E pluribus unum (II)

Die Dialektik von Einheit und Differenz. Zur Diskussion über Migration, Multikulturalismus und Integration in Amerika und Europa (Teil II*)

VON SEBASTIAN VOIGT

Das Pluralismusprinzip und die jüdische Einwanderung nach Amerika

Die Geltung des Pluralismusprinzips in den Vereinigten Staaten soll nun anhand der jüdischen Einwanderung dargelegt werden. Doch zunächst einige allgemeine Zahlen zur Immigration: Zwischen 1820 und 1914 kamen über 33 Millionen Menschen nach Amerika, darunter etwa fünf Millionen Deutsche, 4,5 Millionen Iren und zwei Millionen Juden. Nach einer ersten Welle von deutschsprachigen Juden seit den 1820er Jahren waren es im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vor allem Juden aus Osteuropa, die vor Armut und Antisemitismus nach Übersee flohen.

Die Geschichte der Juden in Amerika ist im Großen und Ganzen eine Erfolgsgeschichte. Als Gruppe gelang ihnen ein immenser sozialer Aufstieg. Viele engagierten sich immer wieder für andere Minderheiten und kämpften für die Aufrechterhaltung der Religionsfreiheit. Die amerikanischen Verhältnisse führten jedoch auch zu einer grundlegenden Veränderung des Judentums. Viele Rabbiner klagten, dass die Juden nicht mehr in die Synagogen gingen und sich lieber den weltlichen Genüssen hingäben. Es entstand ein Reformjudentum, das eine liberale Auslegung des Glaubens propagierte, den Gottesdienst in englischer Sprache abhielt und den Glauben mehr und mehr kulturalisierte und als Privatangelegenheit betrachtete. Das führte dazu, dass immer wieder über die Stellung der Juden in der amerikanischen Gesellschaft diskutiert wurde. Konnten sie Juden bleiben und zugleich Amerikaner werden? Oder mussten sie ihr Judentum aufgeben, um sich gänzlich zu integrieren?

Melting Pot oder Cultural Pluralism?

Diese Debatte spitzte sich nach dem Ersten Weltkrieg zu. Es war die Zeit des Erstarkens fremdenfeindlicher Bewegungen und der Höhepunkt der so genannten Amerikanisierungsbewegung. Innerhalb der Diskussion prallten paradigmatisch zwei Positionen aufeinander, die bis heute die Pole der Debatte ausmachen: Melting Pot und Cultural Pluralism. Der Begriff Melting Pot (Schmelztiegel) geht zurück auf den Titel eines 1908 in Washington D.C. uraufgeführten Theaterstücks von Israel Zangwill, einem in London aufgewachsenen Juden, dessen Eltern aus Osteuropa kamen und später nach Amerika gingen. Der Protagonist des Stücks, David Quixano, ist als russischer Jude beim Pogrom in Kishinev gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen und nach Amerika geflohen. In New York lernt er Vera kennen, die (christliche) Tochter eines russischen Grafen, der für das Massaker verantwortlich ist. Gegen alle Widerstände heiraten sie am Schluss und symbolisieren dadurch die gelungene Verschmelzung. Der Melting Pot war somit gewissermaßen ein Symbol für die Produktivität von Mischungsverhältnissen. Zangwill sah in Amerika das Land der Zukunft, in dem Juden frei von antisemitischer Verfolgung leben können. In einem gewissen Sinn ist es außerdem das Land der Heimatlosigkeit, und somit sind dort sozusagen alle Menschen Juden. Zangwill schrieb: „Was ist der Ruhm von Rom und Jerusalem, wo alle Nationen und Rassen sich zum Gottesdienst versammeln und zurückblicken, verglichen mit der Pracht Amerikas, wo alle Rassen und Nationen eintreffen, um zu arbeiten und vorwärts zu blicken?“

Als Gegenbild zum Melting Pot formulierte Horace Kallen kurz nach dem Ersten Weltkrieg sein Konzept des Cultural Pluralism. Zu dieser Zeit wurde der Assimilationsdruck auf die Einwanderer immer stärker. Kallen suchte nach einem Weg, der es den Einwanderern erlaubte, an ihrer eigenen Kultur und ihren eigenen Traditionen festzuhalten. Diesen Weg fand er im Hyphenated-American (Bindestrich-Amerikaner). Er sah dabei keinen Widerspruch zwischen der Loyalität zu Amerika, die über einen Bezug auf abstrakte politische Werte hergestellt werde, und einer Konservierung der kulturellen Herkunft.

