Hamastan in Wien

Was ist der Gazastreifen denn nun? Ein Eldorado für Feriengäste oder doch „das schlimmste Desaster der Gegenwart?“ Letzteres, folgt man den gefiederten Freunden der Wiener Antiimperialistischen Koordination: „Dort sind 1,5 Mio. Menschen auf einer Fläche kleiner als Wien eingeschlossen. Sie sind von Nahrung, Wasser und Gesundheitsversorgung praktisch abgeschnitten, von Bewegungsfreiheit ganz zu schweigen.“ Und das ist, bei Allah, „keine Naturkatastrophe“, sondern „menschengemacht“, und zwar, logisch, „von Israel, den USA und der Europäischen Union“. Denn die „versuchen den Widerstandswillen der Palästinenser mit allen Mitteln zu brechen in dem sie sie einfach aushungern, ganz abgesehen von den täglichen Mordanschlägen durch das israelische Militär“ (Orthografie und Zeichensetzung im Original). Abgesehen davon, dass derlei faktenwidrigem Unfug ohnehin nicht durch den Verweis auf die Realität beizukommen ist, entbehrt es nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet die lärmendsten Verfechter eines Boykotts Israels und seiner Produkte eine solche Klage führen. Fast möchte man ihnen mit ihren eigenen Worten entgegnen: So was kommt von so was.

Doch das Ressentiment kennt sich mit Logik ohnehin nur am Rande aus; es pflegt lieber vertraute Mythen: „Das Verbrechen der Palästinenser? Sie haben in einer demokratischen Wahl ihre Stimme für Hamas abgegeben, die für den Kampf gegen Besatzung, Kolonisierung und für Selbstbestimmung steht – also nichts als die elementarsten Menschenrechte.“ Schöner hätten solche Völkeleien auch die Nationalsozialisten nicht formulieren können. Zeit also für die Gründung eines Arbeitskreises „Kritische FaschistInnen“ bei amnesty international. Denn: „Hamas wird vorgeworfen, sie seien Terroristen und Radikalislamisten. Aber friedlicher Widerstand allein wird die israelische Besatzung nicht beenden können, genauso wie die Nazis am Balkan und die USA im Irak nur militärisch zu schlagen waren und sind.“ Und weil die Muslime die Juden von heute sind und die Juden und Amis die zeitgenössischen Nazis, ist der Islam nichts weiter als „das religiös-kulturelle Erbe der Region und die Bezugnahme auf diesen ist Teil des Selbstbestimmungsrechts, umso mehr als die westlich-säkulare Kultur nichts anderes als Unterdrückung, Kolonisierung und Besatzung gebracht hat.“

Dabei hat Israel sogar noch Glück gehabt; immerhin ist „die Hamas verhältnismäßig moderat“. Doch das könnte sich bald ändern: „Wenn Gaza weiterhin ein Freiluftgefängnis mit verringerter Essensration bleibt, werden mit Sicherheit viel radikalere Strömungen des politischen Islams Zulauf erhalten.“ Wer die Ergüsse und Aktivitäten der Antiimps ein bisschen verfolgt, weiß: Genau das ist ihr Wunsch. Denn natürlich ist es ihnen nicht um das Wohlergehen der Palästinenser zu tun; die sind nur die regionalen Statthalter des antisemitischen Wahns, die die Vernichtungsfantasien deutscher und österreichischer Feinde des jüdischen Staates in die Tat umsetzen sollen. Und um das auch öffentlich zu dokumentieren, ruft die AIK gemeinsam mit dem Arabischen Palästinaclub für den morgigen Donnerstag zu einer Kundgebung am Wiener Stephansplatz auf, verbunden mit dem allfälligen Ukas: „Österreich darf sich nicht an der Aushungerung Gazas beteiligen, dem größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Gegenwart!“ Aber die Rettung, sie ist zum Greifen nah: „Der Protest findet anlässlich des Jahrestages des israelischen Angriffs auf den Libanon statt, bei dem der Widerstand zeigte, dass manchmal auch David gegen Goliath siegen kann.“ Hizbollah rules! „Dieser Erfolg sollte als Vorbild für die Unterstützung des palästinensischen Widerstands gegen die gesamte sogenannte internationale Gemeinschaft dienen.“

Ein Fazit dieser zweifellos bahnbrechenden Manifestation des Friedenswillens kann man dann beim viertägigen „Sommerlager der Antiimperialistischen Koordination“ ziehen, das Mitte August in Kärnten ansteht. Vielleicht kommt Jörg Haider ja für ein Grußwort; nennenswerte inhaltliche Differenzen gibt es jedenfalls nicht. Und auch die Unterbringungsmöglichkeiten„Holzhütten mit insgesamt 50 Betten sowie 5 Doppelbettzimmer, Matratzenlager sowie Möglichkeit zum Zelten (Schlafsack mitnehmen)“ – sollten ihn nicht weiter tangieren, schließlich hat er es nicht weit. Außerdem könnte er den, ja doch, Fremdenführer beim Wandern „in die Tscheppaschlucht, zur Klagenfurter Hütte, auf den Singer- und Rabenberg“ geben. Und ein bisschen im „Schwimmbiotop“ planschen. Auf den Marketinggag „Baden gehen für Palästina“ wären vermutlich selbst Yusuf Islam und Live Earth neidisch.

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