Applaus, Applaus!

Man kann nicht ernsthaft behaupten, dass das vorgestern in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte „Manifest der 25“ bislang eingeschlagen hätte wie die sprichwörtliche Bombe. Aber das mag erstens daran liegen, dass die friedensbewegten Absichten der Autoren derlei militaristische Wirkung ohnehin nicht bezweckten, und zweitens der Tatsache geschuldet sein, dass manche ihr Glück noch gar nicht fassen können, von deutschen und österreichischen Akademikern bestätigt bekommen zu haben, was sie immer schon wussten: dass die Palästinenser nämlich die eigentlichen Opfer des Holocaust waren und die Juden den nationalsozialistischen Massenmord bloß für ihre sinistren Zwecke missbrauchen. Immerhin gab es jedoch ein paar Reaktionen, und die zeigten sich durchweg zufrieden mit dem Papier. Die taz beispielsweise überschrieb ihren entsprechenden Beitrag im Duktus alter Antiimp-Kämpfer – „Politologen: Mehr Soli mit Palästina“ –, bevor sie die Meldung des Evangelischen Pressedienstes (epd) zitierte, in der die Intention der Autoren des Manifests zu einem Einsatz „für eine stärkere Parteinahme Deutschlands im Nahost-Konflikt zu Gunsten der Palästinenser“ verniedlicht wurde.

Gregor Dotzauer wiederum hatte im Tagesspiegel zwar noch ein wenig Bauchgrimmen„Für ein Manifest ist der Text weder besonders prägnant geschrieben noch gehen die Forderungen über Denkanstöße hinaus“ –, doch alles in allem sei „ein erster Schritt“ getan, „Deutschlands Sonderstellung gegenüber Israel – vor allem nach dem Libanonkrieg – jenseits von Lagermentalitäten neu zu bestimmen“. Also lobte er die Verfasser ausdrücklich: „Das Bemühen, sich dabei von niemandem vereinnahmen zu lassen, ist deutlich erkennbar“ – kein Wunder: Für diese Vereinnahmung hatten die Politologiker schon selbst gesorgt, indem sie die Shoa zur Ursache für „das seit sechs Jahrzehnten anhaltende und gegenwärtig bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Leid“ der nahöstlichen Autochthonen umlogen: „Ohne den Holocaust an den Juden würde die israelische Politik sich nicht berechtigt oder/und gezwungen sehen, sich so hartnäckig über die Menschenrechte der Palästinenser und der Bewohner Libanons hinwegzusetzen.“ Und profitable Finanzspritzen von den Amis gäbe es dann auch nicht. Diese Passagen muss Dotzauer ignoriert haben, denn er befand unbeirrt: „Die Einzigartigkeit des Holocaust wird ebenso ausdrücklich anerkannt wie die Notwendigkeit, jede Form des Antisemitismus zu bekämpfen“, und zwar „nicht zuletzt durch militärisches Knowhow“. Im Manifest steht jedoch das genaue Gegenteil.

Eitel Freude herrschte bei der Generaldelegation Palästinas in der Bundesrepublik Deutschland über die Initiative der Politikwissenschaftler, „eine falsch verstandene Rücksichtnahme gegenüber israelischer Politik“ abzulehnen: „Die Auswirkungen der Shoa hätten auch viel Leid über die Palästinenser gebracht.“ Doch den ultimativen Kommentar zu dem Pamphlet hatte der staatliche Hörfunk- und Fernsehsender des Iran, IRIB, auf seiner deutschen Website zu bieten, denn er war letztlich das einzige Medium im deutschsprachigen Raum, das das Manifest richtig verstanden hatte: „Tabu des Holocausts in Europa ist gebrochen“, traf der Titel des entsprechenden Beitrags ins Schwarze, und auch der Kontext des Aufrufs wurde unzweideutig benannt: „Wegen der Holocaust-Leugnung steht Germar Rudolf seit Dienstag vor dem Mannheimer Landesgericht. Das Urteil wird im Januar 2007 erwartet. Nach dem Auftakt des Prozesses bezeichneten 25 Experten und Dozenten für politische Wissenschaft in einer Erklärung die Kritik an Israel als erlaubt und gaben bekannt, dass der Holocaust den Palästinensern ein 60-jähriges Leid angetan hat, welches unerträglich zunimmt.“

Die Hörfunkpropagandisten der Mullahs haben völlig Recht: Warum sollte ein ausgewiesener Rechtsextremist für ein Anliegen verurteilt werden, das fünfundzwanzig Hochschullehrern eine Dokumentation in einer großen deutschen Tageszeitung ermöglicht hat? Ergo hieß es weiter: „Der Zweifel am Massenmord an den Juden während des Zweiten Weltkrieges hat in den meisten europäischen Ländern eine Haft- bzw. Geldstrafe zur Folge. Aus diesem Grund ist in der Erklärung der deutschen Dozenten, bevor auf die Frage des Holocausts an sich eingegangen wird, die Ausnutzung des Holocaust durch das zionistische Regime und die Politik der Bundesregierung in Bezug auf die aggressiven Maßnahmen der Zionisten in den besetzten Palästinensergebieten und im Libanon kritisiert worden.“ Diese Kumpanei haben sich die Politologen redlich verdient – für ihren Versuch nämlich, „sich einerseits von der Strafe eines Zweifels über den Holocaust zu befreien und anderseits ihre Kritik am Holocaust zur Sprache zu bringen“. Denn: „Hauptsache ist, dass das Tabu des Holocausts in Europa gebrochen [wurde]. Diese Frage fordert nun die europäischen Regierungen heraus.“ Und nichts anderes hatten die Kapazitäten von Johannes Becker über Georg Meggle bis zu Udo Steinbach schließlich bezweckt.

Die beste Headline eines Beitrags zu dem „Manifest der 25“ stammt jedoch von Eldad Beck, dessen Artikel in den Ynetnews mit „Deutsche Akademiker: Genug der Sonderbehandlung für Israel“ überschrieben war. Der Begriff „Sonderbehandlung“ war einer der Euphemismen der Nationalsozialisten für den Massenmord insbesondere an den Juden. Ihn gegen die deutschen und österreichischen Politikwissenschaftler gewendet zu haben – die der Ansicht sind, die „besonderen Beziehungen“ Deutschlands zu Israel müssten einer Hinwendung zu den wirklichen Opfern der Shoa, den Palästinensern nämlich, weichen –, verdient höchsten Respekt.

Hattip: Karl Pfeifer

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