Unter dem Deckmantel der Wissenschaftsfreiheit

Norman Finkelstein im März 2012, © swarthmorephoenix1881 mit CC-BY-NC-2.0-Lizenz via Flickr

Das Max-Planck-Institut (MPI) für ethnologische Forschung in Halle an der Saale hat zwei Veranstaltungen mit dem amerikanischen Politologen Norman Finkelstein ausgerichtet – und dessen antisemitischen Tiraden so ein Forum geboten. Als es deshalb Kritik gab, machte das Krisenmanagement des MPI alles nur noch schlimmer. Schließlich befasste sich sogar der Deutsche Bundestag damit.

Würde eine seriöse und angesehene wissenschaftliche Einrichtung, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt, jemanden einladen, der »Rassentheorien« verteidigt, Juden dämonisiert und womöglich sogar die Existenz der Vernichtungslager infrage stellt – und das damit begründen, dass Kontroversen im wissenschaftlichen Diskurs schließlich unverzichtbar seien und Nachwuchswissenschaftler lernen sollten, sich mit Argumenten in respektvoller und professioneller Weise auseinanderzusetzen? Würde sie mit einer solchen Rechtfertigung Verschwörungstheoretiker zum Vortrag bitten, die an der Mondlandung zweifeln, an Chemtrails glauben oder die »Protokolle der Weisen von Zion« für den Beweis jüdischer Weltherrschaftspläne halten? Wohl kaum, denn kein ernstzunehmender Mensch hielte einen solchen Irrsinn für Wissenschaft. Und jede wissenschaftliche Institution, die Proponenten dieses Irrsinns einlüde, würde damit unweigerlich ihre Reputation aufs Spiel setzen.

Doch wenn es um Israel geht, werden unter Berufung auf die Freiheit der Wissenschaft bisweilen die größten Absurditäten für diskutabel und diskussionswürdig gehalten. Zumindest ist jemand, der den jüdischen Staat für ein »räuberisches, rassistisches, arrogantes Monster« hält, der Terrororganisation Hisbollah seine Solidarität versichert und behauptet, das amerikanische Judentum habe eine »Holocaustindustrie« geschaffen, um sich am Shoa-Gedenken zu bereichern und Unterstützung für Israel zu erpressen, nach Ansicht des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle an der Saale offenbar hinreichend qualifiziert, um einen »Workshop« über das – selbstverständlich von Israel verursachte – »Martyrium von Gaza« zu leiten. Dieser Jemand ist der amerikanische Politologe Norman Finkelstein, der seine antisemitischen Tiraden Ende Januar am MPI verbreiten durfte. Das blieb allerdings nicht unwidersprochen, und am Ende beschäftigte sich sogar der Deutsche Bundestag damit.

Doch der Reihe nach. Das MPI in Halle hatte Finkelstein als Gastwissenschaftler zu zwei Auftritten eingeladen: Zum einen sollte er einen öffentlichen Vortrag über die »Meinungsfreiheit in der Wissenschaft« halten, zum anderen den besagten »Workshop« geben, der einer Stellungnahme des Instituts zufolge die »Rechtfertigung des Einsatzes von staatlicher Gewalt« zum Thema hatte. Gleichzeitig warb das Institut mit einem Plakat für diese Veranstaltung – und auf dem lautete der Titel gänzlich anders, nämlich so wie Finkelsteins neues, noch nicht veröffentlichtes Buch: »Gaza: an inquest to its martyrdom«. Im Plakattext wurde unter anderem wahrheitswidrig behauptet, die Hamas habe während des Gazakrieges im Sommer 2014 weder Raketen auf Israel abgefeuert noch Terrortunnel gebaut, um die israelische Zivilbevölkerung anzugreifen. Die gesamte Ankündigung des »Workshops« unter dem Logo des MPI in Halle las sich nicht wie eine Einladung zu einer wissenschaftlichen Veranstaltung, sondern vielmehr wie das Pamphlet eines durch und durch israelfeindlichen Aktivisten.

