Die Banalität des Guten

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die Passagiere der Mavi Marmara, die israelische Soldaten mit Knüppeln, Messern und möglicherweise sogar Schusswaffen angegriffen haben, waren nichts anderes als Selbstmordattentäter. Dass sie sterben würden, muss ihnen angesichts ihres Handelns und der militärischen Übermacht der israelischen Truppen klar gewesen sein. Anders als ihre Gesinnungs- und Kampfgenossen, die sich in Bussen und Einkaufszentren in die Luft sprengen, zielten sie jedoch nicht auf Zivilisten, sondern auf Israels Image. Dabei nahmen sie ihren eigenen Tod wissentlich in Kauf. Israels Feinde haben mittlerweile verstanden, dass es in einem asymmetrischen Krieg darum geht, den Hebel zu finden, mit dem man den überlegenen Gegner zu Fall bringen kann. Dieser Hebel sind Medien und Weltmeinung, die dazu benutzt werden sollen, Israel zu isolieren und zu schwächen. So sind diese Selbstmordattentäter der neuen Generation in ihrer mittelbaren Wirkung für Israel nicht minder gefährlich als ihre Vorgänger. (Spirit of Entebbe, 2. Juni 2010)

Man kann nicht behaupten, dass Israels Feinde bei der Verfolgung ihrer Ziele nicht kreativ wären. Sie haben es mit Selbstmordattentaten en masse versucht und mit Raketen sonder Zahl. Sie haben israelische Soldaten entführt, um sie – tot oder noch lebendig – gegen in israelischen Gefängnissen einsitzende Terroristen auszutauschen, die dann aufs Neue losziehen können, um ihrem mörderischen Werk nachzugehen. Sie dominieren den so genannten Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen und haben dort Konferenzen und Tribunale veranstaltet, um Israel zu dämonisieren und zu delegitimieren. Der Schaden, den sie angerichtet haben, ist beträchtlich – und doch haben sie ihren finalen Plan bislang nicht verwirklichen können. Denn den jüdischen Staat gibt es immer noch.

Dass dem so ist, liegt auch daran, dass einige dieser Aktivitäten sich sozusagen als kontraproduktiv erwiesen haben. Mögen Suicide Bombings und Raketenangriffe in nicht geringen Teilen der Weltöffentlichkeit auch auf noch so viel Nachsicht und Verständnis gestoßen sein – insoweit sie dort als „Verzweiflungstaten“ begriffen wurden und nicht als offensiver militärischer Angriff –, so konnten sie doch nicht alle restlos von der Friedfertigkeit der Palästinenser überzeugen. Und schon gar nicht vermochten diese Mittel die israelische Gesellschaft zu zermürben und zu entzweien – im Gegenteil: Die bittere Erkenntnis, jederzeit und überall von einer menschlichen Bombe oder von Geschossen tödlich getroffen werden zu können, ließ auch viele derjenigen Israelis, die eine Zweitstaatenlösung befürworteten, zu der Einsicht gelangen, dass die lieben Nachbarn alles wollen, nur keinen jüdischen Staat. Vor allem deshalb ist in Israel die Zustimmung zu militärischen Maßnahmen seit der zweiten „Intifada“ im Jahr 2000 wieder deutlich gestiegen.

Angesichts dessen mussten die Feinde Israels allmählich eine neue, erfolgversprechendere Strategie ersinnen, die geeignet ist, noch größere Teile der Öffentlichkeit auf einen antiisraelischen Kurs zu bringen als bisher schon. Diese Strategie zielt nun darauf ab, Israel der ultimativen Unmenschlichkeit zu überführen, eines Verbrechens, das weltweit maximale Empörung hervorruft – mehr noch, als jeder Krieg es vermag – und das sich außerhalb Israels niemand zu rechtfertigen traut. Mit Hilfsgütern beladene Schiffe sind auf ihrem Weg zur Küste von Gaza schon mehrmals von der israelischen Marine aufgehalten worden; das verursachte zwar jeweils ein paar Tage lang eine schlechte Presse für den jüdischen Staat, aber so richtig zünden wollte die Idee nicht – weil es keine Toten und Verletzten gab. Dies zu ändern, war „Free Gaza“ nun offensichtlich angetreten – ein Bündnis, dem es gelang, von friedensbewegten Europäern bis zu türkischen Islamisten alles an Bord zu bekommen, was Israel die Pest an den Hals wünscht, inklusive einiger B-Promis, zu denen auch zwei deutsche Bundestagsabgeordnete und der schwedische Schriftsteller Henning Mankell zählten.

