Kabarette sich, wer kann!

Vorweg: Das deutsche Kabarett ist sterbenslangweilig. Es ist angepasst und bieder, ideenlos und zotig. Seine Protagonisten versuchen, ihre mangelnde Originalität durch allerlei Getöse wett zu machen, stets im fieberhaften Bemühen, dem Publikum das zu verabreichen, was es ohnehin schon kennt und gewöhnt ist. Bloß keine Experimente, nur kein unpopulärer Einfall! Noch jeder mit viel Aufwand gezündete Witz entpuppt sich so als kläglicher Rohrkrepierer, denn was die Kabarettisten für avantgardistischen und subversiven Humor halten, ist in Wirklichkeit der konformistische Frohsinn eines Mainstreams, der gar nicht genug bekommen kann von den immer gleichen Schenkelklopfern über Bush und Merkel, die Gesundheitsreform und die „Heuschrecken“. Was sich als Reflexion ausgibt, transportiert doch nur das so geläufige wie beliebte Ressentiment, und deshalb weist sich das schadenfrohe Lachen des Publikums als Gesinnung aus, deren ach so kritische Träger die Bestätigung des eigenen Weltbildes mit nachgerade infantiler Freude quittieren.

So ist es längst auch beim Scheibenwischer, der 1980 erstmals ausgestrahlten und wohl immer noch bekanntesten Kabarettsendung im deutschen Fernsehen. Zwar ist deren Programmplatz seit dem Ausscheiden ihres Gründers und Mentors Dieter Hildebrandt nicht mehr so prominent wie früher, aber die sozialdemokratische Show erfreut sich weiterhin nicht unbeträchtlicher Sympathien, und wer dort auftritt, kann von sich behaupten, den Durchbruch geschafft zu haben. Hagen Rether (Foto) ist so einer von denen, die von Hildebrandt und seinen Erben geschätzt werden; seit zwei Jahren darf er sogar bei der Gala zum jeweiligen Jahresende auf der Bühne seine Ansichten zu den Weltläuften kund tun: 2005 versuchte er sich an einer moralingeschwängerten Umdichtung des Vaterunsers, 2006 an einer bestenfalls effektheischenden Grass-Kritik, und vor wenigen Tagen ging es schließlich um die angeblich grassierende „Islamophobie“.

Mit Kabarett hatte das, was der 38jährige dabei bot, wenig zu tun; eher schon hielt er eine politische Kampfrede, in der er die derzeitige Situation der Muslime in Deutschland mit der Lage der Juden kurz vor der Machtübertragung an Adolf Hitler verglich. „Heute möchte ich mich ganz kurz mal einem aktuellen Lieblingsspiel der Deutschen widmen“, eröffnete Rether seinen Vortrag, „‚Schlagt den Moslem’“ heiße es, denn „Moslem-Bashing“ sei „total angesagt“. Eine „gesamte Religion“ werde nämlich „in Sippenhaft genommen“, behauptete der Mann mit dem Pferdeschwanz, der vom Unterschied zwischen Sippenhaft und Sippenhaftung – also dem zwischen Gefängnis und der Verpflichtung zur Begleichung einer Schuld – gewiss schon einmal gehört hat, ihn aber offenbar nicht so wichtig findet. Denn die Botschaft lautete: „Wir haben einen neuen Sündenbock“ – und man muss den alten nicht erwähnen, um zu behaupten, dass die Muslime sozusagen die Juden von heute sind.

Zwar mühen sich ausnahmslos alle etablierten Medien damit, den Islam vom „Islamismus“ und die (angeblich oder tatsächlich) friedlichen von den terroristischen Muslimen zu trennen; zwar beruft der Innenminister „Islam-Konferenzen“ ein, von denen dezidierte Kritiker der selbst ernannten Religion des Friedens ausgeschlossen bleiben; zwar wird allenthalben vor einem „Generalverdacht“ gegen die Anhänger des Propheten gewarnt und auf die kulturellen Leistungen des Islams hingewiesen – aber einen wie den Rether ficht das nicht an, im Gegenteil: „Mit der Verzögerung von ein paar Jahren, wie immer, stehen wir jetzt genau da, wo die Amis vor ein paar Jahren standen, nach dem 11. September: komplett paranoid“, urteilte er. „Wir haben aber vor dem Anschlag schon Angst, wir haben Präventiv-Paranoia. Wir haben vorauseilende Angst.“ Als Beleg für seine These dienten ihm vor allem ein paar Spiegel-Titelbilder, die allesamt eine schwarze Hintergrundfläche aufwiesen, was nur einen Schluss zulasse: „Das Gift der Angst wirkt, und die Giftmischer von Bush bis bin Laden haben unsere Hirne und unsere Herzen taub gemacht.“

