Baywatch Blondie & Beach Bum

Wenn man es nicht gerade mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hält – und Gründe, die Distanz zu wahren, gibt es zur Genüge –, ist die ganze Hysterie um die Fußball-Weltmeisterschaft im Allgemeinen und um den Chefübungsleiter Jürgen Klinsmann im Besonderen eine wirklich höchst amüsante Posse. Auch die Politik nimmt sich des Themas an – sei es in Form eines Treffens zwischen Kaiser & Kanzlerin, sei es durch den Vorschlag, Klinsmann vor den Sportausschuss des Deutschen Bundestages zu zitieren –, und in Internetforen und den Leserbriefspalten aller deutschen Zeitungen diskutieren zahllose verhinderte Bundestrainer über den Wohnsitz des Auswahlcoaches, den Zustand des deutschen Fußballs, die Personalpolitik des DFB und das Abschneiden der Mannschaft bei der WM. Richtig kalt lässt das Thema kaum jemanden, was man aber verstehen muss: Wir sind Papst, wir sind Deutschland – und da müssen wir, um das Triple perfekt zu machen, natürlich auch Weltmeister werden.

Doch die diesbezüglichen Chancen stehen derzeit bekanntlich eher schlecht. Und das sorgt spür- und hörbar für Unmut beim Fußvolk. Um einen Eindruck zu bekommen, wie vernehmlich es dort rumort, lohnt sich immer wieder ganz besonders ein Blick auf die Zuschriften an die Tages- und Fachpresse. Exemplarisch seien hier einige Bonmots aus der heutigen Ausgabe des führenden deutschen Fußballmagazins kicker wiedergegeben, die, um es vorsichtig zu formulieren, vermutlich durchaus repräsentativ für die Stimmung der Fangemeinde sind. Ein Holger Wurz aus Eislingen etwa mahnt: „Es wird Zeit, dass wir uns wieder aufs Wesentliche konzentrieren: Die Vorfreude auf ein Fußballfest in Deutschland und dass das ganze Land wie eine Wand hinter unserer Elf steht!“ Und während noch das Stakkato im Hirn hämmert – „Das-gan-ze-Land – wie-ei-ne-Wand!“ –, begrüßt Dirk Wegmann aus Münster die Ausbootung des Dortmunder Spielers Christian Wörns aufs Schärfste: „Stinkstiefel können wir nun wirklich nicht gebrauchen.“ Richtig so! Einheit vor Klarheit! Derweil politisiert Christina Maier, Crailsheim: „Wer seine Vergangenheit verrät, hat von der Zukunft nichts zu erwarten. Alles, was uns früher auszeichnete, wird heute verteufelt.“ Man schluckt ob ihrer Zeilen – klingt doch arg nach Unterm Adolf war doch nicht alles schlecht! –, aber dann liest man noch einmal und stellt fest, dass zwischen „auszeichnete“ und „wird“ noch ein „im Fußball“ steht. Puh.

Im Grunde weiß man jedoch schon lange, wer die ganze Misere eigentlich schuld ist: „Grinsi-Klinsi“ (BILD). Und mal ehrlich: War das nicht von Anfang an klar? Hatte nicht – unter vielen anderen – die Welt sogar schon vor Klinsmanns Berufung zum Vorturner der Nationalkicker im Sommer 2004 vor der „Amerikanisierung des deutschen Fußballs“ gewarnt? Und sich und ihre Leser ein knappes Jahr später – trotz aller Anfangserfolge – immer noch gefragt, ob man in dem Neuen „wirklich den großen Reformator des deutschen Fußballs sehen soll oder doch nur einen ehrgeizigen Anfänger, der Spieler und Öffentlichkeit mit Reizen überflutet und dessen ambitionierte Amerikanisierung mehr Schein als Sein darstellt“? Sehen Sie. Und das hat man jetzt davon: einen Haufen Spezialtrainer, der gestandene Elitekicker Gummitwist spielen lässt, einen Chefcoach, der sich immer dann nach Hause – also in die USA! – verpisst, wenn’s ungemütlich wird, und eine Nationalelf, die vom einen „Desaster“ (kicker) zum nächsten stolpert. Sieger sehen wohl anders aus.

Zu allem Überfluss tritt die DFB-Auswahl am Mittwoch auch noch gegen die Eleven der Vereinigten Staaten von Amerika an, und nicht bloß die Boulevardpresse überschlägt sich fast dabei, sondern auch beispielsweise die Süddeutsche Zeitung: „Man darf davon ausgehen, dass es sich beim anstehenden Länderspiel – paradoxerweise gegen Klinsmanns Wahlheimat USA – um eines der wichtigsten Testspiele seit Erfindung der Nationalhymne handelt. Nach den Zuspitzungen der letzten Wochen ist aus diesem Match in der öffentlichen Wahrnehmung eine Art Klinsmann-Spiel geworden.“ Was an dieser Begegnung in Dortmund paradox sein soll, erschließt sich auch auf den zweiten Blick nicht, aber vielleicht hat ja auch die nackte Angst vor einer erneuten Pleite im Verbund mit einem notorischen Antiamerikanismus dem Redakteur die Zeilen ins Notebook diktiert. Bei so viel Aufregung allenthalben ist es ja auch schwer, noch kühlen Kopf zu bewahren. Daher lohnt sich einmal mehr ein Blick in die nichtdeutsche Presse – und gleich bei der New York Times stößt man zwei Tage vor dem Kick des Fünften der aktuellen FIFA-Rangliste beim Zweiundzwanzigsten auf einen lesenswerten Beitrag, der in dieser Form sicherlich in keinem hiesigen Blatt gedruckt werden könnte, wollte man nicht des Vaterlandsverrats geziehen werden. Gleich zu Beginn konstatiert die Zeitung so nüchtern wie ironisch:

