Aus dem Leben eines Schiedsrichters

Was, um Himmels willen, hast du getan? Und was tust du jetzt? Da liegt ein Spieler im Strafraum am Boden, und du hast gepfiffen, und hinter dem Spieler steht sein Gegenspieler und schaut erschrocken, schaut dich erschrocken an, und zwar nicht mit diesen gespielt weit aufgerissenen Augen, mit diesem fassungslosen Blick, […] sondern wirklich erschrocken, und du darfst dir jetzt nicht anmerken lassen, dass du noch erschrockener bist als er, weil dir die Pfeife losgegangen ist, einfach so, viel zu schnell, […] ein Reflex, 88. Spielminute, Spielstand 0:0, zwei Spieler gehen zum Kopfball hoch, der eine vorne, der andere hinter ihm, und der vorne geht schreiend zu Boden, man kann’s ja mal probieren so kurz vor Schluss, und du bist drauf reingefallen, hast dich täuschen lassen, und ein Pfiff ist ein Pfiff, den nimmst du nicht zurück, der geht nicht wieder weg, den haben alle gehört. Was also nochmal, um Himmels willen, machst du jetzt?

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Die Frage, die mir im Laufe von 30 Jahren als Fußball-Schiedsrichter am häufigsten gestellt worden ist – sowohl von Fußballfans als auch von Menschen, die mit diesem Sport eher wenig anfangen können –, lautet: Warum um alles in der Welt machst du das? Wie kommt man auf die Idee, sich freiwillig auf eine Tätigkeit einzulassen, bei dem man Wochenende für Wochenende kritisiert, beschimpft, ja, angefeindet wird? Weshalb entscheidet man sich für den Job des Spielverderbers, des Rechthabers mit der Pfeife? Ich habe darauf keine besseren Antworten als: Weil es mir Spaß macht, sehr großen sogar. Weil ich es immer als Herausforderung betrachtet habe, in verantwortlicher und verantwortungsvoller Position ein Spiel in meiner Lieblingssportart über die Bühne zu bekommen, an dem 22 Menschen mit völlig unterschiedlichem Charakter, Temperament und Können beteiligt sind. Weil – zumindest ab einer bestimmten Liga – auch die Schiedsrichter als Team auftreten. Und weil ich nur ein minderbemittelter Fußballer war, der im Verein selten einmal über die volle Dauer eines Spiels zum Zug kam.

Die Spielklasse, in der ich als Schiedsrichter schließlich pfeifen durfte – nämlich die Oberliga –, hätte ich als Spieler jedenfalls niemals erreicht. Zwar war für mich in den höheren Amateurklassen vor zehn Jahren Schluss, weil eine hartnäckige Knieverletzung keinen Leistungssport mehr zuließ. Aber auf gelegentliche Einsätze in den unteren Ligen möchte ich weiterhin genauso wenig verzichten wie darauf, hin und wieder einem Kollegen bis zur Verbandsliga als Assistent auszuhelfen. Ansonsten behelfe ich mir mit dem Methadonprogramm, das heißt: Ich bilde Referees aus und fort, begleite sie zu ihren Spielen und beobachte sie, um ihnen sowohl offizielle Punktzahlen als auch ein Feedback zu ihrer Spielleitung zu geben. Ein Leben ohne die Schiedsrichterei kann ich mir nicht vorstellen, sie gehört seit drei Jahrzehnten fest zu mir. Und ich kann schon lange kein Fußballspiel mehr anschauen, ohne auf den Unparteiischen und seine Assistenten zu achten.

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All diese Gedanken, innerhalb einer Sekunde schießen sie durch den Kopf, in jener Sekunde nach dem Pfiff, in der es still ist auf dem Sportplatz und alle auf dich schauen, weil du ja die Aufmerksamkeit auf dich gelenkt hast. Eine Sekunde hast du noch, um nachzudenken, wie du das umbiegen, von dir wegbiegen kannst. Stürmerfoul kannst du nicht pfeifen, da war nun wirklich gar nichts, Abseits sowieso nicht, der Assistent hatte die Fahne nicht gehoben, kein Ausweg möglich, also geht die rechte Hand nach vorne, zeigt in die Mitte des Strafraums, auf den berüchtigten Punkt, die zwei Schrecksekunden sind vorbei, und jetzt wird es laut, draußen, drumherum und drinnen, auf dem Spielfeld; jetzt kommen sie auf dich zugelaufen, obwohl sie wissen, dass sich nichts ändern wird dadurch.