Rether merkte entweder gar nicht, welches antisemitische Klischee er da bediente, oder er nahm es bewusst in Kauf; die letztgenannte Möglichkeit ist bei einem, der Israel auch schon mal als „ganz normalen Apartheidstaat“ bezeichnet, zumindest nicht auszuschließen. Darüber hinaus zeugen seine in Deutschland und Europa so beliebte Gleichsetzung des Al Qaida-Führers mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und die Unterstellung, in den USA regiere seit 9/11 der nackte Wahn, von einem stupenden Antiamerikanismus, der für Rethers Programm allerdings elementar ist. Im Stile eines Redners auf dem evangelischen Kirchentag fuhr er schließlich fort: „Europa steht da, gelähmt vor Angst. Die Hosen voll und die Köpfe leer.“

Und dann wurde der Komiker allmählich persönlich: „Der Henryk M. Broder, der hat sogar schon kapituliert“, missglückte ihm seine Anspielung auf ein Buch des Journalisten, das er ganz offensichtlich gar nicht gelesen hat: „Ja, vor wem denn? Vor seiner türkischen Putzfrau? Oder vor seinem indischen Hausarzt?“ Dass genau die weder von Broder noch von irgendwem sonst als Problem empfunden werden (und Inder außerdem eher selten dem Islam angehören), könnte Rether wissen, wenn er es denn wissen wollte – doch wichtiger war und ist ihm etwas ganz anderes: „Wir brauchen viel weniger, viel weniger von diesen Spaltern, wir brauchen nicht noch mehr Scharfmacher, wie brauchen noch mehr Dialog.“ Denn: „Die Scharfmacher haben uns nach Afghanistan gebracht. Die Scharfmacher machen dauernd Krieg.“ Die „Scharfmacher“, das sind in dieser kindlichen Logik all jene, die die Zumutungen des Islams nicht einfach hinnehmen wollen und die dabei durchaus nicht alle Muslime für Terroristen halten, aber wissen, dass in den letzten Jahren fast alle Terroristen Muslime waren.

Doch Hagen Rether ist ein Appeaser vor dem Herrn, und deshalb bekam nach Broder auch Ralph Giordano sein Fett weg. Der habe sich nämlich „verrannt in einer bitteren, einseitigen Polemik, der ist so randvoll vor Wut vor dem Islam, dass er mittlerweile Applaus von den Nazis kriegt“. Dass der Schriftsteller sich mit letzteren, vor allem mit deren Kölner Vertretung, heftig angelegt hatte„Wenn die zeitgenössische lokale Variante des Nationalsozialismus könnte, wie sie wollte, würde sie mich in eine Gaskammer stecken“ – und außerdem von Islamisten mit dem Tode bedroht wurde, war für den Kabarettisten nicht der Rede wert. Denn der will vor allem „’ne differenzierte Debatte“, die aber ständig sabotiert werde: „Wenn du dich um Dialog bemühst und um Integration, dann wirst du sofort abgewatscht“ – von wem, wird nicht näher ausgeführt –, „‚Sozialromantik’ und ‚Multi-Kulti-Kuschelkurs’, abgekanzelt, Ende.“ Dabei seien diese Optionen eine schiere Selbstverständlichkeit: „Ja sicher Multi-Kulti-Kuschelkurs! Was denn sonst? Prügelkurs? Gibt’s ’ne Alternative zum Kuschelkurs?“ Natürlich nicht – und zwar deshalb: „Die Alternative zum Kuschelkurs, die können wir seit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren im Nahen Osten uns angucken.“ Wo die Israelis partout nicht kuscheln wollen, obwohl ihnen ihre muslimischen Nachbarn schon seit Jahrzehnten geduldig zeigen, wie friedliebend der Islam ist.