Dass es „Free Gaza“ nicht darum ging, humanitäre Güter in den Gazastreifen zu liefern, haben die Verantwortlichen dieser Vereinigung in dankenswerter Offenheit ausgeplaudert – und wenn es trotzdem noch eines Beweises bedurft hätte, dann wurde er spätestens geliefert, als herauskam, dass ein nicht geringer Teil des Materials an Bord der Schiffe wertloser Schrott ist, den nicht mal die Hamas haben will. Das Ziel des Unternehmens war es vielmehr, Israel in eine gewaltsame Auseinandersetzung zu zwingen, um sich hernach als Opfer einer brutalen Militärmaschinerie inszenieren zu können und damit Israels Isolation und Delegitimierung ein weiteres gutes Stück voranzutreiben. Weil die Soldaten der israelischen Spezialeinheit aber nicht mehr taten, als Paintball-Munition gegen ihre Widersacher zum Einsatz zu bringen, musste deren zu allem bereiter Teil die Konfrontation mit Eisenstangen, Messern, den Soldaten entwendeten Waffen und Geiselnahmen derart eskalieren, dass die Spezialkräfte gar nicht mehr anders konnten, als scharf zu schießen; andernfalls wären sie selbst zu Tode gekommen.

Dieser zu allem bereite Teil bestand überwiegend aus türkischen Islamisten; mindestens 40 davon befanden sich nach türkischen Zeitungsberichten an Bord der Mavi Marmara, und wenigstens drei der Getöteten sollen ihren Freunden und Verwandten gegenüber vor der Abreise gesagt haben, sie wollten auf der Fahrt als „Märtyrer“ sterben. Auch andere waren dazu bereit, doch ihr sehnlichster Wunsch ging nicht in Erfüllung. Organisiert und finanziert wurde das Schiff von der IHH, einer vermeintlich karitativen türkischen Einrichtung, deren Vorsitzender Bülent Yildirim noch bei der Einweihungszeremonie für den Prachtkahn mit offenem Antisemitismus in Erscheinung trat, die Mitglieder in Afghanistan, Bosnien und Tschetschenien „kämpfen“ lässt und deren Sprecher Faruk Korkmaz kalt lächelnd zugab, das Anliegen seiner Organisation habe darin bestanden, „Israel vorzuführen“.

„In der Organisation der Gaza-Flottille sind Organisationen führend, die unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe islamistische Terrororganisationen und den globalen Djihad unterstützen“, resümierte das Berliner Mideast Freedom Forum deshalb zu Recht. Und die übrigen Vereinigungen des „Free Gaza“-Bündnisses machten sehenden Auges mit ihnen gemeinsame Sache. Der nun vielfach unternommene Versuch, „zwischen Millî Görüş, dessen Spektrum der IHH angehört, und der Abgeordneten Inge Höger zu unterscheiden, zwischen einem sozusagen zivilgesellschaftlich organisierten Hass und dem offenen (versuchten) Lynchmord, ist im Kleinen das Abbild der großen Politik“, befand die Zeitschrift Bahamas in ihrem lesenswerten Aufruf mit dem Titel „Für Israel – gegen das Bündnis von ‚Gutmenschen’ und Djihadisten“. Das „Bindeglied zwischen Hasspropaganda und unverhohlener Unterstützung des Terrorismus“ sei der türkische Ministerpräsident Erdoğan, der, „seit er innenpolitisch nicht mehr auf der Siegesstraße ist, also seit dem so genannten Gazakrieg im Frühjahr letzten Jahres, den ‚europäischen’ Frontmann des Israelhasses abgibt und die Untaten seiner Landsleute auf der Mavi Marmara aktiv gefördert hat“. Erdoğan erfahre aus Europa keine Kritik, so die Bahamas weiter, „sein Regime gilt weiterhin nicht als islamistisch, seine Hetze nicht als antisemitisch“.

Wie wahr diese Worte sind, wird überdeutlich, wenn man sich die Stellungnahmen der deutschen Mitglieder von „Free Gaza“ ansieht. Matthias Jochheim beispielsweise, Mediziner und für die Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs (IPPNW) an Bord der Mavi Marmara, hielt die IHH in einem Interview des Kölner Stadt-Anzeigers allen Ernstes für „eine Art Rotes Kreuz der Türkei“. Bei den Vorbereitungstreffen habe man „keinen Zweifel an der pazifistischen Gesinnung“ dieser Einrichtung gehabt. „Aber man kann“, fuhr Jochheim fort, „natürlich nie wissen, ob sich darunter auch ideologisch Verbrämte oder Hamas-Sympathisanten befinden“ – und man wollte es vermutlich auch gar nicht. Das Vorgehen gegen die israelische Spezialeinheit sei jedenfalls ein legitimer Akt der Verteidigung gewesen; allenfalls „Holzknüppel“ seien dabei zum Einsatz gekommen, glaubt Jochheim, darin einig mit Norman Paech, der deren Zahl auf zweieinhalb taxierte und im Übrigen den – teilweise gelungenen – Versuch, „die Soldaten zu entwaffnen“, richtig fand. In einem taz-Interview verstieg Paech sich auf die Frage, ob sich Waffen an Bord des Schiffes befunden hätten, sogar zu der Behauptung: „Überhaupt nicht. Der Mossad war vom ersten Tag dieser Aktion an dabei. Er wusste über alles Bescheid.“ So hört sich das an, wenn ein „Israelkritiker“ aus seinem Herzen keine Mördergrube macht.

