Finkelsteinereien

Es hätte ein Feiertag für die Antisemiten aller Couleur in Österreich werden sollen: Die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost, die Frauen in Schwarz, die Österreichisch-Arabische Gesellschaft und diverse weitere Nahostgruppen und -grüppchen hatten den notorischen Norman Finkelstein, einen ihrer absoluten Lieblingskronzeugen gegen Israel also, nach Wien eingeladen. An der dortigen Universität, mithin einem überaus prominenten Ort, sollte Finkelstein Ende Mai über die „Wurzeln des Konflikts“ und die „Perspektiven für den Frieden“ sprechen – das heißt: seinem Publikum noch einmal erklären, dass die Israelis die neuen Nazis sind und den Holocaust missbrauchen, um die Palästinenser auszumerzen. Doch der Rektor der Hochschule, Georg Winckler, widerrief einige Tage vor der Veranstaltung die bereits erteilte Genehmigung. Zuvor hatte die Wiener Israelitische Kultusgemeinde bei ihm gegen die Veranstaltung protestiert; darüber hinaus hatten ihn Ruth Contreras vom Vorstand der Scholars for Peace in the Middle East und Wolfgang Neugebauer von der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich in einem offenen Brief darauf aufmerksam gemacht, wes Geistes Kind der Referent ist und warum er sowohl von Neonazis als auch von linken „Antiimperialisten“ so überaus stürmisch gefeiert wird. Die Veranstalter mussten schließlich in ein Wiener Hotel ausweichen und blieben dort weitgehend unter sich und Ihresgleichen.

Das wiederum brachte Paula Abrams-Hourani von der Jüdischen Stimme auf die Palme. In einem ellenlangen Schreiben an den Rektor protestierte sie gegen die Raumkündigung und machte für Wincklers Entscheidung „die pro-israelische Lobby in Wien“ verantwortlich, die allerweil den Antisemitismusvorwurf als „politische Waffe“ einsetze. Die Absage der Veranstaltung mit einem „anerkannten, renommierten US-amerikanischen Politikwissenschafter auf dem Gebiet des israelisch-palästinensischen Konflikts“ werde erst recht zu einer Zunahme des Antisemitismus führen“, glaubte sie. Eine geradezu bizarre Logik: Demzufolge müsste es umgekehrt das wirksamste Mittel gegen den Judenhass sein, möglichst viele möglichst erbarmungslose Antisemiten an möglichst bekannten und frequentierten Orten sprechen zu lassen. Aber nicht nur in diesem Punkt zeigt Abrams-Hourani, dass sie ein eher taktisches Verhältnis zur Realität hat: In ihrem Brief behauptete sie auch, Norman Finkelstein werde von Contreras und Neugebauer „mit der Formulierung ‚der jüdische David Irving’ diffamiert und beleidigt“. Doch diese Bezeichnung stammt gar nicht von den beiden Verfassern des offenen Briefes an den Uni-Rektor.

Sie ist vielmehr die Erfindung von Ingrid Rimland, der Ehefrau des Holocaustleugners Ernst Zündel. Auf ihrer Mailingliste ZGRAM feierte sie Finkelstein im August 2000 für sein Buch „Die Holocaust-Industrie“ mit den Worten: „Dieser Finkelstein ist wie eine von Rommels Panzers-Einheiten, die durch die feindlichen Linien gebrochen ist und nun Verwüstung schafft, indem sie die Unterstützer-Truppen der Holocaust-Industrie abknallt und die Munitionslager des jüdischen Hollywood-Ramschs in die Luft sprengt und Chaos, Angst und Hoffnungslosigkeit verbreitet, wo immer er auch auftaucht. Finkelstein ist wie ein jüdischer David Irving.“ Dokumentiert wurde diese Äußerung neben weiteren ungezählten neonazistischen Beifallsbekundungen für Finkelstein in der von Martin Dietzsch und Alfred Schober im Jahr 2001 herausgegebenen Schrift „Ein ‚jüdischer David Irving’? Norman Finkelstein im Diskurs der Rechten – Erinnerungsabwehr und Antizionismus“. Contreras und Neugebauer hatten in ihrem Schreiben daraus zitiert, um Rektor Winckler auf die große Zustimmung aufmerksam zu machen, die sich Finkelstein mit seinen Thesen in der Naziszene erarbeitet hat. Und nicht nur dort, sondern auch bei „Israelkritikern“ anderer politischer Abkunft.