„Auch nachdem Jürgen Klinsmann, früherer Starstürmer und Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, im Juli 2004 Trainer wurde, lebte er die Hälfte des Monats in Südkalifornien mit seiner amerikanischen Ehefrau und zwei kleinen Kindern. Diese transkontinentale Pendelei erweckte drei der deutschen Lieblingsbeschäftigungen wieder – den Fußball, die Vereinigten Staaten und das Wetter.“

Das Wetter? Aber ja doch – Peter Zygowski vom Goethe-Institut in San Francisco klärt via NYT auf:

„Deutschlands Fixierung auf das Wetter, das diesen Winter ziemlich kalt war, dürfte die Unzufriedenheit mit Klinsmann beeinflussen. […] Sie sind völlig von Sonne und Strand besessen, und wenn sie von Klinsmann in Kalifornien hören, beschwört das Bilder von Urlaub und Entspannung herauf.“

Von einem Faulpelz, einem Beach Bum, nämlich, und jedenfalls nicht von einem harten Arbeiter, der achtundvierzig Stunden am Tag dafür schuftet, mit seinen Jungs am 9. Juli in Berlin den Pokal für die beste Mannschaft der Welt stemmen zu dürfen. Doch solcherlei Ressentiments harmonieren prächtig mit dem virulenten Antiamerikanismus in Deutschland, wo man dem „polyglotten Sonnyboy mit Wohnsitz Kalifornien“ (Zeit) einfach nicht über den Weg traut und es für Drückebergerei hält, wenn Klinsmann seinen Spielern moderne Kommunikationsformen wie E-Mails und Fortbildungshilfsmittel wie PowerPoint näher bringen will – Spielern, die die virtuelle Welt durch die Bank ohnehin zu ihren Hobbys zählen und die mit dem PC sicher nicht schlechter umgehen können als mit ihrer PlayStation oder ihrem Handy.

„Die USA hält man in Deutschland immer noch für einen Emporkömmling in Sachen Fußball. Nach Ansicht einiger Funktionäre, Journalisten und Politiker ist alles, was Klinsmann an New World-Ansätzen in Amerika gelernt hat, für eine Old World-Fußballmacht wie Deutschland nur von geringem Nutzen“, analysiert die New York Times daher auch mit der gebotenen Schärfe im Unterton. Andrei S. Markovits (Foto) wiederum, Politikwissenschaftler und Soziologe, sieht in einem NYT-Interview die Deutschen gespalten in Klinsmann-Gegner und Klinsmann-Befürworter: „Es ist ein Zusammenstoß zwischen dem Alten und dem Neuen in Deutschland.“ Schon in seinem lesenswerten Buch Amerika, dich hasst sich’s besser (konkret-Texte, Hamburg 2004) brachte Markovits zahlreiche eindrückliche Beispiele für Antiamerikanismus im Fußball, der etwa dadurch zum Ausdruck komme, dass man in Europa erst entsetzt gewesen sei, als den USA die Ausrichtung der WM 1994 zugesagt wurde – schließlich waren die ja gar kein klassisches Fußballland –, um dann, als der Zuschauerandrang bei den Spielen riesengroß war, zu konstatieren: Die können gar keine Ahnung haben, weil sie sich doch eigentlich nicht für Fußball interessieren. Und bezogen auf den Streit um Klinsmann vermutete Markovits in der NYT, vermutlich sehr zu Recht:

„Wenn Deutschland die Weltmeisterschaft am 9. Juli gewinnt, wird Klinsmann erneut eine nationale Ikone sein. Wenn die Sache aber schlecht ausgeht, könnte Klinsmann, wie mir ein Journalist sagte, zur persona non grata in seinem Heimatland werden. Vielleicht könnte er seine Eltern besuchen, aber er würde komplett verteufelt. Ich wäre ernsthaft um seine Sicherheit besorgt, wenn die Deutschen im Viertelfinale verlieren würden.“

„Deutschland befindet sich in einer vertrauten Panik, weil es fürchtet, dass sein Trainer bloß ein ‚Baywatch‘ Blondie ist“, hatte es die New York Times noch auf eine sehr originelle und zielsichere Art auf den Punkt gebracht. Man muss Klinsmann – der viel deutscher ist, als es die meisten in diesem Land glauben –, seiner Truppe und deren Anhängern gewiss nicht alles Gute fürs anstehende Turnier mit auf den Weg geben. Aber man wünscht dem Schwaben irgendwie auch andere Feinde als ambitionierte Amerikahasser.

Übersetzung der Passagen aus der New York Times: Liza, Hattip: Clemens

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