Goethe in Palästina

Da staunt der Fachmann, und der Wunde laiert sich: Ab der kommenden Woche gibt es tatsächlich zehn jeweils 26-minütige Episoden einer „palästinensischen Lindenstraße“, initiiert und mitproduziert vom deutschen Goethe-Institut in Ramallah. Dessen Leiter Farid Majari erklärt ganz unbescheiden:Mit der Serie wollen wir Tabus in der palästinensischen Gesellschaft berühren.“ Sehen wir demnächst also schwule und lesbische, seitenspringende, anarchistische, abtreibende und aidskranke Palästinenserinnen und Palästinenser? Oder gar welche, die – horribile dictu – Juden mögen? Wer wird die palästinensische Mutter Beimer? Wer der palästinensische Carsten Flöter? Und wer ist eigentlich der palästinensische Hans W. Geißendörfer? Doch gemach. „Matabb“ heißt die Serie, was übersetzt so viel bedeutet wie „Verkehrsberuhigungsschwelle“. Dieser Titel sei eine Metapher, schreibt Thorsten Schmitz im jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung; mit ihm sei „das emotionale Auf und Ab der Serienhelden gemeint und ihr schwieriger Alltag in einem von Israel kontrollierten Gebiet, aus dem irgendwann einmal ein eigenständiger Staat entstehen soll“. Aha. Dennoch gehe es nicht um „heldenhafte Freiheitskämpfer und Märtyrer“, wie Juliane von Mittelstaedt auf Spiegel Online versichert, sondern um „Karrieresorgen, Schulprobleme und Ehekrisen“. Mit einer Ausnahme allerdings: In jeder Folge gebe es „eine Checkpoint-Szene“. Das sei jedoch „nicht weiter schwierig“, denn „wegen der hohen Nachfrage“ – mutmaßlich vor allem von ausländischen Journalisten, die „authentische“ Bilder zeigen wollen – „hat sich in Ramallah ein Checkpoint-Verleih etabliert, mit einem ausgemusterten Armeewagen, Originaluniformen und Spielzeugwaffen“.

„Der Alltag also“, wie von Mittelstaedt befindet, weshalb „Matabb“ auch in einer NGO spiele, „denn Ramallah hat die vermutlich höchste NGO-pro-Kopf-Dichte der Welt“. Die in der Serie heiße „Palestinian Initiative for the Advancement of Art, Culture and Development in Palestine“ („Palästinensische Initiative zur Förderung der Kunst, Kultur und Entwicklung in Palästina“), „allein über den Namen können sich Palästinenser vermutlich schon totlachen“. Und ganz sicher nicht nur die Palästinenser. Zu den Hauptcharakteren der Seifenoper gehören unter anderem „der für Frieden und Verständigung werbende Ex-Freiheitskämpfer“ – vulgo: ein Terrorist, der die „Befreiung Palästinas“ von den Juden jetzt über das „Rückkehrrecht“ erzwingen will – und „die junge Mitarbeiterin Samira, deren Bruder sie wegen einer angeblichen Affäre töten will“. Aber keine Sorge: Es geht gar nicht um „Ehrenmorde“, sondern nur um „eine verliebte Kopftuchträgerin, die von einem Hallodri in seine Wohnung gelockt wird, aus der sie jedoch jungfräulich fliehen kann“. Puh.

Viele Diskussionen habe es um Majaris Vorschlag gegeben, „die Rolle einer ‚guten Israelin’ in den Plot einzuweben“, berichtet Thorsten Schmitz: „Ihm schwebte ein Charakter nach Art von Amira Hass vor, der israelischen Reporterin, die für die Tageszeitung Haaretz aus den Palästinensergebieten berichtet und die einzige israelische Journalistin ist, die im Westjordanland lebt. Doch es hagelte Einspruch. Man wollte nicht eine israelische Rechtsanwältin in der Serie haben, die als ‚Retterin von oben’ einen inhaftierten Palästinenser aus einem israelischen Gefängnis befreit, ‚als könnten die Palästinenser sich nicht selbst helfen’. Jetzt gibt es zwar doch eine israelische Anwältin, Schlomit heißt sie, gespielt von einer Palästinenserin. Aber sie ist nicht perfekt. Im Lauf der zehn Episoden muss sie lernen, dass sie mit ihrer bevormundenden Art die Palästinenser brüskiert. Am Ende gelingt es ihr dann, sich mit Sanftmut in die Gemütslage der Palästinenser hineinzuversetzen, allen Hemmschwellen zum Trotz.“ Hätten die Macher der Soap doch bloß Felicia Langer gefragt, den Inbegriff einer „guten Israelin“! Die versetzt sich in palästinensische „Gemütslagen“ nämlich so was von sanftmütig hinein, dass es ohne Zweifel gar nicht erst zu derartigen Debatten gekommen wäre.

Der mörderische Kampf zwischen Hamas und Fatah wird in „Matabb“ übrigens komplett ausgespart – mit der Begründung, er sei „zu unübersichtlich“ –, und es kommen auch keine Homosexuellen, keine Kuss- und keine Sexszenen vor, denn „das ginge dann doch zu weit“, meint Farid Majari. Schließlich hätte der unter Mahmud Abbas’ Führung stehende palästinensische Fernsehsender sonst die Ausstrahlung verweigert. Dafür gibt es aber „Mutter Beimer, die hier Suhaila heißt, Kopftuch trägt, Zwiebeln anbaut und ansonsten das Büro putzt“. Über Suhaila heißt es im Drehbuch, sie repräsentiere „jene, die die Last des palästinensischen Befreiungskampfes tragen“. Indem sie nämlich ihren Männern und Söhnen, die Raketen auf Sderot schießen oder sich in Selbstmordattentäter verwandeln, den Rücken frei halten. Das steht allerdings nicht im Drehbuch; Majari zieht es stattdessen vor, derlei „Women Empowerment“, „Body and Culture“ und „Alltagsleben unter der Besatzung“ zu nennen. Denn das klingt nicht so nach Mutterkreuz, sondern irgendwie fortschrittlicher, nicht nach dem „Verein zur Förderung des Deutschtums im Ausland“, sondern eben: nach dem Goethe-Institut in Ramallah. Wenn das der Dichter gewusst hätte!

„Gecoacht“ wurden Majari und der Regisseur George Khleifi von Gesine Hirsch und Christine Koch, die als so genannte Head writers bei der bayerischen TV-Serie „Dahoam is Dahoam“ arbeiten, auf Hochdeutsch: Daheim ist daheim. Und das passt dann ja auch wie der Arsch auf den Eimer.

Foto: „Checkpoint-Szene“ aus „Matabb“ – Einen herzlichen Dank an Mona Rieboldt und barbarashm für wertvolle Hinweise.

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