Die »Israelkritik« des Jeff Halper

Jeff Halper während des Russell-Tribunals zu Südafrika in Barcelona, 6. November 2011 (© Jordi Matas mit CC-BY-NC-ND-2.0-Lizenz via Flickr)

An der Heidelberger Volkshochschule (VHS) durfte eine israelfeindliche Gruppierung einen Veranstaltung mit einem Referenten durchführen, der den jüdischen Staat bezichtigt, mit unsichtbarer »Nanotechnologie« einen »Krieg gegen das Volk« zu führen, was die Gefahr der Vernichtung der gesamten Erdbevölkerung berge. Kritik an diesem Vortrag wies die Leiterin der VHS gleichwohl als »abstrus« zurück. Auf die Forderung nach Konsequenzen reagieren die Parteien im Heidelberger Stadtrat zurückhaltend – weil eine alte Masche zu verfangen scheint.

Angenommen, eine rechtslastige Gruppierung träte an eine seriöse Bildungseinrichtung mit dem Anliegen heran, bei ihr einen Vortrag durchführen zu wollen, in dem Israel von einem Referenten, der sich vehement für einen Boykott des jüdischen Staates einsetzt, als Staat dargestellt wird, der den »regierenden Eliten« dieser Welt filigrane Waffen für den »Krieg gegen das Volk« liefert: auf »Nanotechnologie« basierende Waffen nämlich, die Insekten eingepflanzt werden, sich außerdem selbst milliardenfach reproduzieren und mit einer zwanzigprozentigen Wahrscheinlichkeit bis zum Jahr 2100 die gesamte Menschheit auslöschen werden. Wie würde diese Bildungseinrichtung reagieren? Man kann wohl davon ausgehen, dass sie solchen Irrsinn als antisemitische Verschwörungsideologie betrachten und deshalb sowohl dem Veranstalter als auch dessen Dozenten die Tür weisen würde. Vor allem, wenn diese bereits von einer anderen seriösen, gar akademischen Bildungseinrichtung einen negativen Bescheid erhalten haben.

Wenn der gleiche Irrsinn aber von einer »Palästina-/Nahost-Initiative« organisiert und von einem israelischen Aktivisten erzählt wird, sieht die Sache anders aus. Zumindest in Heidelberg, wo die örtliche Volkshochschule (VHS) Ende November bereit war, für eine Veranstaltung mit dem Titel »Wie Israel Palästina ›befriedet‹: Vorlage für Kontrollsysteme weltweit« und dem Referenten Jeff Halper einen Saal zur Verfügung zu stellen. Der 71-jährige Anthropologieprofessor ist ein bekennender Unterstützer der antisemitischen BDS-Bewegung, er dämonisiert Israel als »Apartheidstaat« und tritt für einen akademischen Boykott des jüdischen Staates ein. Vor zwei Jahren hat er ein Buch mit dem Titel »War against the people« veröffentlicht, in dem er behauptet, die Weltmächte führten einen terroristischen Hi-Tech-Krieg gegen die Bevölkerung, dessen Mittel und Methoden zuerst von den Israelis entwickelt und gegen die Palästinenser angewendet und anschließend exportiert worden seien.

Halpers Vortrag – der unlängst auf Einladung der Frauen in Schwarz auch in Wien zu hören war – sollte zunächst im Seminar für Politische Wissenschaften der Heidelberger Universität stattfinden. Doch nach einem offenen Brief des Jungen Forums (JuFo) der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Heidelberg an den Hauptveranstalter, das Forum für internationale Sicherheit (FiS), wurde die Veranstaltung abgesagt. Das JuFo hatte eindringlich darauf hingewiesen, wes Geistes Kind der Referent ist. Daraufhin wandte sich der Mitveranstalter, die Palästina-/Nahost-Initiative Heidelberg, an die Volkshochschule und erhielt von ihr die Genehmigung, den Vortrag dort durchzuführen. Das JuFo richtete deshalb auch an die VHS ein Schreiben und forderte sie darin auf, sich nicht zu Handlangern der BDS-Bewegung zu machen und die Veranstaltung abzusagen. »Sie würden damit dem lobenswerten Beispiel der Städte München, Frankfurt und Berlin folgen, die allesamt Beschlüsse gefasst haben, denen zufolge keiner Organisation, die die BDS-Kampagne unterstützt, städtische Räume oder Unterstützung verfügbar gemacht werden soll«, hieß es in dem Brief.

