Tanz die Intifada

Antisemitismus groovt – und zwar im Wortsinne. Oliver Marx über einen aus dem Tollhaus der „Israelkri­tik“ stammenden Song einer nicht gerade randständigen deutschen Band.


VON OLIVER MARX


Über das Album „The Big Flow“ der Band „Hattler“ – die so heißt, weil ihr Gründer, ein so genanntes Urgestein der hiesigen Musikszene, auf diesen Namen hört – schrieb der Kritiker Michael Loesl: „Nie war musikalischer In­dividualismus chartkompatibler, stringenter, abenteuerlicher und tanzbarer.“ Mit seinen funk-, jazz- und soul-orientierten Kompositionen ist Hellmut Hattler, Bassist und Mitbegründer von „Kraan“ sowie der ‚Acid Jazz‘-Formation „Tab Two“, ein musikalisch anspruchsvoller „Garant für durchweg tanzbare Grooves“. Damit nicht genug: Er textet auch selbst und versteht es, die überwiegend apolitischen Bot­schaften seiner Songs zu visua­lisieren. Wer ein Konzert von „Hattler“ besucht, hört nicht nur, was er sieht, und sieht nicht nur, was er hört, er wird zudem mit Backing Tracks von der Festplatte und mit Videoprojektionen versorgt.

Dass eine solche, auf die Ver­stärkung des Reizes und die Über­windung kritischer Distanz zielende Rundum­betreuung Schlim­mes be­fürchten lässt, wird im Verlauf des Abends durch einen Programmpunkt aufs Eindrücklichste bestätigt, der, an­tisemitische Ressenti­ments bedienend, dann doch politisches Engagement verrät: Das Stück „Assalamu Alaikum“ (1) dreht sich um den in Gewalt übergehenden Zorn, der einen vermeintlich entrechte­ten und israelischer Willkür ausgelieferten Palästinenser einge­denk der im Bewusstsein ihrer angeblichen göttlichen Auser­wähltheit zur Beraubung und Unterdrückung anderer sich beru­fen wähnenden Juden über­kommt – ein Stück aus dem Tollhaus der „Israelkri­tik“, die, so funky vorgebracht, Ihresgleichen sucht. (Zur Vergrößerung des Textes bitte auf das Bild klicken.)

Schon das quantitative Verhältnis der Textanteile von Strophe und Refrain, das aufs Ganze gesehen eins zu vier be­trägt, macht deutlich, dass hier nichts erzählt, geschweige denn erklärt wird. Wovon die Strophen handeln, gilt als hinlänglich bekannt und ist mit ein, zwei einschlägigen Motiven auch in seinen Ursachen erschöpfend be­schrie­ben. Entscheidend ist das Fazit, das zu vermitteln dem Refrain zukommt, wobei die vielfache Wiederho­lung der aus sich wiederholenden Formeln bestehenden Botschaft für deren Unwidersprechlichkeit einsteht.

Im Detail geht es um dies: Womöglich als Privateigentümer, eher aber als Teil eines Kollektivs, das grundsätzli­che Besitzansprüche geltend macht, sieht sich das lyrische Ich seines Bodens beraubt. Die diesen nun bearbeiten, tun das nicht um des Ertrags willen, nicht, um von ihrer Hände Arbeit zu leben, sondern um die Symbole ihrer Vorherrschaft zu errichten und ihre Gewaltmittel zur Herrschaftssicherung in Stellung zu bringen: „Staring through my window pane – watch you digging on my ground / To post some flags and tanks – shows who’s up and who’s around“ [„Durch meine Fensterscheibe starrend – sehe (ich) euch auf meinem Boden graben / Um einige Flag­gen und Panzer aufzustellen – die zeigen, wer obenauf ist und wer ringsumher (lebt)“] (Verse 3f.).