Die Aktualität der Diskussion

Die amerikanische Gesellschaft ist ein Beispiel für die gelungene Integration völlig unterschiedlicher Einwanderergruppen. Sie ist es bis heute und wird es aller Voraussicht nach bleiben. Die Struktur der amerikanischen Gesellschaft erfordert dabei die Zurückdrängung der Religion aus der öffentlichen Sphäre. Amerika ist eine Gesellschaft, die stark auf Gruppenrechte Rücksicht nimmt, um die Tyrannei der Mehrheit zu verhindern. Ein affirmativer Bezug auf die eigenen kulturelle und ethnische Herkunft ist deshalb weit verbreitet. Das ist – im Unterschied zu Europa – aber kein Hindernis für eine erfolgreiche Integration. Denn die kulturelle Differenz wird nicht als Gegensatz zum amerikanischen Selbstverständnis begriffen, sondern als dessen integraler Bestandteil. Der Integrationsprozess von Einwanderergruppen folgt meist einem bestimmten Schema, an dessen Ende eine Art Folklorisierung der kulturellen Herkunft steht. Im März habe ich mir die St. Patricks Parade in Morristown, New Jersey angesehen. An diesem Tag sind alle Irish, tragen grüne T-Shirts und trinken Guinness. Besonders stolz sind diejenigen, die irische Vorfahren haben. Dies hindert aber indisch-amerikanische Familien nicht daran, ebenfalls „Proud to be Irish“-T-Shirts zu tragen und begeistert mit Irlandfahnen zu wedeln, wenn die Marching Band mit ihren Dudelsäcken vorbeizieht.

Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass die Betonung der ethnischen und kulturellen Differenz ein Bestandteil des gelungenen Integrationsprozesses ist und kein Hindernis. Differenz wird also integrativ aufgefasst. In neueren Diskussionen ist oft von voluntary affilation die Rede, einer freiwilligen Verbindung, die jederzeit wieder aufgelöst werden kann. Kulturelle Differenz, die auf Freiwilligkeit beruht, wird hier als Bereicherung einer multikulturellen Gesellschaft verstanden, nicht als Zwangsverhältnis, dem sich das Individuum zu unterwerfen hat. Das kann jedoch nur funktionieren, wenn es eine klare, von allen geteilte Grundlage des Selbstverständnisses gibt, die in Amerika in den Werten der Gründungsdokumente besteht. Dies lässt eine weitgehende Akzeptanz von kultureller und ethnischer Differenz zu und macht Amerika zu einer der multikulturellsten Gesellschaften der Welt. Gerade das kennzeichnet ihren distinkten Charakter.

Der Multikulturalismus in Europa und die Aporien des Universalismus

In Europa hingegen dient der Bezug auf den Multikulturalismus nicht selten zur Legitimation einer barbarisch-religiösen Praxis. Diese Praxis wird zumeist nicht kritisiert, denn sie sei, so heißt es oft, etwas „Anderes“, etwas „Fremdes“, weshalb eine Kritik an ihr „eurozentristisch“ sei. Das verweist auf eine Aporie. Der Gedanke des Universalismus, aber auch der Gedanke an Minderheitenrechte und an das Recht auf Differenz entstammen einer spezifisch philosophischen Tradition, nämlich der Aufklärung. Und diese ist eine genuin westliche Errungenschaft. Ein Bezug darauf setzt sich somit zwangsläufig dem Vorwurf des Eurozentrismus aus. Zugleich ist dieser Bezug schlicht alternativlos. In der westlichen Ideengeschichte gibt es unterschiedliche Traditionen, die etwas vereinfachend französische und angelsächsische Aufklärung genannt werden können. Bis heute wirken sich diese Traditionen auf die Strukturen der jeweiligen Gesellschaft aus, und sie zeigen sich vor allem im unterschiedlichen Umgang mit der Religion. Während sich die französische Aufklärung durch eine vehemente Kirchenfeindschaft auszeichnet – was sich in entsprechenden Handlungen während der Französischen Revolution manifestierte –, ist die angelsächsische durch einen pragmatischen Umgang mit Religion gekennzeichnet. Sie durchtrennte die Verbindung zwischen Transzendenz und Vernunft nicht. Glaube und Ratio erschienen nicht als sich ausschließende Gegensätze. Vielmehr wurde der Glauben als notwendiges moralisches Fundament angesehen. Diese Auffassung findet sich sowohl bei britischen Denkern wie Locke als auch bei den amerikanischen Federalists.