Die Universitätsleitung ließ sich schließlich davon überzeugen, dass es keine gute Idee ist, einem solchen Mann eine Plattform zu bieten. Die linke Wiener Zeitschrift Falter hingegen glaubte, den „Provokateur“ zum Interview bitten und ihm kommentarlos eine Bühne gewähren zu sollen. Und der ließ sich nicht lumpen: „Israel und jüdische Organisationen“ hätten „den Holocaust instrumentalisiert, um Geld für die Überlebenden zu erpressen“, tönte Finkelstein. Adolf Eichmann sei erst gefasst worden, „nachdem Israel sich dazu entschlossen hatte, eine große Holocaust-Show zu inszenieren“; das Simon-Wiesenthal-Center sei „wahrscheinlich die größte Gaunerei auf Gottes Erden“. Wer Gerechtigkeit wolle, solle „nach Israel gehen und die gesamte Regierung festnehmen“, die in Gaza eine „Kristallnacht“ veranstaltet und das Gebiet in „ein großes Konzentrationslager“ verwandelt habe. Vom Nazi-Holocaust will der Politologe nichts (mehr) wissen; über den angeblichen israelischen hingegen redet er umso lieber. Kein Zweifel: Finkelstein hat sich den Applaus der Antisemiten nicht nur redlich verdient, er ist selbst einer von ihnen.

Als der große Meister Wien wieder verlassen hatte, brauchten Paula Abrams-Hourani und ihre Mitstreiter bei der Wiener Pro-Terror-Lobby neue Betätigungsfelder. Also setzten sie einen „Brief an die österreichischen Spitzenkandidatinnen und -kandidaten für die EU-Wahlen“ auf und kamen darin auch gleich zur Sache: „Für die Anerkennung der Wahl der Hamas! Für die Entfernung der Hamas von der Europäischen Terrorliste!“ Die EU solle nämlich „das den Palästinenserinnen und Palästinensern zugefügte Unrecht und ihren Wunsch nach Selbstbestimmung anerkennen“. Dass die Palästinenser diesen Wunsch ausweislich der letzten Wahlen am besten bei einer Judenmördertruppe aufgehoben sehen, ficht die Verfasser des Briefes nicht an: „Unsere Initiative teilt keineswegs die politischen und weltanschaulichen Positionen von Hamas – doch als demokratisch gewählte Regierung der Palästinenserinnen und Palästinenser muss sie als Partner in einem politischen Dialog anerkannt werden.“ Natürlich wissen Abrams-Hourani und ihre Freunde, dass die Hamas in einem solchen „politischen Dialog“ allenfalls über das Wie, nicht aber über das Ob einer Auslöschung Israels verhandeln würde. Wenn sie also die Anerkennung der islamischen Gotteskriegerpartei und ihre Streichung von der Liste der Terrororganisationen fordern, signalisieren sie trotz der Beteuerung des Gegenteils ihr Einverständnis mit deren Zielen.

Zwei der angeschriebenen österreichische Spitzenkandidaten für die Wahlen zum Europaparlament gaben übrigens eine Antwort. Die eine Bewerberin, Ulrike Lunacek von den Grünen, lehnte ab: Ihre Partei werde nicht mit der Hamas kooperieren, schrieb sie. Der andere Kandidat jedoch versprach, das Anliegen der Hamas-Fans tatkräftig zu unterstützen. Und bei diesem anderen handelt es sich um keinen Geringeren als Andreas Mölzer von der ultrarechten FPÖ. Mit den „Freiheitlichen“ könne und wolle man jedoch nicht kooperieren, hieß es von Seiten der Initiatoren mit dem Ausdruck des Bedauerns (woraus sich zwangsläufig die Frage ergibt, warum sie Mölzer dann überhaupt einen Brief geschickt haben). Bekannt wurde dies am vergangenen Samstag auf einer Kundgebung der Frauen in Schwarz und weiterer Desperados der antiisraelischen Kampagne Gaza muss leben am Wiener Donaukanal. Das Szenario war mehreren Augen- und Ohrenzeugenberichten zufolge nachgerade bizarr: Während am einen Ufer die Gäste des Tel Aviv Beach entspannt ihre Cocktails genossen, versammelten sich direkt gegenüber, weitgehend unbeachtet, rund dreißig freudlose Gestalten mit einem Lastwagen, Palästinafahnen, Spruchbändern und Flugblättern unmittelbar neben zwei „Dixi“-Toiletten, um für die Anerkennung einer antisemitischen Terrortruppe zu werben (oberes Foto). Da gebietet bereits der gute Geschmack einen Aufenthalt am Ostufer (unteres Foto) – zumal dort auch die Sonne länger scheint. Le chaim!

Herzlichen Dank an Karl Pfeifer für ungezählte wertvolle Hinweise und die Fotos.

%d Bloggern gefällt das: