Wenn dat Trömmelsche jeht

Sage niemand, in Bonn wäre nach dem Wegzug von Regierung und Parlament nichts mehr los. Zwar hat das „Bundesdorf Ohne Nennenswertes Nachtleben“, wie Spötter die vormalige westdeutsche Hauptstadt ausbuchstabieren, inzwischen einiges an öffentlicher Aufmerksamkeit eingebüßt. Doch es braucht gar keine Bundestagssitzungen und Großdemos auf der Hofgartenwiese, denn auch so spielt sich in ihm manches ab, das durchaus einer Erwähnung würdig ist. Am kommenden Freitag beispielsweise heißt es dort: „Wir feiern Palästina“. „Palästina“, das sind nämlich nicht nur die Friedensfreunde von der Hamas, nicht nur die bunten „Neujahrsraketen“ (Norman Paech) auf Sderot und nicht nur die heldenhaften Kämpfe gegen den zionistischen Aggressor. „Palästina“, das ist außerdem „eine reiche Kultur mit Kunst und Literatur, Musik und Tanz, Handwerk, Olivenbäumen, Garten- und Weinbau“. „Diese Kultur“, so versprechen es die Veranstalter, „wollen Palästinenserinnen und Palästinenser und ihre Freunde bei unserer Veranstaltung auf dem Bonner Münsterplatz zeigen“. Und sie wollen – in aller Bescheidenheit – natürlich noch ein bisschen mehr: „Gleichzeitig geht es um die Forderungen nach einem gerechten Frieden, dem Ende der israelischen Besatzung und dem Rückkehrrecht in ihre Heimat.“ Potztausend.

Dementsprechend ist das Programm dann auch eine so klebrige wie olle Kamelle mit den Zutaten Folklore & Propaganda: Ansprachen zu „60 Jahren Nakba“, zur „Solidarität mit Palästina“ und zur „Zerstörung arabischer Dörfer in Israel und Palästina“ werden umrahmt von den Darbietungen eines „Deutsch-arabischen Kinderorchesters“, von der „Palästinensischen Trachten-Show des Deutsch-Palästinensischen Frauenvereins“ und vom global höchst populären „Dabka-Tanz“. Das Ganze atmet also schwer den Geist und die Atmosphäre der Jahrestreffen deutscher Vertriebenenverbände, und dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man einen Blick auf die beiden Ausstellungen wirft, die es im Vorfeld der Palästinaparty und im Anschluss an sie gibt: „Bilder und Texte an Mauern“ heißt die eine, „Die Nakba, Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ die andere; zu sehen sind sie im „Internationalen Frauenzentrum“ respektive in der „Evangelischen Trinitatiskirche“. Klangvollere Orte organisierter Freudlosigkeit hätten sich kaum finden können. Noch Fragen? Dann bitte schreiben an: nakba@frieden-bonn.de. Das ist kein Scherz, sondern die Kontaktadresse.

Übrigens wäre es für die Feierrunde gewiss ein echtes Highlight, wenn das zurzeit am Hafen von Gaza parkende Narrenschiff am Bonner Rheinufer anlegen und seine, jawohl, Besatzung auf den Münsterplatz entsenden würde. Das werden Zeit und Umstände allerdings nicht zulassen. Vielleicht reicht es aber wenigstens für eine kurze Grußbotschaft von Ismail Haniya, dem Hamas-Führer, der die „Free Gaza!“-Freaks so überschwänglich willkommen hieß. Und falls nicht, bleibt immer noch die Option einer der Fête folgenden Solidaritätsfahrt auf der Köln-Düsseldorfer. An Bord können das „Deutsch-arabische Kinderorchester“ sowie der „Deutsch-Palästinensische Frauenverein“ dann noch mal richtig loslegen und die anwesende Gesellschaft begleiten, wenn diese aus vollem Halse grölt: „Wir lagen vor Palästina / und hatten die Pest an Bord.“ Fehlt nur noch ein „Dabka-Tanz“, um endgültig für ausgelassene Karnevalsstimmung zu sorgen. Aber das sollte das kleinste Problem sein. In diesem Sinne: Bonn Allah(f) und Ramallahmarsch!

Foto: Palästinenser in traditionellen Trachten beim Ausdruckstanz, hier in Gaza, Mai 2008. Karnevalsunkundige klicken für eine Erläuterung der Überschrift dieses Beitrags bitte hier.

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