Die kaltherzige Frau K.

Die drei entführten israelischen Schüler Eyal Yifrach, Gilad Shaer und Naftali Frenkel

In Hebron werden die drei israelischen Schüler Eyal Yifrach, Gilad Shaer und Naftali Frenkel entführt. Im Gazastreifen feiert man das mit Süßigkeiten, spottet über die Entführungsopfer und lässt sich eine besondere Geste einfallen. Höchste Zeit für Susanne Knaul, Nahostkorrespondentin der taz seit 1999, in die Tasten zu greifen und einen Kommentar zu verfassen, der so beginnt:

Die Entführung der drei Israelis ist grausam. Nicht die Besatzung, weder der Bau von Siedlungen noch die über Dutzende Palästinenser verhängte Administrativstrafe können es rechtfertigen, drei Teenager ihrer Freiheit zu berauben und in Todesängste zu versetzen. Die Besatzung bietet keine Legitimation für das erbarmungslose Vorgehen der Geiselnehmer …

Gerade wenn man die Beiträge von Knaul halbwegs regelmäßig verfolgt, muss man ihr nicht übel wollen, um zu behaupten, dass sie die Verurteilung der Tat als Pflichtübung empfunden hat, die sie so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Und man spürt förmlich, wie sehr es sie zum »Aber« drängt, das dann nach zweieinhalb Sätzen auch folgt:

… aber sie ist Grund für ihre Motivation. Gäbe es eine Lösung für den Konflikt in Form von zwei Staaten, dann säßen die drei entführten Jungen auch heute bei ihren Mitschülern.

Die »Besatzung«, die es im Gazastreifen übrigens schon seit 2005 nicht mehr gibt, ist also keine Rechtfertigung für die Geiselnahme, aber schon irgendwie der Anlass. Ungefähr so, wie ein weiter Ausschnitt und ein kurzer Rock keine Legitimation für eine Vergewaltigung sind, aber Grund für ihre Motivation. So was kommt eben von so was, nicht wahr? Und die Lösung, von der Knaul spricht – und die die Entführung angeblich verhindert hätte –, wird, na klar, von den Israelis verunmöglicht. Nämlich durch – das hat sie ja schon gesagt – Besatzung, Siedlungsbau und die »Administrativstrafe«. Das heißt: Die Israelis respektive ihre Regierung haben sich – wie eigentlich immer – die Tat letztlich selbst zuzuschreiben.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung rufen, was palästinensische Terrorgruppen mit solchen Entführungen bezwecken: Sie dienen der (versuchten) Freipressung ihrer Gefangenen, die – aus guten, also schlechten Gründen – in israelischen Gefängnissen einsitzen. Und die Taten, die sie begangen haben, sind kein irgendwie gearteter Protest gegen eine Besatzung oder gar ein Versuch, der Zweistaatenlösung tatkräftig nachzuhelfen, sondern Morde und Terrorattacken, die dem antisemitischen Ziel dienen, den jüdischen Staat von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Insbesondere die Hamas strebt keine Zweistaaten-, sondern eine Kein-Staat-Israel-Lösung an. So steht es bereits in ihrer Charta, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Doch das ficht Susanne Knaul nicht an, die ohnehin nicht die Sorge um die verschleppten Schüler umtreibt, sondern etwas völlig anderes:

So aufrichtig der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu mit den Familien um das Schicksal ihrer Söhne bangen mag, so eindeutig spielen ihm die Entwicklungen politisch geradewegs in die Hände.

Das heißt, sie kommen ihm zupass, er profitiert von ihnen. Vielleicht freut er sich insgeheim sogar darüber, wer weiß. Die Denklogik, die sich in solchen Sätzen widerspiegelt, ist die gleiche, die zur Anwendung kommt, wenn es heißt, die Juden benutzten den Holocaust für ihre Zwecke – zur moralischen und finanziellen Erpressung oder um die israelische Politik gegenüber den Palästinensern zu rechtfertigen. Die Kaltherzigkeit und das Fehlen jeder Empathie verweisen zudem auf den projektiven Gehalt des Antisemitismus, der nicht zuletzt darin besteht, dass man den Juden unterstellt, was man selbst im Schilde führt. Susanne Knaul fährt fort:

Noch keine drei Wochen ist die Interimsregierung alt, auf die sich die palästinensischen Fraktionen der Fatah und der Hamas geeinigt haben. Der Pakt, den Präsident Mahmud Abbas mit den Islamisten aus Gaza unterzeichnete, so Netanjahu, sei der Grund für die Entführung.