In Frankreich führte die enge Verbindung zwischen der Kirche und dem absolutistischen Staat zu einer kompromisslosen Feindschaft der Revolutionäre, während es in Amerika niemals eine Staatsreligion gab und die politische und die religiöse Sphäre somit nicht zusammenfielen. Dieser Unterschied wirkt sich bis heute hinsichtlich der Bedeutung der Religion in der und für die Gesellschaft aus. So ist die Zahl an Menschen, die regelmäßig Gottesdienste besuchen, in Amerika wesentlich höher als in Frankreich oder den meisten anderen westeuropäischen Staaten. Ebenso ist der Anteil derjenigen viel größer, die sagen, Gott spiele eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Dies verweist auch auf den Unterschied zwischen dem französischen Laizismus und der spezifischen Verfasstheit des amerikanischen Gemeinwesens mit seiner Ambivalenz der Momente von Religiösität und Säkularität, die sich an unterschiedliche Sphären heften.

Das französische Beispiel

Deutlich werden die Differenzen auch am Beispiel der Emanzipation der Juden. Frankreich war das Land, das als erstes die rechtliche Emanzipation der Juden ermöglichte, jedoch in einer ganz bestimmten Weise: 1791 fand in der Assemblé Nationale eine Diskussion über diese Frage statt, in der der Abgeordnete de Tonnere den berühmten Satz „Den Juden als Volk nichts, als Individuen alles“ äußerte. Mit anderen Worten: Die Juden wurden emanzipiert; sie konnten französische Staatsbürger werden, sofern sie bereit waren, ihre Religion aufzugeben. Dieses spezifische Verständnis von Republikanismus kommt in dem Satz „La République une et indivisible“ zum Ausdruck. Damit einher geht ein Zwang zur Assimilation und die Nichtgewährung von Gruppenrechten. Bis heute wird die ethnische Herkunft nicht vom französischen Staat erfasst, und Nicolas Sarkozy war der erste Präsident, der Affirmative Action-Programme nach amerikanischen Vorbild forderte, was aber die Anerkennung kultureller und ethnischer Differenzen sowie der Existenz von Minderheiten in der Gesellschaft voraussetzt.

Die französische Form der Emanzipation und die Entstehung der modernen bürgerlichen Gesellschaft war aus der Sicht religiöser Juden eine Katastrophe, weil sie notwendigerweise schmerzhafte Veränderungen des Glaubens mit sich brachte. Die Schärfe der Auseinandersetzung zeigte sich an der Einberufung des großen Sanhedrin durch Napoleon im Jahr 1806. Er legte führenden Rabbinern und säkularen jüdischen Gelehrten einen Katalog mit zwölf Fragen vor, in denen es darum ging, ob Juden mehrere Frauen haben dürfen. Es ging um das Scheidungsrecht und vor allem um die Frage, ob es Juden erlaubt sei, Christen zu heiraten, ohne dass diese konvertieren müssen. Es ging um Fragen der Berufe, des Wuchers und der Vereinbarkeit des jüdischen Religionsgesetzes mit den säkularen Gesetzen des französischen Staates.

Die Veränderungen des Judentums als Beispiel für die noch ausstehende Entwicklung des Islam?

Die Lektüre dieses Fragenkatalogs erinnert stark an die aktuellen Diskussionen über Einwanderungstests. Das führt zu der Frage, inwiefern die Veränderungen, die das Judentum als Religion durchgemacht hat, als Beispiel für im Islam noch ausstehende Entwicklungen herangezogen werden können. Unbestreitbar war die Situation, in der sich das Judentum befand, historisch eine völlig andere als die Situation des Islam heute. Die Juden waren eine Diaspora-Bevölkerung, die einzige nichtchristliche Minderheit in christlichen Staaten. Dies brachte die Notwendigkeit mit sich, eine Aufteilung der Sphären vorzunehmen: Die Einhaltung der religiösen Gesetze wurde aus der öffentlichen Sphäre verbannt und in den privaten, familiären Bereich verlagert. Bezeichnend hierfür ist ein aus dem Aramäischen stammender Satz, der diesen Spagat zum Ausdruck bringt. Er lautet „Dina de malkhuta dina“ (das Gesetz des Staates ist das Gesetz) und meint, dass die Juden angehalten sind, den Gesetzen des jeweiligen Staates Folge zu leisten, in dem sie leben.

