No risk, much fun

Der Nahe Osten und die westlichen Medien, oder: Wenn Scheinheiligkeit und das Messen mit zweierlei Maß außer Kontrolle geraten.


VON KHALED ABU TOAMEH*


Noch immer legen westliche Korrespondenten und Zeitungen zweierlei Maßstäbe an, wenn sie über den israelisch-arabischen Konflikt berichten. Dabei ist es viel einfacher für sie, von Israel aus über Israel zu schreiben und sich dabei keine Gedanken über ihre Sicherheit machen zu müssen. Warum sollten sie auch in einen arabischen Staat reisen und das Risiko eingehen, verhaftet oder ausgewiesen zu werden, wenn sie etwas schreiben, das ein negatives Bild von der dortigen Diktatur zeichnet? Außerdem ist es gar nicht so einfach, in arabische oder islamische Länder zu kommen: Für die meisten von ihnen brauchen ausländische Reporter ein Einreisevisum – und dem geht ein Prozedere voraus, das sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre hinziehen kann.

Wenn sie dann endlich in der betreffenden arabischen Hauptstadt angekommen sind, werden sie häufig von „Aufpassern“ des Informationsministeriums des Landes auf Schritt und Tritt begleitet. Darüber hinaus gibt es die Agenten des Geheimdienstes, die den Korrespondenten von der ersten Minute an so lange folgen, bis sie das Land wieder verlassen haben. Diejenigen, die für „schuldig“ befunden werden, etwas geschrieben zu haben, das den jeweiligen arabischen Diktator oder irgendeinen seiner Vertrauten verärgert hat, können die Hoffnung fahren lassen, jemals wieder ein Visum zu bekommen. Doch die großen Medien in den USA, Kanada und Europa scheinen alle blind zu sein, auch für die jüngsten Entwicklungen in Jordanien, wo die Regierung ein Gesetz erlassen hat, das die Pressefreiheit einschränkt.

Die Verhaftung von sieben palästinensischen Universitätsdozenten durch die Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde in der Westbank vor kurzem ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die internationalen Medien in diesem Teil der Welt arbeiten: Einige palästinensische Freelancer und Reporter hatten die Geschichte über die Inhaftierung der Akademiker mindestens einem Dutzend Korrespondenten und Zeitungsherausgeber in Nordamerika und Europa angeboten. Aber nur ein einziger ausländischer Journalist war bereit, über diese Angelegenheit zu schreiben. Seine Kollegen gaben unterschiedliche Gründe für ihr Desinteresse an: Einige fürchteten um ihre Sicherheit, wenn sie über Neuigkeiten berichten, die womöglich die vom Westen alimentierten Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde in der Westbank stören könnten. Andere gaben einfach ihren Herausgebern in New York, Paris, London und Toronto die Schuld dafür, dass die Nachricht als „unbedeutend“ eingestuft wurde.

Eine desillusionierte palästinensische Journalistin aus Ramallah entschloss sich daraufhin, ihre westlichen Kollegen zu testen. Sie bot derselben Gruppe von Journalisten und Herausgebern, der auch die Geschichte über die Verhaftung der Akademiker offeriert worden war, eine „neue Idee“ für einen Beitrag an. Die Journalistin schlug ihnen vor, über einen palästinensischen Universitätsprofessor zu schreiben, der sich darüber beschwert hatte, dass die israelischen Behörden seinen Antrag abgelehnt hatten, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern Israel zu besuchen. Die Antwort kam postwendend: Alle bis auf zwei sagten, dies sei eine „tolle Geschichte“, und bekundeten ihre Bereitschaft, sich sofort an die Arbeit zu machen.

Nicht vergessen werden sollte in diesem Zusammenhang, dass der Geheimdienst der Palästinensischen Autonomiebehörde palästinensische Journalisten und Universitätsangehörige davor gewarnt hatte, über die Verhaftung der Akademiker zu berichten. Natürlich hielten sich die palästinensischen Medien in der Westbank, die von der Autonomiebehörde kontrolliert werden, an die Anweisung. Die palästinensischen Behörden machten überdies dem Präsidenten der Universität unmissverständlich klar, er solle nur ja keine Beschwerde über die Verhaftung seiner Mitarbeiter einreichen. Auch er fügte sich und ging sogar so weit, sein Handy auszuschalten, um keine Fragen von Journalisten beantworten zu müssen. Man stelle sich einmal die Reaktion der internationalen Medien vor, wenn Israel die palästinensischen Akademiker verhaftet hätte.

Dass die internationalen Medien mit zweierlei Maß messen, ist gleichwohl nicht neu. Mitte der 1990er Jahre weigerten sich viele westliche Korrespondenten, die in Jerusalem und Tel Aviv stationiert waren, Berichte über die miserable Regierungspolitik, die Menschenrechtsverletzungen und die weitverbreitete Korruption unter Yassir Arafat zu veröffentlichen. Dieses scheinheilige Verhalten der Medien ist nicht nur in Bezug auf die Palästinenser zu beobachten, sondern es gilt für die Berichterstattung über den größten Teil der arabischen Welt. Natürlich gibt es dort keinen Mangel an „tollen Geschichten“. Doch jenen westlichen Journalisten, die ihr Tun – oder vielmehr ihr Nichtstun – mit dem Verweis auf Sicherheitsbedenken rechtfertigen, sollte man sagen: Wenn Sie sich fürchten, warum hören Sie dann nicht auf, über den Konflikt zu schreiben, und berichten stattdessen über das Wetter oder die Umwelt? Der Nahe Osten ist nicht der richtige Ort für Journalisten, denen ihr Wohlbefinden mehr wert ist als Tatsachen und die Wahrheit.

* Khaled Abu Toameh ist Dokumentarfilmer und Korrespondent der israelischen Tageszeitung Jerusalem Post in der Westbank und im Gazastreifen. Sein Beitrag erschien unter dem Titel „Middle East’s Western Media – Hypocrisy, Double Standards Out of Control“ zuerst auf Hudson New York. Übersetzung aus dem Englischen: Lizas Welt.

Zum Foto: Westliche Fotografen machen an der Sicherheitsmauer, die von Israel zum Schutz vor Terroristen gebaut wurde (der deutlich überwiegende Teil der Trennanlage besteht aus einem Zaun), Aufnahmen von einer palästinensischen Frau, die zuvor gebeten wurde, sich weinend vor den englischen Schriftzug zu stellen (etwa Frühjahr 2006).

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Webportal Het Vrije Volk: No risk, much fun.

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