Woraus sie den Schluss zieht:

Alle anderen sind Schuld [sic!], nur er selbst nicht: die Hamas, die Netanjahu direkt zur Verantwortung zieht, die Fatah für den Zusammenschluss, die EU und letztendlich sogar auch die USA, die sich bereit zeigten, mit dem Bündnis in Ramallah zu kooperieren. Dass es Monate dauerte, um die Entführung vorzubereiten, weiß auch Netanjahu. Das hindert ihn aber nicht daran, die Wirklichkeit für seine Zwecke zurechtzurücken.

Man müsste sich einmal der Mühe unterziehen herauszufinden, was Knaul seinerzeit zum Beginn der zweiten »Intifada« schrieb. Die galt dem Gros des deutschen Blätterwalds damals jedenfalls als »spontaner Volksaufstand« nach dem Scheitern der Verhandlungen von Camp David und Ariel Sharons Spaziergang auf dem Tempelberg – und jedenfalls nicht als ein von langer Hand geplanter Terrorfeldzug, der sie nachweislich war. Aber gut, womöglich hat Susanne Knaul das damals ja ganz anders gesehen.

In jedem Fall suchen sich Terroristen für ihre Angriffe oft einen politisch günstigen Zeitpunkt aus. Das war bei der zweiten »Intifada« so – eben weil sie der Welt als unmittelbare Reaktion auf den Abbruch der Verhandlungen präsentiert wurde (an dem nicht Yassir Arafat, sondern Ehud Barak die Hauptschuld getragen haben soll, wiewohl die israelische Seite das weitestgehende Angebot auf den Tisch gelegt hatte, das jemals bei Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern präsentiert wurde). Und das ist auch bei den Entführungen von Hebron so – gerade die Einigung von Fatah und Hamas sowie die internationale Rückendeckung für die palästinensische Interimsregierung begünstigen solche Taten. Das ist nichts, was sich der israelische Premierminister ausgedacht hätte.

Knaul kommt zum Schluss:

Ob die Hamas tatsächlich die Fäden bei der Geiselnahme zog oder nicht, muss sich zeigen. Schlimm genug, dass die Führung in Gaza den Helden von Hebron begeistert Beifall klatscht.

Das Mindeste, was man an dieser Stelle sagen könnte, wäre, dass der Hamas »die Entwicklungen politisch geradewegs in die Hände« spielen. Anders als bei Netanjahu wäre das auch keine hinterhältige Unterstellung, weil die Gotteskriegerpartei ja selbst keinen Hehl daraus macht, ganz im Gegenteil. Aber Susanne Knaul sagt das nicht. Sie kommentiert die widerwärtigen Spott- und Freudebekundungen im Gazastreifen mit einem lapidaren »schlimm genug« und beendet ihren Kommentar mit einem freundlichen Rat an die Hamas:

Das Bündnis mit der Fatah kann nur gelingen, wenn die Hamas von der Gewalt ablässt. Weniger wird auch der Westen nicht verlangen, um deren [sic!] Anerkennung die Hamas so sehr ringt. Etwas mehr Abstand zu den Geiselnehmern könnte die palästinensische Einheit vielleicht noch retten.

Von der Gewalt ablassen. Abstand zu den Geiselnehmern halten. Eigentlich ein guter Witz. Nur dass in Israel niemand darüber lachen können wird, am wenigsten die Familien der entführten Schüler. Die sind, das zeigt Knauls Text, einer taz-Korrespondentin ohnehin herzlich egal – wo es doch um die »palästinensische Einheit« geht! Und die ist, das hat sich in der Geschichte wie in der Gegenwart noch stets gezeigt, immer eine gegen Israel.

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