde. Aber, so Peymann, „man sollte Teheran besuchen, bevor es zerbombt ist“. Das Stück, das Brecht kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges schrieb, soll geschichts- und publicityträchtig kurz vor Ausbruch des von Peymann prophezeiten Krieges zur Aufführung kommen.

Die Behauptung, der Besuch des BE in Teheran sei seitens der Bundesregierung unerwünscht, ist ja nicht nur eine weitere Lüge des ewigen Antiimperialisten, die ihm das schon leicht gammelige Hautgout der Opposition verleihen soll, obwohl er schon längst der Intendant der Berliner Republik ist und sein Antiimperialismus, für den er Jahrzehnte gekämpft hat, der Mainstream. Selbstverständlich hat die Bundesregierung nichts gegen die Reise des Berliner Ensembles; der Kulturaustausch ist von den Sanktionen ausgenommen – jenen Sanktionen, mit deren Einhaltung es die Bundesregierung ohnehin nicht sehr genau nimmt. Aber es ist dieser Hauch von Subversion, ohne den Peymann und mit ihm andere, die deutsche Kultur dem iranischen Publikum näher bringen wollen, nicht auskommen können. Es wäre nicht sonderlich spannend, in ein Land zu fahren, das nicht von den USA zum Feind erklärt worden ist, vor allem, weil man dann zu erklären hätte, wie man zu den Verhältnissen im Iran steht. So steht man jedoch ganz vorne in der Front Europas gegen Amerika.

Zugleich empfinden diese deutschen und europäischen Kultur-Botschafter es ebenfalls als subversiv, im Iran aufzutreten. Zum Regime, das von ihren Auftritten profitiert, pflegen sie ein Verhältnis der Äquidistanz, als gingen sie die Verbrechen der Mullahs nichts an. Der Schleier des Respekts vor dem anderen, den sich die beteiligten Frauen stellvertretend für die Nation überziehen, lässt noch ein Augenzwinkern zu, das alles doch nicht so zu meinen. Mutter Courage in Teheran ist deswegen ungeheuer pragmatisch; abgesehen von einigen sehr anzüglichen Bemerkungen, die aber von der Sorte sind, wie sie im Iran noch zugelassen werden, ist es vor allem die Tatsache, dass alle Frauen schon ein Kopftuch tragen und reichlich verhüllt daher kommen, die kaum eine Veränderung der Inszenierung nötig macht. Die Schauspielerinnen brauchen ihre Kostüme nicht einmal auszuziehen, dann haben sie auch außerhalb des Aufführungsorts kein Problem.

Auffällig ist, dass das Berliner Ensemble ein großes Herz für Juden hat – für tote Juden, wie einschränkend gesagt werden muss. Im BE steht die Dramatisierung des Tagebuchs der Anne Frank auf dem Spielplan, und kaum eine deutsche Gedenkbetriebsnudel ist noch nicht hier aufgetreten. Die iranische Vernichtungsdrohung gegen Israel befördert jedoch nicht die Solidarität mit den Bedrohten, sondern die Hinwendung zu denen, die sich auf einen weiteren Massenmord vorbereiten. Das war in Deutschland noch nie ein Widerspruch, und im Hinblick auf die abnehmende Konjunktur des Gedenkens ist es eigentlich folgerichtig, dabei mitzuhelfen, dass es wieder tote Juden und erneute deutsche Schuld gibt: Wieder könnte man schuldzerfressen und verantwortungsgeil der Welt ein weiteres Mal erklären, dass man es diesmal aber richtig macht.

Dass Peymann lieber nach Teheran fährt als nach Tel Aviv, bevor es zerbombt wird, ist aber nicht nur eine erinnerungsökonomische Notwendigkeit, es ist auch biografische Konsequenz eines unverbesserlichen Deutschen. Im Jahre 2002 spekulierte Peymann im „Philosophischen Quartett“ des ZDF darüber, dass es doch einen „wahrhaftigen Grund“ geben müsse, „dass alle Welt die Amis hasst“. Wie können die Deutschen „Vasallen eines neuen Roms sein, das Dresden und jetzt auch Afghanistan platt gemacht hat und uns derzeit an den Rande eines Vierten Weltkriegs bringt, nachdem es den Dritten als Kalten mit den Kommunisten ausgetragen hat“, fragte er sich. „Mit Bush und Sharon ist die Finsternis gekommen“, war er sich schon damals sicher. Dass niemandem auffällt, wie nahe die Sprache Peymanns sich an die des Horst Mahler anschmiegt, ist schon erstaunlich; aber wer von allen und vor allem von sich selbst für den größten Theatermann im deutschsprachigen Raum gehalten wird, der darf es sich offenbar leisten, zu reden wie ein Nazi. Und so nimmt es wenig wunder, dass mit dem iranischen Präsidenten dem Intendanten eine Lichtgestalt erschienen ist, um die Finsternis zurückzudrängen.

In diesem Sinne wünschen wir dem Berliner Ensemble und seinem Intendanten eine gute Reise! Vielleicht ergibt sich ja auch die Möglichkeit, an einer öffentlichen Hinrichtung teilzuhaben oder neue Erkenntnisse über den Holocaust zu gewinnen.

Update 5. Februar 2008: Das Komitee gegen deutsche Kultur im Iran und anderswo ruft zu einer Protestkundgebung gegen Claus Peymanns Kollaboration mit dem antisemitischen Terror-Regime im Iran auf. Diese Kundgebung findet am Freitag, 8. Februar 2008, um 18.30 Uhr statt – unmittelbar vor der Premiere von Peymanns Inszenierung von Shakespeares Richard III. –, und zwar vor dem Berliner Ensemble am Bertolt-Brecht-Platz 1 in Berlin-Mitte.

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