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Christoph Schröder ist auch so einer, der immer wieder gefragt wird: Du bist Schiedsrichter? Warum denn das? Der 41-Jährige, der im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen lebt, pfeift seit 1988, hat als Unparteiischer die höchste Amateurklasse des Hessischen Fußballverbands erreicht – und ist in diesem Verband mittlerweile zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Schiedsrichter. Der Mann kann also nicht nur mit der Pfeife umgehen, sondern auch mit Worten. Kein Wunder: Hauptberuflich ist er Literaturkritiker, er schreibt unter anderem für die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung und die Zeit. Wenn es also einen gibt, der geradezu prädestiniert ist, ein, nein: das Buch schlechthin zur Schiedsrichterei zu verfassen (und dabei auch die Frage nach dem Warum ausführlich zu beantworten), dann ihn. »ICH PFEIFE!« heißt sein im edlen Tropen-Verlag erschienenes Werk, und die Schreibweise des Titels (inklusive Ausrufezeichen) lässt bewusst zwei Lesarten offen: eine, die keinen Zweifel an der unumschränkten Autorität lässt, mit der die Tätigkeit des Schiedsrichterns einhergeht – und eine, die selbstironisch mit dem pejorativen Synonym spielt, das der Volksmund für die Referees bereithält.

Mitte Juni stellt Schröder sein Buch in einer Kölner Buchhandlung vor. Die Veranstaltung ist ausverkauft, aber mein Freund und Schiedsrichterkollege Tobias Altehenger, der den Autor zuvor im Rahmen einer Rezension für die offizielle Schiedsrichter-Zeitung des DFB interviewt hat, hat eine gute Nachricht für mich: Wir kommen dennoch rein. Rund 70 Zuhörer haben sich trotz schönstem Sommerwetter eingefunden, der Laden platzt aus allen Nähten. »Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters« lautet der Untertitel des Buches, und Buchhändler Jens Bartsch hat sich gemeinsam mit seinen Kolleginnen alle Mühe gegeben, ihm zu entsprechen: Das Publikum sitzt auf Bierbänken, die mit echten gelben und roten Karten übersät sind, es gibt Bier vom Fass und Currywurst. Genau das richtige Ambiente für eine solche Veranstaltung.

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Kein Schiedsrichter nimmt so eine Entscheidung zurück, du läufst also rückwärts in Position, und sie kommen auf dich zu, mit ausgebreiteten Händen und verschwitzten Gesichtern. Sie haben sich angestrengt, 88 Minuten lang, sind am Rand ihrer Kräfte, keuchen können sie noch, schreien auch noch. Sie sind aber schon im Korridor, für sie gibt es nur noch null oder eins, schwarz oder weiß, für ein Dazwischen reicht die Energie nicht mehr. Nicht ohne Grund werden etwa 80 Prozent aller Platzverweise in den letzten zehn Minuten eines Spiels ausgesprochen. Jetzt stehen sie also vor dir, sagen, schreien Sachen wie »Das gibt’s doch nicht« und »Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst« […], und du musst sie jetzt da wegschicken, obwohl du untergründig spürst, dass sie recht haben oder zumindest recht haben könnten.

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Unter Schiedsrichtern ist es wie unter Genossen: Man duzt sich, auch wenn man sich zum ersten Mal sieht. Bei und mit Christoph Schröder ist das nicht anders. Wir sprechen schon vor der Lesung bei einem Kölsch über sein Buch, vor allem aber über das Pfeifen. Gemeinsam mit Tobias Altehenger werden beispielsweise Unterschiede zwischen den Fußballverbänden Hessen und Mittelrhein eruiert, etwa in Bezug auf die Auf- und Abstiegsregelungen für Referees, die Notengebung oder das Beobachtungswesen. Dieses Gespräch hätte so auch in einer Sportschule stattfinden können oder an einem anderen Ort, wo Schiedsrichter aufeinandertreffen. Bei der Lesung hat Schröder das Publikum sofort auf seiner Seite. Wenn er seine Rolle als Unparteiischer reflektiert, über Rituale spricht, eine kleine Sportplatzkunde vornimmt, die Logik der Regeln thematisiert oder amüsante Anekdoten erzählt, wechseln die Reaktionen der Besucher zwischen dem berühmten Aha-Effekt, befreitem Lachen und ungläubigem Staunen hin und her. Die anwesenden Schiedsrichter – ein halbes Dutzend – nicken derweil in einem fort. In Schröders Betrachtungen finden sie sich wieder.