Wie auch immer: „Es wird nur noch tendenziös und einseitig über den Islam berichtet, über die gesamte Religion, mit dem Bade alles ausgeschüttet“, befand Rether mit bemerkenswerter Weltfremdheit, um schön langsam zum Finale zu kommen: „Und dann noch ’ne Prise Zwangsheirat und ’ne Prise Ehrenmord, und dann haben wir den bösen Moslem. Wir backen uns einen Feind, zugeschaut und mitgegraut.“ Dabei sei doch alles gar nicht so schlimm mit diesen Ritualen: „Ehrenmord! Ehrenmord gibt’s bei uns ewig schon, immer haben wir Ehrenmorde. Das heißt bei uns bloß anders: Familiendrama heißt das, und das gibt’s bei uns an Weihnachten.“ Da klatschte das linksliberale Publikum, denn es weiß aus eigener Erfahrung: Der Heiligabend ist so eine Art christlicher Djihad, zu dem landauf, landab im Anschluss an den Konsumterror geblasen wird, sobald die Socken nicht passen oder die Krawatte das falsche Muster hat. Dankbar für den Applaus, schickte Rether gleich noch ein paar gute Ratschläge hinterher: „Aber hallo! An der eigenen Nase packen! Ja sicher! Mal an die eigene Nase packen. Wir müssen mal uns um den Balken im eigenen Auge endlich kümmern, aber man sieht den so schlecht, weil da ja halt der Balken drauf ist, und da kannste schlecht gucken mit dem Balken im Auge auf den eigenen Balken, das funktioniert nicht.“

Apropos Balken: „Der Wallraff will Fundamentalisten kennen lernen?“, fragte das Kabarett-Sternchen mit Bezug auf den längst stornierten Plan des Journalisten, die Satanischen Verse Salman Rushdies in der geplanten Kölner Großmoschee vorzulesen. „Dann soll er mal versuchen, von Monty Python ‚Das Leben des Brian’ im Kölner Dom vorzuführen. Da kann er Fundamentalisten kennen lernen“, weissagte Rether – als ob Katholiken allen Ernstes mit Morddrohungen oder Fanalen auf diesen Film reagieren würden, der längst zu einer Art Kulturgut geworden ist. Doch Rether ist ein Meister des unpassenden Vergleichs, und so kommentierte er schließlich auch den Spiegel-Titel „Der Koran – das mächtigste Buch der Welt“ mit einer schrägen Analogie, diesmal wieder zum Nationalsozialismus: „Wir hatten hier schon mal ’ne Zeit in Deutschland, wo man Bücher für gefährlich hielt“ – nur waren das gerade nicht die, in denen Juden als „Affen“ und „Schweine“ verunglimpft werden. Aber egal: „Wehe uns, wenn hier demnächst die Moscheen brennen!“, warnte Rether, offenbar in Erwartung einer neuerlichen Pogromnacht, diesmal gegen muslimische Einrichtungen.

Und so bekommt die angebliche „Islamophobie“ unversehens den gleichen Stellenwert wie ehedem der Antisemitismus, wobei zwangsläufig alles ausgeblendet werden muss, was dieser Parallelisierung im Weg steht: die Anschläge in New York, Madrid und London genauso wie die Selbstmordattentate, der Raketenbeschuss und die Vernichtungsdrohungen gegen Israel; der Expansionsdrang des Islams genauso wie die durch ihn legitimierte massive Unterdrückung von Frauen und der mörderische Terror gegen Homosexuelle, Nichtgläubige, Aussteigewillige und politische Gegner; der obsessive islamische Judenhass genauso wie die islamische (Selbst-) Versagung von allem, was auch nur entfernt nach Lust, Hedonismus oder gar Dekadenz aussieht. Der „Kuschelkurs“, den Hagen Rether so vehement einfordert, ist letztlich die Kapitulation vor den Zumutungen des Islams, der eben nicht nur eine Religion ist wie andere auch, sondern eine politische Ideologie, die konsequent auf völlige Unterwerfung und Beherrschung zielt und die Gesellschaft bis in ihre letzten Poren zu durchdringen trachtet.

Für sein Tun ist Hagen Rether in Deutschland übrigens schon reichlich dekoriert worden, unter anderem mit dem Passauer Scharfrichterbeil, dem Bayerischen Kabarettpreis und dem Sprungbrett. Am 10. Februar kommt nun der Deutsche Kleinkunstpreis hinzu, die wichtigste Auszeichnung für Kabarettisten. Aber das ist nur folgerichtig – denn hierzulande wusste man schon immer, wem man Orden umzuhängen hat. Kabarette sich, wer kann!

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