Dieses Anliegen wies die Leiterin der Heidelberger VHS, Silke Reck, empört zurück: Man sei, sagte sie, »als Volkshochschule religiöser und weltanschaulicher Neutralität verpflichtet« und verwahre sich gegen »die versuchte Diskreditierung der VHS«, mit der das Junge Forum beabsichtige, »eine Meinungsäußerung zu verhindern«. Als ob eine öffentliche Bildungsinstitution dazu verdammt wäre, jedem noch so haarsträubenden Unfug buchstäblich Raum zu geben, und nicht das Recht, ja, die Pflicht hätte, auf die Einhaltung gewisser Standards zu achten und zu pochen. Da Reck den Antisemitismusvorwurf gegenüber Halper außerdem für »abstrus« hält, muss man davon ausgehen, dass sie genau wusste, welche Veranstaltung sie in ihren Räumlichkeiten stattfinden lässt. Und so durfte der Referent »schließlich ungehindert seine Erzählung vom drohenden Weltuntergang, verursacht durch israelische ›Nanotechnologien‹, in der Volkshochschule darbieten«, wie das Junge Forum resümierte.

Von israelischer »Nanotechnologie« und Insekten als Waffen

Tatsächlich wartete Halper mit bizarren Thesen und verschwörungsideologischem Gedankengut auf (ein Mitschnitt und ein Transkript der Veranstaltung liegen Mena Watch vor). Konventionelle Kriege gebe es heute kaum noch, sagte er, sie seien abgelöst worden von »Kriegen gegen das Volk« – und Israel exportiere dafür sowohl die Waffen als auch die Taktik nach Europa und in die USA. Darauf habe sich der jüdische Staat »spezialisiert«, schließlich habe er »hundert Jahre lang einen Krieg gegen das palästinensische Volk geführt«. Sein Instrumentarium sei dabei immer ausgeklügelter geworden, so Halper. Inzwischen verfüge Israel über »Mini-Drohnen« und eine »Nanotechnologie«, mit der beispielsweise Insekten zu »Mikro-Waffen« umfunktioniert würden.

Diese »Nanotechnologie« sei »die ultimative Waffe gegen das Volk«, behauptet Halper. In »den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren« könne man »Nano-Bots« mit Krankheitserregern, Metall, Holz und überhaupt allem bestücken und damit »das Nervensystem einer ganzen Bevölkerung ins Visier nehmen«. Ein »Nano-Bot« könne sich dann selbst reproduzieren und »innerhalb weniger Stunden eine Milliarde Nano-Bots herstellen«, die schließlich »ausschwärmen und eine ganze Bevölkerung überwältigen«, wobei diese Bevölkerung gar nicht wisse, dass sie angegriffen wird, weil die »Nano-Bots« unsichtbar seien. Bald werde es beispielsweise möglich sein, »jeden in Heidelberg zu töten, der älter als 40 Jahre ist«. Überhaupt sei es um die Erde schlecht bestellt, glaubt Halper, denn »Wissenschaftler schätzen, dass es eine zwanzigprozentige Chance gibt, dass alle Menschen bis zum Jahr 2100 verschwunden sein werden«.

Die Botschaft, die der Referent mit dieser wahnhaften, apokalyptischen Vision vermitteln wollte, liegt auf der Hand: Israel will mithilfe seiner militärischen Technologie die ganze Welt unterwerfen und schließlich vernichten. »Was sich dem Publikum darbot, war nichts anderes als eine modernisierte Form des alten antisemitischen Bildes von der jüdischen Weltverschwörung«, konstatierte das Junge Forum treffend. »Aus dem die Welt unterjochenden Finanzjudentum wurde der die ganze Welt umspannende und letztlich vernichtende israelische Militärapparat. Die autochthonen Völker und Rassen, die im klassischen Antisemitismus Angriffsziel des Judentums sein sollen, erschienen hier als ›the people‹. Die gleiche ungeheure Macht, die klassische antisemitische Topoi den Juden zuschreiben, wurde dem kleinen Staat Israel zugeschrieben. Aus der Erzählung von jüdischen Brunnenvergiftern wurde die Erzählung von israelischen Mini-Drohnen, die Krankheitserreger in die ganze Welt ausbringen. Aus dem Ritualmord wurde der potenzielle Mord an ›allen Heidelbergern über 40‹ durch israelische Militärtechnologie.«