Die diasporische Konstitution führte immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb des Judentums und zu ständigen Diskussionen über den Status der Juden in der Gesellschaft. Für auftretende Probleme wurden meist pragmatische Lösungen gefunden, was sich am Beispiel des Buchdrucks veranschaulichen lässt: Trotz der Sakralität der hebräischen Buchstaben und des Buches untersagten die Rabbiner den Buchdruck nicht gänzlich. Es wurde unterschieden zwischen religiösen Texten, deren Verbreitung weiterhin Restriktionen unterlag, und säkularen Texten, die vervielfältigt werden durften. Das verdeutlicht die Differenz zum Islam. In islamischen Ländern wurde der Buchdruck erst mit 300 Jahren Verspätung eingeführt. Texte durften nur in aufwändiger Arbeit von Kalligrafen kopiert werden.

Der Buchdruck ist aber nur ein Beispiel dafür, dass die Entwicklung im Westen und im Orient zu einem bestimmten Zeitpunkt auseinander gedriftet sind. Obwohl der Islam dem Christentum zunächst in vielerlei Hinsicht überlegen war, hat sich diese Überlegenheit nicht konserviert. Im Gegenteil: Nach der Reformation, der Erfindung des Buchdrucks und der Renaissance – also den Grundlagen der Aufklärung – ging die weitere Entwicklung mit verheerenden Folgen für die Menschen in den islamischen Staaten vonstatten. Die Schärfe der Misere wird im Arab Human Development Report deutlich, der von der UN veröffentlicht wurde. Er weist die alle gesellschaftlichen Bereiche durchziehende Krise in den arabischen Ländern nach. Die reale Unterentwicklung der islamischen Staaten steht jedoch in einem Gegensatz zum subjektiven Gefühl der Überlegenheit, das sich aus einer mythologisierten Betrachtung der „goldenen“ Vergangenheit speist. Die Niederlagen gegen den Westen – wie sie sich unter anderem im Kolonialismus vollzogen – und gegen Israel widersprechen diesen Mythen, weshalb sie immer wieder mit Verschwörungstheorien erklärt werden. Sie kehren als permanente narzisstische Kränkung wieder. Statt über die internen Probleme offen und kontrovers zu diskutieren, werden äußere Einflüsse für die eigenen Misere geltend gemacht.

Das kritische Betrachten der eigenen Gesellschaft, der eigenen Lebenswelt ist ein Produkt westlichen Denkens, der Aufklärung, deren Einforderung in islamischen Ländern nicht selten als „eurozentristisch“ diffamiert wird. Dieses kritische Betrachten ist jedoch ohne Alternative. Es bedarf deshalb einer offenen Diskussion über die Gründe für die offensichtliche Unterlegenheit der islamischen Länder und eines Abwägens exogener und endogener Faktoren dafür.

Die Notwendigkeit einer historischen und komparativen Betrachtungsweise

Für die muslimischen Minderheiten in Europa stellen sich heute ähnliche Fragen wie für die Juden bei der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft. Sicherlich ist der Kontext ein anderer und die Situation nicht ohne Weiteres übertragbar – nicht zuletzt deshalb, weil es viele mehrheitlich islamische Staaten gibt, in denen Religion und Politik scheinbar unauflöslich miteinander vermischt sind, weshalb es für Muslime viel weniger Grund für die Trennung der unterschiedlichen Sphären gibt. Dennoch kann eine historische Betrachtung ein erkenntnistheoretisches Potenzial in sich bergen, gerade weil auf religionsphilosophischer Ebene starke Affinitäten zwischen dem Islam und dem Judentum vorhanden sind.

Eine Auseinandersetzung mit der Konstitution der amerikanischen Gesellschaft in Bezug auf Fragen der Integration ist hierzulande deshalb sinnvoll, weil die Bundesrepublik genau vor den Problemen steht, die in klassischen Einwanderergesellschaften seit langem diskutiert und ausgefochten werden. Zumindest Westdeutschland ist längst eine Einwanderungsgesellschaft geworden. Die Fragen nach dem Status von Minderheiten in der Gesellschaft, nach der Vereinbarkeit von kulturellen und religiösen Eigenheiten mit den staatlichen Gesetzen und nach Integration und Integrationsunwilligkeit sind typische Fragen, die sich in derartigen Situationen stellen. Sich dies zu verdeutlichen, kann helfen, die Debatte auf eine Ebene zu verlagern, die sich jenseits von Rassismus und Kulturrelativismus bewegt.

* Zum ersten Teil: Bitte hier klicken.

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