Im Visier der Antikapitalisten

Die deutschen Fußballfans haben ein neues Feindbild: Dietmar Hopp. Kaum ein Wochenende vergeht, an dem der Mäzen des Bundesliga-Aufsteigers 1899 Hoffenheim in den Stadien nicht auf Transparenten und in Sprechchören aufs Übelste attackiert wird. Mönchengladbacher Anhänger beschimpften ihn als „Sohn einer Hure“, Dortmunder Fans bildeten sein Konterfei hinter einem Fadenkreuz ab und unterschrieben die Montage mit dem Slogan „Hasta la vista Hopp!“. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kündigte inzwischen an, seine Sportgerichtsbarkeit einzuschalten, sollten sich die Angriffe fortsetzen. Dafür hatte der Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Lorenz Maroldt, überhaupt kein Verständnis. Hopp und Hoffenheim sollten sich mal nicht so haben, fand er: „Im Stadion stehen Folklore und Verunglimpfung dicht beieinander. Es geht beim Fußball anders zu als beim Federball; Provokationen, Emotionen, Aggressionen gehören dazu, bringen Leben ins Stadion.“ Außerdem seien der Milliardär und sein Klub aus dem Rhein-Neckar-Kreis nun mal „eine Provokation für die Fans jener Vereine, die stolz auf ihre ruhmreiche Vergangenheit sein müssen, weil die Gegenwart auf sie eher traurig wirkt“.

Publizistischen Flankenschutz erhielt die Anti-Hopp-Front auch durch die nationalbolschewistische Tageszeitung junge Welt. Dort beklagte Marek Lantz eine „Entproletarisierung des Fußballsports“, gegen die sich „in breiten Fankreisen Haltungen ausgebildet“ hätten, „die den Verlust an Tradition und die fortschreitende Kommerzialisierung kritisieren“. Es seien „zumindest partiell antikapitalistische Motive“, die dabei artikuliert würden. „Zwar häufig in recht kruder Form, aber immerhin.“ Der „Milliardär Hopp“ jedoch rücke im Verbund mit dem DFB „der Kritik an seiner Person und seinem Retortenverein mit allen Mitteln auf die Pelle“. Was jetzt nur noch fehle, sei „ein braver Antideutscher, der mit ein paar argumentativen Winkelzügen jegliche Kritik an Hopp als per se antisemitisch abkanzelt“. Denn: „Wenn aus einer noch so kruden antikapitalistischen Bewegung heraus dem Gegner ein Gesicht zugeordnet und ein Name gegeben wird, sind die in der Regel nicht weit.“

Was Lantz offenkundig als absurd empfindet, ist so abwegig jedoch nicht, und er selbst liefert die besten Beweise dafür. Denn seine Ausführungen erinnern nicht zufällig stark an das linke Geschwätz über den jüdischen Staat, das unvermeidlich die lautstarke Beschwerde über die „Antideutschen“ beinhaltet, die „mit ein paar argumentativen Winkelzügen jegliche Kritik an Israel als per se antisemitisch abkanzeln“. Und so, wie es in dem diesbezüglichen Kontext stets heißt, man werde doch wohl noch Israel kritisieren dürfen, lautet die Botschaft nun: Man wird doch wohl noch Hopp kritisieren dürfen – als ob das eine wie das andere von irgendjemandem verboten worden wäre. Hopp und mit ihm der DFB wollen lediglich persönlichen und niederträchtigen Hassattacken Einhalt gebieten, die jenseits dessen liegen, was man als fußballtypische, das heißt nicht weiter verwerfliche Provokationen, Emotionen und Aggressionen bezeichnen könnte. Dass gleich „jegliche Kritik“ unterbunden werden soll, wie Marek Lantz glaubt, und das auch noch „mit allen Mitteln“, ist schlicht Unsinn, der Züge einer Paranoia trägt.

