Wie der Djihad über Elsässer kam

Es gibt Menschen, bei denen es einen doch besonders schmerzt, wenn sie regredieren. Manche Leute haben ja nicht die ganze Zeit ihres Lebens nur ressentimentgeladenen Unsinn von sich gegeben, sondern bisweilen durchaus erhellende Dinge zu sagen gehabt und vielleicht sogar den Eindruck erweckt, halbwegs vernünftige Überzeugungen auch gegen Widerstände durchsetzen oder doch zumindest aufrecht erhalten zu wollen. Eine Rücknahme solch zeitweilig verteidigter Grundsätze erfolgt, wenn man sie denn betreibt, normalerweise spätestens Mitte dreißig: dann nämlich, wenn man sich auf die Selbsteinschätzung zurückzieht, eigentlich viel zu alt für einen – vermeintlich oder tatsächlich – rebellischen Gestus zu sein, sich einsam fühlt und lieber wieder den Marsch in den Arsch antritt, um die Anschlussfähigkeit nicht zu verlieren. Wenn einer aber erst zehn Jahre später diesen Schritt vollzieht, muss er einen Zahn zulegen und außerdem ein veritables Getöse veranstalten, um glaubwürdig zu werden und anzukommen. Gleichzeitig gilt es, sich dabei als mutig zu präsentieren und so zu tun, als wäre das, was die Mehrheit ohnehin schon denkt und sagt, die Ansicht einer gnadenlos unterdrückten Minorität. Der Charme des Aufsässigen bleibt dabei der Form halber sogar erhalten, wird aber ins Konformistische gewendet – es ist der Autoritarismus der zu kurz Gekommenen, der sich auf diese Weise ausagiert.

Jürgen Elsässer hat seine Regression in dieser Hinsicht nachgerade maßstabsgerecht inszeniert. Noch Anfang 2001 kritisierte er – zuvörderst in seiner Funktion als Redakteur der Zeitschrift konkretdie antiisraelische Berichterstattung in den deutschen Medien öffentlich und wahrnehmbar und äußerte beispielsweise Zweifel daran, dass der Tod Mohammed Al-Duras auf das Konto israelischer Soldaten gegangen sein soll statt auf das palästinensischer Heckenschützen. Auch gegen eine von der rotgrünen Bundesregierung diskutierte und von taz und FAZ befürwortete Beteiligung an einem UN-Einsatz in Israel wandte sich Elsässer scharf: „Deutsche Landser zeigen den Juden, wie man Menschenrechte richtig schützt.“

Dann kam jedoch der 11. September 2001, und nun gab es bei ihm – wie bei so vielen anderen – kein Halten mehr. Seine antiamerikanischen Ressentiments, bis dato offensichtlich bloß mühsam kontrolliert, brachen sich vehement Bahn. Für konkret interviewte Elsässer im Dezember 2001 den Verschwörungstheoretiker und früheren Bundesminister Andreas von Bülow, der in epischer Breite ausführen durfte, warum die CIA von Nine-Eleven mindestens gewusst, wenn nicht sogar die Attacken selbst lanciert hatte. Es kam zum Krach mit Herausgeber Hermann L. Gremliza, zumal angesichts des bevorstehenden Militärschlags gegen den Irak, und Ende 2002 flog Elsässer schließlich raus. Seine Polit-Karriere führte ihn unmittelbar zurück zur nationalbolschewistischen Tageszeitung junge Welt, die er 1997 gemeinsam mit einigen anderen verlassen hatte, um die Wochenzeitschrift Jungle World zu gründen und sich gegen den orthodox-antiimperialistischen Kurs seines ehemaligen Blattes zu wenden. Dort nahm man den vorübergehend Abtrünnigen nun jedoch mit Freude wieder auf und gewährte ihm reichlich Platz für seine Abrechnungen mit proisraelischen und zuweilen auch proamerikanischen Ex-Genossen.

So schloss sich der Kreis für Elsässer, der fortan überall Kriegslügen, Verschwörungen und Kreuzzüge entlarvte und der gegen den Islamismus allenfalls dann etwas einzuwenden hat, wenn er sich in Jugoslawien und Russland austobt, nicht aber, wenn Israel und die USA die Angriffsziele sind oder der Djihad im Irak wütet. Denn die in Bezug auf Terroranschläge allfällige Frage cui bono? beantwortete er stets mit dem Verweis auf den „US-Imperialismus, der mit seinen Weltherrschaftszielen überall nur Tod, Zerstörung und moralischen Verfall hinterlasse. Al-Qaida ist vor diesem Hintergrund bei ihm nur ein von George W. Bush und seinen Handlangern gepäppeltes Phantom und der Djihad ein originär amerikanischer.

