Eine Farce namens Irene

Hegel, so erinnerte sich Karl Marx zu Beginn seiner Schrift Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, Hegel also habe einmal irgendwo bemerkt, „dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen“. Er habe jedoch „vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“. Wie treffend diese Beobachtung Marxens oft auch in der Gegenwart ist, lässt sich ziemlich eindrucksvoll an zwei (glücklicherweise gescheiterten) Versuchen nachweisen, die israelische Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen: Der erste Anlauf führte Ende Mai in der Tat zu einer Tragödie, weil mehrere Dutzend türkische Islamisten, von europäischen „Friedensaktivisten“ gedeckt, eine israelische Spezialeinheit beim Aufbringen der Mavi Marmara so hasserfüllt wie hemmungslos attackierten und sie dadurch in eine blutige Auseinandersetzung zwangen, in der neun Menschen getötet und fast fünfzig verletzt wurden. Der zweite Vorstoß vor wenigen Tagen mutierte dann zur Farce, und zwar zu einer besonders skurrilen.

Auf dem kleinen Motorsegler mit dem schönen Namen Irene (was so viel bedeutet wie „die Friedliche“), der von Zypern aus in See gestochen war, befanden sich ganze zehn jüdische Aktivisten, darunter der notorische Reuven Moskovitz – der zwar weiß Gott nicht das schärfste Messer in der Schublade ist, aber trotzdem (oder gerade deshalb) so gern einen Doktortitel hätt’ – sowie die in der Eifel lebende, zum Judentum konvertierte Edith Lutz, der handfeste Beweis dafür, dass Proselyten bisweilen einen besonders umfänglichen Dachschaden haben. Außerdem waren fünf Israelis an Bord, einer davon ein früherer Kampfpilot, ein anderer der Vater eines Mädchens, das 1997 von der Hamas bei einem Selbstmordanschlag getötet wurde. Offenbar sollten bereits die Biografien der Passagiere sowie die Tatsache, dass sie Juden sind, der hamasfreundlichen Mission ein besonderes moralisches Gewicht verleihen – und die Skandalträchtigkeit für den (absehbaren) Fall erhöhen, dass die israelische Marine das Boot stoppt.

Das tat sie dann auch tatsächlich rund 40 Kilometer vor der Küste Gazas – wobei die verzweifelten Bemühungen der Bootsbesatzung, ihre Reise als besonders gefährlich und den Einsatz der Soldaten gegen sie als brutal darzustellen, den Schluss nahe legen, dass man sich insgeheim ein härteres Vorgehen der Israelis gewünscht hätte, um sich selbst besser in (Märtyrer-) Pose werfen und den jüdischen Staat der Unmenschlichkeit zeihen zu können. Doch zum einen blieb dieser Wunsch unerfüllt, und zum anderen machten sich die Kämpfer auf der Irene selbst zum Gespött. Denn die von ihnen mitgeführten „Hilfsgüter“ – zu denen angeblich Schulsachen, Musikinstrumente und Fischernetze gehörten – hätten „in den Kofferraum eines Privatautos“ gepasst, wie der israelische Rundfunk vermeldete und wie auch die beiden hier dokumentierten Fotos zeigen.* Da hatte sich selbst die „Free Gaza“-Flotte Ende Mai geschickter angestellt: Deren nutzlose Fracht war zwar auch nur eine Camouflage, brachte aber zumindest ein paar Kilogramm mehr auf die Waage.

Inzwischen sind die tapferen Helden der Irene übrigens wieder zu Hause – auch Edith Lutz, die einige Tage länger in Israel bleiben musste, weil sie sich zunächst geweigert hatte, die Ausweisungspapiere zu unterzeichnen. Gerüchten zufolge darf sie nun nicht mehr in den jüdischen Staat einreisen. Manchmal haben selbst die langmütigen Israelis schlicht und ergreifend genug von hyperaktiven Weltverbesserern.

* Die Bilder entstammen der Website der israelischen Botschaft in den USA. Herzlichen Dank an Tobias Blanken für den Fund und die Verbreitung via Twitter und Shining City.

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