Sympathy for the Devil

Wenn man morgens erwacht und als Erstes erfährt, dass der gefährlichste Verbrecher auf diesem Planeten von einer amerikanischen Spezialeinheit vorzeitig zu seinen heißbegehrten 72 Jungfrauen befördert worden ist, dann weiß man beim Aufstehen, dass die Welt damit ganz gewiss keine schlechtere geworden ist. Wenn man sich anschließend jedoch damit beschäftigt, wie deutsche Medien – einschließlich ihrer immergleichen Adabeis von Helmut Schmidt bis Peter Scholl-Latour – das Ableben Osama bin Ladens eigentlich sehen und was die vielköpfige Schar deutscher Bescheidwisser im Internet so alles von sich gibt, dann weiß man beim Zubettgehen noch etwas anderes: Weniger wahnsinnig ist der Erdball seitdem leider auch nicht geworden.

Es soll hier allerdings nicht in erster Linie um die passionierten Verschwörungstheoretiker gehen, die ein Ereignis wie die Beseitigung eines Topterroristen immer als Win-win-Situation begreifen dürfen – schließlich halten sie jeden Beweis für eine geheimdienstliche Fälschung und jeden nicht erbrachten Beweis für den Beweis, dass es gar keinen Beweis gibt, weshalb erst recht alles eine geheimdienstliche Fälschung sein muss. Es soll auch nicht zuvorderst um die Armada der Islamversteher gehen, die bin Ladens Seebestattung für einen Affront gegen jeden einzelnen auf dieser Welt lebenden Muslim halten. Und es soll nicht um die nationalen Sozialisten von der jungen Welt gehen, die ihre gesamte antiamerikanische Wut über den Verlust eines wichtigen Bündnisgenossen im Kampf wider den Westen in die vorhersehbare Schlagzeile „Terroristen töten Osama bin Laden“ gelegt haben.

Weitaus gravierender ist nämlich, wie sich etliche der so genannten Qualitätsmedien dieser Causa angenommen haben, denn (auch) dort herrschte das vor, was Clemens Wergin auf Welt Online treffend als „deutsches Zartgefühl für einen Massenmörder“ bezeichnete – ein Zartgefühl, das man den Opfern dieses Massenmörders niemals entgegenzubringen bereit war. Als exemplarisch kann der am Montag gesendete Kommentar in den Tagesthemen der ARD gelten, gesprochen von Jörg Schönenborn, dem Chefredakteur des Westdeutschen Rundfunks. Schönenborn, das ist jener smarte, stets korrekt gescheitelte Herr, der bei Bundes- und Landtagswahlen immer die Prognosen und Hochrechnungen durchgibt. Doch nun hat er sich mal nicht mit der schnöden Wanderung von Wählern beschäftigt, sondern mit der viel aufregenderen Wanderung Osama bin Ladens ins Jenseits. Herausgekommen ist dies:

Amerika ist heute für mich ein ziemlich fremdes Land. Tausende strömen auf die Straßen, im Nachrichtenfernsehen klatschen sich die Moderatoren ab vor Freude. Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt? Klar, Osama bin Laden war verantwortlich für Tausende Tote, aber reicht das als Erklärung? Die Amerikaner haben jahrelang auf Rache gesonnen, jetzt spüren sie Genugtuung. Die USA sind ein Land, das sich heute nicht mehr aus eigener Stärke definiert, sondern aus Tod und Niederlage anderer. Und entgegen allen Hoffnungen hatte Obama nicht die Kraft, ein anderes Zeichen zu setzen: Guantanamo zu schließen. Und so steht er heute da als jemand, der in die Fußstapfen von George W. Bush tritt, der dessen Krieg gegen den Terror weiterführt. Heißt das, man hätte Osama bin Laden einfach laufen lassen sollen? Keine leichte Frage. Zivilisierte Nationen haben einst das Völkerrecht geschaffen. Sie haben sich darauf verständigt, dass Verbrecher vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden. Es mag naiv klingen angesichts der Umstände, aber mein Verständnis von einem Rechtsstaat ist nicht, dass Mörder einfach abgeknallt werden. Bleibt die Frage: Wem nützt der Tod bin Ladens? Die Amerikaner haben einen neuen Märtyrer geschaffen; die Anhänger bin Ladens werden neue Rache suchen. Ist die Welt heute also sicherer geworden? Nein. Aber Obama steht im Wahlkampf; er hat sich als Law-and-Order-Politiker profiliert. Ist er seiner Wiederwahl heute näher gekommen? Ja. Ich fürchte, so einfach ist die Rechnung.

Ja, was ist das für ein Land, in dem man sich darüber freut, dass einer, der den Tod Tausender Menschen zu verantworten und die Welt mit islamistischem Terror überzogen hat, gezwungenermaßen den Weg alles Irdischen gegangen ist? Ein anderes Land jedenfalls als jenes, in dem man auf das Dahinscheiden eines Diktators, der den Tod von Millionen Menschen zu verantworten und die Welt mit einem Vernichtungskrieg überzogen hatte, mit kollektiver, jämmerlicher Trauer reagierte – bevor die Care-Pakete aus dem ziemlich fremden Land die Tränen des Selbstmitleids ein bisschen trockneten. Ziemlich fremd blieb dieses ferne Land trotzdem, denn die Deutschen, das Kulturvolk par excellence, haben es nie verwunden, ausgerechnet von den kulturlosen, rachsüchtigen und geldgeilen Amis besiegt worden zu sein – zumal diese aus der Niederlage der Germans, welch Frevel, auch noch Genugtuung geschöpft haben.

Und deshalb werden sie von den deutschen Nachgeborenen – bei Gelegenheit auch öffentlich-rechtlich – aus dem Kreis der „zivilisierten Nationen“ exkommuniziert; schließlich hat man hierzulande seine Lektion in Sachen „Vergangenheitsbewältigung“ derart gründlich gelernt, dass man Mörder nicht nur nicht abknallt, sondern ihnen sogar ein ruhiges Hinterland bietet, von dem aus sie Mordtaten wie jene des 11. September 2001 ungestört planen können. Wenn der Hauptverantwortliche für einen solchen Massenmord – zu dem man faktisch Beihilfe geleistet hat – dann nach zehn Jahren ein für alle Mal unschädlich gemacht wird, ruft man „Rechtsstaat“ und „Völkerrecht“, während man selbst mit den Amerikanern ganz kurzen Prozess macht und darüber hinaus ihren Präsidenten als einen entlarvt, der wie sein verhasster Vorgänger über Leichen geht – sogar über die eines „Familienvaters“, wie ein WDR-Kollege von Schönenborn klagte –, wenn er sich dadurch einen Vorteil im Wahlkampf verspricht.

So geht deutsche Ideologie, und wer davon noch nicht genug hat, werfe einen Blick auf den Beitrag „Gerechtigkeit auf Amerikanisch“, den Spiegel Online zu publizieren sich erfrecht hat. Barack Obamas wunderbares Diktum „Justice has been done“ wird dort kalt und schmallippig mit den Worten kommentiert: „Gut möglich, dass ihn dieser Satz noch lange verfolgt.“ Und dafür trägt man nicht nur in der Hamburger Brandstwiete Sorge, sondern auch im Rest der Republik, wo man bin Laden klammheimlich dafür verehrt, dass er den machtbesessenen Amis so lange die Stirn geboten hat. So einfach ist die Rechnung? Ja, so einfach ist die Rechnung.

Siehe auch den sehr lesenswerten Beitrag Osama bin Laden zum Frühstück auf dem Weblog verbrochenes.net.

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