Dass Flaggen gehisst und Panzer postiert werden, weist die Landnahme als eine staatliche oder staatlicherseits unterstützte aus und schafft Raum für weitere Assoziationen. So vergleicht das lyrische Ich die Besatzer, sie als „my little white gods“ [„meine kleinen weißen Götter“] verhöhnend (siehe die Verse 6, 12, 22, 28, 36, 42, 54 und 60), etwa mit den spanischen Eroberern Mittelamerikas zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die sich der indigenen Bevölkerung als zur Herrschaft berufene „weiße Götter“ präsentierten und, apologetischen Darstellungen des Geschehens zufolge, als solche verschiedentlich auch wahrgenommen und verehrt wurden (2). Wie dem auch ge­wesen sein mag: Der Kolonisierte dieser Tage – zumal dann, wenn er die Überzeugung teilt, dass es keinen Gott außer Gott gibt und dieser eine unermesslich groß ist – weist die Selbstvergottung, die er seinen Unterdrückern bescheinigt, umgehend zurück. Wo er sich (wie in den Versen 12, 15, 42 und 57) ihrer Muttersprache bedient, tut er dies weder zum Zweck der Verständigung noch gar aus Respekt, sondern lediglich in distanzierender Ab­sicht und um der Feindbestimmung willen – sein „Shalom“ (3) stellt unmissverständlich klar: Die Eindringlinge sind Juden, die Fahnen und Panzer is­raelische.

„In meiner Seele detonieren Minen“

Der Vollständigkeit halber wäre zu ergänzen: Das lyrische Ich ist ein palästinensisches, der Lyriker, der es er­schuf, ist ein Deutscher. Ob eben darum oder dessen ungeachtet: Er weiß offenbar nur zu gut um die Gefühle, die ei­nen eingedenk der Juden – „dem von seinem Gott auserwählten Gottesvolk und damit göttlichen Volk“ (4), den „little gods“ eben – überkommen können. „Wir sind bereit“, so der Reichstagsabgeordnete Ernst Graf zu Reventlow (NSDAP) im Jahre 1932, „den Juden zu einem Diamanten von unmessbarem Wert zu erklären, wir können ihn aber nicht ertragen, er zerreißt uns die Eingeweide“ (5). So oder so ähnlich geht es auch dem Alter Ego des Dichters, das sich, der Juden gedenkend, gleich im ersten Vers als ein im Innern zerberstendes zu erkennen gibt: „Mines in my soul blast if I only think of you“ [„In meiner Seele detonieren Minen, wenn ich nur an euch denke“].

Der anschließende Übergang vom Ich zum Wir macht deutlich, dass diese Gemütslage kein individuelles Schick­sal ist, sondern als Grundempfinden einer geschundenen Gemeinschaft begriffen sein will, die entschlossen ist, sich nicht zu beugen: „We never gonna bite one’s bait – even if your story was true“ [„Wir werden niemals nach dem Köder schnappen – selbst wenn eure Geschichte wahr wäre“] (Verse 2 und 34). Hat demnach der Wahrheitsgehalt des­sen, wovon die Anderen berichten, keinerlei Einfluss auf das eigene Verhalten oder auf das Verhalten der Eigen­gruppe, dann kommt es auch nicht auf den Inhalt ihrer Erzählungen an. So ergibt sich als Sinn der eben zitierten Rede in etwa dies: „Keine eurer zweifelhaften Geschichten“ – nicht die von der dreieinhalb­tausend­jähri­gen Verbun­denheit der Juden mit dem Land Israel, nicht die von ihrer millionenfachen Vernichtung im na­tional­sozialisti­schen Herrschaftsbereich und auch nicht die vom Scheitern derer, die sich den Mördern durch Flucht entziehen wollten, an den staatlichen Restriktionen potenzieller Aufnahmeländer –, „nichts von alle­dem ist in un­seren Au­gen geeignet, einer jüdischen Souveränität auf arabischem Boden Legitimität zu verlei­hen.“

Das Zurückweisen der „story“ (auf die sich einzulassen dem Feind in die Falle zu gehen und seinen Belangen Rechnung zu tragen hieße) schließt die Zurückweisung allen Redens ein, dem es um einen Ausgleich konkurrieren­der Ansprüche zu tun wäre. Ausdrücklich ist die Aufforderung, das Reden zu beenden, Teil einer Sentenz, auf die der Erniedrigte und Beleidigte sich und die Seinen in jedem Refrain gleich viermal einschwört: „[G]et back to the minimum to get away from the minimal talk“ [in etwa: „Lasst uns aufs Allereinfachste zurückkommen, um von dem unbedeutenden/kleinlichen Gerede wegzukommen“].