Die alte Kronzeugen-Masche zieht noch immer

Jeff Halper widerlegte zudem die Behauptung der Heidelberger Palästina-/Nahost-Initiative, er trete bei der Veranstaltung nicht als Aktivist der BDS-Bewegung auf. Das hatte ein Sprecher der Gruppe zuvor gegenüber der Rhein-Neckar-Zeitung gesagt. In der Diskussion nach seinem Vortrag bekannte sich Halper jedoch ausdrücklich zu BDS, hielt ein Plädoyer für den Boykott Israels und rühmte sich, mitsamt seiner NGO zu den ersten Unterstützern der BDS-Kampagne gehört zu haben. »Spätestens jetzt, nachdem der Vortrag stattfand, müsste jedem klar werden, dass die Direktorin einer Volkshochschule hier dem antiisraelischen Ressentiment und Verschwörungswahn eine Bühne bot«, schrieb das Junge Forum in seiner Erklärung. Die Organisation fordert deshalb, »alle notwendigen Konsequenzen zu ziehen und in Zukunft keinen Raum mehr für derartige Agitation zu bieten«.

Ob diese Forderung auch Früchte trägt, ist fraglich, wenn man die Stellungnahmen der Fraktionen im Heidelberger Stadtrat zugrundelegt. Bei der SPD etwa ist man zwar der Ansicht, jede Institution sollte »darauf achten, dass Meinungs- und Informationsfreiheit nicht mit einseitiger Propaganda verwechselt wird«. Die Sozialdemokraten meinen aber, »dass aus diesem Ereignis kein Hausverbot gerechtfertigt wäre«. Die Grünen wollen überhaupt keine Verbote aussprechen und finden, jeder könne seine Meinung äußern, solange es sich nicht um Volksverhetzung handle. Die CDU dagegen will Halpers Vortrag zumindest zum Anlass nehmen, »um die Nutzungsbedingungen für städtische Räume noch einmal zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen«. Bei antisemitischer Agitation sei die Grenze der Meinungsfreiheit erreicht. Die Stadtverwaltung wiederum hat angekündigt, die Problematik beim nächsten »interreligiösen Dialog« im Frühjahr 2018 zu besprechen.

Israelfeindliche Gruppierungen wie die Palästina-/Nahost-Initiative Heidelberg beanspruchen einen jüdischen Israeli wie Jeff Halper gerne als Kronzeugen der eigenen Anklage gegen den jüdischen Staat und setzen darauf, dass man ihn schon nicht des Antisemitismus bezichtigen wird. Auf diese Weise versuchen sie, den Vorwurf des Antisemitismus von sich fernzuhalten – nach der Devise: Wenn es selbst ein jüdischer Israeli sagt, kann es grundsätzlich nicht antisemitisch sein. Dass diese altbekannte, durchsichtige Masche weiterhin verfängt, zeigen die zurückhaltenden Reaktionen der Stadtratsfraktionen, die zweifellos anders ausfallen würden, wenn der gleiche antisemitische Irrsinn von einem nichtjüdischen Rechtsradikalen käme. Auch die VHS-Leiterin hätte die Kritik in diesem Fall wohl nicht als »abstrus« bezeichnet. Es führt jedoch oft genug in die Irre, das Urteil über bestimmte Äußerungen von der Herkunft desjenigen, der sie tätigt, abhängig zu machen statt vom Inhalt. So auch in diesem Fall. Warum sich Jeff Halper antisemitisch betätigt, ist dabei nachrangig. Entscheidend ist, dass er es tut.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch.

Zum Foto: Jeff Halper während des Russell-Tribunals zu Südafrika in Barcelona, 6. November 2011. © Jordi Matas mit CC-BY-NC-ND-2.0-Lizenz via Flickr.

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