Nun hat Elsässer, der sich vom Spiegel stolz „Berufszyniker“ nennen lässt, ein neues Buch herausgegeben, und wie immer betreibt er im Zuge dessen eine recht aufdringliche Eigenwerbung etwa in Form von Massenmails. Die Release-Party am 10. März findet demnach zwar noch in Berlin statt, aber die folgenden Lesungen aus „Wie der Dschihad nach Europa kam“ atmen schon weit weniger metropolitanes Flair: 6. April Schwäbisch Hall, 7. April Backnang, weitere Auftrittsmöglichkeiten stehen noch nicht fest und werden daher händeringend gesucht. Dabei verspricht das Thema doch eigentlich reichlich Publikum, zumal, wenn man bislang vorgeblich nie Gehörtes über den „Kampf der Kulturen – das Konzept der Neocons“ preiszugeben ankündigt, die Raserei des islamischen Mobs also als Werk amerikanischer Falken beziffert:

„Der nächste Krieg, dieselben Lügen: Wie 2003 der Angriff auf den Irak vorbereitet wurde, so jetzt die Aggression gegen den Iran.“

Eine bösartige Attacke also gegen reinste Unschuldslämmer. Und damit nicht genug:

„Pentagon und Weißes Haus schicken dieselben Propagandisten ins Rennen, die sich schon beim letzten Mal vor aller Weltöffentlichkeit blamiert haben, aber – welch unglaubliche Farce – die verbrauchten Märchengeschichten finden erneut Gehör: Massenvernichtungswaffen,“

hat der Iran natürlich keine, will er auch gar nicht, sondern nur friedlich ein bisschen Uran anreichern;

„Bedrohung Israels,“

liegt erneut nicht vor. Hat auch Ahmadinedjad gesagt. Der sorgt sich ganz im Gegenteil sogar um den Schutz der Juden. Den sollen sie lieber in Europa haben und deshalb dorthin umziehen. Und last but not least

„islamistische Weltherrschaftspläne.“

Das ist schon eine echte Tautologie, weil der Islamismus per se ein Weltherrschaftsplan ist und seine Anhänger das auch vollkommen offen aussprechen – so offen, dass Elsässer es nicht glauben mag, weil man das, was man meint, nie zugeben würde, schon gar nicht, wenn es nicht ins Konzept von Leuten wie ihm passt. Muss also eine Erfindung des neokolonialen Westens sein. Und daraus ergeben sich Fragen noch und nöcher:

„Wohin steuert die deutsche Außenpolitik unter Angela Merkel? Angriff auf den Iran im Schlepptau der USA? Verstärkte Hilfsheriffs-Tätigkeit in Afghanistan auf dem Balkan? Abenteuer im Kongo?“

Man weiß es nicht, man steckt nicht drin, doch eines ist gewiss:

„Merkel will Krieg.“

Eine Verrohung der Sitten nach dem wahrhaft deutschen Frieden gegen den Irak-Feldzug der mordlüsternen Amis sowie dem Appeasement gegenüber den Mullahs und anderen Islamisten, die den Juden weltweit die Vernichtung wünschen, sie in Israel so weit es geht bereits praktizieren und im Iran konzentriert auf den ganz großen Wurf hinarbeiten. Das notorische „Kein Blut für Öl!“ – für Leute wie Elsässer stets die conditio sine qua non – kommt bei ihm zwar etwas gewundener formuliert daher, wenn er

„die deutsch-amerikanische Wirtschaftssymbiose, die exzessive Orientierung der deutschen Großkonzerne auf den dollardominierten Weltmarkt“

als Gründe für solcherlei imperialistische Kriegstreiberei benennt; gemeint ist aber das Gleiche.

Elsässer hat – darin ein lupenreiner und prototypischer Linker – nie verwunden, dass die nationalsozialistische Barbarei nicht von einer kommunistischen Weltrevolution (oder doch wenigstens ausschließlich durch die Sowjetunion) beendet worden ist, sondern maßgeblich von den verhassten USA, die kurz darauf auch noch zur einzigen verlässlichen Garantiemacht des jüdischen Staates wurden. Im Ergebnis unterscheidet er sich aber auch nicht von der Mehrheit seiner Landsleute: Deutsch zu sein, möge jedenfalls allemal heißen, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Das Verfolgen von Interessen und das instrumentelle Verhältnis zum Recht, wie es etwa jenseits des Atlantiks praktiziert wird, ist immer schwer verdächtig. Und es schwächt die Moral im Kampf fürs Ganze und Eigentliche, für das Gute, Wahre und Schöne.

Warum trotzdem kaum jemand Elsässer hören will? Vielleicht, weil auch Selbstgespräche irgendwann langweilig werden. Denn um nichts anderes handelt es sich, wenn der Mann mit seinem Publikum Konversation treibt. Dann schon lieber Raab gucken. Der ist der bessere Komiker. Und das will schon was heißen.

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