Die Empfehlung zur Abkehr vom „minimal talk“, von einem Gerede, das der Rede nicht wert ist, geht mit der Aufforderung einher, die als Grenze mit militärisch kontrollierten Übergängen funktionierende Sicherheitsanlage zwischen Israel und dem Westjordanland (6) umgehend zu zerstören (7). Dass die Anlage nötig wurde, weil die von der Fatah getragene Palästinensische Autonomiebehörde die als „Al-Aksa-Intifada“ bezeichnete Anschlagserie, die Israel ab September 2000 erschütterte (8), nicht nur nicht zu verhindern versucht, sondern sie sogar gerechtfer­tigt, propagandi­stisch gefördert und finanziell unterstützt hat (9), bekümmert den Verfasser des Stücks ebenso wenig wie der Umstand, dass die Partei den jüdischen Staat nach wie vor nicht anerkennt, sich „Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden“ hält und bei je­der sich bietenden Gelegenheit bekräftigt, dem „Wider­stand in all seinen Formen“ verpflichtet zu sein (10). Wer angesichts dessen zur Zerstörung des Zauns aufruft, setzt sich weniger für die Bewegungsfreiheit friedliebender Menschen als vielmehr dafür ein, den Akteuren ebenjenes „Widerstands“ einen ungehinderten Zugang zum is­raeli­schen Kernland zu verschaffen und ihnen ihr einstiges Betätigungsfeld neu zu eröffnen.

Worum es geht, ist die Vernichtung Israels

Indem das lyrische Ich der Distanzierung von dem als unnütz erachteten Friedensprozess – die unter anderem darin zum Ausdruck kommt, der „faulen weißen Taube“ das Verlassen des als „Zoo“ bezeichneten Gebiets nahe zu legen (11) – mit den Worten „We never gonna bite one’s bait – rather gonna bite the dirt“ (12) [„Wir werden niemals nach dem Köder schnappen – eher werden wir ins Gras beißen“] (Verse 18 und 48) die Be­kundung gemeinschaftlicher Kampfbereitschaft folgen lässt, erhält das heraufbeschworene Niederbrennen der Grenzanlage den Charakter ei­nes den Krieg gegen die „Besatzer“ einleitenden Fanals. Worum es geht, ist die Vernichtung Israels (13).

Dafür zu werben, ist Sinn und wohl auch Zweck des Songs „Assalamu Alaikum“, wie aller Propaganda, die den jüdischen Staat als kolonialisti­sches Projekt in der Tradition der Conquista deutet und beim Stichwort Zionismus oder Israel das Bild eines menschenverachtenden rassistischen Regimes zeichnet (14). Unter dieser Voraussetzung gilt: Kein Ent­gegenkommen Israels, das nicht auf seine Auslöschung hinausläuft, ist weitreichend genug. Der grundlegende Fehler eines jeden israelischen Friedensvorschlags besteht demnach nicht darin, die Gründung eines palästinensi­schen Staats zu untergraben, sondern den Fortbestand des jüdischen gewährleisten zu wollen.

Ohne dass die folgenden Auslegungen einander widersprächen, kann der „minimal talk“, von dem der Refrain handelt, entweder als das nie zum gewünschten Ergebnis führende und mithin belanglose Verhandeln mit dem zionistischen Feind oder als das kleinliche und vom gemeinsamen Ziel ablenkende Gezänk mit dem politischen Gegner in den eigenen Reihen verstanden werden. In beiden Fällen gemahnte der Appell „[G]et back to the mini­mum“ an etwas in der Art des antizionistischen Minimalkonsenses, auf den sich die Staaten der Arabischen Liga, der die Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) geschuldet ist, im August 1967 verstän­digt haben: „[K]eine Versöhnung mit Israel; keine Verhandlungen mit Israel, keine Anerkennung Israels.“ (15)

