Um zwölfe wird zurückgeniebelt



Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Eine kleine Polemik zu Dirk Niebels anmaßendem Auftritt in Israel.

Schon der heilige Jähzorn, mit dem Dirk Niebel auf das Einreiseverbot in den Gazastreifen reagierte, ist verräterisch: Die israelische Regierung, empörte sich der Entwicklungshilfeminister und Ex-FDP-Generalsekretär, habe einen „großen außenpolitischen Fehler“ begangen und mache es momentan selbst ihren „treuesten Freunden“ schwer, ihr Handeln zu verstehen. Ihre Ankündigung, die Gaza-Blockade zu lockern, sei „nicht ausreichend“; vielmehr müsse der jüdische Staat „jetzt liefern“, sich außerdem „darüber klar werden“, wie er „im internationalen Kontext in Zukunft auch mit seinen Freunden zusammenarbeiten will“ und darüber hinaus „für mehr Transparenz“ sowie „eine neue Partnerschaft“ sorgen. Die Blockade sei „kein Zeichen von Stärke, sondern eher ein Beleg unausgesprochener Angst“. Kurzum: „Es ist für Israel fünf Minuten vor zwölf“, weshalb es jetzt „jede Chance nutzen“ müsse, „um die Uhr noch anzuhalten“.

Verräterisch ist diese Diktion vor allem deshalb, weil sie eine narzisstische Kränkung offenbart, die – wie es mit narzisstischen Kränkungen zwangsläufig so ist – umgehend nach Vergeltung schreit: Was hat Niebel nicht alles für Israel getan! Hat in einem Kibbuz ein Jahr lang Fischzucht und Landwirtschaft betrieben, sich trotz knapp bemessener Freizeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft als Vizepräsident zur Verfügung gestellt, gegen die Linkspartei und insbesondere Norman Paech gewettert, der Hizbollah den Kampf angesagt und sogar einen „Fight Terror, support Israel“-Aufkleber auf sein Köfferchen gepappt. Er hat das jedoch offenkundig nicht als selbstverständlich betrachtet, sondern anscheinend geglaubt, dafür stehe Israel auf ewig tief in seiner Schuld. Und jetzt: diese Undankbarkeit! Diese Frechheit, ihm, dem großen Freund des jüdischen Staates, die Besichtigung eines Klärwerks im Gazastreifen zu verweigern! Und das, obwohl sein Trip doch sogar die Palästinensische Autonomiebehörde „gestützt hätte“ (auch wenn die in Hamastan bekanntlich schon lange nichts mehr zu melden hat und überdies selbst eine äußerst zweifelhafte Veranstaltung ist)! Da wurde der Besuch im von Kassam-Raketen geplagten Sderot gleich mal wieder storniert.

Dabei ist der Grund, warum der deutsche Minister so wenig den Grenzübergang passieren durfte wie Gefahrgüter aller Art, so simpel wie nachvollziehbar (und dem Gast aus Germany selbstverständlich bekannt gewesen): „Wenn wir Niebel die Einreise nach Gaza erlaubt hätten, müssten wir sie auch jedem anderen europäischen Minister gestatten“, sagte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums in Berlin. Und das „würde der Hamas-Regierung zusätzliche Legitimität verschaffen“. Die israelische Regierung folgt also zwei Leitsätzen, die man in Deutschland beständig repetiert und daher eigentlich verstehen müsste – die eine lautet: „Nie wieder!“, die andere: „Wehret den Anfängen!“ Doch womöglich war der FDP-Mann gerade deshalb auch in seinem Narzissmus als Deutscher verletzt – schließlich beansprucht man hierzulande das Copyright auf diese Parolen, als Ausdruck einer vorbildlich bewältigten Vergangenheit, die zahllose Landsleute Niebels Jahr für Jahr am 27. Januar oder am 9. November ostentative Tränen über die toten Juden vergießen lässt.

Für die (über)lebenden hingegen spielen die so geläuterten Deutschen den Bewährungshelfer, der seine Opfer davor bewahren will, rückfällig zu werden, wie Wolfgang Pohrt es einmal treffend formulierte. Die auf diese Art resozialisierten Juden spannt man fürs Erste als Kronzeugen der Anklage gegen Israel ein; dem störrischen Rest gibt man – unter Freunden, versteht sich – beizeiten zu verstehen, was die Stunde geschlagen hat: fünf vor zwölf nämlich (der Hamas gegenüber lässt man derweil die Uhr ein wenig langsamer ticken; dort ruft gerade der Muezzin zum Morgengebet). Schließlich weiß man gerade als Deutscher am allerbesten, was für die Juden gut ist und was nicht, und deshalb führen sich die Nachfahren der Täter regelmäßig auf, als wäre Israel ein deutsches Protektorat, das nicht selbst in der Lage ist, über sein Wohl und Wehe zu befinden.

Schon der unablässige Ruf nach „internationalen Untersuchungen“, wenn man den jüdischen Staat mal wieder eines Verbrechens verdächtigt, ist ein Eingriff in die Souveränität des Staates Israel und eine Anmaßung sondergleichen. Großbritannien hat gerade die Aufarbeitung seines „Bloody Sunday“ abgeschlossen, der Deutsche Bundestag unterhält einen Untersuchungsausschuss zur Bombardierung in Kundus – aber Israel soll seine Angelegenheiten gefälligst von vermeintlich übergeordneten Instanzen durchleuchten und regeln lassen. Auch die Forderung nach einer vollständigen Aufhebung der Gaza-Blockade, wie sie Niebels Parteifreund Guido Westerwelle erhoben hat – darin einig mit dem „Free Gaza“-Bündnis aus Islamisten und deren europäischen Claqueuren –, ist zutiefst vermessen. Und dies zumal vor dem Hintergrund, dass es die Unifil-Mission unter Beteiligung der Bundeswehr nicht vermocht hat, die Hizbollah an der Wiederaufstockung ihres Raketenarsenals zu hindern.

Aber vielleicht hat sich auch die vermeintlich israelfreundliche Bundesregierung längst mit dem Gedanken angefreundet, dass es bald zu einem Krieg kommt, den Israel verliert, und dann wäre sie, so glaubt sie zumindest, das Problem los. Vorher gehört noch den Israelis die Schuld gegeben, damit man sich nachher reinsten Gewissens als Freund des jüdischen Staates aufspielen kann, der ja gewarnt worden sei, dass es so nicht weitergehe. Bei solchen Freunden allerdings braucht es wirklich keine Feinde mehr.

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