Aber verweilen wir noch einen Moment bei dem Autor der jungen Welt und seiner Furcht vor den „Antideutschen“, die ihm gemeinsam mit dem „Milliardär Hopp“ und einem willfährigen Fußballverband sein zartes Pflänzchen namens „antikapitalistische Bewegung“ zertrampeln wollen. Eine Beanstandung des „Verlustes an Traditionen“ im Fußball und der „fortschreitenden Kommerzialisierung“ dieser Sportart ist es Lantz zufolge, was sich da – „zwar häufig in recht kruder Form, aber immerhin“ – in den Stadien äußert, wenn Hopp und sein „Retortenverein“ auflaufen. „Immerhin“ also zeihen sie den Unternehmer, Abkömmling einer Prostituierten zu sein, „immerhin“ nehmen sie ihn ins Visier und geben ihn bildlich zum Abschuss frei. Es ist dies ein „Immerhin“, wie es seinem Gehalt nach schon die in der jungen Welt nicht eben gering geschätzte KPD-Politikerin Ruth Fischer formulierte, als sie 1923 völkischen Studenten zurief: „Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber, meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner?“

Fischer mochte in den Ressentiments überzeugter Antisemiten also keinen originären Judenhass erkennen, sondern hielt sie vielmehr für eine Art verirrten und fehlgeleiteten, im Grundsatz jedoch schätzenswerten Antikapitalismus. 85 Jahre und eine Shoa später könnten zumindest ihre geistigen Erben klüger sein und wissen, was ein solcher Antikapitalismus anzurichten jederzeit fähig ist. Doch sie sind nicht klüger, sondern freuen sich noch immer wie ein Fußballfan nach einem Tor für seine Lieblingsmannschaft, sobald ein vermeintlicher oder tatsächlicher Kapitalist auf unflätigste Weise beschimpft, mit den reaktionärsten „Argumenten“ angegangen und buchstäblich zur Zielscheibe gemacht und sobald „dem Gegner ein Gesicht zugeordnet und ein Name gegeben“ wird. Noch finden geschulte Antikapitalisten wie Marek Lantz das alles zwar etwas „krude“, sprich: entwicklungsbedürftig. Aber im Grunde genommen sind sie felsenfest davon überzeugt, dass ein Anfang gemacht ist, die Massen ihnen beizeiten folgen werden und die Revolution deshalb allenfalls eine Frage der Zeit sein kann.

Vielleicht bricht sie ja in einem Fußballstadion aus, zum Beispiel mit einem tätlichen Angriff auf Dietmar Hopp. Dessen Kapitalverbrechen bestehen – folgt man den „Hopp-Kritikern“ in den Stadien, zahllosen Fußballforen und einer realsozialistischen Zeitung – immerhin darin, die vermeintliche Ursprünglichkeit und Naturwüchsigkeit des Fußballs in Form seiner gewachsenen Traditionen zu zerstören und stattdessen auf eine seelenlose Künstlichkeit zu setzen („Retortenverein“), maßlos geldgierig zu sein und eine so unüberschaubare wie unumschränkte Macht zu haben, die mit einem kalten Lächeln gegen alle eingesetzt wird, die im Wege stehen. Vergleichbares wird im deutschen Fußball nur noch Uli Hoeneß und dem FC Bayern München vorgeworfen. Nein, nicht jede Kritik an Dietmar Hopp ist „per se antisemitisch“, aber wie so oft weisen auch die gegen ihn in Anschlag gebrachten „partiell antikapitalistischen Motive“ (Lantz) bemerkenswerte Parallelen zum antisemitischen Ressentiment auf.

Nur am Rande sei erwähnt, dass sich die Realität rund um den Bundesliga-Neuling 1899 Hoffenheim und seinen Mäzen gänzlich anders darstellt, als diejenigen glauben, die Hopp für den „Totengräber des deutschen Fußballs“ und Schlimmeres halten. Denn der 68-Jährige hat sein Geld nicht einfach bloß in möglichst teure Neueinkäufe gesteckt, also eine Mannschaft „zusammengekauft“, wie es nicht selten heißt. Vielmehr wurde die Infrastruktur des Vereins deutlich verbessert, die Jugendarbeit nachhaltig gefördert – nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch in Bezug auf eine Unterstützung in der Schule oder beim Berufseinstieg –, das Personal in Trainerstab und Management professionalisiert und dem gesamten Projekt so eine Perspektive gegeben, die nicht nur auf den kurzfristigen Erfolg orientiert ist. Kurz: In Hoffenheim wurde und wird vergleichsweise sinnvoll gewirtschaftet, nicht mehr und nicht weniger. Dass das ohne Hopps Millionen nicht möglich wäre, ist so wahr wie unspektakulär: Fußball ist längst ein glänzend laufendes Marktprodukt geworden, mit allen Vorzügen und Nachteilen, die damit zwangsläufig einhergehen. Und wer über die Schechter-Anleihen des „Traditionsklubs“ Borussia Dortmund oder den Gazprom-Deal des „Arbeitervereins“ Schalke 04 nicht reden will, möge von Hopp und Hoffenheim, bitteschön, erst recht schweigen.

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