Aachener Fehlprinten

Seit 1988 gibt es den Aachener Friedenspreis inklusive eines gleichnamigen, ordnungsgemäß eingetragenen Vereins, dessen Gründer es sich zum Ziel gesetzt haben, fortan „Menschen zu ehren“, die Frieden gestiftet haben durch Gerechtigkeitssinn, Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft (auch Feinden gegenüber); durch Gewaltlosigkeit, Zivilcourage, Tatkraft, Sachlichkeit und Herz“. Die Messlatte für eine solche Würdigung in der Kaiser- und Printenstadt – die alljährlich am 1. September, dem Antikriegstag nämlich, vorgenommen wird – liegt also recht hoch. Doch sie wird regelmäßig vor allem von jenen edlen, hilfreichen und guten Menschen mühelos übersprungen, die all ihre Menschlichkeit, Zivilcourage und Tatkraft darauf verwenden, Israel als Reinkarnation des Nationalsozialismus anzuprangern und die erbitterten Feinde des jüdischen Staates, die ihm nichts als Tod und Vernichtung wünschen, als Friedensengel zu rühmen. So kamen beispielsweise 1991 die Frauen in Schwarz, 1997 Gush Shalom, 1998 die Unterstützer der Kölner Klagemauer sowie 2002 der Siegener Gesamtschullehrer Bernhard Nolz in den Genuss der Aachener Auszeichnung – und 2003 der „Widerständler mit der Mundharmonika“, Reuven Moskovitz (Foto) alias „Dr. Reuven Moskovitz“.

Dessen Laudatio übernahm seinerzeit Andreas Zumach, Korrespondent der taz bei den Vereinten Nationen in Genf. Und der behauptete im Brustton der Überzeugung: „1974 verbrachte er [Moskovitz] ein Forschungsjahr in Berlin, um seine Promotion zum Thema ‚Deutsche und Juden zwischen der Macht des Geistes und der Ohnmacht der Gewalt’ zu schreiben – ein Thema, das knapp 30 Jahre später mindestens so aktuell ist wie damals.“ Ob Zumach Moskovitz’ Arbeit je gelesen hat, ist nicht überliefert. Besonders wahrscheinlich ist es allerdings nicht, denn seit etwas mehr als einer Woche weiß man: Es gibt sie gar nicht, weshalb Reuven Moskovitz auch keinen Doktortitel haben kann. Das veranlasste Henryk M. Broder, einmal den damaligen Laudator anzuschreiben:

Sehr geehrter Herr Zumach,

ich nehme an, dass Sie noch immer die Dissertation von Reuven Moskovitz suchen, die Sie in ihrer Aachener Laudatio so hervorgehoben haben. Fällt es Ihnen wirklich so schwer, zuzugeben, dass ein so großer Journalist wie Sie von einem so kleinen Gauner reingelegt wurde?

Viele Grüße aus Sderot
Henryk M. Broder

Eine Antwort steht bis heute aus. Am 3. Dezember schrieb Broder zudem eine E-Mail an den Vorsitzenden des Aachener Friedenspreises e.V., Otmar Steinbicker (Foto unten):

Sehr geehrter Herr Steinbicker,

Sie haben im Jahre 2003 „Dr. Reuven Moskowitz“ mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet. Vermutlich haben Sie zu dieser Zeit nicht gewusst, dass „Dr. Moskowitz“ keine Dissertation geschrieben hat und niemals zu einem Dr. promoviert wurde, nicht einmal zu einem h.c. Seine nicht vorhandene Doktorarbeit wurde sogar in der Laudatio von Andreas Zumach gewürdigt. Die Details dieser Affäre finden Sie hier. Es wäre sehr nett, wenn Sie mir mitteilen würden, welche Konsequenzen Sie aus dem Umstand zu ziehen gedenken, dass Reuven Moskowitz einen Doktortitel führt, den er nicht erworben hat. Mein Anwalt wird in den nächsten Tagen Strafantrag gegen Moskovitz stellen, wg. Verstoßes gegen den § 132a des StGB.

Mit vielen Grüßen aus Tel Aviv
Henryk M. Broder

Als er nach drei Tagen noch immer keine Reaktion erhalten hatte, hakte Broder nach:

Sehr geehrter Herr Steinbücker,

ich habe Sie bereits vor einigen Tagen angemailt und Sie gefragt, wie Sie sich zu verhalten gedenken, nachdem einer Ihrer Preisträger als Titelbetrüger entlarvt wurde: „Dr. Reuven Moskovitz“. Vermutlich sind Sie noch damit beschäftigt, den Doktortitel aus der Urkunde zu kratzen. Sobald Sie damit fertig sind, würde ich gerne von Ihnen hören. Falls Sie freilich glauben, diese Peinlichkeit aussitzen zu können, würde ich Ihnen davon abraten.

Mit vielen Grüßen aus Sderot
Henryk M. Broder

Einen Tag später war es dann schließlich doch noch so weit:

Sehr geehrter Herr Broder,

entschuldigen Sie, dass meine Antwort ein wenig gedauert hat, aber es war notwendig, den Vorgang sauber zu recherchieren. Da ich erst seit November 2003 das Amt des Vorsitzenden ausübe und vorher auch nicht dem Vorstand des Aachener Friedenspreis e.V. angehörte, war ich über Details der damaligen Preisvergabe nicht informiert.