Als die Veranstaltung beendet ist, ist klar: Christoph Schröder hat einen schwierigen Spagat elegant gemeistert. Mit seinen Ausführungen erreicht er nicht nur seine pfeifenden Kollegen, sondern auch diejenigen, denen es völlig fremd wäre, sich als Unparteiische auf einem Fußballplatz zu betätigen. Gelangweilt hat sich an diesem Abend gewiss niemand, im Gegenteil. Nach der Lesung bleiben viele noch eine Weile, es gibt einiges zu besprechen und außerdem weiterhin Kölsch und Currywurst. Der Autor signiert Bücher und erzählt, dass bei seiner Lesung in Braunschweig auch der Bundesliga-Schiedsrichter Florian Meyer zugegen war. Man tauscht Einschätzungen und Vorlieben zu Bundesliga-Referees aus, diskutiert über die Philosophie der Fußballregeln und rekapituliert einzelne Schiedsrichter-Entscheidungen aus der jüngeren Vergangenheit. Erst gegen Mitternacht gehen die Lichter der Buchhandlung aus.

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Also greifst du an die Brusttasche und nimmst die gelbe Karte schon einmal vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger, hebst sie an, damit auch die, die vor dir stehen, sie sehen können, und es funktioniert, einer winkt ab, dreht sich um, geht weg, draußen ruft der Trainer etwas, einer steht immer noch da und du sagst etwas, und dann ist auch er weg. Dann liegt der Ball auf dem Punkt, der Torhüter steht auf der Linie, du pfeifst, und der Ball liegt im Tor. Zwei Minuten später ist Schluss, der Spielführer ruft noch etwas wie »Jede Woche dasselbe«, der Trainer kommt auf den Platz und gibt dir die Hand, sogar das, und sagt etwas von einer guten Leistung bis zur 88. Minute, dann gehst du mit den Assistenten in Richtung Kabine, […] betretenes Schweigen, weil alle drei wissen, was los ist. Du wirst abends im Bett liegen, und die Szene wird sich immer wieder vor deinem inneren Auge abspielen, du wirst davon träumen.

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Christoph Schröder gelingt in seinem Buch etwas, woran alle anderen bislang gescheitert sind, darunter auch Größen der Zunft wie Pierluigi Collina und Markus Merk: Er vermittelt die Faszination des Pfeifens und nimmt dabei gekonnt seine Leser mit. Womöglich ist das auch einfacher, wenn man nicht ganz oben pfeift, sondern an der oft rauen Basis. Collina und Merk waren als Schiedsrichter Profis, entsprechend steht bei ihnen der große Fußball im Mittelpunkt. Sie offenbaren keine Ecken und Kanten, alles wirkt etwas steif und unzugänglich, Überraschungen gibt es nur wenige, Routine dafür etwas zu viel. Schröder hingegen gewährt intime Einblicke in die Amateur-Schiedsrichterei mit all ihren Absurditäten und sympathischen Unvollkommenheiten, und er unterfüttert grundsätzliche Betrachtungen zu seinem Sujet immer wieder mit persönlichen Erlebnissen, ohne je eitel zu wirken. Sein Stil ist angenehm unaufgeregt, gleichzeitig erhöht er das Erzähltempo, sobald es passt.

»ICH PFEIFE!« unterhält und informiert, und es holt die Schiedsrichter aus der Ecke der unnahbaren Sonderlinge, ohne in Abrede zu stellen, dass ihre Tätigkeit im Fußball eine besondere ist. Christoph Schröder übermittelt nützliches Wissen, gibt Tricks im Umgang mit den Klubs und ihren Spielern preis und erzählt mal rührende, mal skurrile und mal einfach nur typische Anekdoten aus der Welt der Unparteiischen – auch solche, die die »dritte Halbzeit« betreffen. Und schließlich wird die Frage, warum man Schiedsrichter wird (und bleibt!), mit dem Buch so persönlich wie über das Individuelle hinausgehend beantwortet. Wer’s nicht liest, verpasst etwas.

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Die kursiv gesetzten Passagen entstammen dem Kapitel »Schlaf finden. Die Pfeife schweigt. Über Fehlentscheidungen« aus Christoph Schröders Buch »ICH PFEIFE! Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters«, erschienen im Tropen-Verlag, 224 Seiten, EUR 16,95 [D].

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

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