Es dient der Bekräftigung dieser Haltung, die Zionisten – obschon sie, wenn überhaupt religiös, den jüdischen Glauben nicht als den allein selig machenden begreifen, keine Missionstätigkeit betreiben und einen Staat unter­halten, der die Strenggläubigen vom Militärdienst ausnimmt (16) – als „Glaubenskrieger“ zu definieren, die (nomen est omen) anderen, in dem Wahn, damit ein gottgefälliges Werk zu tun, die Lebensgrundlage nehmen. Dabei ist es gar nicht die religiös motivierte Militanz als solche, die der Kritik des Dichters anheim fällt; gilt es ihm zufolge doch diejenigen, die sich zu Glaubenskriegern erklären oder dafür zu halten scheinen, zuerst dahingehend zu hinterfragen, ob sie den Titel verdient haben oder ihn, weil sie einer Irrlehre aufgesessen sind, zu Unrecht bean­spruchen. Zwischen Rechtgläubigen und Fehlgeleiteten unterscheidend, ist die Frage „warriors of belief – or victims of the twisted word?“ [„Glaubenskrieger – oder Opfer des verbogenen Wortes?“] (Verse 17 und 47) auch ein Aus­druck der Sympathie mit den im rechten Glauben Kämpfenden. Solche aber finden sich naturgemäß nicht auf Seiten der „Kolonisatoren“, sondern, unter dem „Banner Allahs [und des] Jihad“ (17), auf Seiten der „Kolo­nisier­ten“.

„Jerusalem, wir kommen“ – dies hatten einige der Palästinenser, die am 9. November 2009 bei Kalandija im Westjordanland ein Segment der Sicherheitsanlage zerstörten, um auf israelischer Seite Autoreifen in Brand zu setzen (und die Armee zum Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern zu provozieren), auf ihren T-Shirts stehen (18). „Jerusalem, wir kommen“ könnte auch die Bildunterschrift der letzten Einstellung des (in Fußnote 6) erwähnten Videoclips lauten, der damit schließt, über die zu Beginn als „Apartheid Wall“ eingeführte Anlage hinweg den Blick auf die pro­spektive palästinensische Hauptstadt zu eröffnen.

Poetischer Antisemitismus

Obschon Hellmut Hattler das Video in seinem YouTube-Kommentar für „anbetungswürdig“ erklärt und so ge­wis­sermaßen zu seiner Sache macht, zieht er doch poetischere Motive vor. Als ein Symbol der palästinensischen Situation wird dem Konzertbesucher das während der ersten Takte auf den Bühnenhintergrund projizierte Bild eines Menschen nahegebracht, der (anscheinend ge­fesselt und der Gewalt potenzieller Peiniger wehrlos ausgelie­fert) durch einen als Knebel funktionierenden Kle­be­strei­fen oder ähnliches daran gehindert wird, auf seine Lage aufmerksam zu machen. Womöglich steht der Geknebelte aber auch für das im Verhältnis zu Israel insbesondere auf den Deutschen lastende Kritikverbot, das es zwar nicht gibt und nie gegeben hat, aber seit jeher jeden, der sich mutig darüber hinwegsetzt, vor Kühnheit zittern lässt.

Abgelöst wird dieses Motiv von dem einer weißen Taube, die vor wechselnden, meist kreisförmigen Hintergrün­den mit ihren Flü­geln schlägt, ohne sich jedoch dadurch von der Stelle zu bewegen. Ihrer minutenlangen kon­stanten Anstrengun­gen ungeachtet, verkörpert sie wohl die „lazy white dove“ des Refrains. In Unterbrechung und Ergänzung des Ge­flatters zeigt die Leinwand Ansichten der aus Betonelementen beste­henden Abschnitte der israelischen Sicherheitsanlage, wobei verschiedene Graffiti in den Blickpunkt gerückt werden. Eines davon stellt eine Art Ter­mite dar, die – analog der Inszenierung, die den Höhepunkt der Berliner Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jah­restag des „Mauerfalls“ bildete – einen Dominostein anstößt und so eine Reihe weiterer zu Fall bringt. Ein ande­res Graffito verkündet in grammatikalisch zweifelhaftem Englisch: „This wall is a shame on the Jew­ish people, on my people!“ Wo behauptet wird, irgend etwas sei eine Schande fürs jüdische Volk, fin­det sich eben immer auch ein Deutscher, der das beifällig zitiert – zumal dann, wenn er den Antisemitismusverdacht mit dem Hinweis auf einen jüdischen Urheber aus­räumen zu können meint.

