Ein Kämpfer im Herzen der Bestie

Noch ein kleiner Nachtrag zum Thema Antirassismustag, weil er so wunderbar passt. Just gestern nämlich machte einmal mehr Londons linker Bürgermeister Ken Livingstone so richtig von sich reden. Eigentlich steht er ja noch unter Beobachtung: Anfang dieses Monats war über ihn zunächst ein vierwöchiger Zwangsurlaub verhängt worden, nachdem der Rote Ken vor knapp einem Jahr eine Interviewbitte des Journalisten Oliver Finegold vom Evening Standard erst mit den Worten „Haben Sie daran gedacht, sich behandeln zu lassen? Was haben Sie angestellt? Waren Sie ein deutscher Kriegsverbrecher?“ ausgeschlagen und auf Finegolds Erwiderung, er sei Jude und fühle sich durch solche Fragen beleidigt, schließlich entgegnet hatte: „Sie benehmen sich wie ein Aufseher in einem Konzentrationslager.“ Die Sperre wurde jedoch von der Justiz ausgesetzt, bis über Livingstones Berufung entschieden ist.

Am Dienstag nun nutzte der Bürgermeister diese Freiheiten ganz ungeniert und holte zum nächsten Schlag aus: Bei seiner wöchentlichen Pressekonferenz griff er die Brüder David und Simon Reuben scharf an. Ihnen gehören 50 Prozent eines Konsortiums, das das Olympische Dorf für die Spiele in London 2012 bauen soll. Livingstone warf den beiden Unternehmern – in Indien geborene Kinder jüdischer Iraker – vor, die Atmosphäre in diesem Syndikat „vergiftet“ zu haben, weshalb sie „zurück in den Iran gehen und da ihr Glück mit den Ayatollahs versuchen“ sollten.

Im Unterschied zu Deutschland, wo man den Protest etwa gegen die Umwandlung einer ehemaligen Synagoge in eine Erlebnisgaskammer jüdischen Organisationen und Menschen aus Israel und den USA überlässt, reagieren in Großbritannien auch noch andere mit dem gebotenen Entsetzen auf solche antisemitischen Tiraden. Der konservative Stadtrat Brian Coleman beispielsweise übte deutliche Kritik: „Der Bürgermeister ist antisemitisch, und wir wissen das in London. Das ist die extremste Bemerkung, die er bislang gemacht hat.“ Er habe mit seiner schockierenden und empörenden Äußerung die gesamte jüdische Gemeinde grob beleidigt und sehe sich nun möglicherweise einem neuerlichen Verfahren gegenüber. Halb so wild fand die Invektiven hingegen die britische Commission for Racial Equality: Man werde der Sache nicht nachgehen, denn „sie fällt nicht in unseren Aufgabenbereich“.

Ganz offensichtlich ist man dort mehr damit befasst, Antirassismus im Sinne der UN zu praktizieren. Das dürfte allemal im Interesse von Ken Livingstone liegen, der schon nach dem allerersten Schock über die Londoner Anschläge am 7. Juli letzten Jahres rasch wusste, dass sie eigentlich auf das Konto von Tony Blair respektive „der westlichen Regierungen“ gingen, „die mit unterschiedslosem Abschlachten von Menschen ihre außenpolitischen Ziele durchzusetzen versuchen, so wie wir es auch gelegentlich bei der israelischen Regierung erleben, die ein Gebiet, von dem ein Terrorangriff ausgegangen ist, bombardiert, egal wie viele Verluste dies unter der Zivilbevölkerung, bei Frauen, Kindern und Männern, verursacht“. Kein Wunder, dass etwa Livingstones deutscher Gesinnungsgenosse Rainer Rupp (junge Welt) zu solchen Statements erleichtert schrieb: „Gut, dass der erklärte Irak-Kriegsgegner und Blair-Kritiker kein Muslim ist. Zu leicht könnte er als ‚Hassprediger’ diffamiert, inhaftiert und außer Landes geschafft werden.“

Zum Beispiel zu den Ayatollahs. Dann fehlte er zwar als Kämpfer im Herzen der Bestie, doch fände er dort garantiert sein Glück. Wenn auch vielleicht kein irdisches.

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