Mit dem Filmmaterial konfrontiert, das alles andere als so etwas wie gewaltlosen, zivilen Ungehorsam der Passagiere zeigt, reagieren die deutschen Friedensfreunde so wie die Linken-Bundestagsabgeordnete Annette Groth, die im ZDF sagte, die Videos seien „zusammengestückelt worden, was weiß ich, woher das kommt“. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird das Vorgehen der neuen Selbstmordattentäter kurzerhand als Erfindung der israelischen Propaganda bezeichnet. Doch das ist keine Realitätsverleugnung, sondern eine bewusste Verdrehung von Tatsachen. Denn noch traut man sich nicht, die alte linke Parole „Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand“ aufzuwärmen und damit die längst offensichtliche Liaison mit den Islamisten auch offiziell zu verkünden. Dabei gibt es publizistischen Flankenschutz auch von solchen, die man gemeinhin für moderat und nüchtern hält. Israel sei „ohne Maß“, kommentierte etwa Günther Nonnenmacher in der FAZ, was die Bahamas ein trockenes Fazit ziehen ließ: „Jegliches Maß scheint Israel in der Tat verloren zu haben, als es den Hass von Friedmenschen aus Europa unterschätzte, die perfiderweise stellvertretend Mörder und Märtyrer walten lassen, um hinterher betroffene Pressekonferenzen abzuhalten.“

Was sowohl diese Linken, Friedensbewegten und „Menschenrechtler“ als auch den weitaus größten Teil der deutschen Medienlandschaft antreibt, hat der Publizist Eike Geisel schon vor anderthalb Jahrzehnten analysiert, nachzulesen in seinem Buch „Triumph des guten Willens“: „Im Namen des Friedens gegen Israel zu sein, ist etwas Neues. Denn dieses Ressentiment hat alle praktischen und politischen Beweggründe abgestreift. […] Dieser neue Antisemitismus erwächst weder aus niedrigen Instinkten noch ist er Ausfluss ehrbarer politischer Absichten. Er ist die Moralität von Debilen. Das antijüdische Ressentiment entspringt den reinsten menschlichen Bedürfnissen, es kommt aus der Friedenssehnsucht. Es ist daher absolut unschuldig, es ist so universell wie moralisch. Dieser moralische Antisemitismus beschließt die deutsche Wiedergutwerdung insofern, als sich durch ihn die Vollendung der Inhumanität ankündigt: die Banalität des Guten.“ 15 Jahre nach diesen Sätzen hat sich an deren Gültigkeit nicht das Geringste geändert.

Mag sein, dass unter den „Free Gaza“-Aktivisten auch der eine oder andere war, der grenzenlos naiv glaubte, den im Gazastreifen lebenden Palästinensern mit der Flottenfahrt tatsächlich helfen zu können. Falls dem so sein sollte – wofür angesichts bislang vollständig fehlender Distanzierungen nicht viel spricht –, dann sei den Betreffenden gesagt: „Free Gaza“ hat einen militärischen, keinen humanitären Zweck; der Sinn der Übung am vergangenen Montagmorgen war es, möglichst effektiv ein paar als Friedensaktivisten getarnte „Märtyrer“ zu produzieren, um eine Etappe im Propagandakrieg gegen Israel zu gewinnen, der tatsächlich der Hebel sein könnte, um den jüdischen Staat langfristig zum Verschwinden zu bringen. Die Antwort darauf kann nur die unbedingte Solidarität mit Israel sein. Und wer diese Erkenntnis gerne auch musikalisch untermalt haben möchte, dem sei das von Caroline Glick arrangierte, grandiose Video „We con the world“ empfohlen, in dem das Unternehmen „Free Gaza“ zu aus den Achtzigern bekannten Klängen zur Kenntlichkeit entstellt wird.

Das Foto entstand auf einer antiisraelischen Demonstration am 1. Juni 2010 in Berlin, an der Linke, Islamisten und „Graue Wölfe“ teilnahmen. Die Frau auf dem Transparent ist Leila Khaled, die erste Flugzeugentführerin der Weltgeschichte und damit sozusagen die Urmutter der humanitären Pazifisten von der Mavi Marmara. (© verbrochenes.net)

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