Was Geschichtsrevisionisten um der Restitution des Nationalstolzes willen behaupten, teilt der – gegen nationali­stische Umdeutungen der deutschen Geschichte sich verwahrende – moderne Antisemit, sobald er sich Israels an­nimmt. Auch er verspürt dort, wo das Gedenken der Shoah und die Ehrung der Opfer an die Gründe gemahnen, warum es den jüdischen Staat gibt und geben muss, „die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ (19). Sich mit den Palästinensern identifizierend, die ihm als die „Opfer der Opfer“ (20) gelten, findet auch er, dass „man Juden mit einiger Berechtigung als ‚Tätervolk‘ bezeichnen [könnte]“ (21). Wenn er sie beiläufig Ver­brechen bezichtigt, die denen der vom Nationalsozialismus beseelten Deutschen eben­bürtig sind, so freilich nicht, um im Sinne seines nationalistischen Pendants die Zeiten der Kollektivhaftung für beendet zu erklären und die den Juden aus ihrem Opfer­status erwachsenen Ansprüche abzuwehren. Vielmehr ist es ihm darum zu tun, seine ideologische Flankierung derer, die den Staat Israel beseitigen und den „Zionisten“ den Garaus machen wollen, als Element und Ausweis einer antifaschistisch geläuterten, demokratischen Ge­sinnung zu ver­stehen und „seine [R]essentiments in einer po­litisch korrekten [F]orm auszuleben“ (22).

Dem Erstaunen darüber, dass diese Form und ihr Inhalt mitunter auch „chartkompatibel, stringent, abenteuerlich und tanzbar“ daherkommen, ist dieser Text geschuldet.