Höchst fragwürdiges Krisenmanagement

Das war allerdings kein Wunder, denn der Text stammte aus der Feder von Norman Finkelstein selbst. Das überwiegend aus Mitteln des Bundes und der Länder finanzierte MPI hatte ihn einfach übernommen – ungeprüft, wie seine Direktorin Marie-Claire Foblets einräumte. Gegenüber dem grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck, der Finkelsteins Einladung vehement kritisiert hatte, erklärte sie überdies, bei dem Plakat habe es sich »lediglich um die interne Ankündigung des Workshops« gehandelt. Dazu benutze man grundsätzlich »ein festes Template mit Header und Footer vom MPI, der Text zur jeweiligen Veranstaltung kommt vom Referenten«. Dass das zumindest in diesem Fall keine gute Idee war, machte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, deutlich: »Offen gesagt weiß ich nicht, wie wir mit diesem Flyer in einen öffentlichen Disput gehen können«, schrieb er an Beck. »Musste das sein? Ist das vom Institut autorisiert oder von Herrn Finkelstein lanciert?«

Das MPI in Halle ergänzte die Stellungnahme auf seiner Homepage schließlich um ein »Addendum«, in dem es hieß, bei dem »Workshop« handle es sich um eine »interne Veranstaltung« und nicht um eine öffentliche. Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Volker Beck und der Bundestagsfraktion der Grünen hervorgeht (die Mena-Watch vorliegt), konnten sich zunächst jedoch sehr wohl auch Externe anmelden; auf dem Plakat waren keine spezifischen Anmeldekriterien genannt worden. Erst 16 Stunden vor dem Beginn des »Workshops« wurden nicht zum MPI gehörende Interessenten per E-Mail ausgeladen. Da war die Kritik an der Veranstaltung – sowohl von Volker Beck als auch beispielsweise vom Bündnis Halle gegen Rechts – bereits öffentlich. An Beck schrieb Marie-Claire Foblets, der »Workshop« sei nur »Teil einer Reihe« von Seminaren, »in der die unterschiedlichsten Positionen zu diesem sicher sehr schwierigen Thema beleuchtet werden sollen«. Welche weiteren Veranstaltungen geplant sind und welche Positionen dabei vertreten werden sollen, gab die Direktorin des MPI in Halle nicht an. Öffentlich bekannt waren jedenfalls keine.

Um die Einladung zu rechtfertigen und den Ruf des Referenten zu retten, holte das MPI diverse Gutachten zu Finkelsteins wissenschaftlichem Werk ein – und zwar ausschließlich bei Leuten, die dem Politologen äußerst wohlgesinnt sind. Alan Posener schrieb dazu in der Welt: »Sie heißen John J. Mearsheimer, der bislang nicht als Experte für Gaza in Erscheinung getreten ist, wohl aber als Co-Autor eines Buches über den üblen Einfluss der ›Israel-Lobby‹ auf die Politik der USA; Avi Shlaim, der zu einem Boykott Israels aufgerufen hat; William Quandt, der in Mearsheimers Buch zustimmend zitiert wird als Kritiker des ›Pro-Israel-Chors‹; Talal Asad, der als Kritiker des Säkularismus hervorgetreten ist; und John Dugard, der Israels Politik in der Westbank als ›ähnlich der Apartheid‹ bezeichnet hat. Sagen wir es so: Glaubt irgendjemand ernsthaft, diese Leute fänden Finkelsteins Buch gut, weil es wissenschaftlich ist? Ist es nicht klar, dass sich hier eine akademische Schar von Israelkritikern gegenseitig ›Wissenschaftlichkeit‹ bescheinigt? Eine Schar, in die sich nun auch das Institut in Halle eingereiht hat.«