Richtig ist, dass Reuven Moskovitz nicht promoviert hat. Er hat solches auch zu keinem Zeitpunkt gegenüber dem Aachener Friedenspreis e.V. behauptet. Die Titulierung als Dr. Reuven Moskovitz geschah durch den Aachener Friedenspreis e.V. irrtümlich und ohne Wissen oder Zutun von Reuven Moskovitz. Diejenige Person, die damals Reuven Moskovitz für den Preis nominiert hatte, hatte irrtümlich den Doktortitel auf den Nominierungsvorschlag gesetzt. Diese Angabe wurde damals vom Vorstand des Aachener Friedenspreis e.V. nicht überprüft, da ein solcher Titel keinerlei Auswirkungen auf die Preisvergabe hatte.

Reuven Moskovitz bekam den Aachener Friedenspreis für seine Friedensarbeit in Israel (v.a. für seine Mitwirkung bei der Gründung des Friedensdorfes Neve Shalom), nicht für eine wissenschaftliche Arbeit. Selbstverständlich haben wir die falsche Titelangabe aus unseren Veröffentlichungen im Internet gelöscht. Für Ihre Behauptung, bei Reuven Moskovitz handele es sich um einen Titelbetrüger, gibt es aus Sicht des Aachener Friedenspreis e.V. keinerlei Hinweise. Sie ist vermutlich genauso falsch wie Ihre Wiedergabe der Laudatio von Andreas Zumach oder Ihre Schreibweise meines Namens.

Mit freundlichen Grüßen
Otmar Steinbicker
Vorsitzender des Aachener Friedenspreis e.V.

Saubere Recherche? Alles nur ein Irrtum? Keine Hinweise? Wohl kaum:

Sehr geehrter Herr Steinbicker,

ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie sich die Zeit und die Muße genommen haben, den Vorgang „Dr. Moskovitz“ sauber zu recherchieren. Noch schöner wäre es freilich gewesen, wenn Ihr Vorgänger das gemacht hätte, bevor der „Aachener Friedenspreis“ an einen Hochstapler verliehen wird, der sich sogar für eine „Studienreise nach Rumänien“ mit einem selbst verliehenen Doktortitel anmeldet. Haben Sie bei Ihrer Recherche auch herausgefunden, wie heftig und ausdauernd „Dr. Moskovitz“ gegen seine Ernennung zum Dr. phil. protestiert hat? Oder vollzog sich die Preisverleihung in einer solchen Eile, dass er gar nicht dazu gekommen ist? Hat Sie dieser Aufschneider wenigstens hinterher gebeten, das Missverständnis auszuräumen?

Sie sollten auf Ihrer Website vermerken, dass Sie die Löschung des falschen Doktortitels erst nach einem Hinweis von mir und nicht aufgrund einer „sauberen“ Recherche Ihrerseits vorgenommen haben. Und das nach nur vier Jahren. Es ist auch sehr tröstlich, dass „Dr. Moskovitz“ von Ihnen für seine „Friedensarbeit in Israel“ und „nicht für eine wissenschaftliche Arbeit“ ausgezeichnet wurde. Sie hätten sehr lange, sehr tief und sehr vergeblich graben müssen, um auch nur einen Dreizeiler von „Dr. Moskovitz“ zu finden, der die Bezeichnung „wissenschaftlich“ verdienen würde.

Ihre Feststellung, ich hätte die Laudatio von Andreas Zumach falsch zitiert, kann ich mir nur mit derselben Wahrnehmungsstörung erklären, die Sie dazu veranlasst, einem Titelbetrüger ein Alibi zu geben. Dafür, dass ich Ihren Namen lautmalerisch verbessert habe, bitte ich um Nachsicht. Immerhin habe ich es mir verkniffen, Sie zum „Dr.“ des Aachener Genitivs zu ernennen. Als „Vorsitzender des Aachener Friedenspreis“ hätten Sie es verdient.

Henryk M. Broder, Jaffo
Vorsitzender des Vereins „Rettet dem Dativ“

Möglicherweise haben die Aachener Friedensbepreiser aber einfach nur ihre eigenen Grundsätze besonders wörtlich genommen. Denn sie unterstützen die Geehrten moralisch, solidarisch und auch finanziell“, machen „ihr Werk bekannt“ (offenbar erst recht, wenn es gar nicht existiert) und haben „auch überregional, ja international, Aufmerksamkeit für sie wecken können“. Schließlich gehen die Preisträger „mit Mut und hohem Risiko engagiert gegen schreiende Ungerechtigkeit an“ und treten „von ‚unten her’ für Frieden ein“. Daher sind „3 Euro im Monat“ für Vereinsmitglieder ganz gewiss „nicht zu viel“. Davon kann sich Reuven Moskovitz zwar keinen Doktortitel kaufen. Aber das Preisgeld stellt immerhin eine Art Ausfallbürgschaft dar. Oder ein Risikokapital, von unten her sozusagen, für den Fall des Auffliegens.

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