Anmerkungen

  1. Der hier präsentierte Songtext entspricht der Version (oder beansprucht jedenfalls, ihr zu entsprechen), die unter der angegebenen YouTube-Adresse zu hören ist. Davon geringfügig abweichend, findet sich der Text im Internet an diesen Stellen: [1], [2].
  2. Vgl. Peter Hassler: Die weissen Götter. Wie sich die Entdecker und Eroberer Mexikos sahen, in: Neue Zürcher Zeitung, 15. September 2007 [Link].
  3. An mehrere Personen (männlichen oder beiderlei Geschlechts) gewandt, lautet die hebräische Entsprechung des titelgebenden arabischen Grußes „as’salamu alaikum“ – „shalom alejchem“, zu deutsch: „Frieden auf euch“. Grammatikalisch handelt es sich bei „alejchem“ um eine Wortzusammensetzung aus der Präposition „al“: „auf [Akk., D.], zu [D.], über [Akk.]“, und „lachem“, der Dativ­form des Personalpronomens 2. Person Plural Maskulinum: „euch“. „Shalom alejchem“ bedeutet, dass ich diejenigen, denen ich den Gruß entbiete, fraglos für würdig befinde, erstens als Gesprächspartner in Betracht zu kommen, zweitens als meinesgleichen anerkannt zu werden und drittens ein befriedetes und befriedigendes Leben führen zu können. Indem, wie es im Text durchgängig geschieht, das den Angesprochenen zugewandte „alejchem“ durch „I like ’em“ [„Ich mag sie“] (mithin die 2. durch die 3. Person Plural) ersetzt wird – wobei der Zusatz „my little white gods“ [„meine kleinen weißen Götter“] keinen Zweifel daran lässt, dass „I like ’em“ nicht als Bekun­dung persönlicher Wertschätzung, sondern als Ausdruck der Verachtung zu verstehen ist –, werden die zuvor genannten Qualitäten ins Ge­genteil verkehrt: Weder kommen die Anderen als Gesprächspartner in Betracht, noch werden sie als Gleichberechtigte anerkannt, und in Frie­den zu leben, scheinen sie nach Ansicht des Sprechers erst recht nicht verdient zu haben.
  4. Ernst Graf zu Reventlow; zitiert nach Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, Berlin 2005, S. 117.
  5. Ebd., S. 116.
  6. Dass diese, teils aus einer Betonmauer, zum größten Teil jedoch aus einem von der israelischen Armee mit modernen Mitteln überwachten Maschendrahtzaun bestehende Anlage gemeint ist, wo der Text auf „that fence“ verweist, ergibt sich insbesondere unter Berücksichtigung der den Song bei den Konzerten der Band ergänzenden Videoprojektionen. Einen Eindruck davon ver­mittelt Thierry Miguets und Damian Lémans Videoclip (im Internet bei YouTube zu finden [Link]), der überdies – zu Beginn, am Ende und während des Gitarrensolos – weitere Motive zur Bebilderung des Textes beisteuert.
  7. An wen auch immer sie gerichtet ist – die Frage: „Why don’t you … burn“ – wahlweise auch „pop“ – „that fence down?“ [„Warum … brennt (bal­lert) ihr diesen Zaun nicht nieder?“] (siehe die Verse 7, 13, 23, 29, 37, 43, 55 und 61), zielt gewiss nicht darauf ab, die Tatbestände herauszustellen, die dagegen sprechen, den Zaun zu beseitigen, und dafür, ihn zu vollenden; ih­res Wortlauts ungeachtet, ist sie keine Aufforderung zu begrün­den, warum die Zerstörung des Zauns unterbleibt, sondern Ausdruck der Überzeugung, dass es akzeptable Gründe dafür überhaupt nicht geben kann. Im Blickwin­kel dieser Überzeugung wird, was immer zur Rechtfertigung der Anlage vorgebracht werden mag, zur Nichtig­keit. Die Delegitimierung des Staates Israel und die Ignoranz gegenüber den elementaren Sicherheitsinteressen seiner Bürger gehören untrennbar zusam­men.
  8. Die Entscheidung zur Errichtung des Zauns erläuternd, schrieb der damalige israelische Botschafter in Berlin: „Nach mehr als 19.000 Ter­rorangriffen, 927 toten Männern, Frauen und Kindern und Tausenden mehr an Verwundeten während der vergangenen dreieinhalb Jahre ver­sucht Israel, sich durch den Bau ei­nes Zauns, der allein der Verteidigung dient, zu schützen. Dieser Zaun soll Selbstmordattentäter und be­waffnete Terroristen daran hindern, is­raelische Busse, Cafés und Stadtzentren zu erreichen. Die schon errichteten Teile haben die Anschläge in diesen Regionen wesentlich redu­ziert.“ (Shimon Stein, Umweg über Den Haag. Mit der Anrufung des Gerichtshofes wollen die Palästinen­ser von ihren Pflichten ablenken, in: Tagesspiegel, 23.02.2004 [Link]).