Ziel: Hetze gegen Israel akademisch akzeptabel machen

Man darf wohl gefahrlos behaupten, dass das Krisenmanagement des MPI angesichts der Kritik wenig überzeugend und noch weniger glaubwürdig war. Für die inhaltliche Begründung, warum man Finkelstein eingeladen hat, gilt das nicht minder. Man wolle keine Wissenschaftler »aufgrund ihrer politischen oder ideologischen Positionen ausschließen«, tat Marie-Claire Foblets kund, man müsse zukünftige Wissenschaftler schulen und auf Kontroversen vorbereiten, außerdem sei sich die »Scientific Community« bewusst, dass Finkelstein »seine Thesen durchaus provokant formuliert«. Provokant – so kann man den antizionistischen Antisemitismus von Norman Finkelstein, seine Dämonisierung und Delegitimierung Israels, seine Faktenverdrehungen und -verfälschungen natürlich auch nennen, verharmlosen und wissenschaftlich aufwerten. Letzteres wäre übrigens auch der Fall, wenn tatsächlich ein Gegenreferent gesucht und gefunden würde. Denn Finkelsteins indiskutable Äußerungen blieben dann eine wissenschaftlich diskussionswürdige Meinung unter mehreren.

Die Bundesregierung schreibt nun in ihrer Antwort auf die Anfrage von Beck und den Grünen, sie bewerte »die öffentliche Darstellung« der Veranstaltungen des MPI mit Finkelstein »kritisch«. Der Vortrag und der »Workshop« hätten »von einer deutlichen forschungspolitischen Einordnung durch das Institut begleitet werden müssen«. Über den Begriff des »Martyriums«, den der Politologe im Zusammenhang mit der Situation im Gazastreifen verwendet, heißt es, er werde »häufig im Kontext islamistischer Propaganda verwendet«. Volker Beck zieht daraus den Schluss: »Eine ziemliche Blamage für die renommierte Max-Planck-Gesellschaft.« Finkelsteins Philippika sei »eine antiisraelische Propagandaveranstaltung« gewesen, für die das MPI sich habe instrumentalisieren lassen. Die wissenschaftliche Eignung von Finkelstein stellt die Regierung allerdings nicht in Abrede, ihre Kritik beschränkt sich im Wesentlichen auf die Vorgehensweise des Instituts in Halle.

In diesem Punkt deutlicher wurde Alan Posener, als er schrieb: »Die Freiheit der Wissenschaft muss sakrosankt bleiben. Sie deckt aber nicht die Freiheit unwissenschaftlicher und von Hass getriebener Propaganda. Auch sie muss erlaubt werden: Dafür gibt es die Redefreiheit und genügend Säle im Land. Im akademischen Lehrplan aber hat sie nichts zu suchen.« Wissenschaftlich zu arbeiten lerne man von Wissenschaftlern und indem man selbst wissenschaftlich arbeite, ergänzte er in einem anderen Beitrag. »Man lernt es nicht von Demagogen.« Das wisse man auch am MPI – weshalb dessen Argument, doch nur »die unterschiedlichsten Positionen« zu Wort kommen lassen und dadurch den wissenschaftlichen Diskurs fördern zu wollen, nicht greife. Schließlich würde es, so Posener, gewiss nicht verwendet, »um etwa einen Workshop mit Björn Höcke über deutsche Gedächtniskultur zu rechtfertigen«. In Bezug auf Finkelstein sei es nur benutzt worden, »um das Ziel zu kaschieren: die Hetze gegen Israel akademisch akzeptabel zu machen«. Das stimmt – und deshalb hat sich das MPI auch nicht bloß von Finkelstein einspannen lassen. Es hat vielmehr gewusst und gewollt, was es tat. Und das ist noch weit ärger.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch.

Zum Foto: Norman Finkelstein im März 2012, © swarthmorephoenix1881 mit CC-BY-NC-2.0-Lizenz via Flickr.

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