Sitzstreik gegen Balfour

Und hier eine neue Episode der beliebten Serie „Die Welt als Wille und Vorstellung“:

„Das palästinensische Ministerium für Flüchtlingsangelegenheiten hat Großbritannien aufgefordert, sich für die Balfour-Erklärung zu entschuldigen. […] Großbritannien müsse die Erklärung vom 2. November 1917 zurücknehmen, forderte das Ministerium am Donnerstag. Dadurch könne die Rechtsgrundlage für die Übergabe des britischen Mandatsgebietes an die jüdische Gemeinschaft im Jahr 1948 beseitigt werden. Die Briten seien verantwortlich für die ‚Gräueltaten’ am palästinensischen Volk – ‚von Tötungen bis hin zu Exil, Vertreibung und dem Verlust des Eigentums’ während der 31-jährigen Mandatszeit.“

Man kann diesem Vorhaben eine gewisse Originalität und Konsequenz nicht einmal absprechen: Wozu über die „Grenzen von 1967“ diskutieren, wenn es ohnehin um ein judenfreies Palästina geht? Dass es dreißig Jahre nach der Balfour Declaration einen Teilungsbeschluss der UN-Vollversammlung gab, ist deshalb nicht weiter von Belang – die arabische Seite lehnte ihn damals wie heute ohnehin ab, und dass die Vereinten Nationen irgendwann noch einmal Partei für Israel ergreifen, ist, wie man weiß, nicht zu erwarten.

Vielleicht hat das „palästinensische Ministerium für Flüchtlingsangelegenheiten“ aber auch bloß einen Marx-Lektürekreis ins Leben gerufen, der gerade das Kapitel mit dem Verschwinden des Staates gelesen hat. Schön, dass das noch Leute zu schätzen wissen und ihre ohnehin verzichtbaren Ämter gleich selbst überflüssig machen wollen. Denn ohne Staat kein „Ministerium für Flüchtlingsangelegenheiten“. Und damit es etwas schneller geht, plant das Amt eine Reihe von Protestaktionen gegen die Balfour-Erklärung. So soll es am Montag einen Sitzstreik vor dem Büro der Vertretung für Menschenrechte in Gaza geben.“

Einen Sitzstreik für die Menschenrechte! Mutlangen reloaded bei den Gotteskriegern also? Was sind das denn neuerdings für Aktionsformen? Viel scheinen sie jedenfalls nicht bewirkt zu haben – die Balfour-Erklärung steht immer noch in den Geschichtsbüchern, Israel ist auch noch da, und deshalb setzt man statt auf zivilen Ungehorsam nun wieder wie gehabt auf unzivilisierten Gehorsam, wie Spiegel Online zu berichten weiß:

„‚Wir fordern unsere Mudjaheddin auf, die Bombenanschläge in Jaffa, in Haifa, in Aschdod wieder aufzunehmen, an jedem Ort in unserer Heimat’, sagte Nisar Rajan, ein Vertreter der in den Palästinenser-Gebieten regierenden Hamas. Raja reagierte damit auf einen israelischen Panzerangriff, bei dem heute in der Stadt Beit Hanun im Gaza-Streifen mindestens 18 Palästinenser getötet worden sein sollen. […] Das ‚schreckliche Massaker’ solle gerächt werden, sagte Raja. Auch Dschamal Obeid, Sprecher der gemäßigten Fatah-Bewegung, rief zu neuen Selbstmordattentaten auf.“

Die Einleitung dieses Beitrags lautet übrigens: „Nach massiven Einsätzen der israelischen Armee im Westjordanland und im Gaza-Streifen hat die radikalislamische Hamas erstmals seit mehr als anderthalb Jahren zu Anschlägen in Israel selbst aufgerufen.“ War da zwischenzeitlich nicht mal was mit Raketenangriffen auf den jüdischen Staat? Aber das historische Gedächtnis ist bekanntlich kurz. Zumal dann, wenn die Welt Wille und Vorstellung ist.

Hattip: Mona Rieboldt

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