  9. Siehe Botschaft des Staates Israel (Hrsg.): Wie Yasser Arafat und seine Behörden Terror finanzieren und fördern. Erste Ergebnisse einer Un­tersuchung von Dokumenten, die im Rahmen der Operation „Schutzwall“ gefunden wurden, Berlin 2002 [Link].
  10. Dazu, im Kampf gegen die „Besatzer“ weiterhin „keine Option fallen [zu] lassen“, bekennt sich die Partei auch noch in dem auf ihrer Gene­ralversammlung im August 2009 verabschiedeten Programm. Vgl. Dana Nowak: Fatah hält an bewaffnetem Kampf gegen Israel fest, http://www.israelnetz.com, 10. August 2009 [Link].
  11. Siehe die Verse 9f., 15f., 25f., 31f., 39f., 45f., 52, 57f. und 63f.
  12. „Bite the Dirt is a slang term used in the military when one has to get on the ground for any reason.“ [Link].
  13. Darum geht es beileibe nicht nur dem lyrischen Ich. Was die „gemäßigten“ palästinensischen Gruppierungen betrifft, so hat die von der Fatah dominierte Autonomiebehörde mit der Herausgabe von Schulbüchern, worin jede israelische Stadt zum „besetzten Gebiet“ erklärt und eine Welt in Aussicht gestellt wird, in der Israel auf keiner Landkarte mehr verzeichnet ist, deutlich zu erkennen gegeben, dass es ihr, wie der Ha­mas, um die „Befreiung“ von „jedem Zentimeter Palästi­nas“ zu tun ist. Siehe dazu Itamar Marcus/Barbara Cook (Palestinian Media Watch): From National Battle To Religious Conflict: New 12th Grade Pal­estinian schoolbooks present a world without Israel, Jerusalem 2007 [Link].
  14. Ein Beispiel dafür liefert die Erklärung der Mitglieder des „Internationalen Zentrums B 5“, die sich zugute halten, im Ham­burger Stadtteil St. Pau­li zusammen mit Ge­sinnungsgenossen im Oktober 2009 die Aufführung von Claude Lanzmanns Film „Warum Is­rael“ verhindert zu ha­ben. – Nicht nur die aus Äthiopien nach Israel eingewanderten Juden wären wohl überrascht zu erfah­ren, „ein System der weißen Domi­nanz“ zu re­präsentieren und – obschon es allen Staatsbürgern ohne Unterschied von Reli­gion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichbe­rechtigung verbürgt – einem „rassistischen Projekt“ zu dienen. Um Israel als Teil des mit der „rassistischen Aufspaltung der Welt seit der Conquista und der Versklavung“ anhebenden „System[s] der weißen Dominanz“ zu entlarven und den Zionismus als „rassistisches Projekt“ zu begreifen, dessen Zweck es ist, „die heutige Kolonialkultur“ aufrecht zu erhalten, bedarf es nun einmal des jahre- und jahrzehntelangen Aufent­halts in einer Szene, die sich in ihren „Einschätzungen“ von gar nichts beirren lässt, erst recht nicht von der ethnischen Vielfalt und den rechtli­chen Grund­sätzen Israels.
  15. Zitiert nach: Mitchell G. Bard: Behauptungen und Tatsachen. Der israelisch-arabische Konflikt im Überblick, Holzgerlingen 2002, S. 180.
  16. Vgl. Michael Wolffsohn: Israel. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Wiesbaden, 7. Auflage 2007, S. 176f. und S. 190.
  17. Siehe die Artikel 6 und 15 der Hamas-Charta, in: Botschaft des Staates Israel (Hrsg.): Die HAMAS. Profil einer Terrororganisation mit Regie­rungsauftrag, Berlin 2006, S. 3 [Link].
  18. Dana Nowak: Palästinenser reißen Teil von Sicherheitsanlage nieder, http://www.israelnetz.com, 10. November 2009 [Link].
  19. Siehe Martin Walser: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buch­handels in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998 [Link].
  20. Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem „Manifest der 25“ hat Micha Brumlik lesenswerte Einwände gegen die, aus dem Konstrukt des „sekundären Opfers“ abgeleitete Pflicht der Deutschen zur Solidarität mit den Palästinensern zu Papier gebracht. Micha Brumlik: Wie der Bau der Bagdad-Bahn, Frankfurter Rundschau, 07.02.2007 [Link].
  21. Das Zitat entstammt der Ansprache von MdB Martin Hohmann zum Nationalfeiertag, 3. Oktober 2003 [Link].
  22. Henryk M. Broder: Antisemitismus ohne Antisemiten (gekürzt und erweitert), 15. Juni 2008, Deutscher Bundestag. Innenausschuss, Aus­schussdrucksa­che 16(4)432 H, S. 3 [Link].
%d Bloggern gefällt das: