Der neue Benz beim Elchtest

Womöglich hat Henryk M. Broder einfach Recht mit seiner Erwägung, dass Micha Brumlik vor allem deshalb zur Verteidigung des in die Kritik geratenen Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) – und insbesondere von dessen Leiter, dem „renommierten Historiker Wolfgang Benz“ (Brumlik) – angetreten ist, weil er auf Benz’ in Bälde frei werdenden Posten schielt. Zumindest ist das tatsächlich die schlüssigste Erklärung für den überaus dürftigen Vortrag, den der Erziehungswissenschaftler auf der Frankfurter Tagung „Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus“ gehalten hat und der am vergangenen Samstag in der taz zu lesen war. Inhaltlich liegt das Referat jedenfalls ganz auf der Linie des ZfA, und dass Brumlik die Argumente der Zentrumskritiker nicht nur nicht entkräften kann, sondern sie im Gegenteil sogar bestätigt und sich dabei auch noch in unauflösbare Widersprüche verstrickt, rundet sein De-facto-Bewerbungsreferat erst so richtig ab. „Vergleichen heißt nicht gleichsetzen“, hat die taz das Vortragsmanuskript überschrieben, und wie zum Beweis des Gegenteils zitiert Brumlik erst einmal ausführlich seinen Benz. Der hatte im Vorwort des jüngsten Jahrbuchs für Antisemitismusforschung nämlich geschrieben (und auf der ZfA-Konferenz „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ im Dezember 2008 ausgeführt):*

„Die Parallelen zu Antisemitismus und Judenfeindschaft sind unverkennbar: Mit Stereotypen und Konstrukten, die als Instrumentarium des Antisemitismus geläufig sind, wird Stimmung gegen Muslime erzeugt. Dazu gehören Verschwörungsfantasien ebenso wie vermeintliche Grundsätze und Gebote der Religion, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis behauptet werden. Die Wut der neuen Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden. Die Verabredung einer Mehrheit gegen das Kollektiv der Minderheit, das ausgegrenzt wird (einst und immer noch ‚die Juden’, jetzt zusätzlich ‚die Muslime’), ist gefährlich, wie das Paradigma der Judenfeindschaft durch seine Umsetzung im Völkermord lehrt. […] Aufgabe der Antisemitismusforschung, die sich als Vorurteilsforschung begreift und Judenfeindschaft als erkenntnisleitendes Paradigma versteht, ist es, beide Phänomene in den Blick zu nehmen: Hass gegen die Juden und den Judenstaat, wie er von Muslimen artikuliert wird, und Hass gegen die Muslime, der sich der gleichen Methoden bedient, die vom christlichen Antijudaismus wie vom rassistischen Antisemitismus entwickelt werden.“

Einmal abgesehen von dem haarsträubenden Blödsinn namens „Vorurteilsforschung“ (ein Vorurteil lässt sich durch Erfahrungen durchaus korrigieren, ein Ressentiment jedoch – und um ein solches handelt es sich beim Antisemitismus – ist gänzlich aufklärungs- und faktenresistent): Benz hat hier eben nicht „nur“ die „Islamophobie“ mit dem Antisemitismus verglichen, sondern er hat sie unzweifelhaft und eindeutig gleichgesetzt. Nichts anderes hatten bereits die von Brumlik als Protagonisten einer vermeintlichen „publizistischen Kampagne“ gegen das ZfA identifizierten und attackierten Matthias Küntzel, Henryk M. Broder, Clemens Heni und Benjamin Weinthal festgestellt und beanstandet. Brumlik jedoch stärkt Benz ungeachtet der Tatsache, dass er sowohl ihn als auch sich selbst soeben durch bloßes Zitieren ungewollt überführt hat, vorbehaltlos den Rücken und äußert Verständnis dafür, dass der Leiter des Zentrums sich weigerte, mit seinen Kritikern zu diskutieren. Eine gerade für Wissenschaftler doch sehr eigenartige Haltung – die Brumlik zu einem späteren Zeitpunkt seines Vortrags denn auch nur durch die Denunziation dieser Kritiker als „fundamentalistisch“ zu salvieren vermag.

Schließlich versucht er sich dann aber doch noch an einer inhaltlichen Verteidigung des Vergleichs zwischen dem Antisemitismus und der „Islamophobie“, mit dem angeblich keine Gleichsetzung bezweckt war und ist. Doch diese Verteidigung misslingt. Gegen das allemal stichhaltige Argument beispielsweise, ein solcher Vergleich verharmlose den notwendig auf Vernichtung drängenden Judenhass, fällt Brumlik nicht mehr ein, als genervt zu fragen, „unter welchen Bedingungen es überhaupt zulässig ist, Vorurteile gegen unterschiedliche Gruppen und die mehr oder minder mörderische Bilanz dieser Vorurteile miteinander zu vergleichen“, und überdies kühn zu behaupten, die „vergleichende Genozidforschung“ habe „gerade durch diese Vergleiche ein sehr viel genaueres und trennschärferes Bild von den nationalsozialistischen Verbrechen gewonnen“. Die Frage ist dabei ziemlicher Unsinn – schließlich hat niemand irgendeinen Vergleich verboten – und umschifft außerdem eine ganz andere, wesentlich aufschlussreichere Frage, nämlich die nach der Absicht eines Vergleichs, die im Falle des ZfA, wie gezeigt, offenkundig a priori in der – falschen – Gleichsetzung bestand. Bereits vor diesem Hintergrund erübrigt sich auch das Lob für die – was für ein Begriff schon! – „vergleichende Genozidforschung“, die darüber hinaus auch noch Horrorgestalten wie beispielsweise Ernst Nolte hervorgebracht hat, dem gewiss nichts ferner lag, als den Nationalsozialismus trennscharf von anderen Verbrechen zu unterscheiden.

Auch gegen das ebenfalls nicht von der Hand zu weisende Argument, die „Islamophobie“ sei weniger eine über die Maßen verdammenswerte Form von Fremdenfeindlichkeit, sondern vor allem ein – eher neuzeitliches – Konstrukt von Kräften, die mit dem Verweis auf den angeblich besonders üblen Rassismus gegenüber Muslimen jegliche Kritik an der Herrschaftspraxis des Islam zum Verstummen bringen wollten, hat Brumlik keine sonderlich stichhaltigen Einwände. Akribisch bemüht er sich um Nachweise dafür, dass es schon im Mittelalter christliche Feindseligkeiten gegen den Islam gab und dass „militanter Hindunationalismus auch nach 1948 immer wieder zu mörderischen Pogromen an indischen Muslimen geführt hat“. Das stimmt zweifellos, so, wie es stimmt, dass auch der heutige Rassismus die Muslime nicht ausnimmt. Aber zum einen widerlegt es nicht das Urteil, dass die gegenwärtigen islamischen Führer und ihre Gefolgschaft noch die leiseste Beanstandung ihres oft genug mörderischen Treibens nachgerade notorisch mit dem Attribut „rassistisch“ versehen (und diesen vermeintlichen Rassismus auf einer Uno-Konferenz sogar in den Rang einer Menschenrechtsverletzung heben wollen). Und es rechtfertigt zum anderen nicht die vom ZfA vorgenommene Gleichsetzung, wie Brumlik letztlich sogar selbst feststellt, wenn er schreibt, es verstehe sich „von selbst“, dass die Feindschaft gegenüber Muslimen „natürlich nicht zu einem Verbrechen gleichen Ausmaßes wie dem des Holocaust geführt hat“. Wenn das aber so „natürlich“ ist, was soll dann die Parallelisierung mit dem Antisemitismus, der in der Shoa kulminierte, aber noch lange nicht am Ende ist?

Im Folgenden versucht sich Brumlik noch an der Widerlegung der Erkenntnis, dass es Judenhass im Islam schon immer gab. Ausführlich zitiert er dabei zunächst judenfeindliche Formulierungen im Koran, um danach den Kritikern des ZfA vorzuwerfen, „ohne weitere historische oder soziologische Kontextualisierungen die von Muslimen für heilig gehaltenen Schriften als wörtliche, auch noch heute ungebrochen gültige Handlungsanweisungen“ zu nehmen und sich außerdem nie „die wirklich entscheidende Frage“ gestellt zu haben, „warum und unter welchen Umständen sich erhebliche Teile der muslimischen Welt, einer sich modernisierenden muslimischen Welt, eine antisemitische Lesart von religionspolemischen Passagen aus Koran und Hadith zu eigen gemacht haben“. Wer von Brumlik nun eine Antwort auf diese „wirklich entscheidende“ Frage erwartet, wird jedoch enttäuscht, weshalb man nur spekulieren kann: Ist der islamische Antisemitismus also eine Art spätkapitalistische Krisenreaktion? Oder haben ihn die sinistren Israelis am Ende gar bei den im Grunde vollkommen arglosen Muslimen provoziert?

Zum Schluss wird es dann geradezu kurios, wenn Brumlik seine Thesen plötzlich über den Haufen wirft, indem er einräumt, „dass es zwischen Antisemitismus und Islamophobie nun doch einen wesentlichen Unterschied gibt: Während nämlich antisemitische Verschwörungsfantasien noch nie etwas anderes als Ausgeburten kranker, mit Ressentiment geladener Hirne waren, existieren Verschwörungen im Bereich einiger Gruppen des radikalen Islamismus tatsächlich“. Und mehr noch: „Es gab niemals eine ‚jüdische Kriegserklärung’ an jene Gesellschaften, in denen Juden lebten. Das ist jedoch beim radikalen Islamismus aller Spielarten sehr wohl der Fall, und man wird fragen dürfen und müssen, ob und welchen Einfluss diese totalitäre Ideologie auf einen Teil der muslimischen Immigranten hat.“ Diese Frage zu stellen, beeilt sich Brumlik zu relativieren, sei „weder islamophob noch rassistisch, sie mit einem undifferenzierten, bejahenden Generalverdacht zu beantworten sehr wohl“. Bliebe nur noch zu klären, wer diesen „bejahenden Generalverdacht“ eigentlich erhoben haben soll. Die Zentrumskritiker jedenfalls haben es nachweislich nicht getan, sondern im Gegenteil nicht zuletzt das ins Feld geführt, was auch der Frankfurter Kritiker der Zentrumskritiker am Ende seines Vortrags eingesteht.

Beim ZfA wird es vermutlich niemanden weiter stören, dass Micha Brumlik da einen ziemlich missglückten Anwalt gegeben hat; schließlich zählt vor allem der Wille, sich für das Zentrum und seinen Noch-Leiter in die Brust zu werfen. Doch diesem Elchtest zum Trotz erwägt man bei Benzens offenbar, die A-Klasse künftig Moshe Zuckermann zu überantworten, wie Henryk M. Broder berichtet: „Brumlik, so wird geraunt, habe vor Jahren die Leitung des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt hingeschmissen, weil der Job mit zu viel Verwaltungsarbeit verbunden war, außerdem sei es fraglich, ob er mit 62 noch berufen werden könne. Zuckermann dagegen sei jünger und habe sich für diese Aufgabe auf vielfache Weise qualifiziert. Unter anderem damit, dass er Israel als ‚Scheindemokratie’ bezeichnet und dem Neuen Deutschland Interviews gegeben hat.“ Ob Brumlik diesen Rückstand noch aufholen kann?

* Wolfgang Benz: Vorwort, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Hrsg. von Wolfgang Benz, Bd. 17, Berlin 2008, Seiten 9 und 11. Hervorhebungen: Lizas Welt.

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